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Yiching Wu: The Cultural Revolution at the Margins | Untergrund-Blättle

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Yiching Wu: The Cultural Revolution at the Margins Linke Dissidenz in der Kulturrevolution

Sachliteratur

Über emazipatorischen Ideen, die bei einem Blick hinter den Vorhang des Chinesischen Sozialismus blossgelegt werden.

Hongkong, 2017.
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Bild: Hongkong, 2017. / Mario Sixtus (CC BY-NC-SA 2.0 cropped)

20. Dezember 2018

20. 12. 2018

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Die Chinesische Kulturrevolution war eine der grössten und blutigsten politischen Kampagnen in der Geschichte der Volksrepublik China. Deren historische Bearbeitung steckt aber – gerade aus linker Perspektive – immer noch in den Kinderschuhen. Das verwundert wenig: Der Personenkult, die unsägliche, massenhafte Gewalt und die ungeheure Zahl an Todesopfern lässt sie nicht als emanzipatorisches Musterbeispiel erscheinen. Dass es aber im Rahmen der Kulturrevolution auch eine starke Kritik am sozialistischen Parteistaat und Versuche von egalitären und demokratischen Alternativen gab, gerät dabei aus dem Blick.

Wu Yiching, Professor an der Universität Toronto, legte 2014 mit „The Cultural Revolution at the Margins. Chinese Socialism in Crisis“ die Ergebnisse seiner langjährigen Forschungen vor, die gerade diese Aspekte in den Blick nehmen. Wu rückt nicht die von Mao und seinem Gefolge initiierten Prozesse oder deren ideologische Rechtfertigungen in den Vordergrund, sondern die Akte von und die Kämpfe um politische Selbstermächtigung von Arbeiter*innen, Studierenden und in der chinesischen Gesellschaft marginalisierten Personengruppen.

Eine verdrängte Geschichte

Methodisch überzeugt Wus Ansatz, eine Geschichte „von den Rändern her“ zu schreiben, um die „lange vernachlässigte Tradition volkstümlichen Protestes und oppositioneller Vorstellungen“ (S. 223) freizulegen. Er geht davon aus, dass die Geschichte der Unterdrückten und der Versuche ihrer Befreiung immer nur eine fragmentarische ist und oft in die Vergessenheit gedrängt wird. Diesem Vergessen will er mit drei Fallstudien zur Kulturrevolution in Peking, Shanghai und Hunan etwas entgegensetzen. Er analysiert, auf welchen Wegen „an den Rändern der Kulturrevolution Tendenzen entstehen konnten, die den nationalen Entwicklungen entgegenliefen“ (ebd.).

Wus Analyse macht auf eine Vielzahl von Themen aufmerksam, die von einer sozialistischen Kritik am Parteistaat, über die aktuell wieder in der deutschen Linken heiss diskutierte Frage von Klassen- und Identitätspolitik, über Arbeiter*innenselbstverwaltung und den Zusammenhang sozialistischer Politik und Ökonomie bis hin zur Rolle des Militärs in einer revolutionären Situation reichen.

So rekonstruiert er beispielsweise die Diskussionen um den Klassenbegriff und die Klassenanalyse in einer sozialistischen Gesellschaft. Diese kristallisierte sich an der obskuren Blut-Linien-Theorie, die sich Mitte der 1960er Jahre herausgebildet hatte. Diese besagt, dass die Kinder von KP-Kadern und Revolutionsveteran*innen per Abstammung selbst Revolutionär*innen wären. Slogans von „geborenen Rebellen“ oder Glaubenssätze wie: „Der revolutionäre Geist unserer Väter hat unsere Körper durchdrungen“ (S. 60f.) waren in den Roten Garden für eine Weile unumstritten und sorgten dafür, dass sich Kaderkinder eine besondere – zum Teil ausschliessliche – Legitimation zur Rebellion gegen „Klassenfeinde“ zuschrieben.

