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Slavoj Zizek: Gewalt | Untergrund-Blättle

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Sechs abseitige Reflexionen Slavoj Zizek: Gewalt

Sachliteratur

Slavoj Zizek geht in seinem Buch «Gewalt» in sechs abseitigen Reflexionen der Gewalt auf den Grund, was bekanntlich reichlich Zündstoff in sich birgt.

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek am Subversive Festival in Zagreb.
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Bild: Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek am Subversive Festival in Zagreb. / Robert Crc (CC BY-SA 2.0 cropped)

21. März 2016

21. 03. 2016

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Gleich in der Einleitung gibt der im Moment wohl umstrittenste zeitgenössische Philosoph, der derzeit Direktor des Birkbeck-Institute for the Humanities an der Universität in London ist, eine berühmte und gleichermassen in der Betriebswirtschaftslehre wie Linken beliebte Anekdote zum Besten. Die jenes Arbeiters, der des Diebstahls verdächtigt und dessen Schubkarren jeden Abend peinlichst durchsucht wird, bei dem aber nie etwas gefunden wird. Doch schliesslich fällt der Groschen: Der Arbeiter stiehlt Schubkarren! Mit der dem System innewohnenden systemischen Gewalt verhalte es sich wie mit der berüchtigten „Dunklen Materie“ in der Physik: Sie kann zwar nicht wahrgenommen, muss aber dennoch berücksichtigt werden. Wer nun aber erwartet, Zizek zeichnet ein neues, bisher unberücksichtigtes Bild des modernen Kapitalismus, wird enttäuscht werden.

Die sechs Kapitel behandeln eindringlich die Exzesse des Liberalkapitalismus, seinen Worten zufolge derzeit der Hauptfeind freiheitsliebender Menschen, alle anderen - „religiöse Fundamentalisten und Terroristen, korrupte und staatliche Bürokratien - sind nur Randerscheinungen, die je nach den Gegebenheiten auftauchen und wieder verschwinden“ (S. 38/39). Dieses dezidierte Haupt- und Nebenwiderspruchsdenken, eigentlich eine Spezialität der K-Gruppen der 1970er Jahre, durchzieht dieses Buch wie ein roter Faden. Über die Art und Weise, wie Zizek die Symptome der modernen Welt gegen den Strich bürstet, kann man sicher diskutieren, nicht aber darüber, wie hier deren Auswüchse und wohlbekannte Protagonisten (Bill Gates, Georges Soros, Thomas Friedman) kurzerhand zu „Liberalkommunisten“ erklärt werden.

An dieser Stelle muss auf Zizeks Werk von 2009, „Auf verlorenem Posten“, verwiesen werden, wo er sich als Maoist zu erkennen gibt. Nun, was ist dabei, werden jetzt eventuell altgediente Achtundsechziger fragen? Es ist eine Sache einer Revolution das Wort zu reden, eine andere aber eine Methode vorzuschlagen, welche in einem „unterentwickelten“ Land wie China damals sehr erfolgreich war, dessen Lebensbedingungen aber heute angesichts des rasanten Wachstums dort nicht mit denen von damals zu vergleichen ist. Im gleichen Buch bekundet er gar Verständnis für die konservative Debatte über „Leitkultur“ in Deutschland, was er später in der Süddeutschen Zeitung in modifizierter Form wiederholt hat (dort plädiert er allerdings für eine „linke Leitkultur“). Die durchaus originelle Art des Autors, die Dinge zuzuspitzen ist die eine Seite, seine politischen Interventionen und gelegentliche dialektische Purzelbäume eine andere.

Doch zurück zur Gewalt, hier „göttliche Gewalt“, wo Walter Benjamin mit Hitchcock gleichgeschaltet wird. Dieser mysteriöse Text Benjamins von 1921 („Zur Kritik der Gewalt“) wurde auch schon von Jacques Derrida äusserst eindringlich quergelesen („Gesetzeskraft“, 1991), seine Nähe zu Heidegger und Carl Schmitt unmissverständlich herausgearbeitet, dessen Lesart von einem anderen linken zeitgenössischen Philosophen, Giorgio Agamben, später in „Ausnahmezustand“ (2004) ausdrücklich bestätigt wurde. So wundert es auch nicht, dass Zizek in einem Epilog mit Alain Badiou rät, gegen Aktionismus und irrationale Gewaltausbrüche, dass es manchmal auch besser sein könnte, einfach nichts zu tun. Die geniale Methode des Autors, Filme zu interpretieren, ist schon oft gelobt worden und auch in diesem Buch kommen sie nicht zu kurz, allerdings fast alle nicht gerade auf dem neuesten Stand.

Oliver Stones „Natural Born Killers“ etwa hätte gut gepasst: Das Killerpärchen Micky und Mallory Knox (Woody Harrelson und Juliette Levis) werden von dem perversen Cop Jack Scagnetti (Robert Downey Jr.) und schliesslich in einem blutigen Showdown von dem Gefängnisdirektor (Tommy Lee Jones) und dem skrupellosen Reporter Wayne Gale ohne Rücksicht auf Verluste gejagt. Noch besser, wenn wahrscheinlich auch weniger bekannt, passt der Film von Jennifer Lynch, der Tochter von David Lynch: „Unter Kontrolle“. In diesem Roadmovie geraten die FBI-Agenten Eizabeth Anderson (Julia Ormond) und Sam Hallaway (Bill Pullman) bei ihren Ermittlungen zu einer brutalen Mordserie in turbulente Abgründe. Waren es die eigenen Kollegen, die das Massaker angerichtet haben? In der DVD gibt es Zugabe sogar ein alternatives Ende des Streifens.

Wenn es Slavoj Zizek mit diesem Buch gelingt, eine überfällige Debatte anzustossen - es handelt sich hier immerhin um eine Theorie-Reihe des sehr engagierten Laika Verlags - sei ihm die Art, gelegentlich meilenweit übers Ziel hinaus zu schiessen, gerne verziehen. Gut zu lesen ist er allemal.

Adi Quarti
kritisch-lesen.de

Slavoj Žižek: Gewalt. Sechs abseitige Reflexionen. Laika Verlag, Hamburg. 2011. 192 Seiten. 25 SFr., ISBN 978-3-942281-91-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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