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Adornos Utopie | Untergrund-Blättle

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Jenseits von Fülle und Mangel Adornos Utopie

Gesellschaft

Die Utopie ist eine der bestimmendsten Denkfiguren Adornos, Bezugspunkt all seines Denkens. Für sie kennt er verschiedene Bestimmungen, sicher ist jedoch, dass der Mangel, die Deprivation der Bedürfnisse überschritten werden muss.

Gedenktafel für Theodor W.
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Bild: Gedenktafel für Theodor W. Adorno an seinem Wohnhaus im Kettenhofweg in Frankfurt am Main, Stadtteil Westend-Süd. / Frank BehnsenatGerman Wikipedia (CC BY-SA 3.0 unportded - cropped)

10. Juni 2016
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Jene Gesellschaft „ist das Interesse aller (und) einzig durch eine sich selbst und jedem Lebenden durchsichtige Solidarität zu verwirklichen“ (2003a:203f). Eine Welt, in der jeder Mensch „ohne Angst verschieden sein“ (2003b) kann und der Mensch mit sich selbst identisch wird. Freiheit und Notwendigkeit

In einer Welt, in der individuelle Reproduktion repressiv mit gesellschaftlicher Reproduktion kurzgeschlossen ist, scheint Freiheit nur als Einsicht in die Notwendigkeit zu bestehen. Adorno erkennt hierin jedoch einen Fehler der philosophischen Tradition, „(sie) konfundiert (…) im Geist von Unterdrückung, Freiheit und Verantwortung“. Könnte sie diese falsche Identität auflösen, „so ginge diese über in die angstlose, aktive Partizipation jedes Einzelnen: in einem Ganzen, welches die Teilnahme nicht mehr institutionell verhärtet, worin sie aber reale Folgen hätte“ (2003a:261).

Damit eine Gesellschaft Bestand hat gibt es Notwendigkeiten, wie Nahrungsproduktion, Kinder, etc., jene Notwendigkeiten sind jedoch auf gesellschaftlicher Ebene angesiedelt. Individuell sind sie nur durchschnittlich zwingend. Es besteht ein individueller Freiheitsraum. Jener muss organisiert, geschaffen und gesichert werden, doch sind gesellschaftliche Notwendigkeiten vereinbar mit individueller Freiheit.

Gesellschaftliche Teilnahme müsste nicht mehr zwanghaft über Geldabhängigkeit und staatliche Gängelung durchgesetzt werden, sondern könnte sich frei entfalten, selbst herstellen. Das Reich der Notwendigkeit könnte im Reich der Freiheit aufgehoben werden, da das weiterhin Notwendige nicht mehr erzwungen werden müsste. „Was gesellschaftlich, bei radikal verkürzter Arbeitszeit, an Arbeitsteilung übrigliebe, verlöre den Schrecken, die Einzelwesen durch und durch zu formen“ (2003a:275).

Jenseits von Fülle und Mangel

Die Utopie Adornos kennt keinen Mangel mehr, sie ist eine Gesellschaft unter „Bedingungen entfesselter Güterfülle“ (2003a:218), „eine Menschheit, welche Not nicht mehr kennt“ (2003a:179). Jedoch ist eben jene Erfüllung als Bestimmung unzureichend, sogar falsch. Adorno wendet sich gegen „Vorstellung vom fessellosen Tun, dem ununterbrochen Zeugen, der pausbäckigen Unersättlichkeit, der Freiheit als Hochbetrieb“ (2003b:178).

