Wolfgang Haug (Hg.): Otto Rühle – Sein Kampf gegen das autoritäre Denken und Handeln Inseln des Überlebens
Sachliteratur
Es ist an der Zeit, Otto Rühle neu zu entdecken, wie der Band Sein Kampf gegen das autoritäre Denken und Handeln eindrücklich aufzeigt. Gerade die Sichtung Rühles unter einer explizit autoritätskritischen Perspektive ist in diesen Zeiten begrüssenswert.

Mehr Artikel
Buchcover.
5
0
Mehr noch: der gegenwärtige autoritäre Krisenkapitalismus, der sich in wieder offen repressiven Verhältnissen, unverhohlenen Kriegsdrohungen, massiver Wiederaufrüstung zum Wohle der Rüstungsindustrie und erstarkenden faschistischen Bewegungen, bis hin zum sogenannten „anarchokapitalistischen“ (eine begriffliche Blendgranate, denn was ist daran schon anarchistisch?) Tech-Faschismus äussert, macht die Rückbesinnung auf nicht-autoritäre Traditionslinien zu einer schlichten Notwendigkeit: nicht weniger als die Zukunft der Menschheit steht auf dem Spiel.
Wolfgang Haug leitet das Buch mit „biographischen Notizen“ zu Rühles Leben und Publikationen ein, was doch ein kleines Understatement ist. Zwar sind diese strikt chronologischen „Notizen“ in der Tat keine umfassende Darstellung der Lebens-, und Wirkungsgeschichte, mit ihrem Umfang von fast 100 Seiten und der wissenschaftlichen Akribie, die auch annähernd 300 Anmerkungen umfasst, stellt sie an Sorgfalt dennoch so manchen Band einschlägiger biographischer Buchreihen in den Schatten. Otto Rühles politischer Weg von der Sozialdemokratie über die KPD und die linkskommunistische KAPD zur rätekommunistischen AAUE ist hier gut nachvollziehbar. Als Kenner sowohl der rätekommunistischen wie auch der expressionistischen Geschichte trägt Wolfgang Haug Fakten zusammen, die untermauern, mit welchen Schwierigkeiten Rühle als marxistisch geschulter, doch eigenständiger Denker in seiner Zeit zu kämpfen hatte. Otto Rühle Das Rühle die marxistische Gesellschaftsanalyse um die Individualpsychologie ergänzen wollte, blieb nicht unwidersprochen. So schrieb Rühle: „Die autoritäre Einstellung des Menschen ist keine Sache der Bildung oder des Wissens, sondern des Charakters. An den Charakter aber kommen wir nur heran durch ein methodisches Verfahren, das wir Erziehung nennen“ (S. 73).
Diese Verbindung des Marxismus mit moderner Psychologie – für Rühle eine elementare Grundlage kritischer Erziehung – veranlasste den dem Expressionismus verbundenen Publizisten Franz Pfemfert zu einer geharnischten Polemik, betitelt „Der Fall Rühle“. Schon früh hat Rühle aus seiner Ablehnung autoritärer Revolutionskonzepte keinen Hehl gemacht, so dass sein Weg von der Bolschewismuskritik zu antiautoritären Gedanken – und entsprechenden Organisationen – auch im Nachhinein konsequent erscheint.
Der beharrliche Verweis auf die Bedeutung von Psychologie und Erziehung als zentralen Pfeilern einer gesellschaftlichen Emanzipation findet sich dabei schon früh in Rühles Werk: bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert arbeitet der 1874 geborene Rühle die Wirkungen zutiefst autoritärer Schulverhältnisse heraus. Die „Erziehung zum Sozialismus“ – seine gleichnamige Schrift aus dem Jahr 1919 findet sich hier abgedruckt – war für Rühle schlicht eine Notwendigkeit. Mit seiner 1920 verstorbenen ersten Frau engagierte er sich in einem Kinderheim und befasste sich mit moderneren Methoden der Heimerziehung.
Spätestens seit er 1921 die Individualpsychologin Alice Rühle-Gerstel heiratete finden die individualpsychologischen Erkenntnisse eine systematischere Berücksichtigung in seinem Wirken. Gerade die Individualpsychologie Alfred Adlers mit ihrem positiven Menschenbild, ihrer optimistischen Zukunftszuwendung („Leben heisst sich entwickeln“), ihrer Orientierung an erzieherischer Praxis und Charakterbildung sowie ihrer Ablehnung von Macht und Geltungsdrang trifft sich mit Rühles Überzeugungen, anders als die destruktive, deterministische Sicht eines Sigmund Freud.
Gleichwohl ist Rühles Position nicht widerspruchsfrei: einerseits kritisiert er die Autoritätsfixierung der Werktätigen und ihrer grösstenteils nicht minder autoritätsorientierten Massenorganisationen (SPD, KPD, die Gewerkschaften des ADGB). Andererseits ist er der Ansicht, Deutschland sei reif für eine Revolution zu einer Zeit, da doch angesichts der immer noch bis in den letzten Winkel autoritären und patriarchalen Gesellschaftsverhältnisse eine psychologisch fundierte, klassenbewusste Erziehung noch keine breite Wirkung gezeigt haben konnte (zu vereinzelt waren die schulpolitischen Reformansätze der Weimarer Republik). Zudem gingen Mitgliederzahlen und Aktivierungspotential syndikalistischer und rätekommunistischer Organisationen (FAUD, KAPD) seit Mitte der 1920er Jahre bereits wieder deutlich zurück.
