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Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus »Hass auf den Sozialismus«

Sachliteratur

Der gerade bei Suhrkamp veröffentlichte Abdruck eines Vortrags von Theodor W. Adorno über Rechtsradikalismus zeigt, wie wichtig Ansätze der Kritischen Theorie heute noch im Kampf gegen Rechts sind, zumal vieles, von dem hier die Rede ist, mittlerweile in der »Mitte der Gesellschaft« angekommen ist.

Max Horkheimer und Theodor W.
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Bild: Max Horkheimer und Theodor W. Adorno im April 1964. / Jjshapiro at en.wikipedia (CC BY-SA 3.0 unported)

29. August 2019

29. Aug. 2019

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Als Theodor W. Adorno am 6. April 1967 auf Einladung des Verbandes Sozialistischer Studenten Österreichs an der Wiener Universität den Vortrag »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus« hielt, war die rechtsradikale NPD gerade in die Landesparlamente von Hessen, Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein eingezogen. Und es schien gut möglich, dass es die NPD bei den Wahlen 1969 auch in den Bundestag schaffen könnte (was dann aber nicht der Fall war). Umso dringlicher sind Adornos Appelle und umso genauer und akribischer seine Analysen.

Angst & Narben

Adorno konstatiert dabei gleich zu Beginn den Fortbestand der »gesellschaftlichen Voraussetzungen« für rechtsradikales Gedankentum und Tun (»quer durch die Gesamtbevölkerung verteilt«) und nennt dabei u. a. die »Deklassierung von Schichten, die ihrem subjektiven Klassenbewusstsein nach durchaus bürgerlich« sind, als einen jener Umstände, die anfällig für (diskursive) Verschiebungen nach Rechts machen.

Die Taktiken und Strategien bestehen dabei (damals wie heute) aus der Verbreitung von »Weltuntergangsphantasien« (»Gefühl der sozialen Katastrophe«), verbunden mit dem »unbewussten Wunsch nach Unheil«. Von daher ist es auch kein Zufall, dass Evangelikale – in den USA, Brasilien oder weltweit – so radikal gegen Klimaschutz sind, weil sich dadurch ihr heiss ersehntes Armageddon (oder wie Greta Thunberg es angesichts des Tagebaus im Hambacher Forst nennt: »Mordor«) immer weiter verzögert.

Diesen »Wundmalen« und »Narben« einer Demokratie, »die ihrem eigenen Begriff (…) bis heute noch nicht voll gerecht worden ist« versucht Adorno auf den Grund zu gehen und ist dabei auch deshalb so aktuell, weil vieles, was im Jahr 1967 (noch) eindeutig rechtsradikal war, mittlerweile im von Mark Fisher beschriebenen »kapitalistischen Realismus« zwischen »roher Bürgerlichkeit« und »radikaler Mitte« gar nicht mehr als solches erkannt bzw. als Normalität (eine »Meinung unter anderen«) akzeptiert wird.

»Hass auf den Sozialismus«

Nun stellt aber auch Adorno die alte Frage, wieso »die Schuld an ihrer eigenen Deklassierung nicht etwa auf die Apparatur, die das bewirkt habe« geschoben wird (also die kapitalistischen/neoliberalen Verhältnisse), sondern genau jene trifft, die gesellschaftliche Deklassierungen immer schon mit gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen gedacht haben (oder eben jene, denen es noch schlechter geht).

Jenseits von Walter Benjamin (wonach jede »rechte Revolution« das Ergebnis einer gescheiterten Linken ist), der Verschiebung von »class« zu »race« (als Grund für Deklassierungen etc.) und der (neoliberalistisch motivierten) Selbstdemontage sozialdemokratischer Positionen (Blair, Schröder, Clinton & Co.) argumentiert Adorno hier jedoch auch »sozialpsychologisch« (und zeigt dabei, wie wichtig solche Ansätze gerade heute wieder wären).

