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Ambivalente Rolle in der abendländischen Tradition Alkohol: Rausch und Realität

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Der Alkohol, genauer Äthylalkohol (C²H²OH) ist seit ca. 5.000 Jahren ein alter Freund der Menschheit, der seit seinen Anfängen in Mesopotamien und Ägypten fast universelle Verbreitung gefunden hat.

7. Januar 2016

07. 01. 2016

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Fast alle organischen Produkte, Palmmark, Kokosmilch oder Kartoffeln, sind je nach regionalem Vorkommen schon vergoren worden und zu medizinischen, kultischen oder schlicht zu Zwecken der Ernährung genossen worden. Kulturgeschichtlich spielt der Alkohol gerade in der abendländischen Tradition eine ambivalente Rolle: Als Gabe der Natur, die freilich eine gewisse Naturbeherrschung ebenso wie eine nicht-nomadische Lebensweise voraussetzte, stand er häufig für die 'gezähmte Weiblichkeit', das überwundene, mit der Natur identifizierte Matriarchat.

Dionysos war ein effeminierter Gott, der gleichwohl unheimlich genug war, so dass er seine Tempel nur ausserhalb der griechischen Stadtmauern hatte. Innerhalb der Mauern stellten sich die sokratischen Philosophen der Herausforderung zu trinken, ohne betrunken zu werden, um die Übermacht der Seele über den irdischen Leib zu demonstrieren. In Rom war den Frauen das Alkoholtrinken ganz verboten; eine geschlechtliche Besetzung des Alkohols, die sich bis heute in Teilen gehalten hat. Setzte in vorbürgerlichen Zeiten der Anteil des vergärbaren Fruchtzuckers dem Alkoholgehalt der jeweiligen Getränke eine natürliche Grenze, so konnten mit der Erfindung der Alkoholdestillation im 11. und seiner Verbesserung ab dem 16. Jhd. hochprozentige Alkoholika für jedermann (weniger -frau) hergestellt werden.

Tiefgreifende Veränderungen des Trinkverhaltens setzten damit ein, denn während Bier und Wein weiter zur täglichen Ernährung getrunken wurden (freilich in für uns unvorstellbaren Mengen), waren die Branntweine von vorneherein besetzt als Medizin oder als schnelles, eskapistisches Betäubungsmittel. Zu Beginn des 19. Jhd. entstanden, zuerst in England als Kind der industriellen Revolution, die Theken, funktional zugeschnitten auf den sofortigen Rausch im Stehen: für die Proletarier mit wenig Zeit und vielen Sorgen zu vergessen.

Die billige Produzierbarkeit der harten Alkoholika und die teils äusserst aggressive Verkaufspraxis (viele ArbeiterInnen erhielten im vorigen Jahrhunden Teile ihres Lohns zwangsweise in Alkoholika) taten ein übriges, das Bild des trinkenden Proletariats zu zeichnen. Für die Bourgeoisie war der Alkoholkonsum der ArbeiterInnen nicht Folge, sondern Ursache ihrer sozialen Stellung und eine Bedrohung der Fabrikdisziplin - später der "Volksgesundheit" - dazu. Die US-amerikanische Bewegung für Alkoholverbote hiess daher "Anti-Saloon-League", denn die (proletarischen) Kneipen galten als Hort des Bösen, der Verwahrlosten und Aufständischen.

Der Sorge um die Volksgesundheit, die Alkoholismus als Symptom schlechten Erbguts ansah, nahm sich am konsequentesten der Nationalsozialismus an: Zwischen 1933 und 1945 wurden sog. unheilbare Alkoholiker sterilisiert, zur Zwangsarbeit verpflichtet und ermordet. Heute haben - ausser in einigen islamischen Ländern - die Temperenzler, die für mässiges Trinken eintreten, gegenüber den Abstinenzlern sich durchgesetzt. Alkoholpolitik findet meist über Steuerpolitik und Jugendschutzgesetze statt, beispielhaft in den skandinavischen Ländern zu beobachten. Abzuwarten ist, wie sich Gesundheitsreform und von Krankenkassen und Ärzten begutachtetes Trinkverhalten auf die Normierung desselben auswirken werden.

Gebrauch und Wirkung

Über Alkoholgebrauch zu schreiben und Tipps zu geben, erübrigt sich wohl. Die Wirkungen, von der geselligen Entspannung bis zum Blackout, dürften den meisten ebenso bekannt sein wie die Applikationsformen, die hauptsächlich in der benötigten Quantität sich unterscheiden - vom mühsam gezimmerten Bierrausch bis zur schnellen Abfahrt mit Tequila. Beispielhaft am Wein zeigt sich, wie die KonsumentInnen Produkt und Wirkung kulturell besetzen und einbetten können: Wer den guten Tankenwein 'Le bon Patron' trinkt, wird ein anderes Erlebnis verspüren als der Spiesser mit dem süssen Mosel-Saar-Ruwer oder der Aristokrat mit der Auswahl der Chateau de Bourdeaux Grands Crus premier classés.



