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«Der Anfang eines Plans» | Untergrund-Blättle

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Unsichtbares Komitee: An unsere Freunde «Der Anfang eines Plans»

Sachliteratur

Ein anarchistisches Pamphlet namens «Der kommende Aufstand» entfachte vor sieben Jahren nicht nur eine riesige Kontroverse innerhalb der radikalen Linken, sondern fand auch in den bürgerlichen Leitmedien ungewöhnlich viel Widerhall. Tatsächlich sind seither an unzähligen Orten Revolten ausgebrochen.

«Der Anfang eines Plans».
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«Der Anfang eines Plans». Foto: Panayotis Vryonis (CC BY-SA 2.0 cropped)

17. März 2016
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Nun zieht das «Unsichtbare Komitee» Bilanz und schafft mit «An unsere Freunde» einen qualitativen Sprung. «An unsere Freunde» heisst der neue Wurf des «Unsichtbaren Komitees», dessen mutmassliche DrahtzieherInnen pünktlich zum Erscheinen des Buches vom französischen Staat erneut mit einem Antiterrorprozess überzogen werden. Unter anderen wird dem französischen Philosoph Julien Coupat, den viele als Kopf des Komitees bezeichnen, vorgeworfen, an einer Sabotageaktion einer TGV-Linie beteiligt gewesen zu sein. Doch das ist eine andere Geschichte.

Bemerkenswert ist, dass «An unsere Freunde» weitaus konkretere Organisierungsvorschläge beinhaltet, als das noch in «Der kommende Aufstand» der Fall war. Damals praktizierte das Komitee vor allem eine nietzscheanische «Philosophie mit dem Hammer», die alle alten Vorstellungen von Politik und Klassenkampf zu zerschlagen suchte und dabei in der Negation des Alten steckenblieb. «Der kommende Aufstand» war eine grossmaulige und existentialistische Kampfansage sowohl an die bürgerliche Gesellschaft als auch an die ergraute Linke, die als funktionaler Teil des Systems begriffen wurde. Bezeichnenderweise wurde das Büchlein vom bürgerlichen Feuilleton trotz der dezidiert unmaterialistischen Gesellschaftsanalyse relativ wohlwollend zum «neuen kommunistischen Manifest» erhoben und als «wichtigstes linkes Theoriebuch unserer Zeit» gefeiert.

Der Grund für diese Begeisterung lag nicht nur im delikaten Schreibstil und in der gelungenen Zusammenführung verschiedener Wissenschaftszweige. Viel mehr war es der radikale Bruch mit der traditionellen Politik der gesamten Linken, der die JournalistInnen so bezauberte. In der Linken hingegen und auch innerhalb der Strömungen des Anarchismus wurde das Buch stark kritisiert aber auch bewundert. Die antilinke und organisationsfeindliche Rhetorik schreckte ebenso ab wie seine gewaltverherrlichende und romantisierende Aufstandsästhetik.

Dazu gesellte sich aber auch der peinliche Umstand, dass sich viele Linke als vom «Unsichtbaren Komitee» Entlarvte erkannten. Die überholten Revolutionsvorstellungen und sogar die eigene Rolle im Polit-Spektakel waren zu einem erheblichen Teil demontiert und vorgeführt worden. «Der kommende Aufstand» war 2007 aber auch so was wie der literarische Soundtrack für die anbrechende Krise. Die Krise als Regierungstechnik Nach dem Grossangriff gegen alles Bestehende schlägt das Komitee nun Zunächst werden aber nochmals einige verbreitete Denkmuster feinsäuberlich mit dem Hammer zertrümmert. So etwa die trügerische linke Vorstellung von der finalen kapitalistischen Krise, welche die Revolution einleiten soll.

Die Krise sei heute nicht so sehr ökonomischer, sondern politischer Natur, eine permanente Regierungstechnik also, durch die das Kapital die Ausbeutungsbedingungen neu ordnet. «Willst du eine Veränderung bewirken, so löse eine Krise aus», empfahl schon Milton Friedman. Deshalb wird geraten, auf nichts zu warten, weder auf die Apokalypse, noch auf irgendeine Erlösung. Frieden werde es nie geben. «Der einzig wahre Frieden besteht darin, die Idee des Friedens aufzugeben.»

Kaum weniger hat das Komitee für Demokratisches übrig: «Wenn seit gut zwei Jahrhunderten Wahlen das nach der Aretwas konstruktivere Töne an. «Die Aufstände sind also gekommen», weiss es zu berichten, doch «nicht die Revolution ». Deshalb richtet sich das Buch an jene, die über den Aufstand hinaus wollen, nach Revolution begehren, an «unsere Freunde» oder eben an «die historische Partei, die überall am Werk ist - ›unsere Partei‹, wie Marx sagte». Und so versteht das Komitee seinen Text nicht unbescheiden als «den Anfang eines Plans».

