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Widerstand gegen Big-Tech geht nicht ohne die dort Beschäftigten

Eine Konferenz in Berlin könnte der Auftakt für eine längere Kampagne werden Widerstand gegen Big-Tech geht nicht ohne die dort Beschäftigten

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Digital

Vom 10.- 12. April tagte in Berlin die Konferenz Cable of Residenz. Fast 1000 Menschen aus ganz Deutschland und anderen Ländern beteiligten sich daran. Die Konferenzorganisator*innen trafen mit ihrem Motto „Wir haben genug von Big Tech“ den Nerv von vielen Menschen.

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Foto: Peha (CC-BY-SA 4.0 cropped)

Datum 25. April 2026
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Drei Tage lang diskutierten auf der Konferenz Gewerkschafter*innen, Beschäftigte von Big Tech, wütende Mietrebell*innen sowie Klimaaktivist*innen miteinander. Auf der Konferenz kamen in den unterschiedlichen Foren und Paneels Menschen zu Wort, die die in den Tech-Firmen ihre Lohnarbeit verkaufen.

Wenn Tik-Tok-Beschäftigte streiken

Dazu gehört Sonthaya Etschenberg, die eine wichtige Rolle beim Streik der Content-Moderatoren im letzten Jahr gespielt hat. Sie wollten verhindern, dass ihre Arbeit durch Künstliche Intelligenz ersetzt wird. Obwohl der Streik nicht erfolgreich war, hat Etschenberg ihren Optimismus nicht verloren. „Arbeiterinnen und Arbeiter, die vorher völlig angepasst waren, wurden bald so wütend, dass sie am liebsten den Betrieb anzünden wollten“, brachte Etschenberg die Veränderungen auf den Punkt, die der Arbeitskampf bei ihren Kolleg*innen bewirkte. Sie gab sich überzeugt, dass es in Zukunft noch häufiger solche Arbeitskämpfe in der Big-Tech-Branche geben wird.

Die für diese Branche zuständige Berliner IG-Metall-Sekretärin Sabrina Lamers benannte auch die Probleme, mit denen renitente Beschäftigte in der Tech-Branche konfrontiert sind. Ein besonders anschauliches Beispiel waren die Betriebsratswahlen in der Tesla-Fabrik bei Grünheide vor einigen Wochen. Das Management machte deutlich, dass sie die eine Mehrheit für die IG-Metall-Betriebsratsliste unter allen Umständen verhindert werden sollte. Die IG-Metall wurde bekämpft wie eine feindliche linke Organisation. So wurde ein IG-Metall-Sekretär mit der Polizei aus dem Werk entfernt. Die Union-Busting-Aktionen hatten Erfolg. Die IG-Metall-Liste verlor an Stimmen, eine unternehmernahe Liste gewann. Jetzt wird das Ergebnis vom Arbeitsgericht überprüft

Union-Busting-Methoden von Musk und Co.
Doch auffällig war, dass es wenig Proteste gegen die wochenlange Kampagne Union-Busting-Kampagne gegen die IG-Metall in Deutschland gab. Dabei wurde im Tesla-Werk das gewerkschaftsfeindliche Drehbuch eines Elon Musk in die Praxis umgesetzt Vor einigen Monaten gab es noch auch in verschiedenen Städten hierzulande Aktionen Proteste gegen Tesla-Filialen. Damals stand Musk noch als Mann mit der Kettensäge im Dienste von Trump. Nach einer als Hitlergruss interpretierten Armbewegung war vielen klar, dass Musik ein Nazi ist.

Merkwürdig nur, dass die Union-Busting-Methoden, die weniger Interpretationskraft als eine Armbewegung bedürfen, auf wenig Empörung stiess. Das zeigte sich auch in einem Interview, dass zwei Konferenz-Organisator*innen am 10 April mit der Zeitung nd. Die Woche führte. Da wurde neben vielen anderen Protesten auch die Tesla-Fabrik in Grünau erwähnt: Dabei ist aufgefallen, dass die Union-Busting-Aktionen gegen die IG-Metall im Vorfeld der Betriebsratswahl gar nicht erwähnt wird.