Der Kommunismus kann nichts von der Betriebsamkeit der sozialistischen Produktionsdisziplin haben. Jener Absage an die „blinde Wut des Machens“ (2003b:178) gesellt sich noch eine andere Absage hinzu, jene an die immerwährende steigende Fülle des Lebens. Hier wendet sich Adorno auch gegen Vorstellungen von Reichtum als ständig fortschreitende Differenzierung und Entfaltung von Bedürfnissen:

„Die Idee einer Fülle des Lebens, auch die, welche die sozialistische Konzeptionen den Menschen verheissen, ist darum nicht die Utopie, als welche sie sich verkennt, weil jene Fülle nicht getrennt werden kann von der Gier, von dem, was der Jugendstil Ausleben nannte, einem Verlangen, das Gewalttat und Unterjochung in sich hat. Ist keine Hoffnung ohne Stillung der Begierde, dann ist diese wiederum eingespannt in den verruchten Zusammenhang des Gleich und Gleich, eben des Hoffnungslosen. Keine Fülle ohne Kraftmeierei.“ (2003a:371)

Jener Fülle, Abwesenheit von Mangel, Bedingung von Befreiung, wird eine Absage erteilt. Ziel ist nicht immer mehr Fülle und Reichtum, dieser reproduziert nur wieder die Not (vgl. 2003b:179), denn mit steigender Fülle steigen auch die Wünsche des Menschen – ein ewiger Kreislauf des Wollens. Es geht um die Befreiung von den Bedürfnissen, dem ewigen Wollen, nicht aber durch deren Abwertung, sondern deren endgültige Stillung:

„Fluchtpunkt des Materialismus wäre seine eigene Aufhebung, die Befreiung des Geistes vom Primat der materiellen Bedürfnisse im Stand ihrer Erfüllung. Erst dem gestillten leibhaften Drang versöhnte sich der Geist (…)“ (2003a:207)

Adornos Kritik und Vorhaben ist zuzustimmen, jedoch vermag er aufgrund seiner psychoanalytischen Konzeption die Versöhnung nicht zu greifen. In der Psychoanalyse ist der Mensch zuallererst ein ungesellschaftliches Wesen, welchem die Gesellschaft als Herrschaftsinstanz – gleichzeitig einzige Überlebensmöglichkeit – gegenübertritt. Jene Herrschaft wird durch Sublimierung der Triebe administriert, abgemildert. Somit ist auch Herrschaftsfreiheit nur durch weitere Triebsublimierung, Triebdifferenzierung, ewiges (neues) Wollen zu denken.

Dies erkennt Adorno als falsch, kann der Konsequenz im psychoanalytischen Theorierahmen jedoch nicht entkommen, so bleibt seine Aussage bloss Appell, leere Hoffnung. Nun ist aber der Mensch als gesellschaftliches Wesen geworden, in (gegenseitiger) Abhängigkeit von anderen, seine Natur eine gesellschaftliche. Diese Aussage impliziert keine Harmonisierung – und damit Unterordnung – des besonderen Menschen mit der gesellschaftlichen Allgemeinheit, sondern führt in der Kritischen Psychologie zur Konzeption einer gesellschaftlichen Bedürfnisgrundlage des Menschen: der Mensch möchte seine gesellschaftlichen Bedingungen mitgestalten (produktive Bedürfnisse).

Dies bedeutet, dass die Bedürfnisse des Menschen nicht von der Gesellschaft in der er lebt getrennt werden können. Doch wie wir zur Gesellschaft ein bewusstes Verhältnis erringen können, können wir auch zu unseren Bedürfnissen ein bewusstes Verhältnis gewinnen. Sie müssten als Fühlbares, Wahrnehmbares nicht mehr im gegensätzlichen Schema befriedigt/unbefriedigt bleiben, sondern könnten mit Aufwand und Realisationsmöglichkeiten in Verbindung treten.

In konkreten gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen können Bedürfnisse formuliert, befragt, präzisiert werden. Sie wären keine biologisierte fremde Macht mehr, sondern unsere eigene Bedürftigkeit wäre eine befragbare Basis unserer gesellschaftlicher Entscheidungen: Wieviel Erdbeeren wollen wir, und wieviel Aufwand ist uns dies wert? Vielleicht ist dies die Versöhnung von Geist und Körper, die Adorno nur metaphysisch-unbestimmt fordern kann.

