Das Mantra lautet: immer früher, immer mehr. Eine „Klasse 0“, in der Kindergartenkinder bereits zwei Stunden pro Woche auf die Schule vorbereitet werden. Erlernt dabei solle alles Mögliche, vom Stiftehalten bis zur Sozialkompetenz. Hinter dieser vermeintlich pragmatischen Massnahme verbirgt sich jedoch, wie im Folgenden erläutert, eine ideologische Stossrichtung, mit der Kindern ein Teil ihrer Kindheit zugunsten des Kompetenzerwerbs genommen werden soll. Damit (und durch das Engagement von Unternehmen im Rahmen dieses Programms) wird auch die Ökonomisierung von Bildung vorangebracht. Statt die gesellschaftlichen Ursachen für die beobachteten Defizite zu hinterfragen, werden die Kinder noch früher in das Korsett schulischer Anforderungen gepresst.
Man kann wohl sagen: Die Analyse ist richtig – die Gruppen in den Kindergärten seien häufig viel zu gross und die Betreuung dadurch unpersönlich. Die Eltern arbeiteten heute viel mehr als früher und hätten daher viel weniger Zeit für ihre Kinder. Dies seien aufgrund von ökonomischen Zwängen unverrückbare Verhältnisse, wird impliziert. Aber gelten diese ökonomischen Zwänge überhaupt für alle? Für diejenigen Kinder von normal verdienenden Eltern mit zwei Autos in der Garage oder einem Lastenrad für 10.000 Euro ist das sicherlich nicht der Fall. Auch in der Mittelschicht arbeiten viele Eltern, insbesondere Väter, mehr, als sie eigentlich müssten. Natürlich gibt es für Kinder ein Problem, deren Eltern prekär sind und denen nichts anderes übrig bleibt, als beide in Vollzeit zu arbeiten. Dies muss auch angegangen werden, geschieht jedoch nicht.
Neoliberale Bildungspolitik: Früher, schneller, effizienter
Moniert werden im Artikel vom Schulleiter Pascal Pooch ein „zunehmende[r] Leistungsverfall“ und mangelnde „Vorläuferfähigkeiten“. Aber nun sollen offenbar weniger die sozioökonomischen Rahmenbedingungen (Armut, fehlende individuelle Betreuung, überlastete Eltern) verändert werden, sondern das Problem soll auf die Schultern der Kinder selbst gepackt werden.Die „Klasse 0“ ist kein isoliertes Projekt, sondern passt perfekt in das neoliberale Bildungsparadigma, das die deutsche Schulpolitik seit den 1990er-Jahren prägt. Es lautet: „Früher fördern statt später reparieren“ – ein Motto, das nach Effizienz klingt, aber konkret eine Verschulung des Kindergartens bedeutet.
Bildung wird in dieser Denkweise auch als Standortfaktor betrachtet: Wenn Schulforscher Matthias Forell im WDR-Artikel fordert, bereits 1,5 Jahre vor der Schule mit der Förderung zu beginnen, dann geht es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um die Optimierung des Humankapitals. Auch die gesellschaftlichen Diskurse nach den PISA-Studien ab 2000 führten schon zu einer Welle von ähnlichen Ansichten, Frühförderprogrammen usw. Man orientiert sich z.B. nicht am „sanften“ und dennoch guten Schulsystem Finnlands, sondern schraubt in Deutschland immer mehr die Daumenschrauben in der Bildungspolitik an. Ob nun das Zentralabitur, die „Profiloberstufe“, eine didaktisch fatale „Digitalisierung“ der Klassenzimmer, die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre oder die zerstörerische Einführung des Bachelor-Master-Systems; und der gescheiterte Versuch, Studiengebühren einzuführen. Oder der Kulturkampf zur Erhaltung der Gymnasien, geführt von privilegierten Bildungsbürger*innen und Eliten. Die Vorwände sind stets die „Vergleichbarkeit“ und die Erzählung, dass Deutschland im internationalen Vergleich „hinterherhinke“, also der Wettbewerbsgedanke.
