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Simon Parkin: Die Insel der aussergewöhnlichen Gefangenen

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Simon Parkin: Die Insel der aussergewöhnlichen Gefangenen Lager der Künstler

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Sachliteratur

Das erzählende Sachbuch dokumentiert die britische Internierungspolitik gegenüber „feindlichen Ausländern“ im Hutchinson Camp während des Zweiten Weltkriegs.

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Datum 18. Februar 2026
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Der britische Journalist Simon Parkin füllt eine Leerstelle in der Geschichte Grossbritanniens während des Zweiten Weltkriegs: Er erzählt von der kaum bekannten Internierung österreichischer und deutscher Personen auf der Isle of Man im Jahr 1940. Im Vorwort betont er, dass es sich um ein erzählendes Sachbuch handelt, das auf Tagebuchaufzeichnungen, Fotos und Erinnerungen der internierten Nazigegner basiert.

Die dunklen Facetten der Geschichte

Das Bild des gerechten Winston Churchill gerät gleich zu Beginn der Lektüre ins Wanken. Churchill, der gern in der Öffentlichkeit mit dem Victory-Zeichen posierte, liess „feindliche Ausländer“ internieren.

„Am Tag nach der Kriegserklärung Italiens an Grossbritannien, wies der britische Premierminister die Polizei an, ‚schnellstmöglich alle feindlichen Ausländer zu verhaften'. […] 40 Personen unter 16 und über 70 Jahren sowie Gebrechliche seien ausgenommen. Ansonsten sei die Polizei gehalten, ‚alle miteinander dingfest zu machen'.“ (S. 110)

Seine Entscheidung begründete er wie folgt:
„In der Kabinettssitzung an diesem Tag hörte Churchill seinen Ministern schweigend zu, bevor er seine Meinung dazu kundtat. ‚Es sollte eine umfangreiche Zusammenziehung von Ausländern und verdächtigen Personen in diesem Land stattfinden', erklärte er. Die Internierung wäre, so fügte er hinzu, ‚wahrscheinlich auch für alle deutschsprachigen Personen selbst weitaus sicherer, da die öffentliche Stimmung in diesem Land derart ist, dass diese Personen in grosser Gefahr wären, wenn man sie in Freiheit liesse'.“ (S. 107)

Parkin erzählt von der Internierung anhand des Falls Peter Fleischmann, einem Berliner Jungen jüdischen Glaubens, der 1938, im Alter von 16 Jahren, vor den Nazis aus Deutschland nach Grossbritannien floh. Fleischmann hatte bis zu diesem Zeitpunkt in einem Berliner Waisenhaus gelebt, zu dem auch eine kleine Synagoge gehörte. Diese galt als sicher für die jüdischen Kinder des Hauses, bis zum Abend des 9. November 1938, als eine Gruppe von Nazi-Anhängern die Synagoge in Brand setzte. Nach diesem Attentat machte sich die Gestapo auf den Weg, um die jüdischen Kinder abzuholen. Peter Fleischmann wurde rechtzeitig gewarnt und konnte sich verstecken. Mit einem Kindertransport gelang ihm anschliessend die Flucht aus Berlin nach England. Er floh in einem von den Quäkern organisierten Komitee, das gefährdete Kinder bis zu einem Alter von 17 Jahren am 1. Dezember 1938 mit einem Zug aus Deutschland herausholte. Mit einer Fähre, die von Holland aus startete, brachte man die Kinder nach Grossbritannien.

Doch die auf dem britischen Festland lebenden Deutschen und Österreicher*innen, die 1938 vor dem Nazi-Regime geflohen waren, sah man nun als Feinde an, die die Demokratie des eigenen Landes gefährden könnten. Die feindliche Gesinnung gegenüber den Deutschen reicht weiter zurück. Bereits 1914 lebten und arbeiteten 57.000 Deutsche in Grossbritannien, unter der Missgunst vieler Einheimischer.

