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Telegram ist keine Alternative Chat & Kalender passt nicht!

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Seit einiger Zeit ploppen immer mehr Chatgruppen auf, und dies nicht nur ausschliesslich in WhatsApp.

Xmpp Treffen in Brüssel, Februar 2013.
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Bild: Xmpp Treffen in Brüssel, Februar 2013. / Lloydwatkin (CC BY-SA 2.0 cropped)

10. November 2020

10. 11. 2020

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Diese Gruppen sind bekanntlich thematisch und umfassen einen mehr oder weniger klaren Inhalt. Zum Beispiel werden so öfters Mitfahrgelegenheiten oder Veranstaltungen in Telegram Gruppen oder Kanälen geteilt.

Dies mag auf den ersten Blick sinnvoll und informativ sein, ist es aber nicht, sondern nur Bequem für die Veranstalterin aber unübersichtlich für alle anderen. Dafür gibt es Datenschutz-freundlichere so wie auch sichere Methoden um dies zu kommunizieren.

Chat ist kein Kalender

Erstens: Eine Chat-App, egal ob WhatsApp oder Telegram oder was auch immer, ist, auch wenn dies in Gruppen (Kanälen) geschieht, sehr ungünstig für Termin-gebundene Mitteilungen. Sprich Veranstaltungen, Mitfahrgelegenheiten oder dergleichen verschwinden in der chronologischen Order der Chats. Das liegt in der Natur dieser Apps und verhindert deren Übersicht so wie das nachträgliche Nachsehen - die Nachrichten gehen in der Zeitlinie unter. Die Apps sind auch für Kommunikationen konzipiert, die der mündlichen Interaktion sehr nahe kommen und nicht einer Plakatwand oder Agenda. Da ist die Kommunikation von Sender zum Empfänger ein wenig anders.

Die Krux mit WhatsApp & Telegram

Da eine Konversation chronologisch erfolgt, sind die Einträge in einer Chatgruppe ebenfalls als solche aufgeführt. Wenn du eine Veranstaltung drei Wochen vor deren Durchführung in eine Chatgruppe postest, ist diese innerhalb max. einem halben Tag für anderen nicht mehr sichtbar (klar kommt es auf die Gruppengrösse und deren Aktivität an). Deine Ankündigung geht in der Masse unter und deswegen postest du regelmässig deine Veranstaltung nochmals in die Gruppe, und zack giltst du als Spamer. Je nach Gruppe fliegst du gleich raus oder wirst verwarnt oder du bist bestenfalls unbeliebt. Alles Dinge die es zu vermeiden gilt, aber die Natur von einem Gruppen-Chat mit sich bringt.

Daten-Monopolisten

Da WhatsApp so wie Telegram zentral verwaltet werden und die Anmeldung bei beiden an deine Smartphone Telefonnummer gebunden ist, ist ein Wiedereinstig in eine Gruppe so gut wie unmöglich, wenn Mensch geblockt wurde. Des weiteren senden beide Apps dein ganzes Telefonbuch von deinem Handy auf ihre Server, anders ist deren Nutzung nicht möglich. Das sind persönliche Daten deiner Freunde und Genossen, welche niemanden etwas angehen und so auf diesem Weg eigentlich ein Verrat begangen wird.

Möchtest du, dass deine Kontaktdaten, ungefragt weiter gegeben so wie detailliert ausgewertet werden? Wahrscheinlich nicht, aber genau das tust du Tag für Tag wenn du diese beiden Dienste nur schon auf deinem Smartphone hast. Denn diese Daten werden regelmässig abgerufen, dafür hast du das Einverständnis gegeben, deine Kontakte aber nicht. Des weiteren fallen diese Daten bildlich gesprochen in einen Silo, aus dem sie nicht wieder rauskommen. Du hast keine Daten-Souveränität und die Daten wieder endgültig da raus zu holen ist ein Ding (fast) der Unmöglichkeit.

Verschlüsselung

Jetzt werden aber einige bemerken, dass die Nachrichten doch verschlüsselt seien. Das ist aus Sicht der IT-Sicherheit ein Witz. Eine Verschlüsselung, die nur den Inhalt der Kommunikation verschlüsselt, ist unzureichend und hat mit Sicherheit nichts zu tun. Denn die Metadaten, wer mit wem, in welcher Gruppe, zur welchem Zeitpunkt, von welchem Standort und wie häufig, werden sehr genau protokolliert. Diese Erkenntnisse lassen mehr Rückschlüsse auf eine Person zu als was diese z.B. schreibt oder sagt. Personen werden durch ihr soziales Umfeld definiert und kategorisiert. Die Verwendung dieser Daten wird erst später definiert, aber trotzdem schon jetzt verwendet.

