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Was für eine Schule wollen wir? Stofffülle: Weniger ist mehr.

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Stofffülle: Weniger ist mehr Was für eine Schule wollen wir?

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Gesellschaft

Das Schulwesen ist gegenwärtig nicht allein infolge seiner Unterfinanzierung in einem schlechten Zustand.

ETH Zürich.
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ETH Zürich. Foto: Ank kumar (CC-BY-SA 4.0 cropped)

Datum 21. Januar 2026
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Als problematisch erweisen sich nicht nur grosse Klasse und der Lehrermangel, sondern auch die für den Unterricht massgeblichen schulischen Strukturen.

Schüler klagen darüber, dass sie „mit Unterrichtsstoff zugeballert werden”. Kaum beginnen Schüler, sich in etwas zu vertiefen, steht bereits ein anderes Lernfach auf der Tagesordnung. Sie müssen sich, ob sie wollen oder nicht, an die Zusammenhangslosigkeit des Wissens gewöhnen. Einerseits haben Lehrer Wissensdurst anzuspornen, andererseits wird er auch immer wieder gestoppt. Eine Immunisierung gegen Inhalte bleibt nicht aus. Sie verlieren an subjektiver Bedeutsamkeit.
Wer etwas lernt, behält es nur, wenn neue Inhalte an bereits vorhandenem Wissen anknüpfen und mit ihm Netzwerke bilden. Es muss im Arbeitsgedächtnis sinnhaftig in Beziehung gesetzt und verarbeitet werden. Passiert dies nicht, geht es für das Langzeitgedächtnis verloren.

Auch deshalb erweist es sich als sinnvoll, themenübergreifend und in längeren Einheiten zu lernen. Verschiedene Fachlehrer könnten in mehreren Stunden ein Thema aus verschiedenen Perspektiven behandeln und es in der Gruppen- und Einzelarbeit vertiefen lassen. In einer anstrebenswerten Schule ist es not-wendig, die angebotene Stofffülle im Schultag anders zu bändigen als bislang.

Bulimie-Lernen

Angesichts der Stofffülle und des Zeitdrucks in der gegenwärtigen Schule findet in ihr häufig „Bulimie-Lernen” statt. Es handelt sich um eine schnelle Aneignung von Fakten, Formeln und Sachverhalten. Damit lässt sich im günstigen Fall zwar die jeweils bevorstehende Leistungsüberprüfung bestehen, das Gelernte bleibt aber meist nur im aktuellen Kurzzeitgedächtnis präsent. Bald darauf aber gerät es in Vergessenheit. Dem Schüler fehlt oft die Übung, das Gelernte dadurch tiefer zu verstehen, dass er es auf ähnliche Probleme anwendet.
Eine desillusionierende Feststellung über den Nutzen des meisten Schulwissens trifft der Neurowissenschaftler Gerhard Roth (2013). „Selbst einfachster Stoff, wie beispielsweise Dreisatz-Rechnen, wird nach wenigen Jahren nicht mehr beherrscht.” Sollen Schüler das Gelernte länger im Kopf behalten, „müssen wir uns von dem Wahn verabschieden, möglichst viel Stoff in kürzester Zeit in die Schülerhirne zu trichtern“, denn „weniger Stoff, der systematisch wiederholt wird, wird effektiver gespeichert.“

Benotung und instrumentelles Verhältnis zu den Unterrichtshalten

Die Stofffülle und der Zeitdruck machen es Schülern schwer, ein selbständiges Lerninteresse zu entwickeln. In einer anstrebenswerten Schule ist der Unterricht so einzurichten, dass die Schüler fragen „Was ist von der Sache her und für sich selbst betrachtet bedeutsam?“ Stattdessen dominiert gegenwärtig häufig eine Zielverschiebung. Die Schüler orientieren sich an der Frage: „Was bekomme ich dafür, wenn ich mir etwas einpräge, diese Handlung ausführe, mich so und so verhalte oder wenigstens ein bisschen so tue?” (Waldrich 2007, 93).

Die Benotung legt es Schülern nahe, nicht zu viel Mühe in Themen zu „investieren”, die sich nicht in relevanten Noten „auszahlen”. Die Zensuren legen dem Schüler nahe, sein Nichtwissen zu verbergen, statt es offenzulegen. Soweit der Schüler die Auswahl hat, wird er aufgrund der schulischen Dominanz der Note über den Inhalt denjenigen Stoff vorziehen, bei dem er (durch Vorwissen oder Neigung etc.) leichter eine gute Zensur erzielen kann, als jenen Inhalt, von dem er vielleicht gern mehr wüsste, dies aber eben auch mehr Arbeit nach sich zöge.