Das Leben im Hutchinson Camp

Das Internierungslager befand sich auf der Isle of Man. Peter Fleischmann hatte viele Jahre zuvor wie andere Ausländer*innen in Grossbritannien gelebt. Der Hutchinson Camp genannte Ort war eines von sechs Internierungslagern. Das Camp stellte insofern eine Besonderheit dar, als in ihm insbesondere Künstler*innen festgehalten wurden. Sie bildeten eine Gemeinschaft hinter Stacheldraht und speisten ihren Überlebensgeist aus der Fortsetzung ihrer künstlerischen Tätigkeit. Zahlreiche Kunstwerke entstanden während der Haftzeit. Pianist*innen organisierten Konzertabende. Um nicht den Eindruck einer idyllischen Künstlerkolonie zu erwecken, beschreibt Parkin in den Folgekapiteln die verheerenden Zustände im Lager: In einer stillgelegten Baumwollspinnerei teilten sich 2.000 Häftlinge eine Badewanne und 18 Wasserhähne. Eimer dienten als Toilette. Nach der Ankunft auf der Insel mussten die Inhaftierten sieben Kilometer zu Fuss bis zum Lager gehen. Geschlafen wurde auf Holzdielen.

„Die Wachen führten Peter und die anderen Internierten durch schummrige Treppenhäuser und die […] Gänge der Fabrik zu einer Halle im Erdgeschoss […]. Dort erhielten sie zunächst Haferbrei und Tee in Blechgefässen, dann befahlen die Wachen ihnen, ihre Betten zu beziehen. Peter bekam eine Rosshaardecke.“ (S. 117)

Freilassung und Rückkehr

Wie sich die Prägung kontaminierter Orte fortsetzt, konnte man an diesem Lager ablesen: Seit dem Ersten Weltkrieg internierten die Briten an diesem Ort „verfeindete Ausländer“: Bewohner*innen anderer Staaten, mit denen Grossbritannien im Konflikt stand. Im Ersten Weltkrieg markierte man die Internierten als „Feindstaatenausländer“ und konstruierte so ein Feindbild. Churchill, der die Freundschaft mit Adolf Hitler während des Zweiten Weltkriegs pflegte, machte ihm folgenden Vorschlag:

„Im September [1939] zuvor hatte Winston Churchill in einem offenen Brief im Evening Standard Hitler aufgefordert, seine Judenverfolgung einzustellen; nun schlug er vor, Flüchtlinge in einer Kolonie wie Britisch-Guayana anzusiedeln.“ (S. 63)

Peter Fleischmann, einst geflüchteter Jude aus Deutschland, verliess am 7. Oktober 1941 das Lager. Vom Dadaisten Kurt Schwitters und dem vertrauten Malerfreund Donald Midgley erhielt Fleischmann seine künstlerische Ausbildung. Ihnen verdankte er auch seine Freilassung. In der Freiheit nahm Fleischmann den Nachnamen seines Freundes Midgley an und war als Dolmetscher für die englische Armee tätig. Als englischer Soldat kehrte auf den Kontinent zurück und betrat 1945 Berlin.

Welche Ideen lagen der Internierung von Menschen im Hutchinson Camp in Douglas zugrunde – und welche Funktionen erfüllen Internierungslager heute? Lager dienen seit Jahrhunderten der Ausgrenzung und Kontrolle von Menschen, die als politisch unliebsam, krank oder „abweichend“ gelten. Auf geopolitischer Ebene symbolisieren Inseln wie Lesbos oder Samos heute Orte der Abschottung. Nach dem verheerenden Brand im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos 2020 werden solche Lager als Werkzeuge einer immer restriktiver und rassistischeren Migrationspolitik genutzt. Hier wird Europa selbst zur Insel, die sich gegenüber Geflüchteten aus abschottet.

Simon Parkins erzählendes Sachbuch, ergänzt durch historisches Bildmaterial, schlägt eine Brücke zwischen der Vergangenheit und gegenwärtigen politischen Entwicklungen.

Cornelia Stahl
kritisch-lesen.de

Simon Parkin: Die Insel der aussergewöhnlichen Gefangenen. Aufbau Verlag 2023. 576 Seiten. ca. 30.00 SFr. ISBN: 978-3-351-03998-1.