Was Adorno hier »Hass auf den Sozialismus« nennt, wurde ca. zehn Jahre später bei den »Männerphantasien« von Klaus Theweleit durchaus als Art politischer Rassismus gedeutet und analysiert. Sozialismus und Kommunismus sind demnach dem »deutschen Wesen« fremd und gehören daher im Sinne völkischen Denkens ausradiert, was sich u. a. bei den äusserst blutigen Niederschlagungen der Räterepubliken in München und Berlin durch rechte Freikorps gezeigt hat. (Interessant in diesem Zusammenhang wäre die Frage, ob es angesichts rechtsradikaler Jugendbewegungen in Deutschland und Österreich auch einen Diskurs um eine »Entfremdung«/»Alienation« gibt, wie zu Zeiten der »linken 68er«, oder ob Neonazis, Identitäre & Co. vielleicht gar nicht als »anders«/»fremd« wahrgenommen werden.)

Zu diesen Feindbildern gehört auch das »Imago des Kommunisten« (den Adorno nach den Ausführungen zum »kulturellen Sektor« erwähnt, wodurch hier auch schon der Begriff »Kulturmarxismus« avant la lettre aufblitzt) sowie Begriffe wie »Linksintellektueller« (bzw. heutzutage irgendwas mit »linksversifft«, p.c., gender etc.) und »Luftmensch« (aka wurzellose Kosmopolit*innen).

Gleichwohl bedeutet Faschismus/Rechtsradikalismus auch die extreme Verzerrung dieser Feindbilder, da diese für »die bürgerliche Mitte« schon immer bedrohlich erscheinen, was wiederum deren Anfälligkeit für rechte Parolen erklärt.

»Begriffslose Praxis«

Dies alles kann jedoch auch deshalb so gut gelingen, weil es auf der anderen Seite immer wieder eklatante Fehleinschätzungen gibt, auf denen sich zwischen »Husch-Husch-Taktik«, »Totschweigen« und dem buchstäblichen Verweis auf über 1.000 Festmeter Theorie ausgeruht wird.

Daher stellt Adorno auch unmissverständlich klar, dass rechtsradikale Positionen wegen »ihres niedrigen geistigen Niveaus und wegen ihrer Theorielosigkeit« nicht unterschätzt werden sollen. Gerade deshalb sei hier eine »ausserordentliche Perfektion« von »propagandistischen Mitteln« zu beobachten, was nicht zuletzt durch die »Konstellation von rationalen Mitteln und irrationalen Zwecken« auch immer wieder zusätzlich verschleiert wird (es stellt im rechten Denken oder bei Verschwörungstheorien keinen Widerspruch dar, jene physikalischen Grundlagen via Social Media zu leugnen, ohne die es die technischen Voraussetzungen für Social Media gar nicht geben würde).

Hier zeigt sich auch eines der Hauptprobleme beim Vorhaben, »mit Rechten zu reden«. Schon für Adorno steht diese Diskussionsverweigerung von rechts »im Dienst des Irrationalismus, der Abwehr der rationalen Argumentation, des diskursiven Denkens überhaupt« (in dem Sinne argumentiert auch Sascha Lobo, wenn er davon spricht, dass es gar keine rechten »Gegenöffentlichkeiten«, sondern nur rechte »Gegenrealitäten« – durchaus im Sinne rechter Paralleluniversen – gibt).

Dass Adorno hierbei auf seine »Studien zum autoritären Charakter« (also auf jede Menge empirische Fakten) zurückgreift, ist nur logisch (aber auch eine Art Clou – er zeigt, wie anders mit Realität umgegangen werden kann).

Das Fazit, dass diese Charaktere »unansprechbar sind, dass sie nichts an sich herankommen lassen«, korreliert für Adorno dann auch vorzüglich mit all den »Machttechniken«, die »keine durchgebildete Theorie« und stattdessen nur »Bruchstückhaftes« aufweisen.

