„Die meisten der Texte in dieser Dokumentation sind vor 50 Jahren in verschiedenen Zusammenstellungen veröffentlicht worden, die heute nur noch in Archiven zu finden sind“, heisst es in der editorischen Notiz. Die Texte wurden von ehemaligen RAF-Gefangenen zusammengestellt. Damals soll 50 Jahre nach ihrem Tod an Ulrike Meinhof erinnert werden. In der Einleitung wird ihr politisches Wirken in den 1960er Jahren zusammengefasst.
Sie war führend in der Bewegung gegen den Atomtod aktiv und konnte sich auf einen Anti-Atom-Kongress 1959 in Westberlin gegen den rechten Sozialdemokraten Helmut Schmidt inhaltlich durchsetzen, der später noch in der BRD Karriere machte. Meinhof hingegen war von 1960 bis 1964 Mitglied der illegalisierten KPD und regelmässige Autorin der Monatszeitschrift Konkret, einem wichtigen Organ der Linken in der BRD. Auch nach dem sie die KPD verlassen hatte, blieb Meinhof eine wichtige Stimme der ausserparlamentarischen Linken Dabei beschäftigte sie sich früh mit Themen wie Antisemitismus, Rassismus, aber auch mit der Unterdrückung der Frauen, wie in den Texten deutlich wird.
Emanzipation oder Gleichberechtigung
So wird in dem Buch ein Ausschnitt aus einem Text von Ulrike Meinhof für das Buch „Falsches Bewusstsein“ von Christa Rozoll zitiert, der noch oder gerade heute sehr erhellend ist. Daher das längere Zitat im Wortlaut (S. 10): „Die Emanzipationsbewegungen von Frauen, die mit denen des Proletariats ursächlich zusammenhingen, auch mit ihnen aufgekommen waren, wurden nun durch die Zulassung der Frauen zu einem Wissenschaftsapparat befriedigt, der zunehmend auf die Bekämpfung der Emanzipation der Arbeiterschaft ausgerichtet wurde und damit auch zur Bekämpfung der Emanzipation der Frau. Aus der Emanzipationsforderung ist der Gleichberechtigungsanspruch geworden. Emanzipation bedeutet Befreiung durch Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, Aufhebung der hierarchischen Gesellschaftsstruktur durch einer demokratischen: Aufhebung der Trennung von Kapital und Arbeit durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel, Beseitigung von Herrschaft und Knechtschaft als Strukturmerkmal der Gesellschaft.Der Gleichberechtigungsanspruch stellt die gesellschaftlichen Voraussetzungen von Ungleichheit zwischen den Menschen nicht mehr infrage, im Gegenteil. Er verlangt nur noch die konsequente Anwendung der Ungerechtigkeit, Gleichheit in der Ungleichheit: Die Gleichberechtigung der Arbeiterin mit dem Arbeiter, der Angestellten mit dem Angestellten, der Unternehmerin mit dem Unternehmer“.
Es ist nicht verwunderlich, dass heute, wo eine gesellschaftliche Linke besonders schwach ist, so viel von Gleichberechtigung gesprochen wird und das Wort Emanzipation kaum mehr zu hören ist.
Manche der dokumentierten Texte werden heute Verwunderung auslösen, nicht nur bei Menschen, die sie zum ersten Mal lesen, sondern auch bei denen, die ihn nach vielen Jahren wieder lesen. Hier soll nur ein Beispiel genannt werden.
Andreas Baader – der unentbehrliche Kader?
In mehreren Texten von Ulrike Meinhof wird Andreas Baader als ein so besonderer Kader explizit herausgestellt. Das liest sich dann in der „Erklärung von Andreas aus dem Knast“ (S. 45ff) so:„Es war die Befreiung eines Revolutionärs, eines Kaders, der für den Aufbau der Metropolenguerilla unentbehrlich war und ist, nicht nur wie jeder Revolutionär in den Reihen der Revolution unentbehrlich war und ist, sondern weil er schon damals alles das, was die Guerilla, die militärpolitische Offensive gegen den imperialistischen Staat erst ermöglicht, schon verkörperte, die Entschlossenheit, den Willen zu handeln, die Fähigkeit, sich selbst nur und ausschliesslich über die Ziele zu bestimmen...“.
Nun war die Baader-Befreiung der Startpunkt der RAF. Zu dem Zeitpunkt ging Ulrike Meinhof auch in die Illegalität. Die Baader-Befreiung sollte auch das Signal an die zersplitterte ausserparlamentarische Linke sein, dass es hier jetzt eine Gruppe gibt, die Ernst macht mit dem bewaffneten Kampf. Deshalb hat man keine Kampagne für die schnelle Freilassung von Andreas Baader initiiert, dessen Haftzeit wegen der Beteiligung an der Kaufhausbrandstiftung in Frankfurt/Main begrenzt war. Doch warum muss dann in der Erklärung zur Baader-Befreiung gleich mehrmals betont werden, dass Baader unentbehrlicher als jeder andere Revolutionär war?
Nun ist in einem Kollektiv die besondere Herausstellung einer Person immer ein Problem für die anderen Genoss*innen, denen damit ja vermittelt wird, dass sie nicht so entbehrlich sind. Das kann dann auch schnell zu Konflikten in der Gruppe führen. In den Briefen werden oft Behauptungen als psychologische Kriegsführung zurückgewiesen, dass es Spannungen zwischen Meinhof und Baader in der Illegalität gegeben habe. Es wird aber mit keinem Wort auf das Verhältnis zwischen Meinhof und Gudrun Ensslin eingegangen. Nun gibt es mittlerweile auch Berichte von ehemaligen Gefangenen aus der RAF, die von einem zeitweilig schwierigen Verhältnis zwischen den beiden sprachen.
Die betonen aber auch, dass sich die Probleme geklärt hatten. Damit sollen auch Spekulationen die Grundlage entzogen werden, dass in den internen Konflikten der Grund für Meinhofs angeblichen Selbstmord liegt. Das ist die offizielle staatliche Version. In dem Buch wird eine Erklärung des RAF-Gefangenen Jan Carl Raspe abgedruckt, in dem es heisst: „Wir glauben, dass Ulrike hingerichtet worden ist. Wir wissen nicht, wie, aber wir wissen, von wem und wir kennen das Kalkül der Methode bestimmen“ (S. 149).
50 Jahre später scheinen diese Erklärungen weit weg. Gerade deswegen ist die Wiederauflage der Texte zu begrüssen. Es ist zu erhoffen, dass sie kritisch gelesen und diskutiert werden.