Privatisierung der Bildung: Wenn Konzerne Schule gestalten
Besonders problematisch ist die Finanzierung des Projekts „Klasse 0“ durch Konzerne. Das Motiv dieser Unternehmen ist natürlich nicht Humanismus, sondern Profit. Schliesslich sind die Kinder von heute die Arbeitnehmer*innen (und Konsument*innen) von morgen. Die Initiative kommt in diesem Fall von den Konzernen ROSSMANN, BASF und Procter & Gamble (Quelle: ROSSMANN-Pressemitteilung). In Ludwigshafen, dem Ursprungsort des Projekts, übernimmt BASF die Finanzierung für lokale Schulen (Quelle: SCHUB-Magazin).Die „Klasse 0“ ist ein Marketinginstrument. Mit Slogans wie „starkes Wir-Gefühl“ und „Chancengleichheit“ (ROSSMANN-Pressemitteilung) geht es um Imagepflege, mehr aber wohl noch um Einflussnahme. Bildung soll hier sicher weniger emanzipierte, freie Menschen, sondern anpassungsfähige Arbeitskräfte produzieren.
Die „Klasse 0“ ist kein primär pädagogisches Projekt, sondern ein Symptom einer Gesellschaft, die Bildung zunehmend der Wirtschaft überlässt. Anstatt im demokratischen System und unter Einbeziehung der Bevölkerung staatlich finanzierte Lösungen zu finden, werden neue Konzepte von Konzernen organisiert und teilweise mit Online-Spendenkampagnen ermöglicht (Quelle: ROSSMANN-Pressemitteilung).
Reformpädagogische Alternative: Kindheit und Freiheit, statt Konditionierung und Humankapital
Das Projekt „Klasse 0“ ignoriert, was die Entwicklungspsychologie belegt und die Reformpädagogik seit über 100 Jahren erfolgreich praktiziert: Kinder entwickeln sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und selten linear. Und das am besten, wenn sie in Freiheit aufwachsen können. Die Idee, Kinder bereits im Kindergartenalter auf schulische Normen zu trimmen, ist destruktiv. Statt Spiel, Neugier und freiem Entdecken, wird Kindheit zur Vorbereitungsphase für die Verwertung des „Humankapitals“.Auch soziale Kompetenz entsteht durch individuelle Entfaltung, nicht durch Anweisungen, wie die im Text als relevant genannten Kompetenzen ausgeführt werden („Wie melde ich mich?“). Eine bessere Alternative zur „Klasse 0“ wäre nicht mehr Förderung, sondern mehr Kindheit. Zum Beispiel ein Waldorf- oder Montessorikindergarten mit festen, relativ kleinen Bezugsgruppen und -personen, in dem gebastelt, gebaut, gespielt und Natur erlebt wird. Einen guten Kindergarten zu haben, ist schlüssiger, als die Klasse vor der ersten Klasse einzuführen. Natürlich ist die grossstädtische „Kita“ mit 40 Kindern in einem Raum, ohne Konzept, Natur, festem Tagesablauf und adäquater Betreuung („offenes Konzept“), eine Katastrophe für Kinder.
Ganzheitliche frühkindliche Pädagogik fördert Kinder, ohne dies nach einem institutionellen Schema zu tun. Anstatt Eltern die Verantwortung für „Bildungsdefizite“ zuzuschieben, müsste der Staat kostenlose, humanistische und reformpädagogische Betreuung für alle Kinder bereitstellen – ohne Leistungsdruck für die Kleinen. Und wichtig wäre es, den gebeutelten Eltern mit Kindern Arbeit in Teilzeit bei auskömmlichen Löhnen zu ermöglichen. Das Gegenteil tut die Bundesregierung derzeit. Sie will mehr Arbeit und weniger Freiheit für die Menschen im Land).
Die letzten Worte zum Programm „Klasse 0“
Der Artikel über dieses „Bildungsprogramm“ ist kein neutraler Bericht, sondern ein typisches Zeugnis für neoliberale Bildungsideologie. Programm und Bericht präsentieren die Frühförderung als Lösung, ohne die systemischen Ursachen der beobachteten Probleme einzufordern oder gar die Systemfrage zu stellen. Stattdessen müssten die folgenden drei Punkte politisch adressiert werden:- Soziale Ungleichheit: Kinder aus armen Familien haben weniger Chancen – ihre Eltern müssen zu viel arbeiten und haben zu wenig Zeit für ihre Kinder.
- Überlastete Eltern: Auch gut verdienende Eltern arbeiten häufig mehr als notwendig (brauchen sie einen neuen SUV, oder reicht nicht auch ein Gebrauchtwagen? Muss es die Pauschalreise sein, oder reicht nicht auch Zelten in Südeuropa?)
- Ein staatliches Bildungssystem, das nicht reformiert werden soll, das Reformpädagogik trotz wissenschaftlicher Bestätigung verachtet und Kinder lieber als Humankapital ansieht.