Auch die Gefahren, die den TrinkerInnen drohen, dürfen als bekannt vorausgesetzt werden, heissen diese nun Erbrechen, Kater oder Abhängigkeit. Vor Alkohol am Steuer können eindringlicher die Krankenkassen warnen oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Während aber für den einmaligen Rausch gilt, dass nur, wem gesund leben das höchste Gut ist, die Finger davon lassen sollte, so gilt zumindest bei körperlicher Abhängigkeit, dass es sich lohnen könnte, einige Gedanken vorher darauf zu verschwenden, ob sie es einem wert ist (gerade angesichts einer Droge, über deren Konsum, anders als bei illegalen Drogen, zumeist weder alleine noch in der Gruppe reflektiert wird, was Erwartungshaltung und ähnliches betrifft).

Irreversible Schäden an Leber, Bauchspeicheldrüse, Gehirn (das berüchtigte Delirium tremens mit Wahnvorstellungen), Mangelernährung durch die zehrende Wirkung des Alkohols, manchmal lebensgefährliche Entzüge wie auch die ästhetischen Probleme des Bierbauches und der Aufgedunsenheit, ganz zu schweigen von der sozialen Ächtung in fortgeschritteneren Stadien der Abhängigkeit, mögen nicht jedermanns/-fraus Sache sein. Wer's wiederum mag: so schlecht leben die französischen und italienischen Weinbauern mit ihrer körperlichen Abhängigkeit, von der sie mangels kritischer Selbstbefragung meist gar nichts wissen, wohl auch nicht. Wie gesagt, die Krankenkassen wissen mehr, als wir hier aufzuführen Platz hätten.

Heftigste Vorsicht bzw. äusserst risikoarmes Experimentieren ist allerdings bei der Verwendung von Alkohol mit anderen Drogen angezeigt, da Alkohol die Wirksamkeit anderer Substanzen zu erhöhen vermag. Insbesondere bei Heroin- und Psychopharmaka-Konsum kann dies u.U. tödliche Auswirkungen haben, da die Toleranz gegenüber diesen Substanzen herabgesetzt wird. Wenig erprobt ist die Anwendung von Alkohol ausserhalb des Rahmens von Partydroge und Seelentröster, zumindest in den User-Scenes und -Subscenes der bürgerlichen Gesellschaft. Das überrascht, da die Berauschung durch vergorene Getränke zur reichhaltig dokumentierten schamanischen Praxis in Sibirien oder Afrika gehörte. Zumindest äusserlich ähneln sich mittelschwer intoxikierte Alkohol- und LSD- GebraucherInnen phänomenologisch mehr, als beide wohl wahrhaben wollen.

Mit entsprechender Inszenierung könnte vielleicht auch eine ordentliche Alkohol-induzierte Bewusstseinserweiterung drin sein, mit allen Vorbehalten, die gegenüber dem unmittelbaren intellektuellen Nutzen einer psychedelischen Bewusstseinserweiterung angebracht sind. "In vino veritas" stimmt ebenso wenig wie die einfache Behauptung des Gegenteils.

Literatur

Viele Dichter waren zugleich grosse Trinker vor dem Herrn, nicht zuletzt Geheimrat von Goethe mit mehreren Flaschen Wein, Sekt und Portwein täglich. Die grösste literarische Verarbeitung des Themas gelang Malcolm Lowry in "Unter dem Vulkan" (Rowohlt 1990), der Schilderung der letzten Tage des sich würdevoll in den Tod trinkenden Sir Geoffrey Firmin. Spekulationen über Alkohol, den Rausch und den Tod befinden sich im spritzig geschriebenen "Der Rausch - ein philosophischer Aperitif" von K. Papajorgis (Klett-Clotta 1993), und verschiedene Aufsätze zu "Rausch und Künsten" mit dem Schwergewicht auf Alkohol sind im konkursbuch 29 gleichnamigen Titels versammelt (Hg. Roth/Schuh, Verlag Claudia Gehrke 1994).

Empfehlenswerte wissenschaftliche Publikationen über Alkohol finden sich u.a. in Völger/Wölck (Hg.), "Rausch und Realität" (Reinbek 1981, 3 Bände; derzeit vergriffen, Neuauflage in Vorbereitung) - neben ethnologischen Aufsätzen äusserst lesenswerte Beiträge von I. Vogt über Alkoholfrage und Proletariat und von H. Levine über die US-Prohibitionsbewegung. Eine kritische Kulturgeschichtsschreibung über Alkohol und Alkoholbekämpfung in der bürgerlichen Gesellschaft liefern H. Spode, "Die Macht der Trunkenheit" (Opladen 1994) und W. Schivelbusch, "Der Geschmack, das Paradies und die Vernunft" (Fischer-Verlag). Äusserst lesenswert hat H. Fahrenkrug den nachprohibitiven US-Diskurs über Alkoholismus als Krankheit zusammengefasst und die neueren Kritiken daran referiert: "Alkohol, Individuum und Gesellschaft" (Campus-Verlag). Über die faschistische Alkoholpolitik in Deutschland ist uns leider keine umfassende Monographie bekannt, nur vereinzelte Informationen (bei Interesse bei uns anfragen).