Diese »Vorherrschaft einer begriffslosen Praxis« (die sich heutzutage u. a. im »post-faktischen«, diskursfeindlichen Expert*innen-Bashing, der »Message Control« sowie einer Ästhetisierung/Ökonomisierung des Politischen als schrittweise Suspendierung von Politik per se etc. manifestiert) macht dann auch ein Agieren, Argumentieren und Meinen »abgespalten von jeder Kenntnis der Sache« möglich. Dazu gehören Trump-Tweets ebenso wie »Fake News«, »Alternative Facts«, Verschwörungstheorien und offene Lügen, denen vor allem »Faktenchecks« rein gar nichts antun können.

Es spricht vieles für die Methodik von Adorno, gerade hier so aktuell zu sein, auch weil er sich nicht imstande sieht, einfache Lösungsansätze zu präsentieren (auch der stete Verweis auf »die Vernunft« mag jenseits der konkreten Vortragssituation im Lichte der »negative Dialektik der Aufklärung« etwas diffiziler ausfallen).

Fakten & Fakes

Aber er nennt zumindest die Dinge beim Namen und labert nicht herum. Etwa, wenn es um Propaganda (als »Differenz zwischen den realen Interessen und den vorgespiegelten falschen Zielen«) geht. Diese dient nach Adorno »weniger der Verbreitung einer Ideologie« (weil die im Grunde »viel zu dünn ist«), sondern stellt eine »massenpsychologische Technik« zu Verbreitung des »Modells der autoritätsgebundenen Persönlichkeit« dar (vgl. Selfies von und mit Trump, Salvini, Orban, Kurz, Putin, Strache, Erdogan, Kickl, Höcke, Gauland, Hofer, Weidel, Johnson, Kaczyński, Bolsonaro etc.).

Die zuvor schon diagnostizierte »Charakteristik der Theorielosigkeit« (was jedoch nie mit Ideologielosigkeit verwechselt werden sollte) setzt sich in diesem »arm und dünn« fort, wird jedoch durch »permanente Wiederholung« wirkungsmächtig (aka »da wird schon was hängen bleiben«), zeigt jedoch auch, dass hier gar nicht so blöd agiert wird, wie immer wieder angenommen. Blöde wäre ja, selbst nicht zu erkennen, wie »arm und dünn« die eigene Weltanschauung ist.

Und »dünn« meint dann eben auch (wieder) die Ästhetisierung der Politik als Art Weihefeier (die »Gebetsliga Sebastian Kurz«) des »Feschismus« (wie »Der Falter« so trefflich über Kurz & Co geschrieben hat) zum Zweck der Selbstüberhöhung (»Great Again«, »Land zurückholen«/»Heimat leben«) bei gleichzeitig permanentem Anpatzen politisch anders Denkender in Form eines antisemitisch codierten Tourette-Syndroms (»Silberstein!«).

Das ist dann vielleicht auch die dringlichste Aktualität von Adornos Überlegungen, nämlich, wie viel sich davon in der neoliberalen Agenda selbst finden lässt (damit ist keine Gleichsetzung gemeint, sondern eine Matrix, die als Echoraum/Verstärker für Rechtsradikalismus fungiert). Angefangen bei einer perfid-totalitären »Message Control« zwischen Presse/Kritikabwehr, Demokratieverachtung (»Parlamentarische Vielstimmigkeit ist nicht so meins«) und »Bitte, habt mich alle lieb«, die, wenn sie brüchig wird oder entgleist oder von der (hehe) normativen Kraft des Faktischen einfach überroll wird, sofort ins Paranoid-Weinerliche (bei gleichzeitigem Ruf nach mehr Kontrolle und Überwachung) abdriftet.

Ebenso erkennt Adorno aber gerade bei alldem einen geradezu manischen Hang zum »Konkretismus« und »Formalismus«, d. h. zur »Anhäufung von Daten« im Sinne »völlig irrer und phantastischer Geschichten« (niemand hat bekanntlich mehr Daten zur Erdgeschichte als Kreationismus/Creative-Design-Fans, mehr Beweise für Gott als fundamentalistische Religionsgemeinschaften und mehr Fakten zu Sonne, Mond und Sternen als die Flat Earth Society). Im Zeitalter von Social Media werden damit nicht nur Köpfe und Kanäle verstopft, sondern auch Energien vergeudet, abgezapft und gebunden.

