Wilma Ruth Albrecht: Vergangene Welten Vierzehn Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung im bürgerlichen Deutschland
Sachliteratur
Mit dem Begriff „Vergangene Welten“ verbindet sich die Vorstellung von untergegangenen Hochkulturen weltweit und von antiken Orten in Europa.

Mehr Artikel
Buchcover.
0
0
Es werden in ausführlichen Buchbesprechungen und thematischen Aufsätzen als Nachdrucke einige der bedeutenden Protagonisten der Arbeiterbewegung im bürgerliche Deutschland vorgestellt: Bei Karl Marx geht es um seine Studienjahre in Bonn und Berlin sowie seine Promotion von 1841, bei Ferdinand Lassalle um seine politische Agitation 1862-1864, die Umstände, die zur Gründung des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins (ADAV) 1863 führten und seinen „Staatssozialismus“, bei Rosa Luxemburg, Eduard Fuchs, Susanne Leonhard und Erwin Eckert wesentlich um ihr persönliches gesellschaftlich-politisches Engagement für Frieden und sozialen Fortschritt.
Eingegangen wird auch auf die zugrundeliegende philosophisch verankerte Weltanschauung exponierter Protagonisten der deutschen Arbeiterbewegung. So gründet Marxens historisch-dialektischer Materialismus grossteils auf Ludwig Feuerbachs sensualistischem Materialismus und seiner Religionskritik, wie im Feuerbachaufsatz nachgewiesen wird, während Lassalles Vorstellungswelt von Johann Gottlieb Fichtes Idealismus geprägt ist. Und beide Vertreter beeinflussten die Ideologie der Parteien KPD und SPD und damit der deutschen Arbeiterbewegung. Diese war wie jede andere bedeutende sozial-historische Erscheinung auch eine kulturelle Bewegung, die in ihrer Kunst und mit ihren Künstlern deutlich Partei ergriff, wie am Beispiel des Düsseldorfer Grafikers, Malers und Widerstandskämpfers Hanns Kralik aufgezeigt wird. Zwei weitere Aufsätze behandeln auch die theoretisch-ästhetischen Debatten um bildende Kunst und Literatur.
So ging es in der sog. „Sickingen-Debatte“ zwischen Marx, Engels und Lassalle darum, wie historische Ereignisse - etwa der Bauernkrieg im 16. Jahrhundert – dramatisch realistisch zu behandeln seien. Eher verdeckt zwischen Rosa Luxemburg und Eduard Fuchs wird die Auseinandersetzungum um moderne impressionistische Malerei in der Arbeiterbewegung geführt und damit thematisiert, wie sich visuelle Wahrnehmung gestaltend auf der Höhe der Zeit widerspiegeln lässt.
Zur Arbeiterbewegung gehört auch Erinnerungskultur, die zeittypische gesellschaftliche Auseinandersetzungen als „unsere Geschichte“ mit Erfolgen und Niederlagen ehrlich und empathisch, erzählt. Diese „grosse Erzählung der Arbeiter-, Friedens- und Widerstandsbewegung“ in deutschen Landen im 20. Jahrhundert haben Willi Bredel mit seiner Romantriologie „Verwandte und Bekannte“ und Erasmus Schöfer mit seiner Tetralogie „Die Kinder des Sisyfos“ vorgelegt. Und es lohnt die erneute Lektüre als Gegenmittel zum medialen Grossschwindel der Gegenwart.
Dieser Erinnerungskultur fühlt sich das vorliegendes Bändchen auch verpflichtet.
Wilma Ruth Albrecht: Vergangene Welten. trafo Wissenschaftsverlag 2024. 197 Seiten. ca. 22.00 SFr. ISBN: 978-3864642630.