Kommt noch dazu, das WhatsApp zwar standardmässig eine starke Verschlüsselung hat, aber die personenbezogenen Daten so wie deren Übertragung für den Betreiber Facebook klar ersichtlich ist. Bei Telegram ist die rel. unsichere Verschlüsselung nicht standardmässig aktiviert und geht deswegen öfters unter. Auch da analysiert Telegram genau, wie seine Nutzer auf ihrer Plattform interagieren. Des weiteren wurden schon mehrfach Leaks (Veröffentlichungen) von Daten und Chatgruppen bekannt.

Sichere Übertragung und Nachrichten beinhaltet alle drei folgende Punkte:
  • Integrität: Kann ich sicher sein, dass dies mein Gegenüber auch so gesendet hat, wurde diese nicht verändert während der Übertragung?
  • Vertraulichkeit: Können nur die Personen die Nachricht sehen, hören, etc., für die sie auch bestimmt ist?
  • Verfügbarkeit: Kann ich zur gewünschten Zeit mit dem gewünschtem Gerät (Mobile, PC) die Nachrichten senden, so wie empfangen und lesen, ansehen?

Daten sammeln

Des weiteren ist es für einen durchschnittlich talentierten Programmierer keine grosse Sache, ein Programm zur Schnittstelle zum Interagieren und Daten auslesen mittels API zu schreiben. Ein API ist eine Schnittstelle zu den Diensten, die man in einem eigenen Programm verwenden kann. Auch wenn die Telefonnummern nicht für alle Gruppenmitglieder sichtbar sind, kann dies das Programm sehr wohl über die API auslesen, und eine solche gibt es von Telegram und WhatsApp. Damit lassen sich praktische Bots schreiben oder auch die Daten der Gruppenteilnehmer auslesen und diese zu beliebigen Zwecken weiter verwenden. Das kann unter Umständen auch zu einem viel späteren Zeitpunkt geschehen und unerwünschte Folgen nach sich ziehen.

XMPP/Jabber kann eine Lösung sein

Was und wie XMPP/Jabber (Jabber ist der nettere Name für XMPP) funktioniert, würde einen eigenen Artikel füllen und wurde schon mehrfach im Internet beschrieben, mal mehr allgemein ein andermal mehr technisch, doch was ist XMPP?

XMPP ist ein Open-Source Chat Protokoll mit dem auch ohne grossen Aufwand eine Ende zu Ende verschlüsselte Chat-Nachricht mittels OMEMO gesendet und empfangen werden kann. Des weiteren sind öffentliche und private Gruppenchats (auch moderiert) so wie das Versenden von Bildern, Videos, Standorte und Links möglich. Die weiter oben aufgezählten Sicherheitsaspekte erfüllt ein richtig aufgesetzter XMPP Server mit einem OMEMO tauglichen Client (App).

Dies geschieht im Gegensatz zu WhatsApp oder Telegram nicht über einen zentralen Server, du hast die Auswahl welcher Server von welchem Betreiberin dir am Besten zusagt. Theoretisch kannst du sogar einen eigenen Server betreiben. Es wird für die Registrierung eines Kontos keine Telefonnummer benötigt und in den seltensten Fällen eine Email.

Auch die Anzahl der Programme, mit der du auf den/die Server zugreifen kannst, ist fast unendlich. Wichtig dabei ist, dass der Client die OMEMO Verschlüsselung zu 100% unterstützt. Für das Smartphone ist z.B. der Client (App) blabber.im für Android oder Monal für iOS (iPhone & iPad) m.M.n. zu empfehlen.

Vertrauen

Abgesehen davon, dass deine Software oder App zu 100% OMEMO unterstützen muss (siehe oben), musst Du aber auch dem Server Vertrauen schenken können. Doch wie, wenn fast jede/r einen Server betreiben kann? Der Vertrauensvorschuss ist das Wichtigste, was die oder der Betreiber/in als Währung hat. Unter anderem sollten so wenig Metadaten wie nur nötig für den Betrieb gespeichert werden, und dazu muss die App aber auch den eigenen Bedürfnissen nach Datenschutz gerecht werden. Diese sind je nach Person unterschiedlich und das muss jede für sich selber entscheiden, da kann und will ich dir nichts vorschreiben. Hier mal eine kleine Auswahl von XMPP Dienste denen m.M.n. vertrauen kann, sucht euch eine oder mehrere aus. Einige von ihnen sind auch per Onion hidden Services (Tor) zu erreichen. Eine Liste aller öffentliche Jabber Server findest du hier...