Und diese Taktik geht ja auch immer wieder auf. Kurz: Die Botschaft muss so derart »dünn« sein, damit sich auch die anderen als so blöd erweisen (können), ebenfalls »dünn« zu argumentieren. Womit Politik an sich immer »dünner« wird und plötzlich alle so reden, als hätten sie dasselbe NLP-Seminar besucht.

In diesem Zusammenhang zeigt sich auch, dass der Wille, »Great Again« zu sein, alles andere als »durchgedacht« ist. Wie Adorno anschaulich darlegt, erzeugt gerade die Angst, »provinzialisiert« zu werden (der Verlust »weltpolitischer« Macht), erst jene »Wut«, die sich dann vor allem auf dem »kulturellen Sektor« so richtig »austoben« will, indem (als »Kulturreaktion«) ausgerechnet eine »Provinzialisierung« propagiert wird.

Das ist ja auch das Paradoxe daran: einerseits ein nationalchauvinistisch-völkisches »Great Again« zu propagieren (auch im Kulturellen, nicht nur bei Ökonomie, Militär und Ressentiments), mit dem sich international jedoch (radikal) provinzialisiert wird, und andererseits zu glauben, dass dieses Provinzielle (noch dazu in Zeiten von Internet & Co) dann doch »all over the world« Geltung erlangen wird.

Neoliberale Problemzonen

Was Adorno bei alldem noch nicht ahnen konnte, war u. a. Thatchers Diktum von »There is no such thing as society« und ihr TINA-Prinzip, welches besagt, dass es bezüglich des Kapitalismus nur lauten kann »There is no alternative«.

Wird Gesellschaft per se als nicht existent gesehen, sondern nur als – wie bei Thatcher weiter ausgeführt – »Markt« und »Nation«, wobei letztere aus lauter »freien« Individuen (Ich-AGs, unternehmerische Selbste, Typen wie Kurz, Blümel, Strache, Hofer, Kickl und Gudenus etc.) besteht, die sich entlang von Selbstoptimierungen um die oberen Plätze im neoliberalen Marktgeschehen raufen, dann braucht es so etwas wie »Sozialpsychologie« gar nicht. Burnouts können bzw. müssen individual-psychologisch behandelt werden, um nur ja nicht auf strukturelle/soziologische Zusammenhänge zu stossen. (Zudem stellt sich die Frage nach den »Wundmalen« und »Narben« in einer Demokratie, die »marktkonform« sein soll, noch einmal ganz anders – nämlich dergestalt, dass vielleicht die Marktkonformität genau jene »Wundmale« und »Narben« schlägt, die dann mit rechtsradikalen Pflastern versorgt werden wollen).

Der weitgehende Verzicht auf »Sozialpsychologie« mag auch die beliebte vorschnelle These von all den rechten/rechtsradikalen »Einzeltätern« und »Einzelfällen« erklären, denen zwar meist sofort irgendeine Art »psychische Auffälligkeit« beschieden wird, diese jedoch nie in der ideologischen Anrufung gesehen wird, die sich durch solch eine rechtsradikal motivierte Tat (vom Posting bis zum tätlichen Angriff) Bahn bricht und manifestiert (andererseits wird bei von »Fremden« begangenen Straftaten immer verallgemeinert und naheliegende psychische Aspekte wie Kriegstraumata oder Posttraumatische Belastungsstörungen werden fast nie erörtert).

Es war übrigens der legendäre österreichische Psychoanalytiker Erwin Ringel (»Die österreichische Seele«, 1984), der Antisemitismus mal als »psychische Störung/Krankheit« bezeichnet hat. Nicht um Antisemitismus zu entschuldigen, sondern um dort anzusetzen, wo er sich am hartnäckigsten hält: in der Psyche, im Unterbewussten/Unbewussten, im Imaginären.