Es heisst dort vielmehr zu Tesla: „Gerade in Brandenburg war die Erzählung in der Politik stark, dass die Elektroautos von Tesla eigentlich in eine ökologische Zukunft gehören, obwohl Tesla das Unternehmen eines faschistischen Milliardärs ist und Elektroautos nicht der Weg in eine klimagerechte Zukunft sind“. Da zeigt sich mal wieder, dass dort wo starke Adjektive wie faschistisch auftreten, noch lange nicht die realen arbeiter*innen und gewerkschaftsfeindlichen Aktionen von Tesla benannt werden.

Wenn so viel von Faschismus und so wenig von Kapitalismus die Rede ist

Da wird schnell ein Gegensatz zwischen Faschismus versus Demokratie hergestellt. Das wird besonders deutlich in einem Beitrag des in Münster lehrenden Philosophen Rainer Mühlhoff. In dem Beitrag ist viel g vom Faschismus in Bezug auf Musk und Co. die Rede, aber so gut wie nie vom Kapitalismus. Dabei würden die von Mühlhoff genannten Kritikpunkte, die er als faschistisch bezeichnet, auf fast alle grösseren kapitalistischen Unternehmen zutreffen und haben historisch auf verschiedene Formationen des Kapitalismus zugetroffen.

Was aktuell die Big-Tech-Branche ist, war einmal die Metall- oder die Autoindustrie. Alle Kapitaleigentümer haben ihre Machtinstrumente, einschliesslich des Faschismus, genutzt, um ihre Profite zu erhöhen. Aktuell kann man Tech-Milliardären wie Musk das gleiche vorwerfen. Doch es ist politisch fatal, wenn man das Agieren von Musk und Co. unter das Prädikat Faschismus stellt und die Kritik am Kapitalismus vergisst. Das wird besonders bei den politischen Konsequenzen deutlich, die Mühldorff im ND-Beitrag vorschlägt:

„Gegen den neuen Faschismus zu kämpfen, bedeutet daher, einander den Wert der freiheitlichen Rechtsordnung und der Demokratie in einer globalisierten Welt zu vermitteln und zu verteidigen. Auch und besonders dadurch, dass diejenigen klar benannt werden, die diese Ordnung angreifen und abschaffen wollen. Keine Institution unseres Gemeinwesens sollte sich auf eine Position der vermeintlichen politischen Neutralität berufen, wenn es um die Frage von Demokratie oder Antidemokratie geht.“ Rainer Mühldorff, Neues Deutschland

Wenn die fgdo beschworen wird

Da wird dann genau jene freiheitlich-demokratische Grundordnung beschworen, die seit Jahrzehnten in Deutschland die Rahmen für die Durchsetzung der kapitalistischen Profitordnung darstellt. Viele der auf der Cable of Residenz benannten gewerkschafts- und arbeiter*innenfeindlichen Aktionen werden durch diese fdgo nicht verhindert. Vielmehr gibt es dort höchstens einige Regularien, die auch als Erfolge der Kämpfe der Beschäftigten und ihrer Gewerkschaften gelten können. Es ist gut, dass wir auf der Konferenz viel von den Kämpfen der Arbeiter*innen in der Branche hörten, dass sie auf vielen Paneelen selber zu Wort kamen.

Genau hierin besteht der grosse Pluspunkt der Konferenz und hierin besteht auch die Perspektive. Der Protest gegen die Big-Tech-Branche kann nur als antikapitalistischer Kampf gemeinsam mit den Beschäftigten erfolgreich sein, wie die Publizistin Nina Scholz in ihrem Eingangsreferat auf der Auftaktveranstaltung betonte. Dann verbietet sich auch jede Romantisierung eines Kapitalismus früherer Phasen.

Die Big-Tech-Branche hat vielmehr die Rolle übernommen, die vor Jahrzehnten die Kohlezechen und die Automobilindustrie hatten. Wie damals ist auch heute der Kampf der dort Beschäftigten der Schlüssel für den Erfolg. Dass dieser Grundsatz zumindest auf der Konferenz unumstritten war, weckt Hoffnungen. Es wäre ein enormer Rückschritt, wenn der Kampf gegen Big Tech auf die Erzählung Demokratie versus Faschismus verengt und damit im Sinne von Mühldorff als Kampf für die fdgo eingehegt würde.

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