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Warum Angst das bestimmende Lebensgefühl der Millenials ist Atmosphäre der Ungewissheit

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Refugees, selbtsfahrende Autos, neue Beziehungsformen: Angst haben kann man vor allem, was man nicht kennt oder was nicht ins eigene Weltbild passt.

Wo früher ganz reale Ängste walteten, vor Armut, Hunger oder Krieg, zeigt sich heute eine diffuse Angst: vor Veränderung, Absturz, dem Nichtdazugehören und Nichtgenügen.
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Bild: Wo früher ganz reale Ängste walteten, vor Armut, Hunger oder Krieg, zeigt sich heute eine diffuse Angst: vor Veränderung, Absturz, dem Nicht-dazu-gehören und Nicht-genügen. / Mario Sixtus (CC BY-NC-SA 2.0 cropped)

20. April 2016

20. 04. 2016

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Dieses diffuse Gefühl scheint die Generation der Millenials zu vereinen. Die Religionswissenschaftlerin Julia Wolter versucht sich und ihre Altersgenossen zu verstehen:

Wenn ich mich so in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umschaue, fällt mir vor allem auf, wie viele schon einmal in einer Sinn- oder Lebenskrise steckten. Burnout hatte gefühlt jeder dritte und zum Psychologen ist auch fast die Hälfte schon einmal gegangen. Und ich spreche wohlbemerkt von Leuten Mitte 20, nicht 50 oder älter. Und Angst haben sie alle.

Ob vor dem sozialen Verfall unserer Gesellschaft, wie eine meiner Kommilitoninnen, oder Angst vor der immer grösser werdenden rechten Szene aus dem Osten. Und Angst natürlich auch vor den Neuankömmlingen des vergangenen Jahres.

Die “Flüchtlinge”, wie sie ja alle unter einer Plakette abgestempelt werden. Wo genau die nun herkommen, ist schliesslich nicht wichtig, nur inwiefern sie unser fein geordnetes Leben beeinflussen könnten. So äusserten die Bekannten meiner Mutter gegenüber neulich die Befürchtung, wir müssten noch mehr Steuern zahlen, weil die Flüchtlinge ja all unsere Staatsgelder vertilgen würden.

Hauptsache Angst

Oder die Mutter einer Freundin, welche in einem Gebiet in Bernau wohnt, wo letztes Jahr eine Unterkunft für Geflüchtete errichtet wurde, hat Angst um ihre Privatsphäre und Sicherheit. Die Fremden seien zwar erwünscht, aber doch bitte nicht so viele von ihnen. Daher protestiert sie mit anderen Bewohnern nun auch gemeinsam gegen einen Ausbaus des Heimes.

Dass es sich aber bei rund 780 Ursprungseinwohnern (Stand 04.01.2016), im Vergleich zu den 200 bereits dort wohnhaften Flüchtlingen und 200 eventuellen Neuankömmlingen lange nicht um dieselbe Anzahl handelt, so nämlich der Vorwurf, ist anscheinend nebensächlich. Mathe war auch nie so mein Fach. Was diese Leute antreibt ist Angst. Angst vor dem Unbekannten.

Aber auch Angst davor, dem Elend anderer nun nicht mehr aus dem Weg gehen zu können. Es wohnt nebenan und lässt sich nicht ignorieren. Und dadurch entsteht dann Angst, etwas vom eigenen Wohlstand abgeben zu müssen und gezwungen zu sein selbst mit weniger auszukommen.

Dabei geht es der deutschen Gesellschaft gut. Es herrscht weder Krieg, noch geht es der Wirtschaft sonderlich schlecht. Die letzten 20 Jahre kann man sogar als stetigen Aufschwung seit dem Mauerfall betrachten, in dem Deutschland sich von Kriegen erholen und eine führende Macht unter den westlich-kapitalistischen Demokratien werden konnte.