Anke Langner, Professorin für Erziehungswissenschaft, leitet einen Schulversuch (Universitätsschule Dresden). Sie sagt: „Noten sind keine intrinsische Motivation, sondern ein extrinsisches Steuerungsinstrument. [...] Wirklich nachhaltiges Lernen entsteht [...] nicht durch Noten, sondern durch Interesse, persönliche Relevanz und eine sinnvolle Verknüpfung mit realen Kontexten” (Langner 2025). Im Dresdener Schulversuch gibt es erst ab der 9. Klasse Noten, und dies auch nur, damit Schüler in andere Schulen wechseln können, in denen es „noch” Noten gibt.

Selektion

Bei den Angstträumen Erwachsener nimmt das Thema Schule einen grossen Raum ein. Das ist ein deutliches Indiz für die dort erlebte Versagensangst. Schüler verarbeiten in der gegenwärtigen Schule ihre Schwächen in bestimmten Fächern häufig so, dass sie pauschale negative Urteile über sich fällen. Das verringert das Selbstvertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit. „Der Lehrer glaubt Mathematik zu lehren, tatsächlich aber lehrt er diese Schüler Misserfolg, Demütigung, Beschädigung des Selbstwertgefühls“ (Singer 1998, 153).

Die gegenwärtige Schule sozialisiert Kinder und Jugendliche zu Einzelkämpfern. Schüler gewöhnen sich an die Befürchtung, andere Personen im gleichen Feld seien „viel besser und perfekter, jedenfalls immer dabei, uns zu überflügeln. Wir sehen uns auf einer Leiter, die wir niemals ganz erklimmen können, ständig vom Absturz bedroht. Oben stehen diejenigen, ‚die etwas erreicht haben'. Wir hassen sie im Grunde unserer Seele, wollen zugleich aber auch ganz dort oben sein“ (Waldrich 2007, 40). Die Schüler haben im durch Konkurrenz dominierten Unterricht wenig Raum dafür, Hilfe, gegenseitige Unterstützung und Miteinander zu entwickeln.

Die Ichschwäche und das Rivalisieren bilden zwei Seiten einer Medaille. Der Ehrgeizige sucht aussen, was ihm innen fehlt. Er ist sich seiner selbst und seiner Mitmenschen nicht sicher. Status- und Karriereerfolge sollen andere Person zur Zuwendung motivieren und der betroffenen Person selbst ihren Wert vergegenwärtigen.

Sicherlich versuchen gute Lehrer, Schülern nicht nur abfragbaren Stoff beizubringen, sondern zu deren Individualitätsentwicklung positiv beizutragen. Gewiss gibt es in Schulen immer wieder Reformbemühungen, die beabsichtigten, die benannten Probleme anzugehen. Im Endeffekt dringen sie aber nicht durch. Die Gegenkräfte und -tendenzen bleiben jedoch bislang stärker.
Die Selektion ist umso unerbittlicher, desto weniger Fördermassnahmen für „leistungsschwächere“ Schüler vorgesehen sind bzw. an ihnen gespart wird. In einer anstrebenswerten Schule hängt über Schülern nicht mehr das Damoklesschwert, dass sie mit geringeren Leistungen von höherer Schulbildung ausgeschlossen werden. Angst, Furcht und Neid erschweren das Lernen.

Lernpsychologisch ist das fatal. Eine anstrebenswerte Schule muss sich an der Erkenntnis ausrichten „Gelernt wird immer dann, wenn positive Erfahrungen gemacht werden“ (Spitzer 2002, 181). Die Möglichkeiten des Gehirns lassen sich nur nutzen, wenn es nicht durch negativen Stress abgelenkt und absorbiert wird. „Wenn wir [...] wollen, dass unsere Kinder und Jugendlichen in der Schule für das Leben lernen, dann muss eines stimmen: die emotionale Atmosphäre beim Lernen“ (Spitzer 2003).

Der Zeitdruck wirkt eher lernhemmend. Nützlich ist er dafür, Leistungsunterschiede leicht messen zu können. Verglichen wird de facto die Fähigkeit, sich schnell dasjenige anzueignen, was notenrelevant ist. Die Schule misst also nicht nur unabhängig von ihr bestehende Unterschiede, sondern stellt sie zum Teil erst selbst her.

