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Reisen ist ein Vorgeschmack auf die Hölle Aufbruch ins Unversicherbare

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Manche Geschichten siedeln sich konzentrisch um ein einziges Bild an, umkreisen es wie Motten das Licht. In «La peur», einer Erzählung von Maupassant aus dem Jahr 1884, ist das sogar wörtlich zu nehmen. Zwei Männer rasen in einem Zug auf die Mitte Frankreichs zu, es ist eine sternlose Nacht, von der Landschaft nichts zu sehen.

Suche nach dem Wrack von Flug MH 370.
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Bild: Suche nach dem Wrack von Flug MH 370. Karte der australischen Verkehrssicherheitsbehörde vom Juni 2014 mit Darstellung der 7. Ping-Linie. Die orange Zone wurde zu dieser Zeit als Suchzone mit der höchsten Wahrscheinlichkeit bewertet, die blaue und graue Zonen mit mittlerer bzw. geringer Wahrscheinlichkeit. / Australian Transport Safety Bureau (CC BY 3.0 cropped)

24. Januar 2017

24. 01. 2017

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„Plötzlich erstand vor unsern Augen eine phantastische Erscheinung. In einem Wäldchen brannte ein loderndes Feuer, und dabei standen zwei Männer. … Es waren, so schien uns, zwei zerlumpte Stromer, vom grellen Schein des lohenden Feuers glutrot beleuchtet.

Ihre bärtigen Gesichter waren uns zugewandt, und rings um sie ragten, wie die Szenerie eines Dramas, die grünen Bäume auf, hell und leuchtend grün, die Stämme, die vom blendendem Widerschein der Flammen getroffen wurden, das Laubwerk, das vom durchschimmernden Licht bestrahlt, eingehüllt, übergossen wurde. Dann versank alles wieder in schwarze Finsternis.“ [1]

Die beiden Männer kommen miteinander ins Gespräch, die seltsame Erscheinung ruft offenbar Erinnerungen an die übersinnlichen Schrecken der Vergangenheit wach. „Ich bin froh“, sagt der ältere Herr zu seinem Mitreisenden, „dass ich das gesehen habe. Ein paar Minuten lang habe ich das Gefühl verspürt, das mir längst fremd geworden war. Wie muss früher die Erde erregend schön gewesen sein, als sie noch so geheimnisvoll war!“

Er, der sich selbst zu dem „altmodischen Menschenschlag“ zählt, der „gerne glaubt“, sehnt sich nach den alten Zeiten zurück, in denen das nächtliche Dunkel noch unheimlich und fürchterlich, mit fabelhaften Wesen, mit Gespenstern, Nachtunholden und Wiedergängern belebt gewesen war, deren Macht die Grenzen unseres Denkens überstieg – und kommt zu folgendem Schluss: „In dem Masse, wie man die Schleier des Unbekannten lüftet, verarmt die Phantasie der Menschen. … Es ist aus mit dem Übersinnlichen, vorbei mit dem rätselhaften Aberglauben, alles Unerklärliche lässt sich heutzutage erklären. Das Übernatürliche sinkt ab wie ein See, den ein Kanal leert. Von Tag zu Tag drängt die Wissenschaft die Grenzen des Wunderbaren immer weiter zurück.“ [2]
Wirklich?

Dornröschenschlaf: HCY 522

Lassen wir die zwei Zaungäste des Fortschritts wieder im Dickicht der Nacht verschwinden und kommen ins 21. Jahrhundert zurück, zu einem Essay von Marion Titze mit dem Titel «Schlaf, Tod und Traum». Leider ist das Buch, eine limitierte Auflage mit Lithographien von Paco Knöller, nicht mehr zu haben, ich musste es mir in der Staatsbibliothek ansehen. Der Autorin hätte es bestimmt gefallen, wie ich dort im Lesesaal sass, in völliger Stille, und mit weissen Handschuhen die Seiten umblätterte. Auch in ihrem Essay wird ein Bild umkreist, aber dieses Mal ist es selber konzentrisch: Ein Flugzeug zieht Schleife um Schleife über dem Ägäischen Meer, niemand weiss was los ist, die Funkverbindung ist bereits abgebrochen.

Die griechische Luftwaffe schickt zwei Abfangjäger los, was die Piloten durch die Fenster der Maschine sehen, scheint einem Märchen entsprungen zu sein: die Mannschaft im Cockpit bewusstlos, die Passagiere wie schlafend auf ihren Sitzen, „erstarrt im Augenblick ihrer letzten Handlung, so wie bei Dornröschen, wo ein ganzes Schloss in hundertjährigen Schlaf fällt.“ [3] Die Rede ist vom Helios-Airway Flug 522, der sich am 14. August 2005 auf dem Weg von Zypern nach Athen befand. Was war geschehen? Die Ermittler vermuten, dass der Druck in der Maschine nicht automatisch angepasst werden konnte, weil der Schalter auf manuell stand. Während des Steilflugs kam es so zu einem schleichenden Sauerstoffverlust.