Und trotzdem ist die Depressionsrate rapide wachsend und die Suizidrate so hoch wie nie. “Schätzungen zufolge leiden weltweit inzwischen circa 350 Millionen Menschen unter einer Depression. Bis zum Jahr 2020 werden Depressionen oder affektive Störungen laut Weltgesundheitsorganisation weltweit die zweithäufigste Volkskrankheit sein.”

Die zunehmende Ängstlichkeit unserer Gesellschaft beschäftigt nicht nur Soziologen wie Heinz Bude, welcher im Jahr 2014 mit seinem Buch „Angstgesellschaft“ die Entwicklung in Deutschland analysierte. Auch Michael Nast befasst sich in seinem Bestseller-Roman “Generation Beziehungsunfähig” mit den gegenwärtigen Problemen. Nast beschreibt unsere Generation als beziehungsgeschädigt, weil wir in dem Glauben aufwachsen etwas Besonderes sein zu müssen.

Das ‘Ich’ wird dabei zu einem Projekt der ständigen Selbstoptimierung, wobei die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Beruf kaum noch existieren. Ob Job, Wohnort, Freunde oder Partner, alles muss perfekt sein, besser als im Jetzt und Hier. So schreibt der Spiegel unter anderem: “In der Alles-ist-möglich-nichts-ist-sicher-Gesellschaft wird unablässig eine Option gegen die andere abgewogen – und sich dann doch nicht verbindlich entschieden.”

Das System ist Schuld

“Das Problem mit dem Perfekten ist allerdings, dass man diesen Zustand nie erreicht.”, erklärt Nast. Und somit ist programmiert, dass Bindungen nicht lange halten und wir immer unzufrieden bleiben mit dem was wir haben. Die Gründe hierfür fasst das Schweizer Radio und Fernsehen treffend zusammen, ebenfalls angeregt durch Bude: “Wir reagieren auf historisch gegebene Verhältnisse aufgrund unserer eigenen sozialen Prägung.”

Demnach finden wir den Ursprung unseres Verhaltens auf bestimmte Ereignisse, in den sozialen Gefügen in denen wir aufwachsen. Auch Michael Nast gibt an dieser Stelle unserem System die Schuld, da der Kapitalismus nur funktionieren kann, wenn wir als Konsumenten immer mehr wollen. Dazu muss dem einzelnen, das was er bereits besitzt, nie genügen.

Diese Einstellung schadet aber nicht nur unseren Beziehungen zu anderen Menschen, sondern auch unserer Gesundheit. Wir arbeiten viel, um unsere Ziele zu erreichen. Dank fortschreitender Technologie sind wir immer erreichbar und können nie abschalten. “Der Druck hört nie auf. Man hat keine Zeit innezuhalten, es fehlt die Zeit, um über sein Leben nachzudenken.”, führt Nast weiter aus. Es erzeugt eine Leere in uns, welche wir durch Erlebnisse und Veränderungen versuchen zu füllen.

Doch das Gegenteil tritt ein und die Leere wird nur noch grösser. Wir erstellen uns eine Illusion unseres Lebens, wie grossartig es ist und ziehen uns eine Maske auf, damit niemand merkt, wie unglücklich wir eigentlich sind. Es kommt zum Verlust unserer Persönlichkeit. Das Resultat sind Depressionen, Burnout und andere psychische Krankheiten.

Solche Krankheiten sind ein Zeichen für den Wohlstand deutscher Bürger. Uns geht es so gut, dass der Überfluss uns krank macht, während in Ländern grosser Armut und Krieg, die Menschen das Leben schätzen und um jedes Glück dankbar sind. Sie können sich den Luxus nicht leisten, immer mehr zu wollen und erkennen das Gute in ihrem Alltag noch, statt blind nach Perfektion zu streben.

