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Wikipedia: Weichspüler des Neoliberalismus? | Untergrund-Blättle

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Wikipedia, freies Wissen und die Erosion unserer Gesellschaft Weichspüler des Neoliberalismus?

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Die Wikipedia gilt als vorbildliches Projekt, bei dem Enthusiasten das “Wissen der Welt” zusammentragen. Doch wie ist es um dieses Wissen tatsächlich bestellt?

Wikimedia Büro.
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Bild: Wikimedia Büro. / Dmgultekin (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

22. Oktober 2015

22. Okt. 2015

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Der Gesellschaftskritiker und Berliner Gazette-Autor Thorsten Wiesmann stellt sieben Thesen auf, die vor Wikipedia als Weichspüler des Neoliberalismus warnen:

Durch Filme und andere Medien der Unterhaltung werden Menschen abgestumpft. Sie sollen das gegenwärtige globale Gewaltsystem nicht nur geniessen, sondern es ersehnen. Die gleichgeschaltete Medienwelt bestimmt, was gesehen und was ignoriert wird. Sie erzeugt so ein bestimmtes Weltbild nach dem gewisse Werte (Wachstum, Erfolg, Konsum etc.) als erstrebenswert gelten.

Das neoliberale System basiert auf der Produktion von verschiedenen Arten der Gewalt und führt vor allem einen systematischen Krieg gegen die Natur und die Armen, ohne sich dabei im geringsten um die sozialen Folgekosten zu sorgen.

Gegen die Logik des Wachstums

“Es ist möglich die Armut zu beenden auf eine Art, die die Erde respektiert und mit der wir den Gefahren des Klimawandels entgegen treten können. Dieser Planet hat ausreichend Güter für alle und die Menschen sind unendlich erfindungsreich. Um diesen Weg zu gehen, müssen wir jedoch die Logik des endlosen Wachstums und der endlosen Gier, die dem neoliberalen Kapitalismus zugrunde liegt, bereit sein, herauszufordern.” Dies ist ein Zitat aus einem offen Brief an die Vereinten Nationen, der am 25.9.2015 in der Huffington Post erschien und von Thomas Pogge, David Graeber, Noam Chomsky, Eve Ensler, Medha Patkar, Naomi Klein, Chris Hedges und vielen anderen unterzeichnet wurde. Neoliberalismus ist kein unschuldiges Naturschauspiel. Er hat eine innere Logik und komplexe Auswirkungen.

Es handelt sich beim neoliberalen System um ein bewusst eingeleitetes politisches Projekt, dessen Ziel es ist, alle lebendigen Systeme zu beherrschen, ohne Rücksicht dabei darauf zu nehmen, ob grundlegende Menschenrechte gebrochen werden. Die allgemeine Ideologie des Neoliberalismus geht zurück auf Netzwerke, deren Wirken wohl am eindringlichsten in dem Buch “The road from Mont Pèlerin: The making of the neoliberal thought collective” (2009) beschrieben wurde.

Was die Neoliberalen untereinander zusammen führte und hält ist, wie wir dort bis ins Detail nachlesen können, vor allem eine das Wissen betreffende Übereinkunft, so sehr die Grundlagen dieses Wissens auch ökonomischer, politischer oder allgemein wissenschaftlicher Art seien mögen. Was wir heute erleben, in seinen globalen Auswirkungen – etwa Bürger, die zu Kunden des Staates werden –, begann vor über einem halben Jahrhundert als langangelegtes Projekt und verdankt seinen Erfolg einem Kollektiv, welches ein Programm erfand, das sich vor allem um eine bestimmte festgelegte Rolle des Wissens im Leben der Menschen dreht.

Ist selbst die Wikipedia Ausdruck dieser neoliberalen Doktrin? Anhand von sieben Punkten werde ich zeigen, was genau damit gemeint sein könnte:

1. Kein Denken in Möglichkeiten

Das neoliberale System erlaubt nicht in Möglichkeiten zu denken, die Herz, Verstand und Willen gleichermassen ansprechen. Aber in Möglichkeiten zu denken ist ein enorm befreiender und kraftvoller Prozess, weil auf diese Art die kreative Energie des tieferen Denkens aktiviert wird.

Um in Möglichkeiten zu denken ist es notwendig, Zusammenhänge und Beziehungen zu ergründen. Das Verdecken von Zusammenhängen und deren Bedeutung liegt an der Wurzel des neoliberalen Projekts. Das spiegelt sich auf Wikipedia etwa dahingehend wieder, dass hier eine verdeckte Auswahl stattfindet, die bei diesem angeblich offenen Projekt bestimmte Darstellungen des Denkens in Zusammenhängen ausschliesst.