Die Passagiere haben ihre Masken noch rechtzeitig anlegen können, die Piloten kollabierten – das Flugzeug war führerlos. Im Verlauf des tragischen Geisterflugs schimmerte noch einmal die Hoffnung auf. Nicht alle Insassen waren bewusstlos. Die Piloten sahen, wie ein Flugbegleiter mithilfe einer mobilen Sauerstoffversorgung ins Cockpit gelangte und in letzter Minute versuchte, die Maschine unter Kontrolle zu bringen. „Er hat noch Blickkontakt mit den den beiden Kampfpiloten, aber das Flugzeug ist nun ohne Treibstoff, es rast auf Athen zu, dreht dann plötzlich ab und prallt 60 km nördlich auf einen Berg. Der den Tod der Verunglückten feststellende Gerichtsmediziner ermittelt, dass alle beim Aufprall noch lebten, aber bewusstlos waren. Von den treulosen Göttern hatte nur Hypnos die Hand über sie gehalten.“ [4]

Abyssus: AF 447

„Sleeping with the fishes“ ist eine Redewendung, die man vielleicht aus «The Godfather» kennt; in einer Szene heisst es dort: „Luca Brasi sleeps with the fishes.“ Sie findet sich aber bereits in der Ilias: "In Book 21, Achilles slays Lykaon, a son of Priam, and throws him in a river. Achilles taunts him as he dies, saying "Lie there now among the fish..." (Lattimore translation) or, "Make your bed with the fishes now..." (Fagles translation). In other words, sleep with the fishes. A similar usage can also be found in Herman Melville's Moby Dick, where in the second mate Stubb soliloquizes: "when Aquarius, or the Water-bearer, pours out his whole deluge and drowns us; and to wind up with Pisces, or the Fishes, we sleep." Die Bedeutung erschliesst sich einem unmittelbar: „To be killed and have oneʼs body disposed in the sea or or other body of water.“ [5]

Einen solch grausigen Fund hat Marcel Rothenbeck, Elektrotechnikingenieur am Kieler Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, am 3. April 2011 gemacht. [6] Nicht er selbst, sondern Abyss, der Held der Geschichte ist ein rund zwei Millionen teurer Tauchroboter. Von dieser komplexen Forschungsmaschine gibt es weltweit nur drei Exemplare. Sie kommen in Meerestiefen von bis zu 6000 Metern zum Einsatz und werden von den Wissenschaftlern verwendet, um den Einfluss von Meeresströmungen auf Korallenriffe oder Hydrothermalquellen in der Tiefsee zu untersuchen. Nun sollen sie sich an der Suche nach den Überresten des Airbus 330 beteiligen.

Am Ende der 18. Mission, fast zwei Jahre nachdem das Flugzeug in der Nacht vom 31. Mai zum 1. Juni 2009 über dem Atlantik abgestürzt ist, gibt es noch immer kaum Fakten, geschweige denn ein Wrack. Häufig ist alles, was das Sonar an Daten vom Meeresgrund auf das Display im Kommandoraum der Alucia liefert, nur Schneegestöber. In jener Nacht aber, als Marcel Rothenbeck Wache auf dem französischen Forschungsschiff hat, erscheint ein dichtes Feld gelblicher Teilchen auf dem Bildschirm. Sofort wird der ferngesteuerte Tauchroboter an die Position geschickt, um mit Foto- und Videokamera in Echtzeit nachzuschauen. Sieben mal sieben Meter misst der Bildausschnitt, den die Roboterkamera aus zehn Meter Entfernung mit ihrem Blitzlicht erhellt. Mit dem Bild aber, das Abyss am 3. April aus 3900 Meter Tiefe an die Oberfläche sendet, hat der Forscher nicht gerechnet.

Plötzlich erkennt er auf dem Sediment des Ozeanbodens, nur sechseinhalb Nautische Meilen vom letzten bekannten Punkt des Flugzeugs entfernt, Dreier- und Vierersitzreihen von Flug AF 447. Und darin sitzen, teilweise angeschnallt, Passagiere, manchmal vier nebeneinander. „Man konnte anhand der Kleidung feststellen, ob es Mann oder Frau war“, sagt Rothenbeck. „Gespenstisch die Vorstellung, dass diese Personen seit zwei Jahren auf dem Meeresboden liegen.“ Kälte von nur wenigen Plusgraden haben die Körper in der Tiefe konserviert.

Aufbruch ins Unversicherbare: MH 370

„Nicht der Zweifel“, hat Nietzsche im «Ecce Homo» geschrieben, „die Gewissheit ist das, was wahnsinnig macht.“ [7] Darin dürften ihm die Angehörigen der verschollenen Insassen des Malaysia-Airlines-Flug MH 370 heftig widersprechen. Am 8. März 2014, um 1:21 Uhr Ortszeit, verschwand das Flugzeug auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking aus bislang unerklärlichen Gründen vom Radarschirm. Nach wie vor geht man davon aus, dass die Maschine irgendwann mit leerem Tank über dem Indischen Ozean abstürzte – irgendwo in einem Gebiet von 120 000 Quadratkilometern. Das Meer ist dort teilweise mehr als 4000 Meter tief, der Boden enorm zerklüftet; vermessen wurde er nie. „Wir wissen weniger darüber als über Mond, Venus und Mars“, sagt der amerikanische Experte Walter Smith. [8]

So wie Träume und Phantome vor der unheimlichen Leere der Nacht abschirmen [9], setzen sich an die Stelle der völlig unklaren Beweislage, was den Verbleib von MH 370 betrifft, immer neuere Verschwörungstheorien – von einer Entführung, dem Suizid des Piloten bis hin zu einem möglichen Brand an Bord ist die Rede. Hartnäckig hält sich auch das Gerücht, die Maschine könne womöglich abgeschossen worden sein.

