UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

Blockupy by me | Untergrund-Blättle

155

gesellschaft

ub_article

Gesellschaft

Meine Demonstrationen Blockupy by me

Gesellschaft

Anfang der Neunziger Jahre geriet ich vor dem Berliner Roten Rathaus in eine Demonstration, die mir vor allem der martialisch gekleideten und taktisch postierten Polizisten wegen in Erinnerung geblieben ist.

Blockupy 2013 in Frankfurt: Spaltung und Einkesselung der Demonstration durch die Polizei.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Blockupy 2013 in Frankfurt: Spaltung und Einkesselung der Demonstration durch die Polizei. Die Gesichter von Demonstranten wurden durch den Fotografen unkenntlich gemacht. /timmy_lichtbild (CC BY 2.0 cropped)

4. Juni 2013

04. 06. 2013

0
0
8 min.
Korrektur
Drucken
In ihren Rüstungen sah jeder (und jede; ach, wie ich mich noch wundern konnte über Frauen im Gewande der Gewalt) aus wie eine Mischung aus Roboter und Teletubby.

Vom Bahnhof Alexanderplatz daherschlendernd, dachte ich voller Bange, welcher Staatsfeind würde hier in die Schranken gewiesen werden müssen. Es waren ein paar Dutzend Lehrer und Lehrerinnen, die gewerkschaftlich brav und mit ordentlich gearbeiteten Abwink-Elementen für ich-weiss-nicht-mehr-Was oder ich-weiss-nicht-mehr-gegen-Was auftraten.

Mittlerweile bin ich um einige Demos (wie wir Kundigen liebevoll sagen) erfahrungsreicher. Wenngleich ich mich, gemessen an den Westdeutschen, die ihre derzeitige Demokratie allesamt hartnäckig und nachdrücklich in Strassenkämpfen, Sitzblockaden und Massendemonstrationen verteidigen, ja erst erreicht haben, noch immer ausnehme wie der Schulknabe mit der Stullentasche vorm Bauch. Mir fehlt noch einiges an der Daseinsberechtigung als perfekter Deutscher; ich werde es lebenszeitlich nicht mehr auf die Reihe kriegen.

Und nun ein paar Infos (wie wir Debattiermaschinisten liebevoll sagen) über meine vorläufig letzte Demo-Erfahrung: Erster Juni, Blockupy rief! Ich konnte dem Ruf erst zum frühen Nachmittag folgen, weil ich Prioritäten setzen musste. Nämlich fand am selben Tag die alljährliche Gartenbegehung mit anschliessender Versammlung vor dem Vereinslokal statt.

Ein Emil Pelle* wie ich hat durchaus ein Empfinden für das rebellische Potential eines Gartens. Und eine Versammlung unter Gartenfreunden ist durchaus ein Kampfplatz für den stets zu verteidigenden Frieden in Grün.

Diesmal trat wieder einer auf, der unbedingt Strom legen lassen wollte. Wogegen sich die Mehrheit auf der vorjährigen Jahreshauptversammlung, dem Plenum aller Mitglieder und des demokratisch gewählten Vorstanden, ausgesprochen hatte. Die Mehrheit will weder Elektrizität noch Sowjetmacht.

Es gibt seit Jahren immer wieder einen, der lautstark das Wort für den elektrischen Strom führt. Damit bequemer gebaut werden kann. Damit die elektrischen Rasenkantenstecher, Rasenmäher und Rasenventilierer, die Laubbläser, Ästezerhäcksler und Graswurzelkapper eingesetzt werden können. Damit Fernsehgeräte übers Gelände schallen und kleine Karusselle sich quietschend drehen.

Der in diesem Jahr auftrat, war besonders laut und aggressiv. Er war gewissermassen der Vorgeschmack auf die elektrischen Zeiten, falls die doch noch kommen. Kräfteverhältnisse ändern sich, die einst das Unmögliche wollten, siegen eines Tages. Die Vorreiter des Blöden werden die Hab-ich-doch-gesagt-Weisen der Zukunft.

