UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Freunde 2.0 | Untergrund-Blättle

89

Segensreiche Entleiblichung der Interaktion Freunde 2.0

Digital

Freunde sind das Salz in der Ursuppe des Lebens. Ohne meine Freunde wüsste ich nicht, dass meine Frisur an einen totgefahrenen Frosch gemahnt.

Katze vor Facebook.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Katze vor Facebook. / olga.palma (CC BY 2.0 cropped)

16. April 2010
0
0
3 min.
Drucken
Korrektur
Dass Tschäcki Lugners Neuer im Sternzeichen und vom Gesicht her Ratte ist. Dass meine Hose backbords auch schon mal loser gesessen hat. Dass weibliche Frettchen an Östrogenvergiftung verenden, wenn ihnen in der Brunftzeit kein Fretterich sexuell beiwohnt. Dass meine Kolumnen früher viel pfiffiger waren. Trotz dieser mit Dank kaum aufzuwiegenden informativen Liebesdienste in der Vergangenheit sehe ich meine Freunde immer weniger.

Die Nullerjahre haben uns nämlich eine eminente Entleiblichung der Freundschaft beschert. Trefflich lässt sich über Facebook spotten oder in Bedenken ob der Verlotterung echter, gelebter Intersubjektivität verfallen. Doch dank „FB“ muss ich nicht mehr aus der Wohnung, wenn ich wissen will, was KathiKevinMarcelFranz gerade umtreibt. Da spare ich mir allerlei Unbill, vom falschen Outfit bis zum Tritt in Hundekot.

Eine wunderliche Wendung ist auch die Intimisierung der Einblicke. Unter vier Augen hätten mir meine gschamigen Kumpane nie gestanden, dass sie einen neuen Freund / den alten in den Wind geschossen / ihre lesbische Freundin geheiratet / das Geschlecht gewechselt haben. Auf Facebook habe ich tatsächlich all das und noch viel mehr erfahren. Im Internet können meine Freunde ihrem Bekenntnisdrang nachgeben, ohne durch gerunzelte Stirnen und Reaktionen wie „Aber der alte war doch noch ganz gut“ behelligt zu werden.

Heute habe ich 279 digitale Freunde. Früher hatte ich analog so viele Menschen nicht einmal gekannt. Gut, dass die auch nicht mehr so oft ausser Haus gehen. Man stelle sich vor, ich gäbe eine Geselligkeit und alle kämen. Da wäre der Kühlschrank ratzfatz leergefressen, Mägen knurrten, Prügeleien entstünden im Unterzucker.

Ein immenser Vorteil besteht auch im Hygienischen. Was man sich bei der realen Interaktion alles holen kann! Von bösen Blicken über ungeplante Schwangerschaften bis zum Schnupfenvirus. Da doch lieber nur ein Virus auf dem Computer. Von den Einsparungspotenzialen im kränkelnden Gesundheitsbereich ganz zu schweigen.

Nachteilig könnte freilich das Fehlen echter sozialer Kontrolle sein – einst die Kernkompetenz privater Human Ressources. Schon heute wirkt sich das amikale Ausbleiben negativ auf vieler Menschen Wohnungsreinlichkeit aus. Auf den Sitzgelegenheiten sedimentieren sich Zettel, Zeitungen und Zigarettenschachteln. In den Ecken tollen die Staubmäuse mit den Silberfischen umher. Unschön.

Damit die Kemenate sich nicht schleichend anhand von Kleingetier und Raviolidosen in eine Mülldeponie verwandelt, empfiehlt es sich dringend, ab und zu echte Menschen hereinzubitten. Es müssen ja nicht die engsten Freunde sein, denn das sind oft die strengsten. Man kann durchaus einmal den Rauchfangkehrer oder einen Zeugen Jehovas einlassen und an deren Miene ablesen, ob es sie schon ekelt. Gelingt die Übung, kann man einander später bestimmt auf Facebook noch näher kommen und sich über das Paarungsverhalten von Nagetieren austauschen.

Dominika Meindl
streifzuege.org

Mehr zum Thema...
Facebook-Datacenter in Luleå, Schweden.
„Nach zehn Jahren Facebook habe ich mein Verhalten radikal geändert.“Digitale Selbstbestimmung

09.05.2018

- Die Angst, für einen Post peinlich wenige Likes zu bekommen, den falschen Filter bei Instagram zu wählen oder keine Rückmeldung zu einer Freundschaftsanfrage zu bekommen: Das Leben der Digital Natives, der ersten Generation, die mit Social Media aufwuchs, ist geprägt von diesen Sorgen.

mehr...
Eingang zum Facebook Hauptsitz in Menlo Park, California, USA.
Happy Living in der InformationsgesellschaftFacebook - Manipulatives Geschäftsgebaren

12.11.2014

- Die Machenschaften von Facebook provozieren einige kritische Fragen, aus aktuellem Anlass vor allem zur Forschungsethik.

mehr...
Facebook Flip-Flops.
Soziale NetzwerkePlötzlich plappern Anna und Arthur

12.06.2013

- Seit Jahren betreiben wir Server und Kommunikationsdienste für linke Gruppen, geben wir uns alle Mühe, die Server sicher zu halten, wehren wir – mit unterschiedlichen Mitteln – Anfragen von Behörden zu irgendwelchen Daten ab.

mehr...
Die Facebook-Filterbubble

29.05.2015 - Das Internet wirkt manchmal wie eine riesengrosse digitale Bibliothek. Man muss einfach nur hindurchlaufen und wird mit einer Fülle verschiedenster ...

’Aus neutraler Sicht’ von Albert Jörimann - Glühwein

15.12.2015 - Nicht immer nur Fernsehgucken, Menschenskinder, oder den Daumen auf Facebook halten oder im Lieblings-Blog herumbuddeln, Freundinnen und Freunde, Brothers ...

Dossier: Facebook
Mike Deerkoski
Propaganda
Anonymous wants you

Aktueller Termin in Freiburg im Breisgau

offizielle CSD Afterparty

Am 25. Juni werden wir euch ab 22:30 Uhr im Hans-Bunte mit vier Floors mit verschiedenen Musikrichtungen begrüssen. Dresscode? Wie ihr euch wohlfühlt! Natürlich sind knallige Farben und Glitzer immer erwünscht! Ab sofort könnt ihr ...

Samstag, 25. Juni 2022 - 22:30 Uhr

Hans-Bunte-Areal, Hans-Bunte-Straße 16, 79108 Freiburg im Breisgau

Event in Hannover

FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE + HIGH FIDELITY 50 Jahre UJZ Glocksee | Benefizkonzert

Samstag, 25. Juni 2022
- 21:00 -

INDIEGO Glocksee

Glockseestraße 35

30169 Hannover

Mehr auf UB online...

Die US-Schauspielerin Susan Sarandon (hier am Filmfestival von Katalonien 2017 in Sitges) spielt in dem Film die Rolle von Reggie Love.
Vorheriger Artikel

Der Klient

Schauspieler gut, Drehbuch schwach

Der deutsche Autor und Journalist Daniel Schulz an der Re:publica, Mai 2019.
Nächster Artikel

Daniel Schulz: Wir waren wie Brüder

Noch ein Nachwenderoman aus der Provinz

Untergrund-Blättle