Dies sieht schliesslich auch Rühle. Schon bald erkennt er den heraufziehenden Faschismus, früher als viele andere. Im mexikanischen Exil trifft er schliesslich auf Leo Trotzki, mit dem er die Kritik am Stalinismus teilt, von dem ihm jedoch die weiterhin klare antiautoritäre Haltung trennt. Gerade Rühles Kritik am Totalitarismus sowohl des Stalinismus wie des Faschismus – mit gewisser Berechtigung konnte sich letzterer in Deutschland als „Nationalsozialismus“ darstellen, konnte der Faschismus sich doch an sozialistischem Autoritarismus, Zentralismus, diktatorischer Machtfülle und Führerkult anlehnen – ist noch heute sehr lesenswert. Gleich drei Texte nehmen zu diesem Themenkomplex nehmen rund 100 Seiten der 250seitigen Textauswahl ein: „Der Kampf gegen den Faschismus beginnt mit dem Kampf gegen den Bolschewismus“ (1939); „Brauner und roter Faschismus“ (1939); „Weltfaschismus – Ruf nach dem Retter Faschismus“ (1940).
Es würde den Umfang sprengen, auf alle hier zusammengestellten Texte näher einzugehen, weshalb ich mich auf diese drei „totalitarismuskritischen“ Texte fokussiere. Dabei ist zu betonen, dass Rühle eben nicht wie so manche Renegaten vom Kommunismus zum reaktionären Denken fand, sondern den Bolschewismus als Sozialrevolutionär zeitlebens von links kritisierte. Rühle beginnt die erste der hier genannten Schriften mit den für sich sprechenden Worten:
„Unter den totalitären Staaten, die heute das neue Prinzip der Staatsorganisation verkörpern, steht Russland an erster Stelle. Nicht nur der Zeit, sondern auch der sachlichen Entwicklung nach. Der russische Staat, der nur fälschlich “Sowjetstaat” heisst, kam als erster zur verfassungsmässigen Etablierung der Diktatur, zum Auf- und Ausbau eines politischen und administrativen Terrorsystems, zur ausschliesslichen Parteiherrschaft, zur Methode der mechanisch-bürokratischen Gleichschaltung, zur politischen und staatlichen Totalität.“
In der zweitgenannten Schrift („Brauner und roter Faschismus“) kritisiert Rühle die – nicht nur leninistische – Parteifixierung, ihren bürokratischen und diktatorischen Charakter:
„In der Frage des Parlamentarismus wiederholt sich klischeehaft die Rolle Lenins als Verteidigers und Erhalters einer überlebten politischen Institution, die zum Hemmschuh der politischen Entwicklung, zur Gefahr für die revolutionäre Emanzipation der proletarischen Massen geworden ist“.
Weshalb eine Arbeiterbewegung, die an überholten Organisationsformen sowie parlamentarischen und „pseudoklassenkämpferischen“ (S. 364) Methoden festhält, eben nie erfolgreich eine wirkliche Revolution durchführen könne. Auch wenn Lenin den historischen Hintergrund für diese Kritik abgab: angesichts der Falle der Institutionalisierung und bürokratischen, autoritären Erstarrung, in die hinein ausserparlamentarische soziale Bewegungen bis in die Gegenwart immer wieder hineinlaufen, ist diese Mahnung heute so aktuell und relevant wie einst. „Die Revolution ist keine Parteisache“, heisst denn auch programmatisch ein in diesem Rühle-Band ebenfalls abgedruckter Text aus dem Jahr 1920.
Schliesslich der letzte, drei Jahre vor Rühles Tod erschienene Text, in dem Rühle noch einmal schildert, was den Faschismus zum Erfolg geführt hat – und womöglich global zum Erfolg führen würde. Der Faschismus habe „das Misstrauen geschürt, die allgemeine Unsicherheit entfesselt, die Privatrache in seinen Dienst genommen, die Denunziation gezüchtet, das Netz der Überwachung enger geknüpft, die reguläre Polizei durch Sonderkader ergänzt, die Gewalt verstärkt, die Strafen drakonisch gesteigert und so die allgemeine Versklavung des ganzen Volkes in ein festes System gebracht“.
Abgesehen von dem wichtigen, hier unterschlagenen Umstand, dass im deutschen Faschismus eben nicht alle gleichermassen in dieses System gepresst wurden – man denke an Antisemitismus und Antiziganismus, schliesslich den Holocaust (das KZ Auschwitz wurde allerdings erst nach Abfassung von Rühles Schrift in Betrieb genommen) - haben wir hier die Grundzüge geschildert, aus denen damals wie heute der Faschismus aus der Mitte der bürgerlichen Demokratie erwächst. Damit wird zugleich eine antifaschistische Bündnispolitik infrage gestellt, denn jene, die auf der Seite von Parlamentarismus, Staatsgewalt und Kapital stehen, haben notwendigerweise andere Interessen als jene, die wie Rühle die Machtfrage stellen und daher diese Institutionen und Machtapparate als gewichtigen Teil der Problematik erkennen und kritisieren.
Ein Schönheitsfehler des Buches ist typographischer Natur: der Satzspiegel der Doppelseite ist nach innen (sog. Bundsteg) zu sehr an den Rand gerückt, so dass man das Buch recht weit aufbiegen muss, was vorsichtigen Leseexistenzen wie dem Rezensenten ein Gräuel ist, sind doch Kickfalten am Buchrücken unvermeidlich.
Es ist an der Zeit, Otto Rühle abermals (neu) zu entdecken, wie dieser Band zeigt. Gerade die Sichtung Rühles unter einer explizit autoritätskritischen Perspektive ist in diesen Zeiten begrüssenswert. Dem Herausgeber ist für seine publizistische Initiative zu danken. Möge dieses Buch die gebührende Aufmerksamkeit finden.
Wolfgang Haug (Hg.): Otto Rühle – Sein Kampf gegen das autoritäre Denken und Handeln. Edition AV, Bodenburg 2025. 379 Seiten. ca. 30.00 SFr. ISBN: 978-3-86841-311-2.