Zunächst werden aber nochmals einige verbreitete Denkmuster feinsäuberlich mit dem Hammer zertrümmert. So etwa die trügerische linke Vorstellung von der finalen kapitalistischen Krise, welche die Revolution einleiten soll. Die Krise sei heute nicht so sehr ökonomischer, sondern politischer Natur, eine permanente Regierungstechnik also, durch die das Kapital die Ausbeutungsbedingungen neu ordnet. «Willst du eine Veränderung bewirken, so löse eine Krise aus», empfahl schon Milton Friedman.

Deshalb wird geraten, auf nichts zu warten, weder auf die Apokalypse, noch auf irgendeine Erlösung. Frieden werde es nie geben. «Der einzig wahre Frieden besteht darin, die Idee des Friedens aufzugeben.» Kaum weniger hat das Komitee für Demokratisches übrig: «Wenn seit gut zwei Jahrhunderten Wahlen das nach der Armee gebräuchlichste Instrument sind, Aufstände zum Schweigen zu bringen, dann deshalb, weil die Aufständischen nie eine Mehrheit bilden.» Auf das Mehrheitsprinzip könne man pfeifen. Heftig kritisiert wird auch der «Fetischismus der Vollversammlung», welcher das Komitee in der «Bewegung der Plätze» und bei den «Empörten» erkannte.

Nichts spreche gegen die Versammlungspraxis an sich, doch die demokratischen Experimente seien bloss «Projektion des kybernetischen Hirngespinsts universeller Staatsbürgerschaft». An Vollversammlungen dürfe es nicht darum gehen, etwas demokratisch abzusegnen, sondern schlicht darum, genügend Leute für eine Aktion zu versammeln. Kritik auch am Schwarzen Block Dieser Biss zieht sich durch die gesamte Schrift und eigentlich alte linksradikale Argumente werden entlang der jüngsten technologischen und politischen Neuerungen aktualisiert. Theoretiker wie Agamben, Foucault, Debord, Adorno, Nietzsche, Žižek oder Marx liefern den philosophischen Rahmen. Von der Kritik verschont wird niemand.

Naomi Klein ist «naiv», Toni Negri biete sich an, die «Revolution zu lenken», Stéphane Hessel wolle mit seinem «Empört euch!» bloss den Aufstand verhindern, aber auch die «Marxisten können einpacken » und die PazifistInnen zeugten «von enormer Dummheit oder tiefster Unredlichkeit». Und nicht einmal jene, die meinten auf der Linie des Komitees zu sein, kommen heil davon: Der Schwarze Block sei zuerst ein Konstrukt der Reaktion gewesen, bevor ihn die Radikalen «als eine Art Antikörper» ideologisch verherrlichten.

Zudem seien Militante sowie PazifistInnen zwei Seiten derselben Medaille: «Beide sehnen sich nach Reinheit: der eine durch gewalttätige Aktion, der andere, indem er diese versagt. (...) Es ist zu bezweifeln, dass die beiden Figuren lange bestehen könnten, wenn nicht jede die andere tief in sich tragen würde.» Auch das kooperativistische Aussteigertum wird zerrissen: Meist seien solche Aussteiger- Kommunen keine Alternativen zum Kapitalismus, sondern Alternativen zum Kampf, also zur wahren Kommune. Ebenso schliesst die Idee der Spontaneität schlecht ab, stattdessen wird Disziplin gefordert, nihilistische AnarchistInnen seien schlicht «Ohnmächtige».

Das Komitee meint aber auch, dass «unsere Partei» nie eine «friedliche Einheit» bilden werde. Die logischen internen Konflikte sollten aber nicht entlang rivalisierender Kleingrüppchen ausgetragen werden. Wichtig sei, das «Revolutionärwerden » zuzulassen und ein Organisieren jenseits der Organisationen zu bewerkstelligen. Mit genauen Anleitungen spart das Komitee freilich. Und sicher verkennt es pauschal den Wert der Organisationen der ArbeiterInnenklasse.

Doch gerade die rücksichtslose Kritik am eigenen Lager macht das Buch so lesenswert. Erhellend sind auch die oft scharfen Analysen der gegenwärtigen Herrschaftstechniken. Das Ökonomische kommt hingegen praktisch nicht zur Sprache, was aber gut zu der Verachtung des Materialismus passt. Man mag vom «Unsichtbaren Komitee» halten, was man will. Sicher ist, dass heute kein Weg an seinen Schriften vorbeiführt.

Jok

Unsichtbares Komitee: An unsere Freunde. Nautilus 2015, 192 Seiten, SFr 29.00, ISBN 978-3-89401-818-4

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitung vorwärts

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