Kapitalismus und Angstgesellschaft

Wo früher ganz reale Ängste walteten, vor Armut, Hunger oder Krieg, zeigt sich in Deutschland heute eine diffuse Angst: vor Veränderung, Absturz, dem Nicht-dazu-gehören und Nicht-genügen. Selbstoptimierung bis in den letzten Winkel unserer Lebensbereiche, wobei wir uns ständig an den anderen messen. Wir spiegeln uns nur noch in dem Bild, welches sich in den anderen reflektiert.

Der Kapitalismus der westlichen Welt würde ohne diese Krankheiten der Gesellschaft gar nicht funktionieren. Unsere gesamte Gesellschaft baut auf den Bedürfnissen unserer Wirtschaft auf, nicht auf denen der Menschen: “Bedürfnisse schaffen Wünsche und werden damit zu Auslösern für wirtschaftliches Handeln. In Verbindung mit vorhandenen finanziellen Mitteln können Bedürfnisse als Bedarf zur Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen werden.”

Das Prinzip des Angebots und der Nachfrage entsteht auf diese Weise. Oftmals werden diese Bedürfnisse künstlich erschaffen. Es geht im Kapitalismus also darum, ein Bedürfnis im Menschen zu erschaffen, um die Nachfrage damit zu erhöhen, das Angebot zur Verfügung zu stellen und daraufhin Gewinn zu erzielen. Dieses System beruht auf einer Marktwirtschaft mit freier Verfügung über Produktionsmittel, ohne staatliche Eingriffe in Preis-und Produktionsregulierung, wobei es trotzdem zu Ausnahmen kommen kann. Der Kapitalismus bringt unsere Gesellschaft dazu, ihr Kapital zu erhöhen, um ihre vom Kapitalismus kreierten Bedürfnisse zu befriedigen. Um dies zu erreichen, muss der Konsument egoistisch denken und handeln, und wir kommen wieder auf das Thema der Selbstoptimierung zurück.

Die Angst vor dem Fremden

In unserem Konsumwahn blenden wir die Leiden der restlichen Welt aus. Die Nachrichten wecken kein Mitgefühl in uns, weil wir durch die Flut der tagtäglich schrecklichen Bilder abstumpfen. Doch mit den Ereignissen des letzten Jahres geht das nicht mehr. Tausende von vor Krieg flüchtenden Menschen sind nach Deutschland gekommen und die kalte Ignoranz hat damit ein Ende. Und genau das ist auch in Bernau Waldfrieden geschehen. Die Armut, das Leid und die traurigen Lebensgeschichten wohnen nebenan.

Was daraus entsteht ist eine neue Angst: die Angst vor dem Fremden und davor in Zukunft weniger für sich zu haben, vom Luxus etwas abgeben zu müssen. Es lässt sich auch ein Zusammenhang zwischen denen erkennen, die auf Laktose verzichten ohne ärztliches Attest und denen, die auf Heilsversprechen der Apologeten der inneren Sicherheit vertrauen, wie z.B. der AfD-Vorsitzenden Frauke Petrie.

Die Angst verengt den Blick und untergräbt die Vernunft. Sie lässt sonst vernünftige und gutmütige Menschen wie die Mutter meiner Freundin Anträge verfassen, in denen kein weiteres Mitgefühl mehr erwünscht ist und die Anderen doch bitte woanders hingeschickt werden sollen. Die einzige Lösung für eine vernünftige Gesellschaft und zurück zur Eigenbestimmtheit ist raus aus der Angst.

Laut Dr. Peter Oberlin ist Angst eine Grundemotion, welche auf mangelndem Grundvertrauen in sich oder andere beruht. Sie lähmt uns, und auch Oberlin schliesst darauf, dass sie unser rationales Denken beeinträchtigt. Unsere Angstgesellschaft bildet sich vor allem aus der Angst heraus, was uns passieren könnte, weshalb alles in unserem Leben angstbesetzt sein kann.

