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Sophia Boddenberg: Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen.

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Sophia Boddenberg: Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen. Ein Jahrzehnt feministischer Bewegungen in Lateinamerika: Intersektionaler Feminismus

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Sachliteratur

Die Journalistin Sophia Boddenberg veröffentlichte kürzlich beim Mandelbaum-Verlag das Buch Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen (2025).

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Datum 4. Februar 2026
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Der schmale Band ist in zehn kurzweilige Kapitel gegliedert, mit denen zum Einen ein Überblick über die verschiedenen Aspekte feministischer Kämpfe gegeben wird. So etwa Feminismus als Bewegung auf der Strasse für das Recht auf Abtreibung, in Verbindung mit Antirassismus, mit den Erfahrungen von Indigenen, Care-Arbeit, Ökologie und schliesslich Antifaschismus. Zum anderen nimmt uns die Autorin mit auf ihre Reise durch die südamerikanischen Länder, ausgehend von Chile, über Kolumbien, Brasilien, Peru und Argentinien.

Wer sich bereits mit Ni una menos beschäftigt hat und beispielsweise vom feministischen Streik am 8. März 2019 in Chile gehört hat oder Verónica Gagos Buch Für eine feministische Internationale (2021) gelesen hat, erhält die Geschichte dieses Jahrzehnts feministischer Bewegungen noch einmal zusammengefasst – unterfüttert von einer theoretischen Beschäftigung mit intersektionalem Feminismus.

Die Stärke des Buches liegt in der Herangehensweise, mit der Sophia Boddenberg interessiert-fragend und teilnehmend etliche Feministinnen des Kontinents zu Wort kommen lässt, von denen ganze 44 im Anhang genannt werden. Mittels ihrer individuellen, spannend zu lesenden Recherche, macht sie somit kollektive Tätigkeiten sichtbar und wertschätzt diese. Die Schauplätze sind Demonstrationen, Uni-Besetzungen, Nachbarschaftsorganisationen, Frauenrechts-Organisationen, Cafés und Küchen.
Bekanntermassen macht der weltweite Backlash auch vor Lateinamerika nicht Halt. Zwar wurde der Rechtsextreme, von Evangelikalen und Militär unterstützte, Jair Bolsonaro im Jahr 2022 in Brasilien abgewählt. Dafür ist Javier Milei seit Ende 2023 in Argentinien Präsident und übernahm 2025 in Chile der Neofaschist José Antonio Kast die Präsidentschaft.

Das Schwanken zwischen Linkspopulismus, der häufig selbst korrumpiert ist, und der tendenziell extremen rechten Regimen, bisweilen sogar Militärdiktaturen, ist in den lateinamerikanischen Staaten nichts Neues. Allerdings stellt der Antifeminismus erst seit einigen Jahren ein wesentliches Feindbild und damit auch Bindeglied zwischen verschiedenen extrem rechten Strömungen dar. Dies ist offensichtlich eine Reaktion auf die Erfolge feministischer Bewegungen, welche Boddenberg in ihrem Buch darstellt.

Wenngleich sich der politische Wind in den letzten Jahren stark gedreht hat, ist das vielfältige Engagement von Feministinnen keineswegs sinnlos gewesen. Im Gegenteil, grundlegende Rechte konnten dadurch erst erkämpft und erhalten werden. Weiterhin leben die Erfahrungen, Kontakte und Erfolge weiter, die Frauen und queere Menschen erkämpft haben. Plausibel und wichtig ist dabei die Herangehensweise, Cis-Frauen und andere feminisierte Körper nicht gegeneinander auszuspielen, insofern sie alle – wenn auch jeweils verschieden – unter dem Patriarchat leiden.

Die Kritik am Patriarchat als Herrschaftsverhältnis ist in den lateinamerikanischen Ländern weithin mit der Kritik an Kapitalismus und Staat verknüpft. Daher sind anarchistische Tendenzen in den feministischen Bewegungen Lateinamerikas hinsichtlich Aktions- und Organisationsformen, sowie theoretischer Annahmen weit verbreitet. Die Autorin legt viel Wert darauf, ihre Position als weisse Europäerin zu kritisch zu reflektieren und von den Erfahrungen anders positionierter Menschen zu lernen. In diesem Sinne zitiere ich das Ende des Buches:

„Was bleibt also nach zehn Jahren feministischer Kämpfe in Lateinamerika? Die Geschichte des Widerstands, in der Theorie und Praxis untrennbar ineinandergreifen und die das Leben selbst ins Zentrum stellt. Es bleibt ein feministisches Bewusstsein, gewachsen über Generationen hinweg, für das Frauen ihre individuellen Erfahrungen mit kollektiven Kämpfen um gesellschaftliche Transformation verwoben haben. Diesem Bewusstsein entspringt ein Freiheitsbegriff, der nicht auf Vereinzelung und Konkurrenz setzt, sondern auf Gemeinschaft und Verbundenheit – und damit im Kontrast zum libertären Individualismus der Rechten steht. Aus diesem kollektiven Begehren erwächst die Möglichkeit, eine politische Gegenmacht aufzubauen: einen internationalen Feminismus, der Unterschiede zu Quellen gemeinsamer Stärke macht. Nur indem wir unsere Kämpfe verbinden, indem wir uns kollektiv organisieren, können wir die vielfältigen Formen von Gewalt und Unterdrückung überwinden. Genau das – und noch viel mehr – habe ich von Feministinnen aus Lateinamerika gelernt“ (S. 140).

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Sophia Boddenberg: Revolution der Frauen. Von Feministinnen aus Lateinamerika lernen. C.H. Beck, München 2020. 1312 Seiten. ca. 39.95 SFr. ISBN: 978-3-406-74571-3.