Eine für die bürgerliche Gesellschaft typische Einstellung besteht darin, die Unterschiede zwischen Stellen mit niedrigen und hohen Arbeitseinkommen als gerecht anzusehen. Sie würden den Begabungsunterschieden von Personen entsprechen. Die formale Gleichheit vor dem Gesetz koexistiert mit der scheinbar ebenso selbstverständlichen wie harmlosen Feststellung, Menschen hätten nun einmal verschiedenen Begabungen. Gleichmacherei gelte es abzuwehren. Praktisch ist mit der Betonung „verschiedener” Begabungen nicht gemeint, dass der eine besser singen und der andere besser malen kann. Vielmehr geht es darum, die Hierarchie zwischen verschiedenen Arbeitseinkommen zu legitimieren. Wer mehr „drauf hat”, verdiene mehr, und das sei auch gerechtfertigt.

Dazu gesellt sich gern ein anderes bürgerliches Ideologem: Nichts motiviere so sehr zur Arbeit als die Bezahlung und das Erfolgsgefühl, mehr verdienen zu können als andere. Diese Meinung klammert das Ausmass und den gesellschaftlichen Wert prosozialer Motive für Arbeit aus. (Vgl. dazu Creydt 2023.) Im Unterschied zu dieser Auffassung stellt sich die Frage, ob eine Gesellschaft stärker bspw. an solchen Ärzten interessiert sein müsste, die ihre Aufgaben aus einem professionellen Ethos heraus gut erfüllen als an solchen Medizinern, die ihren Beruf, koste es was es wolle, zum Mittel machen, um ihren Kontostand in die Höhe zu treiben. Das gilt auch für andere Berufe.

In der gegenwärtigen Schule kommt der Schnelligkeit der Aneignung faktisch ein sehr grosser Stellenwert bei der Beurteilung des Schülers zu. Eine anstrebenswerte Schule gibt unterschiedlichen Schülern verschieden Zeit. Sie berücksichtigt damit praktisch die Erkenntnis, dass Schüler, die zunächst als langsam erscheinen, häufig erst einmal nur einen anderen Lernrhythmus aufweisen.

Alternativen zu Noten

In einer anstrebenswerten Schule wird es üblich, so Langner, Schüler „bereits im Lernprozess zu unterstützen, ihnen kontinuierlich zwischendurch Feedback zu geben und „nicht erst am Ende eine Bewertung vorzunehmen”. Schüler sehen „ihren Lernbericht als eine nachvollziehbare Rückmeldung: ‚Das kann ich schon, und hier habe ich noch Entwicklungspotenzial'.” Solche Gelingensnachweise können mehrfach wiederholt werden, bis ein Thema wirklich verstanden ist. In der Referendarausbildung wird dies zukünftigen Lehrern bereits heute beigebracht. Die Stichworte heissen „Formatives Assessment” und „diagnoseorientiertes Unterrichten”. Allerdings kommt diese Vorgehensweise in Konflikt mit dem engen zeitlichen Rahmen.
Vom blossen Auswendiglernen unterscheidet sich der heute viel beschworene kompetenzorientierte Unterricht. Er findet wahrscheinlich am meisten in Grundschulen statt. Dort sind der Zeitdruck und die Festlegungen durch den Lehrplan geringer als im Unterricht für ältere Schüler. Wie das Verhältnis zwischen kompetenzorientiertem Lernen und der gründlichen Reflexion der Inhalte aussieht, steht auf einem anderen Blatt.

Würden Noten einfach wegfallen, ohne dass praktische „Alternativen zur Lernprozessbegleitung” existieren, wären die Lehrkräfte überfordert. Sie „müssten gezielt geschult werden, um individuelle Lernstände differenziert zu dokumentieren und Kinder und Jugendliche gezielt zu fördern. Dafür fehlen bislang standardisierte Modelle und wissenschaftlich fundierte Instrumente, die im Schulalltag praktikabel sind” (Langner).

Die Universitätsschule Dresden verwendet in hohem Umfang digitale Tools wie Lernpfade und KI-gestützte Rückmeldesysteme. Sie finden auch in „normalen” Schulen zunehmend Verwendung. Vorgebracht wird, sie würden die Diagnose von Schülerproblemen erleichtern. Allerdings erscheint es als problematisch, solchen Geräten zu überantworten, den Schülern Aufgaben zu geben. Noch problematischer ist es, die persönliche Interaktion zwischen Lehrer und Schüler zu verringern. Insgesamt bleibt umstritten, ob die Qualität einer Schule abhängig ist von der Anzahl digitaler Endgeräte in ihr. Tim Engartner zitiert in seinem aktuellen Buch über die „Bildungsfalle” (2024) internationale Meta-Studien. Ihnen zufolge ergibt der schulische Einsatz digitaler Medien keinen positiven Effekt auf die fachlichen Leistungen der Schüler. Mittlerweile ist in Schweden der Einsatz von Tablets erst für Schüler ab zwölf zugelassen.