Adornos Ansatz, Rechtsradikalismus als »sozialpsychologisches Problem« zu thematisieren (und nicht als »Meinung« oder »milieubedingte Unmutsäusserung« zu banalisieren/nivellieren), meint nichts anderes, als angesichts von Rechtsradikalen (aber nicht von diesen) über den »Zusammenhang ihrer Ideologie und ihrer psychologischen« sowie »sozialpsychologischen Beschaffenheit« nachzudenken, damit »eine gewisse Naivität des sozialen Klimas« aufgelöst wird (hier schwingt unverkennbar Wilhelm Reichs »Massenpsychologie des Faschismus« aus 1933 mit, was Adorno jedoch verschweigt).

Erschreckend und besorgniserregend ist jedoch die Kontinuität dieser »gewissen Naivität«, vor allem angesichts einer sich zunehmend radikalisierenden und gewaltbereiten rechten Szene zwischen NSU, rechtsextremen Netzwerken bei Militär, Polizei und Justiz, rechten Preppern, Reichsbürgern, Pegida, Identitären, »besorgten Wutbürgern«, rassistischen Securities, »Nachbarschaftswachen«, völkischen Siedlern, rechten Popkulturen, Todeslisten – bis hin zur Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübckes, an dem die Antifa mehr Anteil nahm als CDU/CSU).

»Nazi-Ignoranz« nennt das Sascha Lobo und das meint weit mehr als Adornos »gewisse Naivität« (auch mehr als das altbekannte »auf dem rechten Auge blind sein«, weil dieses institutionelle »rechte Auge« sehr wohl weiss, wie es einen Hitlergruss nicht sieht).

Das Wahre im Falschen

Jetzt macht Adorno aber auch auf etwas aufmerksam, was nur allzu oft zu einem Stolperstein in der Auseinandersetzung mit Rechtsradikalismus wird. Wenn etwa nicht unterschieden wird zwischen »die Leute dort abholen, wo sie stehen«, (also selbst rechts werden) im Gegensatz zu einer Politik, die darin bestehen würde, die Leute von dort »wegzuholen«, wo sie stehen (eben rechts).

Gerade mit Blick auf das, was (und wen) rechte/rechtsradikale Ideologie anspricht, merkt Adorno an, wie wichtig hierbei die Erkenntnis ist, »dass keineswegs alle Elemente dieser Ideologie unwahr sind« (schon Haider war ein Meister darin, die richtigen Fragen mit den falschen Zielen/Absichten zu stellen). Vielmehr würde sich hier exemplarisch zeigen, wie »das Wahre« (soziale Ungerechtigkeiten) im »Dienst einer unwahren Ideologie« (Rassismus, Nationalismus) instrumentalisiert werden kann und dann auch noch funktioniert (und die Linke so zur Verzweiflung treibt).

Gleichzeitig erkennt Adorno hier jedoch auch Möglichkeiten für die Entwicklung von Gegenstrategien, denn »das sachlich Falsche, Unwahre (…) zwingt (Rechtsradikale dazu), (…) mit ideologischen Mitteln zu operieren«, womit nicht nur (aber auch) Ideologiekritik gemeint ist. Viel eher geht es darum, ihr Spiel (ihre Schmähs) aufzudecken und vorzuführen, was jedoch wiederum einen gesellschaftlichen Konsens (z. B. Antifaschismus) voraussetzt, den es angesichts der aktuellen Fragmentierung (bzw. Spaltung) von Gesellschaft so nicht mehr gibt. (Wir dürfen bei aller Aktualität von Adornos Ausführungen nicht vergessen, dass diese noch unter disziplinargesellschaftlichen und nicht unter kontrollgesellschaftlichen Dispositiven geäussert worden sind.)

Vielleicht würde Adorno heute von kulturindustriellen Mitteln sprechen und dabei weniger Hollywood dissen, als vielmehr auf das Erbe von Berlusconi (Politik als Talk-Show) verweisen (bei Trump als Casting/Wrestling-Show weitergeführt). Oder auf den Appeal jener Leute, die Politik so betreiben, als wollten sie einem Versicherungen oder Altautos andrehen und damit durchkommen.

