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Fick dick, Kreuzberg | Untergrund-Blättle

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Gesellschaft

Szenetagebücher aus dem Szenekiez Fick dick, Kreuzberg

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Aktuelle Anekdoten aus dem hippsten aller Berliner Bezirke als Auftakt einer neuen Kolumne.

FastFood Restaurant «Burgermeister» am Schlesischen Tor, Berlin Kreuzberg.
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Bild: Fast-Food Restaurant «Burgermeister» am Schlesischen Tor, Berlin Kreuzberg. / Arild Vågen (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

19. Juli 2014

19. Jul. 2014

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Wir laufen in einen Innenhof der grumpylcmReichenbergerstrasse, Berlin-Kreuzberg. Hinter uns einige Greiftrupps der von der grünen Bezirksbürger-meisterin angeforderten Polizei, die seit einigen Tagen in Kreuzberg eine Theateraufführung zum Thema “permanenter Ausnahmezustand” probt. Gerade eben war eine Demonstration in Solidarität mit den in der besetzten Gerhart-Hauptmann-Schule ausharrenden Refugees vom Kottbusser Tor losgelaufen, frecherweise ohne den Beamten vorher Bescheid zu sagen. Das Team Green reagiert angepisst, sprüht Pfefferspray und schwingt Knüppel.

Etwa 40 Leute sind wir, als wir in dem Innenhof ankommen, auf der Suche nach einer Verschnaufpause. Sofort springt ein etwa 40 Jahre alter Typ auf, markiert sein Revier und droht, die Situation Monika-Herrmann-Style zu bereinigen: “Raus hier, oder ich rufe die Polizei”, mault er. “Ich mach jetzt das Tor zu.” Einige Leute versuchen ihm noch freundlich zu erklären, dass er uns in die Arme der Bullen treibt, wenn er jetzt das Tor zuschliesst. Das stört ihn nicht, und aus die Maus.

Wenige Minuten später, wenige Meter weiter. Die Sponti läuft am Kanal entlang, einige DemonstrantInnen ziehen kleine Absperrungen auf den Weg, um den nachfolgenden Bullen das Durchkommen zu erschweren. Ein Mercedes-Fahrer steigt aus, räumt die Minibarrikade weg, beschimpft die Demonstranten. “Weiss du eigentlich, was hier einige Meter weiter passiert?”, fragt ihn eine Aktivistin. “Das interessiert mich nicht, das ist ein Leihwagen”, kontert der Gelhaarträger mit einem Ton der Selbstverständlichkeit, als erwartete er, dass nun alle sagen: “Naja, wenn es ein Leihwagen ist, dann ist die Sachlage natürlich eine andere. Hier, bitte, fahren Sie weiter.”

Punkrock Superstars

Der Abend ist noch jung, und Arschlöcher gibt es zuhauf. Einige Stunden später versuchen AktivistInnen, einen Zugang zur Schule zu finden, um die auf dem Dach Protestierenden mit dem Notwendigsten zu versorgen: Essen, Getränke, Zigaretten und so weiter. Einer kommt auf eine ausgezeichnete Idee: Da ist doch in der Wiener Strasse dieser tolle Punkrockladen, das “Wild at heart”. Die sind doch sicher aufgeschlossen, weil alternativ, und lassen uns in den Innenhof, damit wir versuchen können, von dort aus auf ein Dach und eventuell in die Nähe der Schule zu kommen. Denkste. Tättowiert und gepierct bis in die Poporitze schwingt sich der heutige Kommerzrocker zum Hilfssheriff auf, verwehrt den Durchgang, ein Türsteher wird vor dem Eingangstor abgestellt.

