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Stuart Jeffries: Grand Hotel Abgrund | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Stuart Jeffries: Grand Hotel Abgrund Aperitif oder Umsturz?

Sachliteratur

Eine leicht zugängliche Gruppenbiografie über die Frankfurter Schule mit Hang zu Spekulationen.

Herbert Marcuse in Newton, Massachusetts, 1955.
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Bild: Herbert Marcuse in Newton, Massachusetts, 1955. / Marcuse family (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

14. Oktober 2020

14. 10. 2020

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„Grand Hotel Abgrund“ – so bezeichnete der marxistische Philosoph Georg Lukács die Vertreter der Kritischen Theorie, also die Gruppe der Frankfurter Schule (im gesamten Buch kommen nur Männer, Frauen allenfalls als Ehefrauen oder Sekretärinnen vor). Er spielte dabei im Besonderen auf die Virtuosität der Frankfurter Denker bei gleichzeitiger Missachtung jeglicher revolutionärer Praxis an. Die Mitglieder der Frankfurter Schule portraitierte er, wie sie im gehobenen „Grand Hotel Abgrund“ verweilen und von dort bei einem Aperitif philosophierend in den Abgrund des Elends der Welt hinabblicken.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen beschränkten sich die bürgerlichen Intellektuellen der Kritischen Theorie auf eben diese und verzichteten auf ein Eingreifen in das tagespolitische Geschehen oder auf politische Praxis. Stuart Jeffries verdeutlicht mit dieser titelgebenden Metapher bereits sein Verhältnis zum Gegenstand seiner Gruppenbiografie über die Frankfurter Schule: eine sich kritisch gebende Sympathie, aber dazu später mehr.

Ein philosophisches Jahrhundert

Gegliedert durch die Jahrzehnte des 20. Jahrhundert, in denen die erste Generation der Frankfurter Schule wirkte, zeichnet Jeffries die Entwicklung und die wesentlichen theoretischen Arbeiten der Frankfurter Denker nach. Bereits in den 1920er-Jahren gründete sich in Frankfurt am Main das Institut für Sozialforschung, das als institutionalisierte Form der Kritischen Theorie fungierte, zunächst mit der selbst gesetzten Aufgabe, die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung zu untersuchen.

Die Zielsetzung änderte sich mit der Übernahme der Institutsleitung durch Max Horkheimer: Im Folgenden ging es um das Begreifen der gegenwärtigen Lage der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder. Anvisiert war ein marxistisch orientiertes, Einzelwissenschaften umspannendes, interdisziplinäres Forschungsprogramm, um eine umfassende Theorie der Gesellschaftskritik zu formulieren. Der prägende Einfluss der Erfahrung des Faschismus und die Emigration der führenden Mitglieder – Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Erich Fromm – in die USA wird bei den Ausführungen zu ihren grossen Werken auch nach der Rückkehr und der Wiedereröffnung des Instituts für Sozialforschung deutlich.

Die Themen reichen von Entfremdung und Kulturkritik über den autoritären Charakter und Antisemitismus zu Konsummentalität im Industriekapitalismus und die Befreiung der Sexualität. Aus der zweiten Generation der Frankfurter Schule fokussiert Jeffries auf Jürgen Habermas und dessen Theorie des kommunikativen Handelns.

Allerlei Wunderlichkeiten

Im Allgemeinen stellt das von Jeffries vorgelegte Buch einen sprachlich leicht zugänglichen Überblick über die ideengeschichtliche Bewegung der Frankfurter Schule dar, weshalb es in den grossen Medien überwiegend Anklang fand. Es wartet jedoch mit allerlei Merkwürdigkeiten auf, begonnen bei kryptischen Kapitelüberschriften wie „Show Us the Way to the Next Whiskey Bar“ oder „An die Wand, Motherfuckers“.