Menschen, ohne „makellose“ proletarische und revolutionäre Herkunft wurden ausgeschlossen, verfolgt, gar getötet. Wus Analyse macht dabei sehr deutlich, wie die Roten Garden eine Privilegien sichernde Identitätspolitik als Klassenpolitik missbrauchten. Kritik daran entfaltete sich recht schnell. So stellt Wu mit Yu Luoke einen jungen Arbeiter vor, der gegen diesen elitären Klassenrassismus anschrieb und für die Notwendigkeit politischer Rechte für alle in einer sozialistischen Gesellschaft eintrat.

Yu Luoke argumentierte mit einer klaren Klassenanalyse, nach der sich in China eine neue herrschende Klasse gebildet hätte und plädierte für eine demokratische Transformation des Staates. Er bediente sich dabei keineswegs einer liberalen Theorie, sondern kritisierte die Roten Garden aus einer maoistischen Perspektive. Dies ist eines der Beispiele, an denen Wu die unbeabsichtigten Folgen von Maos Aufruf zur Rebellion illustriert. Denn nicht nur Yu Luoke, sondern auch zahlreiche weitere Menschen interpretierten den Aufruf zur Rebellion recht eigensinnig, so dass sie letztlich zu einer Bedrohung der kommunistischen Herrschaftsklasse wurden. Nicht zuletzt wird das in der Shanghaier Januarrevolution von 1967 deutlich, in der die Kritik am Parteiapparat durch eine Kritik an den Arbeitsbedingungen und der Stellung der Arbeiterklasse in China ergänzt und somit radikalisiert wurde.

Das bekämpfte Erbe der Kulturrevolution

Neben den von Wu beschriebenen Fallbeispielen liegt die besondere Qualität des Buches in seinem Versuch, diese historischen Analysen auf die aktuellen Entwicklungen in China seit den Reformen Deng Xiaopings und das Handelns der politischen Klasse zu beziehen. Er sieht diese im Grossen und Ganzen als Massnahmen zur Sicherung der Parteiherrschaft und Ausschaltung möglicher „ultralinker“ Kritiker*innen. Dabei diskutiert er entsprechende Themen wie den Zusammenhang von Staat und Kapital in einer (post)sozialistischen Gesellschaft, die Möglichkeiten und Grenzen kollektiver Selbstermächtigungsprozesse und die Herausforderungen einer sozialistischen und demokratischen Gesellschaftstransformation.

Besonders spannend ist „The Cultural Revolution at the Margins“ dort, wo Wu auf dissidente Verfasser*innen von Texten und Pamphleten eingeht. So analysiert er die Klassenanalysen von Yu Luoke, Chen Erjin oder Li Wenbo, der China als „kapitalistischen Staat ohne bürgerliche Klasse“ (S. 192) beschrieb. Aber auch die zahlreichen Selbstzeugnisse von Arbeiter*innen, die immer wieder in den Text eingeflochten werden, machen das Buch lesenswert.

„The Cultural Revolution at the Margins“ demonstriert hervorragend, dass es möglich und nötig ist, die Chinesische Kulturrevolution nicht nur als ein brutales und mörderisches Kapitel kommunistischer Geschichte zu lesen. Wus Analyse der Ausdrucksweisen radikaler Demokratisierungsforderungen macht deutlich, wie wichtig eine kombinierte Klassenanalyse und Staatskritik an (post)sozialistischen Systemen ist, wenn man die Möglichkeiten nichtkapitalistischer Gesellschaftsalternativen diskutieren will.

Kritisch anzumerken ist, dass der Einstieg ins Buch ohne erste Kenntnisse zur Chinesischen Kulturrevolution schwer fällt. In diesem Sinne ist das Buch für Leser*innen, die sich vertiefend mit der ökonomischen, politischen und kulturellen Entwicklung Chinas beschäftigen wollen eine faktenreiche Quelle. Zur Einführung ins Thema jedoch ist es nur mässig geeignet. Als ein Buch über die verlorenen und noch immer nötigen Kämpfe für eine bessere Gesellschaft aber bietet es einen reichen Fundus an Erfahrungen, Thesen und vor allem Fragen zum Weiterdenken.

Robert Pfützner / kritisch-lesen.de

Yiching Wu: The Cultural Revolution at the Margins. Chinese Socialism in Crisis. Harvard University Press, London 2014. 368 Seiten. ca. 16.00 SFr., ISBN: 9780674728790

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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