Individualisiertes Lernen

Gegenwärtig existiert ein starker Hype um „individualisiertes“, „personalisiertes“ oder „selbstgesteuertes Lernen“. Die damit verbundenen Formeln „jedes Kind ist einzigartig” und „alle Schüler sollen individuell ihr Lernen steuern können” erwecken positive Assoziationen.

John Hattie ist ein neuseeländischer Bildungsforscher und bekannt geworden mit „Visible Learning“ („Lernen sichtbar machen“), einem Überblick über die Ergebnisse empirischer Bildungsforschung. Hattie (2025) warnt vor der „Überbetonung des Alleinarbeitens. Der Kern schulischen Lernens war schon immer Zusammenarbeit und soziales Lernen […]. Wenn Schülerinnen und Schüler hauptsächlich individuell, in ihrem eigenen Tempo und auf ihre eigene Weise lernen, laufen sie Gefahr, zu isolierten ‚Einzellernenden' zu werden.”

Hattie zufolge können personalisierte Ansätze soziale Ungleichheiten schulisch sogar noch verstärken. Das passiert bspw. dann, wenn Schüler aus sog. bildungsfernen Haushalten auf solchen „individualisierten” Lernpfaden landen, „die nur begrenzten Zugang zu hochwertigen Unterrichtsgesprächen oder zum Austausch mit leistungsstarken Mitschülerinnen und Mitschüler bieten. Diese Schülerinnen und Schüler arbeiten häufig Arbeitsblätter ganz allein ab, ohne Gelegenheit zu tieferem Lernen, zu Transfer oder kritischem Denken”, von der Zusammenarbeit mit anderen Schülern ganz zu schweigen.

Qualität und Quantität

Gewiss würde sich einiges am Lernen ändern, gäbe es mehr Lehrer, kleinere Klassen, mehr Förderunterricht sowie mehr Schulsozialarbeiter und -psychologen. Pädagogen sind sich schnell einig darüber, dass mehr Geld in das Schulwesen gehört. Uneinigkeit aber kommt jedoch ebenso rasch auf, wenn es um die Frage nach den Strukturen des Schulunterrichts und um seine Selektionsaufgabe geht. Gegen die Mangelwirtschaft im Schulwesen regt sich Widerstand. Weniger Opposition gilt dem „heimlichen“ Lehrplan, der aus den Strukturen der Schule folgt. Die notwendige qualitative Veränderung wird sich jedoch nicht allein als Wirkung der quantitativen Erweiterung (mehr Lehrer, Sozialarbeiter usw.) einstellen. Um die problematischen Formen der Beschulung zu überwinden bedarf es anderer Veränderungen.

Meinhard Creydt

Literatur:

Creydt, Meinhard 2023: Die Antriebe für wirtschaftliche Aktivität in einer Gesellschaft des guten Lebens. In: Junge Welt, 26.1. 2023, S. 12f. http://www.meinhard-creydt.de/archives/1554

Engartner, Tim 2024: Raus aus der Bildungsfalle. Warum wir die Zukunft unserer Kinder gefährden. Frankfurt M.

Hattie, John 2025: Beitrag auf der Konferenz „Bildung Digitalisierung” in Berlin. In: https://deutsches-schulportal.de/expertenstimmen/john-hattie-warnt-vor-falsch-verstandener-individualisierung-des-lernens/

Langner, Anke 2025: Förderndes Feedback statt Bewertung: Wie Schule ohne Noten funktionieren kann. Interview, geführt durch Michael Klitzsch https://www.campus-schulmanagement.de/magazin/foerderndes-feedback-statt-bewertung-wie-schule-ohne-noten-funktionieren-kann-anke-langner

Roth, Gerhard 2013: Viel Wissen geht verloren. Interview. In: Focus online, 15.04. 2013

Singer, Kurt 1998: Die Würde des Schülers ist antastbar. Reinbek bei Hamburg

Spitzer, Manfred 2002: Lernen, Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Heidelberg

Spitzer, Manfred 2003: Medizin für die Pädagogik. In: Die Zeit, Nr. 39

Waldrich, Hans-Peter 2007: Der Markt, der Mensch, die Schule. Köln