Tatsache ist, dass die Behörden von Australien, China und Malaysia ihre Suche nun, nach inzwischen fast drei Jahren, offiziell eingestellt haben. Die Angehörigen protestierten gegen diese Entscheidung; viele Familien wollen sich nicht damit abfinden, dass das Schicksal der Opfer ungeklärt bleibt. Der Protest erinnert an die Erzählung «Unmögliche Beweisaufnahme» von Hans Erich Nossack, in der sich ein Versicherungsvertreter vor Gericht für das Verschwinden seiner Frau verantworten muss. Die Zusammenfassung, die Leon Hempel und Thomas Markwart von Nossacks Erzählung geben, liest sich wie das dramaturgische Konzept, welches dem Streit um MH 370 zugrunde liegt. „Die Unbestimmtheit des blossen Verschwindens, für das sich ein Grund nicht angeben lässt, gerät zur Provokation und zum Anlass der Anklage, die nicht ausgeführten katastrophischen Imagination in Strafrechtsbestände zu verwandeln. Doch der unauffindbare Grund des Verschwindens markiert den Verlust des Kausalitätsprinzips, auf das noch jede Erklärung angewiesen bleibt.

Unausgesprochen bleibt die Katastrophe reine Potenzialität, die ihren angsterzeugenden Schrecken noch verstärkt. Während der verunsicherte Angeklagte sich von der Institution des Gerichts Aufklärung verspricht, gewissermassen eine versicherte Identität, erhofft sich umgekehrt das Gericht vom Angeklagten eine konkrete Aussage, wodurch sich die Grundlosigkeit des Verschwindens in Begründbarkeit verwandeln liesse. Die verhandelnden Partner suchen das Vakuum aufzulösen in Beweisen, Schuld, Urteil und Strafe. Doch der Satz vom Grund – nihil est sine ratio, nichts ist ohne Grund – bleibt ausser Kraft. Die Aporie siedelt in der wechselseitigen wie vergeblichen Erwartung von Gericht und Angeklagtem, mithin versichert, in ordentlicher Identität festgesetzt zu werden. Das verhandelte Ereignis, das Verschwinden, aufzuklären und die Ordnung zu reinstallieren, erweist sich als unausführbar. Es stellt sich für beide Parteien als ein Aufbruch ins Nicht-Versicherbare dar, dessen Ergründung sich schliesslich als das eigentliche der Verhandlung herausstellt.“ [10]

M. A. Sieber

Fussnoten:

[1] Guy de Maupassant: „Angst“, in: ders.: Die Totenhand und andere phantastische Erzählungen. Herausgegeben von Kalju Kirde. Frankfurt am Main 1985, S. 104–111, hier: 104.

[2] A.a.O., S. 105. So erklärt sich zuletzt auch das seltsame Feuer in der Nacht: die Cholera geht um.

[3] Marion Titze/Paco Knöller: Schlaf, Tod und Traum: Lithographien. Berlin 2007.

[4] A.a.O.

[5] Wiktionary. The free dictionary: https://en.wiktionary.org/wiki/sleep_with_the_fishes (abgerufen am 21.01.2017).

[6] Ich beziehe mich auf den Artikel von Andreas Spaeth: „,Da war plötzlich Euphorie“, in: mare No. 108 Februar/März 2015, S. 58–66.

[7] Friedrich Nietzsche: Ecce homo. Wie man wird was man ist. Mit einem Vorwort von Raoul Richter und einem Nachwort von Ralph-Rainer Wuthenow. Frankfurt am Main 2000, S. 63.

[8] Zit. n. „Flug MH370 – für immer ein Rätsel?“ (FAZ vom 17.01.2017)

[9] „Das ,Gespenstʻ ist da, um das Gespenst der Nacht zu verdecken, zu besänftigen. Jene, die glauben, Gespenster zu sehen, sind die, welche die Nacht nicht sehen wollen, die sie mit dem Schrecken kleiner Bilder füllen, sie beschäftigen und ablenken, indem sie sie fixieren, indem sie das Hin und Her des ewigen Wiederbeginns abstellen.“ (Maurice Blanchot: „Das Aussen, die Nacht“, in: ders.: Der Literarische Raum. Zürich 2012, S. 167–175, hier: 167)

[10] Leon Hempel/Thomas Markwart: „Einleitung. Ein Streit über die Katastrophe“, in: Leon Hempel/Marie Bartels/Thomas Markwart (Hg.): Aufbruch ins Unversicherbare. Zum Katastrophendiskurs der Gegenwart. Bielefeld 2013, S. 7–27, hier: 25f.

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