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KI und K1: Was Technik mit uns macht

Was Technik mit uns macht KI und K1

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Künstliche Intelligenz (KI) und ein Blick aufs „Kapital“ von Karl Marx, Band 1 (K1): Was ist eigentlich neu bei den technologischen Neuerungen?

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Foto: Stable Diffusion (PD)

Datum 13. April 2026
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Künstliche Intelligenz (KI) ist seit Jahren ein öffentliches Aufreger-Thema, wobei es sich kaum ein Artikel nehmen lässt, die vielfältigen Möglichkeiten dieser neuen Technologie hervorzuheben. Ebenso gilt es, vor deren möglichen Gefahren zu warnen, etwa in Bezug auf den Arbeitsmarkt. Aber auch Technikfantasien vom Aufstand der Roboter oder von einer Welt der Deepfakes sind hier en vogue, sogar die Auslöschung der Menschheit wurde schon befürchtet.

Dabei kam diese Alarmmeldung zum „risk of extinction“ ausgerechnet von jenen, die KI „massgeblich entwickelt haben und weiter entwickeln“, wie Björn Hendrig 2023 in seiner KI-Reihe feststellte. Dort hatte er auch die Klassiker vom Spannungsverhältnis zwischen Fluch und Segen oder vom unvermeidlichen Blick auf die Risiken und Nebenwirkungen Revue passieren lassen.

Im Endeffekt zeigt sich: Neu mag die jeweilige „bahnbrechende“ Technologie sein, für die Argumente, die in ihrem Zusammenhang bemüht werden, gilt das nicht. Sie wirken eher alt und abgedroschen, so wie man sie seit der industriellen Revolution kennt und wie sie etwa Karl Marx in seinem „Kapital“ – erster Band, bekannt als K1 – vor 150 Jahren aufgespiesst hat.

Immer das gleiche Lied

Die Argumentation, die sich mit Entwicklungsgang und Antriebskräften von Neuerungen befasst, hat sich seit Einführung der Dampfmaschine im Grunde nicht verändert. Bei der Darstellung neuer Technologie werden zunächst einmal die vielen Möglichkeiten betont, die sich hier bieten: „Jede Verbesserung, welche die Gleichförmigkeit des Bodens fördert, macht die Dampfmaschine zur Erzeugung mechanischer Kraft anwendbar … Pferdekraft wird erheischt, wo krumme Hecken und andere Hindernisse gleichförmige Aktion verhindern.
Diese Hindernisse schwinden täglich mehr … Ferner kann das Pferd bei voller Entfaltung seiner Gesundheit nur 8 Stunden täglich angewandt werden. Durch Dampfkraft können mindestens 3 von 7 Pferden auf bebautem Land während des ganzen Jahres eingespart werden, zu einem Kostpreis, nicht grösser als dem der entlassenen Pferde während der 3 oder 4 Monate, wo sie allein wirklich vernutzt werden.“ (John C. Morton, zitiert nach Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, Berlin 1972, S. 396/97)

Und schon vor über 150 Jahren hat es kaum ein Autor versäumt, auch die negativen Folgen für die Arbeitsplätze zu erwähnen: „Die durch den letzten Return von 1856 (offizielle Statistik) festgestellten Tatsachen sind, dass das Fabriksystem reissend rasch um sich greift, die Zahl der Hände im Verhältnis zur Maschinerie abgenommen hat, die Dampfmaschine durch Ökonomie der Kraft und andere Methoden ein grösseres Maschinengewicht treibt und ein vermehrtes Quantum Machwerk erzielt wird infolge verbesserter Arbeitsmaschinen, veränderter Methoden der Fabrikation, erhöhter Geschwindigkeit der Maschinerie und vieler anderer Ursachen.“ (Reports of the Inspectors of Factories … 1856, zitiert nach K1, S. 438)

Das Ganze trägt sich heutzutage so vor: „Die Veröffentlichung von ChatGTP Ende 2022 hat den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) in Alltag und Arbeitswelt selbstverständlich gemacht. KI kann komplexe Texte und realitätsnahe Bilder erstellen. Andere KI-Technologien erkennen in Fabriken fehlerhafte Produkte, erfassen den Wartungsbedarf bei Maschinen und erstellen komplexe Prognosen. Dieser technologische Fortschritt verändert die Art, wie wir arbeiten, und führt zu strukturellen Veränderungen.“ (Deutschlandfunk)

Selbstverständlich werden auch die negativen Wirkungen auf den Arbeitsmarkt nicht verschwiegen: „Die Forscherinnen und Forscher vom IAB (Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung) gehen davon aus, dass vor allem viele Unternehmensdienstleistungen künftig automatisiert werden. Dazu zählen Sekretariats- und Schreibdienste sowie die Arbeit von Callcentern und Auskunfteien. In diesem Bereich wird die Zahl der Beschäftigten in den kommenden 15 Jahren voraussichtlich um rund 120 000 sinken. Die Forscher rechnen ausserdem damit, dass weniger Arbeitskräfte in den Bereichen Lagerei, Gesundheitswesen, Grosshandel und öffentliche Verwaltung gebraucht werden.“ (Deutschlandfunk)

Was Technik mit uns macht

Was da als Wirkung der Technik beschrieben wird, ist allerdings alles andere als diesem seltsamen Subjekt geschuldet. Weswegen Marx seinerseits in Bezug auf die Maschinenstürmer schrieb: „Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform übertragen lernt.“ (K1, S. 452) Eine Unterscheidung, die sich bis heute offenbar nicht durchgesetzt hat.

