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Ulrich Brand / Markus Wissen: Imperiale Lebensweise | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Ulrich Brand / Markus Wissen: Imperiale Lebensweise Ohne Imperialismus keine imperiale Lebensweise

Sachliteratur

Es stimmt: „Wir“ müssen aufhören so zu leben wie bisher. Aber wir müssen auch das System verändern. Ob das nach der Lektüre des Buches geschehen wird, ist fraglich.

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Bild: Frankfurt am Main, nächtliche Skyline der Innenstadt vom Eurotower (EZB) bis zum Rhein-Main-Center. / Epizentrum (CC BY-SA 3.0 unported - cropped - filtered)

1. November 2017

01. 11. 2017

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Es ist so eine Sache, wenn Ideen, die lange nur vermeintlich idealistischen Minderheiten vorbehalten waren, plötzlich Eingang in die sogenannte Mitte der Gesellschaft finden. Einerseits ist das positiv, denn gute Ideen sollen sich verbreiten. Andererseits stellt sich die Frage, ob sie dies wirklich tun können, werden sie ohne politische Schlagkraft präsentiert.

In dem Buch „Imperiale Lebensweise“, verfasst von den Politologen Ulrich Brand und Markus Wissen, stimmt inhaltlich so ziemlich alles: Der Kapitalismus ist weder sozial noch ökologisch haltbar, die Menschen im globalen Norden leben auf Kosten anderer, es wird zu viel Auto gefahren, Fleisch gegessen und unnützes Zeug produziert. Die imperiale Lebensweise verweist auf „die Produktions-, Distributions- und Konsumnormen, die tief in die politischen, ökonomischen und kulturellen Alltagsstrukturen und -praxen der Bevölkerung im globalen Norden … eingelassen sind“ (S. 44).

Innerhalb der Linken wurde das Buch grösstenteils positiv aufgenommen. Das I.L.A.-Kollektiv (I.L.A. für „Die imperiale Lebensweise: Ausbeutungsstrukturen im 21. Jahrhundert“) stellte auf der Basis einer Schreibwerkstatt gar ein Dossier mit dem Titel „Auf Kosten anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert“ zusammen. Dieses wurde vom Oekom Verlag im Sommer 2017 – wenige Monate nach dem Werk Brands und Wissens – herausgegeben.

In Imperiale Lebensweise selbst flüchten sich Brand und Wissen, wenn es um die konkreten Schlussfolgerungen ihrer Analysen geht, in Allerweltsappelle wie: „Es geht um andere politische Regeln sowie gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten und Leitbilder, welche kapitalistische Expansion und Landnahme zurückdrängen und eine solidarische Lebensweise ermöglichen.“ (S. 169). Den Autor_innen von „Auf Kosten anderer“? gelingt es, dies zu konkretisieren. Auch sprachlich ist das Dossier zugänglicher: In „Imperiale Lebensweise“ grüsst vor allem das sprichwörtliche Soziologendeutsch. Wenn es beispielsweise um den Verkehr geht, rüttelt ein Manifest wie die 2015 im Unrast Verlag erschienene „VerkehrsMachtOrdnung“ von Planka.nu mehr auf, auch wenn sich in Imperiale Lebensweise die gleichen Argumente finden.

Die Autor_innen von „Auf Kosten anderer?“ fragen „nach den Potenzialen für alternative Ideen und Konzepte, die in vielen Teilen der Welt an Bedeutung gewinnen und die dem berechtigten Unmut über soziale Ungleichheit, ökologische Zerstörung und ‚postpolitische‘ Alternativlosigkeit zu einem emanzipatorischen Ausdruck verhelfen“ (I.L.A. Kollektiv 2017, S. 5). Die dabei behandelten Themen reichen von Digitalisierung und Geld bis zu Sorge und Bildung. Alles wichtig, und doch verweist die Auswahl auf die Grenzen des präsentierten Ansatzes: Die imperiale Lebensweise mag sich durch unser Konsumverhalten und unsere Alltagsgestaltung wohl modifizieren lassen, aber das imperialistische System, auf dem sie beruht, stösst sich daran wenig. In vollem Bewusstsein der Plakativität: Wenn wir nicht nach Strategien fragen, um den Imperialismus effektiv zu bekämpfen, bleiben die Wurzeln auch der imperialen Lebensweise intakt und radikale Lösungen unmöglich. Das Bekämpfen der Symptome erleichtert das Leben für die, die sich das leisten können (vor allem in der Form besseren Gewissens) und, im Idealfall, auch anderer. Das Problem selbst bleibt jedoch bestehen.

Es ist besser, den Alltag mit einer ethischen Perspektive auszustatten, als auf eine solche gänzlich zu verzichten. Auch kann die damit verbundene Bewusstseinsbildung es ermöglichen, die Wurzeln gesellschaftlicher Probleme ins Blickfeld zu bekommen und entsprechende Widerstandsformen anzudenken. Daher sind die in „Imperiale Lebensweise“ angedeuteten und in „Auf Kosten anderer?“ weiterentwickelten Vorschläge zur Lebensgestaltung in der Metropole durchaus verdienstvoll. Aber nachdem diese Vorschläge an der Grenze zur politischen Organisierung Halt machen, bleibt „Imperiale Lebensweise“ letztlich ein politisch zahmes Buch.

Eine ältere Publikation des Oekom Verlags, dessen Programm sich irgendwo zwischen Lebensberatung, kritischer Gesellschaftsanalyse und ökologischer Zukunftsvision bewegt, ist herausfordernder. Niko Paech verfolgt in seinem 2012 erschienenen Band „Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“ einen Ansatz, auf dessen Bedeutung auch Brand und Wissen verweisen. Paech scheut sich allerdings nicht, die Dinge beim Namen zu nennen: Er kritisiert das „kerosintriefende Bildungs-, Projekt- und Party-Nomadentum“ genauso wie den „Bequemlichkeitsfortschritt“ oder das „Convenience-Dasein“.

Moralismus ist ein böses Wort, aber ein nicht zu unterschätzendes Werkzeug, um Reflexion und Handlung anzuregen. Etwas mehr davon hätte „Imperiale Lebensweise“ gut getan. Nichtsdestotrotz ist es ein lesenswertes und erhellendes Buch.

Gabriel Kuhn
kritisch-lesen.de

Ulrich Brand / Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus. oekom verlag, München 2017. 224 Seiten. ca. 18.00 SFr., ISBN: 978-3-86581-843-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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