Die Schwierigkeit Menschen auf das Label “neoliberal” sinnvoll festzulegen und sie so in ihrem eigentlichen Streben zu entlarven ist genau der Effekt des Projekts des Neoliberalismus. Selbst die prominentesten Kritiker des Neoliberalismus, unter ihnen Hardt, Negri, Zizek, Harvey oder Bourdieu, haben immer nur Teilaspekte herausgearbeitet und so gegen ihren Willen eigentlich zur Verschleierung beigetragen.

Politische Aktivisten andererseits sprechen oft davon die Neoliberalen würden den Staat entmachten wollen. Auch so eine Formulierung ist falsch, denn ein starker Staat, der sich einem bestimmten Wissen beugt ist hier erwünscht.

2. Kein Rechts und Links mehr in der Politik

Das neoliberale Denken ist eine Massnahme jenseits von gängigen Unterscheidungen von Rechts und Links in der Politik, die zu einer unaufhörlichen Kommerzialisierung zum Nutzen einer finanzstarken Minderheit führt. Da die gängigen Parameter des politischen Denkens durch diese Massnahme umgangen werden, liess sich ihre Wirkungsweise bislang öffentlich nicht wirklich beschreiben und so konnte sie auch nicht debattiert oder in Frage gestellt werden, als das was sie ist.

Das ist der Trick. Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia, sagte übrigens einmal er hätte die Idee für dieses Onlinelexikon von Friedrich Hayeks Aufsatz “The Use of Knowledge in Society”. Das ist der Urtext des Mont Pèlerin Kollektives, welches hinter dem Neoliberalismus steht.

3. Steuerung des Wissens

Grundannahme des Neoliberalismus ist, dass Individuen gesellschaftliche Prozesse weder beschreiben noch verstehen können sollten. Das Wissen des Einzelnen bedeutet in diesem Sinne bei Wikipedia nichts, sondern es gibt einen anonymen Prozess der Wissensgestaltung, der festlegt, was gewusst werden kann und was nicht.

Der Einzelne verliert seinen Wert für sich und ordnet sich einem Kollektiv unter, welches nicht wirklich nachvollziehbar gesteuert wird. Den Menschen wird so die Möglichkeit entzogen den umfassenden gesellschaftlichen Diskurs mitzubestimmen. Ihnen wird dafür die Illusion gegeben im Detail zum Ganzen beitragen zu können. Doch Fragen wie der Klimawandel betreffen die Weltanschauung. Diese wird durch den umfassenden gesellschaftlichen Umgang mit Wissen bestimmt.

Deswegen kommen wir auch seit Jahren nicht wirklich weiter in der Klimapolitik. Wir können ja mal probeweise Suchen ob und wie auf Wikipedia oder in unseren Medien die Zusammenhänge dargestellt werden zum Beispiel zwischen den Flüchtlingskrisen und dem Klimawandel.

Können wir da finden, dass vor den Aufständen in Syrien diese Region die grösste Dürreperiode seit Beginn der Wetteraufzeichnung durchmachte und so mindestens 50 Prozent Emigranten, die jetzt nach Europa kommen, eigentlich Klimaflüchtlinge sind? Und wenn wir dies finden, wird uns auch gesagt, was Klimakriege sind und welchen Einfluss die Aussenpolitik Washingtons und deren Verbündete auf die Destabilisierung ganzer Kulturen hat? Bekommen wir all dies dort in Relation gesetzt mit den von Regierungen durchgeführten Waffenverkäufen?

4. Doppelte Struktur des Wissens

Machen wir uns nichts vor, Wikipedia ist ein genauso fatales, verdecktes Machtsystem, das auf Gewalt basiert, wie der Neoliberalismus. “We aren’t democratic. Our readers edit the entries, but we’re actually quite snobby. The core community appreciates when someone is knowledgeable, and thinks some people are idiots and shouldn’t be writing.” (Zitat Jimmy Wales) Vergessen wir nicht, dass die Arbeiter bei Wikipedia anonym und unbezahlt sind! Innerhalb des neoliberalen Denkens wird Wissen zu einem Ding welches einen bestimmten Wert bekommt durch den Kontext, der diesen Wert bestimmt.

Der Einzelne hat aber keinen Einblick auf die Funktionsweisen, mit der diese Kontexte gesetzt werden. Wahres Wissen ist aber im Gegensatz zu den Einträgen bei Wikipedia kein festzulegendes “Ding” innerhalb eines nebulösen Kontextes, sondern ein offener Prozess des ständigen Weiter-in-Frage-Stellens.