In der Tat können neue Technologien die Arbeit der Menschen erleichtern und ihnen mehr Freizeit verschaffen. Dann nämlich, wenn diese selber über den Einsatz dieser Technologien entscheiden könnten. Doch das ist nicht der Fall, der Verwendungszweck neuer Technologien ist mit der vorhandenen kapitalistischen Wirtschaftsweise und dem dazu gehörenden Staat, der über Forschung und Entwicklung wacht und entsprechende Industrie-Strategien oder Transformationen anschiebt, vorgegeben.

Neue Technologien werden eingesetzt als Mittel in der wirtschaftlichen Konkurrenz von Unternehmen, weil diese sich einen Kostenvorteil verschaffen, indem sie die in dem Produkt oder der Dienstleistung enthaltenen Lohnkosten senken. Dieser Kostenvorteil kann durch Entlassung von Arbeitskräften geschehen, die durch die neue Technologie überflüssig werden, oder durch Senkung der Löhne oder Gehälter, weil Qualifikationen überflüssig werden und mehr Arbeitskräfte um die verbliebenen Stellen konkurrieren.
So vermerkte schon ein gewisser Thomas De Quincey im Jahr 1844: „Die Zahl der Arbeiter hat zugenommen, weil man immer mehr Männer- durch Frauenarbeit und vor allem Erwachsenen- durch Kinderarbeit ersetzt.“ (K1, S. 417) Und im Report on Public Health wird vermerkt: „Da gewisse Funktionen der Familie, z.B. Warten und Säugen der Kinder usw., nicht ganz unterdrückt werden können, müssen die vom Kapital konfiszierten Familienmütter mehr oder minder Stellvertreter dingen. Die Arbeiten, welche der Familienkonsum erheischt, wie Nähen, Flicken usw. müssen durch Kauf fertiger Waren ersetzt werden. Der verminderten Ausgabe von häuslicher Arbeit entspricht vermehrte Geldausgabe.“ (K1, S. 417)

Das Letztgenannte übrigens ein Phänomen, das sich offenbar auch nicht verändert hat und das heutzutage unter den Titeln „Stärkere Einbeziehung von Frauen in den Arbeitsmarkt“, „Work-Life-Balance“ oder „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ abgehandelt wird. Doch nicht nur die Unternehmen bedienen sich der neuen Technologien, auch der Staat setzt sie für seine Zwecke ein – zur Stärkung seiner Macht wie beim Militär oder zur Verbilligung seiner Verwaltung.

Dennoch wollen die Ideologen des Kapitalismus die Botschaft, dass der Einsatz neuer Technologien viele Menschen um ihre Existenz bringt, die von ihrer Arbeit leben müssen, so nicht stehen lassen. Zu diesem Fluch muss ja immer der Segen hinzugedacht werden.

Die uralte Kompensationstheorie

So weiss z.B. das österreichische Bundesministerium Wirtschaft, Energie und Tourismus (bmwet) zu vermelden: „Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt: Neue Erkenntnisse aus OECD-Fallstudien. Diese Studie untersucht die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz (KI) auf Arbeitsmärkte in OECD-Ländern, insbesondere im Finanzsektor und im verarbeitenden Gewerbe. Sie zeigt auf, dass der Einfluss von KI eine breite Palette von Aufgaben und Berufen betrifft. Trotz Bedenken bezüglich Arbeitsplatzverlusten sind die Beschäftigungsverhältnisse stabil geblieben, obwohl es Anzeichen für ein langsameres Wachstum gibt.

Die Nachfrage nach spezialisierten KI-Kompetenzen führt zu neuen Arbeitsplätzen. KI führt eher zu einer Umorganisation von Tätigkeiten als zu tatsächlichen Arbeitsplatzverlusten, wobei menschliche Arbeitskräfte ihre komparativen Vorteile nutzen. Die Einführung von KI erfordert oft höhere und breitere Kompetenzen. Die Beschäftigungsqualität verbessert sich durch die Automatisierung, wodurch monotone Tätigkeiten reduziert werden.“

Was macht es auch schon, wenn für jemanden, der bislang relativ monoton Zahlen in der Finanzbranche bearbeitet hat, der Arbeitsplatz und damit die Existenz gestrichen wird, sofern an anderer Stelle ein IT-Spezialist eingestellt wird? Siehe da, am Arbeitsmarkt ändert sich nichts, schliesslich kann sich ja der langjährige Finanzbuchhalter per Studium zum IT-Spezialisten weiterbilden. Wo ist da Problem?