Ähnliche Szenen an einem anderem Tag, eben jenem, an dem Deutschland gegen irgendein anderes Land spielt im Rahmen jener Veranstaltung, die als Fussball-weltmeisterschaft bekannt ist, und doch mit Fussball nichts zu tun hat. In der Wiener Strasse blockieren etwa 40 Menschen sitzend den Schichtwechsel der Polizei, diese reagiert ungehalten, mit Schmerzgriffen und Schlägen. In Sichtweite bieten zahllose Kneipen Public Viewing an, die gebannt auf die Fernsehbildschirme starrenden Zuschauer sehen aus, wie man eben in Kreuzberg aussehen muss. Irgendwie alternativ, irgendwie links, irgendwie Öko-Bio-Dreadlock oder Nonkonformistisch-rebellisch oder eben Hipster-Schnauzbert-Jutetüte. Ihnen zuzutrauen, sie reagierten irgendwie auf die Schreie der mit Gewalt aus dem Schneidersitz Geprügelten, wäre zu viel an Lookismus. Es schert sie schlichtweg nicht. Irgendwann steht ein einzelner Besoffener vor der Kneipe “Wiener Blut” auf und fragt wenigstens nach, was hier eigentlich passiert. Er wird aufgeklärt, setzt sich wieder und bestellt noch ein Bier.

Ein Szenekiez

Warum muss man all diesen Blödsinn eigentlich überhaupt noch aufschreiben? Nun, weil aus irgendeinem Grund der Irrglaube fortexistiert, bei Kreuzberg handle es sich um ein Gebiet, in dem die radikale Linke einen irgendwie besonderen Einfluss geltend machen könne, irgendeine Art Exarchia von Berlin. Misst man aber Einfluss nicht an der Anzahl der verklebten “Good night – white Pride” – Sticker oder der Häufigkeit von Soliparties im näheren Umkreis, muss man sich eingestehen: Die radikale Linke hat hier kaum noch etwa zu sagen, nennenswerte Prozesse der (Selbst-)Organisation der Bevölkerung gibt es nicht.

Das liegt einerseits an der Gentrifizierung, die für eine politische Neukonfigurierung des Bezirks sorgt. Einen türkischen Freund, er wohnt seit 30 Jahren in Kreuzberg, plagte kürzlich der Drang zu urinieren, und er tat dieses Mangels Alternative in einem Innenhof. Ein Mann samt Kind und Frau nähert sich. In schwäbischem Dialekt und mit einem jener funktionslosen Seidentücher um den Hals, von denen man sich fragt, ob sie dem Träger zum Schmuck dienen oder seine Erwürgung erleichtern sollen, fragt er: “Was machen Sie hier?” Ich warte auf einen Freund, entgegnet der Überraschte. “Auf welchen Freund?”, lautet die bestimmte und ärgerliche Nachfrage. “Das geht dich doch nichts an”, sagt der Gefragte. “Sie sehen aber nicht so aus, als würden Sie von hier kommen”, muss er sich anhören.

Abgesehen davon, dass der Seidentuchschwabe recht hat, und wir allesamt nicht mehr aus Kreuzberg kommen (was sogar im konkreten Fall stimmt, der betreffende Freund ist tatsächlich in den Wedding abgentrifiziert worden), hat die Bedeutungslosigkeit der radikalen Linken in Kreuzberg aber auch selbstgemachte Gründe. Denn wir sind eine Szene, und Kreuzberg ist eben ein Szenekiez. So wie die “Szene” im besten Fall die Simulation einer politischen Bewegung, eigentlich aber sogar das Gegenteil letzterer ist, ist eben der Szenekiez die Simulation eines linken, alternativen Stadtteils und damit im Zweifelsfall dessen Gegenteil.

Wir sind eine “Szene”. Wir sind keine politische Bewegung, die mit Inhalten um gesellschaftliche Veränderungen kämpft. Wir sind eine Subkultur, die sich mit Soliparties über Wasser hält, ihren Mitgliedern Identifikationsmerkmale zur Verfügung stellt, mittels derer sie Pubertät und Adoleszenz bewältigen können und die davon lebt, dass sie eben genauso gross ist, dass man ohne markerschütternde Selbstzweifel in ihr existieren kann, wenn man möchte. Nicht alles, was dieses “Szene” macht, ist schlecht, aber sie als Form einer politischen Bewegung macht die Harm- und Ziellosigkeit der radikalen Linken Berlins aus. Deshalb widmen wir der Kritik der “Szene” und damit auch unserer eigenen Selbstkritik nun eine eigene Kolumne, die hier in unregelmässigen Abständen erscheinen wird. Oi!

Fatty McDirty / lcm

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