Dieser Charakter des wahren Wissens ist der eines selbstähnlichen Systems, welches durch nachvollziehbare Muster, Strukturen und Prozesse Sinn generiert. Die wirtschaftliche Grundlage des Neoliberalismus baut auf einer maskierten doppelten Struktur des Wissen auf: Ein Wissen für die Massen der Teilnehmer und ein anderes Wissen für die wenigen Menschen an der Spitze, die die Struktur des Wissens kontrollieren.

5. Kein “wahres Wissen”

Um zu sehen, in welchen Kontexten wahres Wissen generiert werden kann, mag folgende Übersicht hilfreich sein: Gesetze/Regeln/Prinzipien. Ehrlichkeit /Gelassenheit/Unschuld. Mythos/Pathos/Logos. Friede/Teilen/Gerechtigkeit. Glaube/Absicht/Liebe. Struktur/Prozess/Muster.

Analog zu dieser Aufstellung können wir auch jeweils drei Methoden der Erzeugung von Prozessparametern in der gegenwärtigen Wissenschaft unterscheiden, wobei es natürlich auch bei einzelnen dieser genannten Hauptvertreter zu Vermischungen einer Methode mit anderen Methoden in der jeweiligen Praxis kommen mag. Diese Parameter selbst unterliegen wiederum den drei oben mit aufgelisteten Merkmalen selbstähnlicher Systeme: Muster, Struktur und Prozess.

Gnostiker (Zukunft in der Vergangenheit), Innere Bibliothek, Hermeneutik/Orthodoxe (Die Vergangenheit wird hinterfragt), Kollektive Bibliothek, Analytik/Liberale Aufklärer (Kampf mit der Gegenwart), Virtuelle Bibliothek, Postmoderne.

Wobei selbst wiederum die mit dem Neoliberalismus zusammen fallende Postmoderne ein zeitbedingtes Muster darstellt, welches sich innerhalb einer bestimmten Form der Analytik als Struktur beschreiben lässt, die sich entfaltet als Kulturepoche. Diese Entfaltung erfolgt nach hermeneutischen Gesetzen, die nach bestimmten Regeln die Dinge ablaufen lassen.

6. Prozess nur als Wettbewerb

Das Konzept des Prozesses kommt im neoliberalen Denken im Bereich der Wirtschaft nur als Wettbewerb vor und im intellektuellen Bereich nur als Diskussion. Viele daraus resultierende Echokammer-Aspekte des neoliberalen Denkens haben in den letzten Jahren u.a. folgende Autoren begonnen aufzudecken: Phillips-Fein (2006), Nace (2003), Klein (2007), Nik-Khah (2008), Kennard (2015), Scharmer (2009) Giroux (2015), Fraser (2014), Bernardi (2009), Brown (2014), Fleming (2015), Lorey (2015).

7. Zustand des permanenten Kriegs

Die neoliberale Phase des Kapitalismus erscheint uns in den Medien reflektiert als ein unaufhaltsamer Prozess der Deregulation. Eigentlich ist es aber genau andersherum, denn während alle Regeln des sinnvollen Zusammenlebens abgeschafft werden, werden gleichzeitig Regeln der Gewalt an deren Stelle gesetzt. Die Menschen werden so mehr und mehr versklavt, während die Konzerne immer grössere Freiheit geniessen. So hat sich der Kapitalismus in ein kriminelles System verwandelt. Verbrechen ist keine Randerscheinung mehr in diesem System, sondern der entscheidende Faktor um gewinnen zu können innerhalb der Struktur einer grenzenlosen Kommerzialisierung.

Dieser Zustand des permanenten Krieges bedarf einer besonderen Pädagogik an den Schulen und Universitäten, um die Menschen zu freiwilligen Sklaven zu erziehen, die blind der Logik von Gier, Gewalt und Ausbeutung folgen. Zu dieser Pädagogik gehört das neoliberale Mantra, nach dem die Bewältigung der Probleme des Lebens ganz in der Hand der individuellen Verantwortung liegt.

Gleichzeitig können wir sehen wie mehr als die Hälfte der Top 100 Unternehmen aktiv dabei ist, Probleme für sich zu bewältigen, in dem sie etwa die Klimaschützer durch Lobbying, Werbung und Beeinflussung der Rechtsstrukturen angreifen. (Siehe dazu die Daten der Plattform Influence Map.)

Thorsten Wiesmann

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