Allerdings ging sein Argument, dass alle anderen Kleingartenvereine in Frankfurt Strom hätten, in Buh-Rufen unter. Dass wir u. a. eben das an unserem Verein schätzen: die Stille, das Erholsame, die Auszeit vom Lärmen, meinetwegen die Meditation – nun, wer Lärm will, ist nie einsichtig. Ich fürchte, der wird seinen Lärm noch kriegen. Kommt der Strom, gehe ich, nach mir das Unkraut!

Ich bin abgeschwoffen. Ich fuhr, von der Versammlung gut angeregt, in die Stadt. Wo war die Demo?

Frankfurt am Main ist dermassen auf Demonstrationen trainiert, dass das nahezu reibungslose Nebeneinander von Wut und Konsum funktioniert. Da schwappen die Touristen vom Römer an der Paulskirche vorbei in die Zeil. Da brummt der Erzeugermarkt an der Konstablerwache (von uns Frankfurtern zärtlich Konschti genannt). Da können einen halben Kilometer weiter Pfefferspray und Farbbeutel durch die Luft wirbeln. Allerdings: Diskret verändert sich die Architektur an einem Demonstrationstag. U-Bahnstationen werden nicht angefahren. Es entstehen Gänge und Gassen, durch die du musst, wenn du zur Demo willst. Gleichzeitig hast du das Gefühl, du kannst jederzeit weg. Kein schlechtes Gefühl, wenn man nicht der Mutigste ist.

Ich geriet in die Neue Mainzer Strasse, und da war Schluss. Ich sah die weissen Helme einiger Reihen Polizisten, zwischen denen leerer Raum, bis eine Reihe von Polizisten mit schwarzen Helmen kam. Vor der versammelten sich die Nachzügler, irgendwie Zuspätgekommenen. Oder sie waren Vorläufer der Demonstration, denen der Kontakt durch die Polizeisperre abgeschnitten worden war. Hier sollte zudem die Abschlusskundgebung stattfinden.

Bild: Blockupy 2013: Demonstrant vor Wasserwerfer. / Blogotron (cc-pd)

Die weissen Helme hatten wie ich später erfuhr, den Demonstrationszug wenige Minuten nach Beginn gestoppt. Eine Hundertschaft war in die Menge geprescht und hatte einen Kessel gebildet, in dem - die Angaben wechseln – etwa 1.000 Demonstranten in einem Kessel steckten. Als ich eintraf, standen die schon seit drei Stunden. Ich stand ausserhalb und wäre auch gar nicht reingekommen, selbst wenn ich gewollt hätte. Eine Durchsage der Polizei verortete mich und die anderen in einem „illegalen Raum“, der ebenfalls gleich zum Kessel werden würde, wenn wir nicht 150 Meter zurückwichen. Dorthin, wo die Stacheldrahtbarriere vor der Europäischen Zentralbank aufgebaut war und zwei Wasserwerfer sich langweilten.

Jemand rief, man müsse jetzt ein Plenum abhalten, um zu einer Entscheidung zu kommen. Fügten wir uns der Ansage oder sollten wir bleiben. Eine Reihe Polizisten schob sich inzwischen („Schämt euch, schämt euch!“) seitlich an dem losen Haufen vorbei. Gegen passiven Widerstand („Ihr seid wir, ihr seid wir!“).

Ein Seitenschauplatz der Hauptdemonstration. Bis sich aus einer Strasse Dutzende Mercedes-Transporter heranschoben, Stossstange an Stossstange, und eine nächste Linie Polizisten trieb diejenigen, die im „legalen Raum“ verblieben waren, vor sich her. „Sollte hier nicht die Kundgebung stattfinden?“ fragte ich einen, der vermummt war bis an die Nasenspitze. Im Übrigen sah ich weder Bühne noch Tribüne, nicht ein Podestlein fein, nicht eine Lautsprecherbox, alles so Dinge, die mir vonnöten schienen für die Installation einer ordentlichen Kundgebung.