Weitere Unliebsamkeiten missfallen bei der Lektüre, die von übergriffigen Unterstellungen oder unpassenden Bemerkungen durchzogen ist. So trägt beispielsweise Adornos Affinität zu Nilpferden oder das Sexleben von Marcuse wenig zum Verständnis der Kritischen Theorie bei. Mitunter gibt es lange Exkurse zu Belangen und vagen Gerüchten, die das eigentliche Thema lediglich tangieren. Jeffries schmückt die Darstellung, der von ihm ausgemachten wesentlichen Texte, mit reichlich eigenen Gedanken und spart nicht mit Kommentierungen: Wertungen, ausschweifende Einfälle zur Popkultur oder Spekulationen darüber, was die Denker wohl in heutiger Zeit sagen würden.

Insbesondere die Verhältnismässigkeit scheint an vielen Stellen nicht gegeben, exemplarisch seien die sich über Seiten streckende, von Jeffries unterstellte Vaterkonflikte aller führenden Mitglieder des Frankfurter Instituts genannt, auf die er immer wieder Bezug nimmt. Auch Figuren wie dem deutschen, für den sowjetischen Militärgeheimdienst tätigen Spion Richard Sorge wird viel Platz eingeräumt, was in dieser Form eher einem politischen Actionkino gleichkommt denn einer stringenten Erzählung einer ideengeschichtlichen Bewegung. Und während der gewählte Fokus auf Personen, die dem Frankfurter Institut nicht unmittelbar zuzuordnen sind oder eine geringe Rolle spielen (z.B. Walter Benjamin oder Henryk Grossmann) zunächst interessant sein mag, ist er für ein Überblicksbuch in dieser Länge eher unpassend.

Der Brite Jeffries, der zwanzig Jahre beim Guardian arbeitete und dessen Hauptinteresse – wie der Klappentext verrät – der Geschichte der Frankfurter Schule und deren Einflüsse auf die Umweltbewegung und die Gründungsgeneration der Grünen gilt, sympathisiert mit seinem Gegenstand, gibt mancherorts jedoch vor, kritisch zu sein. An einigen Stellen distanziert sich der Autor durch Formulierungen wie „kühne These“ (S. 334) oder „Adorno geht sogar so weit ...“ (S. 333) von der besonderen Radikalität der Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft.

Es mag sinnvoll und hilfreich sein, bei Erläuterungen wie beispielsweise des sogenannten Positivismusstreits, bei dem insbesondere Adorno mehrere Jahre mit Karl Popper über Grundsatzfragen der Sozialwissenschaften diskutierte, theoretische Gegensätze darzulegen. An mancher Stelle suggeriert dies Objektivität und den Willen, die Kritische Theorie kritisch zu reflektieren, es blendet jedoch oft grundsätzliche weltanschauliche Differenzen aus. Jeffries lässt an solchen Stellen eine Einordnung vermissen.

Das alte Lied: Theorie versus Praxis

Während Adorno zeit seines Lebens eine pessimistische Einstellung zu der Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise und der Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit vermittelte und jegliche Einmischung in das politische Tagesgeschäft ablehnte, zeigte insbesondere Marcuse in der Zeit der Studierendenrevolten Ende der 1960er-Jahre einigen Optimismus und richtete seine Arbeiten danach aus.

Er avancierte zum Idol der Bewegung und geriet hier auch im Briefwechsel mit seinem Freund Adorno in einen Disput darüber, wie die Studierendenbewegung zu beurteilen sei. Ihre Attitüde als nonkonformistische Intellektuelle brachte ihnen nicht nur Sympathie ein, doch gaben sie mit ihrer theoretischen Arbeit wichtige Impulse und Analysen der gegenwärtigen Gesellschaft.

Auch Jeffries lässt immer mal wieder durchblicken, dass er die Praxisabstinenz des überwiegenden Teils der Frankfurter Schule bedauert. Sein Buch, in dem durch die Anhäufung von Nebensächlichkeiten der Eindruck entsteht, er habe wahllos alles zusammen geworfen, was ihm einfiel, kann als erste Beschäftigung nützlich sein, darüber hinaus bietet es wenig Erhellendes.

Tobias Kraus
kritisch-lesen.de

Stuart Jeffries: Grand Hotel Abgrund. Die Frankfurter Schule und ihre Zeit. Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 509 Seiten. ca. 34.00 SFr., ISBN: 978-3-608-96431-8

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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