Doch kein Kalender

XMPP ist aber immer noch keine Kalender App oder dergleichen, obwohl Standorte in einigen Clients geteilt werden können. Hier stehen wir wieder vor demselben Dilemma wie weiter oben besprochen. Da wir uns einig sind, dass wir Facebook, LinkedIn-Events oder Google Kalender meiden, da diese rein gar nichts emanzipatorisches/progressives an sich haben und bloss den Überwachungskapitalismus fördern, suchen wir nach adäquaten Kalendern, deren Einträge auch unter anderem mittels XMPP geteilt werden können.

Im Fediverse liegt die Antwort

Warum das Fediverse den anderen gängigen Diensten zu bevorzugen ist, hatte ich schon in einem ausführlichen Artikel erwähnt und werde deswegen hier nicht weiter darauf eingehen. Nur so viel dazu, in der Fediverse kannst du deinen gewünschten Dienst so wie Server (Instanz genannt) nach deinen Bedürfnissen aussuchen oder gar betreiben und du kannst, egal von welchem Dienst auch immer im Fediverse, den Menschen folgen und/oder ihre Posts kommentieren und/oder Liken und dies über Instanzen und Dienste hinweg. Das ergibt ein grosses Netzwerk über mehrere Server hinweg und dies möchten wir auch für unsere Kalender haben. Alle diese Kalender lassen deren Events auch auf deinem elektronischen Kalender übertragen, da die gängigen Standards unterstützt werden.

Mobilizone

Mobilizone ist das jüngste Kind was die Fediverse Kalender angeht und dadurch sind noch nicht so viele Instanzen (Server) im deutschsprachigen Raum vorhanden. Dies kann noch werden, da so gut wie alle eine Instanz aufziehen können. Eine Liste mit vorhandenen Instanzen findest du hier.

Gancio

Gancio kommt aus dem Italienischen Raum und hat dadurch auch dort die meisten Instanzen. Der Schwerpunkt liegt klar bei der Mobilisierung von emanzipatorischen Ideen. Eine deutschsprachige Instanz ist z.B. 161.social, die zusätzlich per Lemmy eine Links-Sammlung anbietet.

Gathio

Gathio ist besonders auf Datenschutz und einfache Handhabung getrimmt, denn eine Woche nach Veranstaltungsende verschwindet der Eintrag auf dem Server für immer. Zum Eintragen von Events wird kein zusätzliches Konto benötigt. Die angegebene Email wird nicht veröffentlicht und dient lediglich der Authentifizierung, damit der Event im Nachhinein noch geändert werden kann.

Friendica

Friendica ist eigentlich von seinem Umfang her salopp gesagt, das Facebook im Fediverse und hat deswegen auch eine Kalender Funktion. In meinen Augen ist der Nachteil dabei, dass der Überblick durch die Funktionsvielfalt für einige verloren gehen kann. Wer allerdings schon bei einer Friendica Instanz ein Konto besitzt, kann durchaus auch hier seine Veranstaltungen veröffentlichen.

Fazit

Lasst bitte die Finger von WhatsApp und Telegram, auch wenn dies offenbar schwer fällt. Nutzt für Chats, nur solche Messenger, denen ihr auch wirklich vertrauen könnt und keine Daten weitergeben. Das löst XMPP gut und es wird dafür auch keine Telefonnummer benötigt. Erstellt Veranstaltungen in Kalender der Fediverse und sagt diese z.B. mittels XMPP weiter und das Fediverse trägt durch seine Vernetzung ebenfalls seinen Beitrag dazu. Sagt all das euren Freundinnen weiter und teilt mit ihnen diesen Artikel! Wissen muss geteilt werden damit es sich vermehrt, denn nur so sind wir gemeinsam stark.

Danke dass du bis hierhin durchgehalten und alles gelesen hast. Ist dir noch was unklar oder hast du Ergänzungen dazu, die ich vergessen habe? Schreibe diese doch bitte in die Kommentare.

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