Zuflucht für die Verirrten

Nun stellt sich die Frage: Wohin mit dieser Angst? Die Kirche verzeichnet eine Mietgliederzahl von 46 568 758 (57,4 %) in Deutschland und die Austrittszahlen liegen bei ca. 488 000 im Jahr 2014, doppelt so viele wie noch vor 10 Jahren. Dabei ist zu beachten, dass diese Daten sich auf die Taufen beziehen, nicht auf später praktizierende Christen. Demnach kann man davon ausgehen, dass ein Grossteil der deutschen Bevölkerung, vor allem die Generation der 30-jährigen und darunter, kaum noch in die Kirche geht, schon gar nicht regelmässig.

Der Weg zum Psychologen ist zwar momentan nicht mehr ganz so verpönt wie noch vor 50 Jahren, aber Hemmungen bleiben bei den meisten dennoch zu einem Seelenklempner zu gehen. Wo also sollen die jungen Leute Deutschlands hin mit all ihren diffusen Ängsten? Wo früher die Kirche und die Gemeinde Halt und Zuflucht geboten haben, gibt es heute eine Vielzahl von Angeboten: Organisationen, Vereine, spirituelle Gruppierungen, welche dem Einzelnen ein Gefühl der Sicherheit, Akzeptanz und des Verstanden werden bieten.

Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, dass sich so viele Menschen Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) angeschlossen haben. Pegida ist eine Bürgerbewegung, existent seit Oktober 2014, welche sich genau diese Ängste der Bürger zunutze macht und vorgibt gegen die Verfremdung Deutschlands vorzugehen.

Mittlerweile hat die Bewegung auf ihrer Facebookseite 200000 Likes, also Menschen, die sich mit den Zielen von Pegida identifizieren können, sie unterstützen und gut-heissen. Zwar wissen viele dieser Anhänger nicht einmal was genau in den sogenannten “Dresdner Thesen” der Bewegung steht, aber das blinde Folgen der Sympathisanten macht die Sachlage auch nicht besser.

Das “Heilsversprechen” von Pegida

Der entscheidende Punkt an dieser Stelle ist jedoch, dass Pegida durchaus die ehemaligen Aufgaben einer kirchlichen Gemeinde übernimmt: Sie hört ihren Anhängern zu, bietet Zugehörigkeit, Geborgenheit und das Gefühl verstanden zu werden. Man könnte also sogar so weit gehen zu behaupten, Pegida fungiert ähnlich wie religiöse Gruppierungen.

Da es aber keine offizielle Religion ist, würde die Allgemeinheit von einer Sekte sprechen, offiziell bezeichnet als ‘Neue religiöse Bewegung’. Und durchaus lassen sich viele Parallelen finden: es gibt einen Anführer (Lutz Bachmann), öffentliche Versammlungen, Dogmen oder Wertesysteme (Dresdner Thesen) und eine Abgrenzung zu Aussenstehenden. Paradox ist nur, dass genau dagegen, also gegen politischen oder religiösen Fanatismus, Pegida vorgehen will. Darüber sollten sie eventuell einmal nachdenken. Unsere Angstgesellschaft 2016 hat also eine Kirche gefunden. Bleibt nur zu hoffen, dass ihre Anhängerzahl nicht weiterwächst.

Ich weiss nicht, wen die Mutter meiner Freundin aus Bernau Waldfrieden wählen würde. Ob auch sie den Heilsversprechen der AfD Glauben schenkt. Momentan sucht sie Halt in der Initiativbewegung, welche sie mit anderen vor Ort gegründet hat. Ich hoffe sehr, dass sie in nächster Zeit ihr Verhalten reflektiert und vielleicht erkennt, dass ihre Angst vor dem Fremden sie unvernünftig werden lässt, und dass sie vielleicht eher etwas mit sich selbst zu tun hat.

Denn die Angst vor dem Fremden funktioniert ähnlich wie die Angst vor Beziehungen: Sie kommt aus uns heraus, aus unseren eigenen Selbstzweifeln und Schwächen, nicht von einer äusserlichen Bedrohung, und nur wer sie als genau das erkennt, kann etwas gegen sie unternehmen.

Julia Wolter
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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