Als das »Kunststück der Gegenwehr« bezeichnet nun Adorno, »den Missbrauch auch der Wahrheit für die Unwahrheit aufzuspiessen«. Das klingt fast zu schön, um nicht gleich eine gewisse Verschwurbeltheit aufzuweisen, und mag im philosophischen Diskurs durchaus funktionieren, aber »Wahrheit« generiert sich mittlerweile ja gänzlich anders. Was »Wahrheit« ist, entscheidet eine Aufmerksamkeitsökonomie zwischen Clicks, Likes, Follower-Zahlen, Renditen und Einnahmen sowie persönlichen Ressentiments als Click Baits.

Dazu gehört aber auch das permanent nach rechts drehende Branding/Framing seitens einer bürgerlich-konservativ bis links-liberalen Presselandschaft, die politische Forderungen, Anregungen oder Optionen, die nicht eindeutig rechts (bzw. neoliberal) gepolt sind, mit dem annähernd selben Vokabular in Frage stellt, wie es Rechte/Neoliberale auch tun würden, um das dann als neutralen (weil ja »Mitte«/»Bürgerlich«/»Liberal« und links und rechts im Grunde eh irgendwie gleich »radikal« wären) Diskussionsbeitrag auszugeben.

Bürgerliches YouPorn

Aber solange mit rechtsradikalen Blogs, Postings, Tweets oder »roher Bürgerlichkeit« (für die Rechtsradikalismus quasi eine Art politisch ausgelebte »Fifty Shades Of Grey«-YouPorn-Variante) Geld verdient werden kann, wird sich die dahinter steckende Logik am allerwenigsten durch »moralische Appelle« einschüchtern lassen. Ausser mit der Ware »Moral« kann noch mehr Geld verdient werden.

Die mittlerweile internationale Dimension neuer rechtsradikaler Bewegungen in der Politik mag von Land zu Land andere Ursachen haben, aber die strukturellen wie eben auch »psychosozialen« Gemeinsamkeiten zwischen illiberaler Demokratie, postdemokratischem Demagogentum, »demokratischem Faschismus«, Brexiteers sind unübersehbar (und vollziehen sich – wenn mitunter auch zeitverzögert – in teilweise fast identischem Sprachgebrauch).

Dabei ist für Adorno der Nationalismus weniger die Ursache für rechtsradikale Tendenzen, sondern die »Behauptung, dass die Deutschen in der Welt diskriminiert würden« (was nach Auschwitz auch sehr nachvollziehbar wäre), schafft erst die Basis für nationalen/nationalistischen Furor. Von daher verwundert es nicht, dass alle, die jetzt »Great Again« werden wollen, sich stets von den jeweils anderen so derart diskriminiert (wie etwa die USA unter Trump durch Mexiko), über den Tisch gezogen oder sonst wie entehrt fühlen und dabei stets spielend vom Täter-Zynismus zur Opfer-Larmoyanz wechseln).

»Aspekte des neuen Rechtsradikalismus« zeigt einen präzisen wie (für Adornos Verhältnisse) sehr verständlichen, sachlich fundierten und dabei ebenso leidenschaftlich »Kritik« und »Wissenschaft« betreibenden Theoretiker, der zwar einiges an Fragen beantwortet (sowie allzu »dünne« Verallgemeinerungen zerlegt), dabei jedoch genügend Platz lässt für weitere Diskurse.

Es stellt sich (wie beim Thema Klima) eher die Frage, wer dem wieso in den letzten knapp 50 Jahren nicht mit jener Dringlichkeit ein Augenmerk geschenkt hat, von der Adorno quasi als Gegenpol zum »psychologischen Nepp« des Rechtsradikalismus ausgegangen ist.

Didi Neidhart
Erstpublikation auf skug.at

Skug

Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Suhrkamp 2019. 86 Seiten. ca. 17.00 SFr., ISBN: 978-3-518-58737-9

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