Mythenprävention

Alkoholkonsum, besonders dauerhafter, war geschichtlich häufig kulturell umkämpft, und nach der Stigmatisierung von ständig Alkoholberauschten als moralisch Minderwertigen und - in manchen Ländern - als Kriminellen, ist die derzeit gängigste die Etikettierung als Kranke. Der Nutzen für einzelne, der darin besteht, dass Willigen ihre Therapien von Krankenkassen bezahlt werden, darf freilich nicht über die wissenschaftliche Unhaltbarkeit des zu Normierungszwecken gleichwohl politisch gewollten Konzeptes "Alkoholismus als Krankheit" hinwegtäuschen.

Eine unumkehrbare Stufenfolge des zunehmenden Kontrollverlustes über das Trinken, wie sie im Gefolge des Wissenschaftlers Jellinek z.B. die Anonymen Alkoholiker als Begründung der Notwendigkeit von Abstinenz vertreten, und die auf einen angeborenen Defekt zurückzuführen sei, ist bereits empirisch nicht zu belegen und trifft auf der Beschreibungsebene bloss für einige kompulsive AlkoholkonsumentInnen zu. Weder einheitlicher Verlauf noch gar eine irgendwie einheitliche, überhaupt die eine, dingfest zu machende Ursache lassen sich bei sog. AlkoholikerInnen festmachen. Insbesondere das häufig versprochene, nie aber bewiesene Alkoholikergen taugt allein als autoritäres Ideologem über vorab festgeschriebene Lebenswege von Individuen und erfreut sich als solches bei Bescheidwissern wieder zunehmender Beliebtheit: Irgendwas muss doch da sein.

Realistischer erweist sich ständiger Alkoholgebrauch meist als Geflecht aus Zuschreibung, Zwang, erlerntem und frei gewähltem Verhalten, so dass eine individuell gewünschte Veränderung auch stets nur individuelle Lösungen zeitigen kann - ob Totalabstinenz, mässiges oder Quartalstrinken. Wer darüber hinaus normative Aussagen über Individuen, deren Freiheit negierend, meint machen zu müssen, steht zu Recht im Verdacht, unerwünschte Verhaltensweisen als anormal dingfest und damit therapierbar und kontrollier- oder aussonderbar machen zu wollen. Bezeichnenderweise stellt erst die bürgerliche Gesellschaft die Frage der Abhängigkeit an die Einzelnen; in der zahlreichen griechischen Alkoholliteratur steht stets der einzelne Rausch im Mittelpunkt der Kritik, nie die dauerhafte Berauschung. Andere Legenden sind eher tradierte Trinkvorstellungen.

So sind Phänomene wie Filmriss und Kater, wie bereits den äusserst unterschiedlichen Häufigkeiten, in der sie bei verschiedenen Trinkenden vorkommen, zu entnehmen ist, keinesfalls bloss pharmakologisch bedingt, sondern entspringen ebenso Verarbeitungsformen des Rausches, Schuldbewusstsein etc. "Rausch und Realität" berichtet von Mitgliedern eines indigenen Stammes, die sich zu tagelangen, rein hedonistischen Alkoholexzessen treffen - und direkt danach keine Nachwirkungen verspüren. Ebenso wenig taugt der Alkoholgenuss, jenseits legislativer Setzung, zum Nachweis der Unzurechenbarkeit. Wie Alkohol genutzt wird, um sich das erotische Anbandeln endlich zu getrauen, so nutzt auch der, der meint, betrunken die sexistische Sau rauslassen zu können, den Alkohol - und nicht der Alkohol ihn.

Und wenn schliesslich Volksgenossen sich die Hucke vollhauen, um nicht etwa torkelnd auf den unmittelbaren Lustgewinn aus zu sein, sondern "bierernst" (auch so ein deutsches Wort) und äusserst koordiniert AusländerInnen zu jagen und totzuschlagen, das ganze Land diese besonders in der Zone beliebten Himmelfahrtsvergnügen aber mit der alkoholisierten Stimmung entschuldigt, sagt das wenig über die Wirkung des Alkohols, viel aber über die ebenso tabuierten wie ersehnten Regungen im postfaschistischen Deutschland aus. Alkoholgenuss muss keinesfalls den stumpfen, sexistischen und rassistischen Alltag in den Rausch verlängern, noch muss dieser, dem Set und Setting abgerungene stumpfe sexistische und rassistische Rausch dann als das ganz Andere, Wilde und Unzivilisierte verklärt und abgeschoben werden. Der Rausch hat wahrlich besseres verdient.

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