Tausch und dessen Überwindung

Für mich am seltsamsten klang ein Abschnitt in der Negativen Dialektik der mit „Zur Dialektik von Identität“ überschrieben war und wohl die Grundlage darstellt warum manche Adornit*innen weder tausch-, noch geldkritisch sind:

„würde als Ideal verkündet, es solle, zur höheren Ehre des irreduzibel Qualitativen, nicht mehr nach Gleich und Gleich zugehen, so schüfe das Ausreden für den Rückfall ins alte Unrecht. Denn der Äquivalententausch bestand von alters her gerade darin, dass in seinem Namen Ungleiches getauscht, der Mehrwert der Arbeit appropriiert wurde. Annuliert man simpel die Masskategorie der Vergleichbarkeit, so träten anstelle der Rationalität, die ideologisch zwar, doch auch als Versprechen dem Tauschprinzip innewohnt, unmittelbar Aneignung, Gewalt (…)“ (2003a:150)

Auch an anderen Stellen wird er deutlich:

„Kritik am Tauschprinzip als dem identifizierenden des Denkens will, dass Ideal freien und gerechten Tauschs, bis heute bloss Vorwand, verwirklicht werde. (…) Würde keinem Menschen mehr ein Teil seiner lebendigen Arbeit vorenthalten, so wäre rationale Identität erreicht, und die Gesellschaft wäre über das identifizierende Denken hinaus.“ (2003a:150)

Nun kann das Gesagte auf zwei Arten verstanden werden: Entweder „freier und gerechter Tausch“ ist ein bloss beschreibendes Chararkeristikum des Kommunismus, oder aber Adorno vertritt die These, eine befreite Gesellschaft bedarf des „verwirklichten“ Prinzip des Tausches als gesellschaftliches Organisationsprinzip. Meines Wissens nach gibt es bei Adorno sonst keine so klaren Stellen zum Tausch, somit ist diese Frage schwer zu klären. Wäre das erstere gemeint, dann wären diese Aussagen eine Bestimmung des Kommunismus, beispielsweise in der Hinsicht, dass niemand zurückstecken muss für ein allgemeines Ziel, dass sich über die individuellen Bedürfnisse der Menschen stellt.

Kein Arbeiten für die Partei o.ä. Es wäre die Verteidigung der Freiheit und der Wahl des Einzelnen. Jedoch stellt sich hier die Frage weshalb jemand Angst haben müsste, dass ihm*ihr ein Teil der verausgabten lebendigen Arbeit vorenthalten würde, wenn wir von einer Gesellschaft der erfüllten materiellen Bedürfnisse sprechen.

Wenn nun jedoch der Tausch das gesellschaftliche Organisationsproblem werden soll, stellen sich schwere Fragen. Adornos Einstellung zur Klassentheorie war nie ganz klar, hier jedoch würde der Kapitalismus zur Ausbeutungsproblematik redigieren. Allein die Aneignung des Mehrwert scheint das Problem der verallgemeinerten Tauschwirtschaft. Er behauptet die Herrschaft wäre mit dem Ende der Ausbeutung abgeschafft. Jedoch führt Tausch zu Konkurrenz und Konkurrenz zu Profitzwang und jener zum Zwang der Ausbeutung.

Verallgemeinerter Tausch setzt alle Produzent*innen in Konkurrenz, sie können ihre Sicherheit nur gegen andere durchsetzen, Profit bleibt die einzige Wahl Sicherheit in Zukunft zu erhalten. Um Profit zu gewinnen, muss das “Ideal freien und gerechten Tausches” verletzt werden, nicht sporadisch durch Betrug, sondern strukturiert durch Aneignung des Mehrprodukts der Lohnarbeit. Das Ende der Ausbeutung wäre unvereinbar mit dem Fortleben des Tauschprinzips. Zusätzlich wird mit der Beibehaltung der Tauschabstraktion die gesamte Fetischkritik, die Verselbständigung der Verhältnisse, ausgelassen, die eben aus jener apersonalen Tauschvergesellschaftung entspringt. Keine Befreiung mit dem Organisationsprinzip Tausch.

Simon Sutter
keimform.de

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