Schon in seinem Hauptwerk „Das Kapital“ schrieb Marx: „Eine ganze Reihe bürgerlicher Ökonomen, wie James Mill, MacCulloch, Torrens, Senior, J.St. Mill usw, behauptet, dass alle Maschinerie, die Arbeiter verdrängt, stets gleichzeitig und notwendig ein adäquates Kapital zur Beschäftigung derselben identischen Arbeiter freisetzt.“ (K1, S. 461)
Dazu führte er aus: „Die aus einem Industriezweig hinausgeworfenen Arbeiter können allerdings in irgendeiner anderen Beschäftigung suchen. Finden sie solche, und knüpft sich damit das Band zwischen ihnen und den mit ihnen freigesetzten Lebensmitteln wieder, so geschieht dies vermittels neuen, zuschüssigen Kapitals, das nach Anlage drängt, keineswegs aber vermittels des schon früher funktionierenden und jetzt in Maschinerie verwandelten Kapitals. Und selbst dann, wie geringe Aussicht haben sie! Verkrüppelt durch die Teilung der Arbeit, sind diese armen Teufel ausserhalb ihres alten Arbeitskreises so wenig wert, dass sie nur in wenigen niedrigen und daher beständig überfüllten und unterbezahlten Arbeitszweigen Zugang finden.“ (K1, S. 464)

Modern klingt der gleiche Sachverhalt so: „Politische Massnahmen können die Auswirkungen von KI beeinflussen, und die Studie betont die Bedeutung von sozialem Dialog und Schulungen.“ (bmwet) Schulungen braucht es dann, wenn die alte Qualifikation unbrauchbar geworden ist und die Menschen sich irgendwie wieder brauchbar & verkäuflich machen müssen. Deshalb finden sie sich heute in irgendeiner Form der Betreuung durch die Arbeitsverwaltung wieder, die sie zwingt, jeden auch noch so schlechten Job anzunehmen oder sich in irgendeiner Form weiterzubilden. Ein echter Fortschritt gegenüber den alten Zeiten eines Marx!

Aber jetzt im Interesse der Arbeiter!

Wenn in der Studie zudem vom sozialen Dialog die Rede ist, ist wohl als Gesprächspartner in erster Linie an die Gewerkschaften gedacht, die bei Massenentlassungen zur Abwicklung derselben gefragt sind. Und die es in dieser Form einer betriebsrätlichen Mitwirkung und Mitbestimmung zu Marxens Zeiten natürlich noch nicht gab! Heute aber gibt es eine regelrechte Arbeitervertretung, einen DGB, der sich zu allen möglichen wirtschaftspolitischen Fragen äussert.

Was er in Bezug auf den Einsatz neuer Technologien gelernt hat gegenüber den alten Maschinenstürmern, daraus macht der Dachverband der deutschen Gewerkschaften keinen Hehl: „Künstliche Intelligenz ist ein zentraler Treiber der Transformation von Arbeit und Wirtschaft. Generative Modelle – wie ChatGTP – sind da nur die Spitze des Eisbergs. Der Handlungsdruck ist gross, die technologische Entwicklung rasant. Wir wollen KI nutzen, zur Sicherung von Beschäftigung und zur nachhaltigen Aufwertung von Arbeit.“ (DGB)

Hat der DGB früher noch von Rationalisierungen gesprochen und damit ausgedrückt, weswegen neue Technologien eingesetzt werden, so redet er heute nur noch von (notwendiger) Transformation. Also davon, dass sich irgendetwas verändert oder wandelt, ganz so, als ob dies ein natürlicher Prozess wäre. Wenn er von „Wir“ spricht in Bezug auf die Nutzung von KI, dann will er offenbar keinen Unterschied mehr kennen, zwischen sich und der Kapitalseite. Denn schliesslich entscheidet auch bei noch so viel verbaler Anbiederei nicht die Gewerkschaft über den Einsatz von KI, sondern die Unternehmen tun das aus eigener Entscheidungsbefugnis.

Dabei geht es auch nicht um die Sicherung von Arbeitsplätzen, sondern darum, viele davon überflüssig zu machen. Wenn der DGB dennoch im Einsatz von KI ein Mittel der Arbeitsplatzsicherung entdecken will, dann zeigt er, was für ihn sichere Arbeitsplätze sind: Lohnende Arbeitsplätze, mit denen sich ein Betrieb in der Konkurrenz auf dem Markt durchsetzt.

Insofern ist es kein Gegensatz dazu, dass die dem Dachverband angeschlossenen Gewerkschaften jedem Abbau von Arbeitsplätzen zustimmen, wenn er ohne betriebsbedingte Kündigung, also in Form von Frühverrentung oder Abfindungen, erfolgt. Und die so betriebene Aufwertung von Arbeit besteht dann schlicht darin, dass viele monotone Tätigkeiten verschwinden und durch eine neue Monotonie ersetzt werden.

Welch ein Fortschritt! Aber über den haben sich schon vor 150 Jahren die Wirtschaftsexperten in derselben Manier ausgelassen, wie ein Blick in K1 zeigt. Kein Wunder, schliesslich haben sich die politökonomischen Prinzipien der kapitalistischen Wirtschaftsweise seit dieser Zeit auch nicht geändert.

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