Der schwarze Kamerad antwortete: „Es findet eine Massnahme der Polizei statt.“
„Das war nicht meine Frage. Darf ich wiederholen? Sollte hier nicht die Abschlusskundgebung stattfinden?“
„Hier findet eine Massnahme der Polizei statt.“
„Ich weiss, wir befinden uns nicht in einem Märchen. Ich hatte noch nie drei Wünsche frei im Leben. Aber sollte nicht hier …“
„Räumen Sie den Platz! Es findet eine Massnahme der Polizei statt.“

Was brauche ich Kabarett, was brauche ich Comedian, was brauche ich Politiker zum Lachen? Die Polizei führt eine Massnahme durch, um eine Massnahme durchzuführen. Mehr an Begründung braucht sie nicht. Sind wir im Einsatz oder zum Quatschen da?!

Ich wich zurück bis zu einer Strassenecke, die den architektonischen Abschluss der Polizeikette bildet. Sie hatte jetzt zwischen sich und ihren dicht an dicht aufgefahrenen Transportern einen nächsten leeren Raum geschaffen. Einen Raum, in dem nur die Polizisten heimisch sind, wo sie machen können, was sie machen dürfen. Wie zuhause aufm Sofa, im Hobbykeller oder im örtlichen Swingerklub, mal bildhaft gemeint für Orte, an denen es privatissimo zugeht.

Die armen Kerle und Kerlinnen übrigens. Sie sind nicht zu beneiden. Sie wüssten am ersten Juni, dem Internationalen Kindertag, gewiss auch Angenehmeres zu machen. Vielleicht eine Gartenbegehung mit anschliessender Vereinsversammlung?

Zweimal sah ich welche, die stolperten, als sie losrennen mussten, über die eigenen Füsse. Sie lagen wie Käfer auf dem Rücken. Wie schwer ist so eine Rüstung? Kommt er wieder hoch? fragte ich mich. Einen Polizisten zu fragen, traute ich mich nicht. Vermutlich sind die beiden Gestürzten unter der polizeiinternen Bilanz als „verletzte Polizisten“ aufgeführt.

Aber Spass beiseite. Es ist ein – grausames Spiel: Dass die Verantwortlichen eines Polizeieinsatzes sich darüber beschweren, dass ein Polizist verletzt wird, und dies zum Anlass nehmen, verstärkt Gewalt anzuwenden -, das ist als empörte sich ein Fisch darüber, dass er im Wasser leben muss, und vor Wut beginnt er, das Wasser auszupeitschen.

Dass sich noch während der Demonstration (und erst recht danach) herumsprach, die Polizei habe ein falsches Spiel gespielt, nämlich die Kessel geplant, kann wahr oder falsch sein.

Dass die Sprecher der Polizei lügen, wenn sie von einem verletzten Demonstranten sprechen, ist gewiss. Dass der hessische Innenminister lügt, wenn er davon spricht, er sei gar nicht informiert gewesen, und es sei allein Angelegenheit der Polizei – ich frage mich, wann höhere Dienstgrade der Polizei die Schnauze voll haben davon, ihre vorgesetzten Politiker zu decken und die Verantwortung (und die Gegenwehr der Demonstranten) auf sich zu ziehen. Zumal der eine oder andere vielleicht auch die Schnauze einfach nur voll hat vom Kapitalismus. Folgend der ursprünglichsten Erklärung, die ich von einem Blockupy-Aktivisten in ein Mikrofon sprechen hörte: „Mich nervt der Kapitalismus!“

Aber vermutlich denke ich zu menschlich von Polizeioffizieren. Dass Witz, Buntheit, Lust und Clownerie gegen die Macht funktioniert – hat es das jemals gegeben?

Von der Polizei lernen, heisst siegen lernen. Wenn für sie (resp. ihre politische Führung, resp. die Landesregierung resp. die Bundesregierung?) Gewalt durchaus eine Lösung ist, warum sollte sie für zukünftige Demonstranten nicht auch eine Lösung sein? Gewaltlosigkeit gegen Gewalt ist Narretei; leider ist Gewalt denn doch auch keine Lösung. Das war schon zu Zeiten so, als es noch fischereske Kloppereien gab Gesiegt haben die Strassenfighter der späten Sechziger, Anfang Siebziger erst, als sie nach einem langen Marsch durch die Institutionen da angekommen waren, wo ihre einstigen Gegner inzwischen ausrangiert waren. Und dann wurde das Leben für die Fighter von einest doch ein Boni-Hof.

Diesen langen Marsch wird es für die heutigen Jungen unter den Demonstranten nicht geben. Man kann den Verantwortlichen im Hessischen Innenministerium alles Mögliche nachsagen, eines ganz gewiss: Sie haben einen Beitrag zur Radikalisierung geleistet; ich hörte junge Menschen, die mittendrin gewesen waren, wütend fragen: „Was können wir gegen die Schweine machen?“

Eckhard Mieder

* Emil Pelle: „Der Postbeamte Emil Pelle,/Hat eine Laubenlandparzelle,/Wo er nach Feierabend gräbt/ Und auch die Urlaubszeit verlebt …“ So fängt ein starisches Gedicht von Erich Weinert an.

Mehr zum Thema...
Niederlassung von Diehl in FrankfurtMainanlässlich der BlockupyProteste am Aufnahmetag als Rüstungsunternehmen von Antimilitaristen mit Farbbeuteln beworfen.
Offizielle Eröffnung der Europäischen Zentralbank (EZB)Die Proteste in Frankfurt und die leidige Gewaltfrage

23.03.2015

- Im Vorfeld der Proteste schürte die Presse und der Staat die Ängste vor „einer Gewalt, wie wir sie seit Jahrzehnten in Frankfurt nicht mehr hatten” und schützen durch diese Fokussierung die Frankfurter vor der Versuchung, sich mit der Kritik der De

mehr...
GlobusBesetzung in der VWZentrale von Wolfsburg, August 2019.
Angriff auf PresseAutostadt verteidigt: Polizei und Ordnungsamt unterbinden Verkehrswende-Demos in Wolfsburg

14.07.2020

- Die Stadt wurde für die Autoproduktion gebaut, und zumindest ihre Institutionen scheinen diesem Ziel immer noch verpflichtet zu sein.

mehr...
Zweite Blockupy-Demonstration Frankfurt am 8.Juni.2013

09.06.2013 - Die Online Redaktion der Frankfurter Rundschau titelte völlig zu recht: „Blockupy-Demonstration Frankfurt: Fröhliche Demo gegen Polizei-Gewalt.“ Am ...

Habe Mut...

23.03.2015 - Am 18.03.2015 war Frankfurt in einer Art Ausnahmezustand. Blockupy rief zu Protesten an dem Tag auf, an dem die EZB in einer Zeremonie ihren Neubau ...

Dossier: Gilets Jaunes
Dossier: Gilets Jaunes
Propaganda
Police BastardBorn in a prison

Aktueller Termin in m

Leihladen Bochum

Leihen statt Kaufen, gut Erhaltenes mit anderen teilen statt wegzuwerfen: kannst du im Leihladen ähnlich einer Bücherei. Immer Dienstags von 17 bis 19 Uhr und Donnerstags von 10 bis 12 und von 17 bis 19 Uhr

Donnerstag, 6. Mai 2021 - 17:00

Botopia - Raum9, Griesenbruchstraße 9, 44793 m

Event in Zürich

Fenne Lily

Samstag, 8. Mai 2021
- 21:00 -

Exil

Hardstrasse 245

8005 Zürich

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle