Satyajeet Malik: Der digitale Raubzug Digitaler Kolonialismus
Sachliteratur
In Indien hat am Ende des Corona-Jahres 2020 der grösste Streik der Weltgeschichte stattgefunden. Doch in Deutschland wurde der Ausstand von über 250 Millionen indischen Arbeiter*innen kaum wahrgenommen.

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„Mehr als 500 Bauernverbände aus dem ganzen Land bildeten eine koordinierte Front. Die Protestierenden sahen sich dabei schlimmsten Verleumdungen ausgesetzt, in deren Verlauf sie als Terroristen oder gar Agenten Pakistans und Chinas gebrandmarkt wurden“ (S. 25), schreibt Satyajeet Malik gleich im ersten Kapitel seines kürzlich im Verlag Quadriga erschienenen Buches „Der digitale Raubzug. Wie Grosskonzerne und Supermächte den Kolonialismus fortsetzen und global ausbeuten“.
Der Jurist und Journalist, der in Lüneburg Staatswissenschaften studiert hat, liefert auf 288 Seiten ein engagiertes Plädoyer, die eurozentrische Brille abzulegen, die auch dazu führt, dass die Massenkämpfe und Streiks in Indien vor sechs Jahren auch bei Linken hierzulande kaum zur Kenntnis genommen wurden. So wurde kaum wahrgenommen, dass Berichte über die Proteste zumindest zeitweise von den digitalen Plattformen zensiert wurden. „Eine der deutlichsten Interventionen war jedoch die Löschung der Facebook-Seite Kisan Ekta Morcha (Einheitsfront der Bauern) – eine Facebook-Seite, die speziell eingerichtet worden war, um Falschinformationen über die Proteste entgegenzuwirken“ (S. 26), schreibt Malik. Diese digitalen Zensurmassnahmen führten wiederum zu neuen Protesten in Indien, was bewirkte, dass die Seite wieder zugänglich gemacht wurde.
Dass man davon hierzulande auch in linken Kreisen wenig hört, ist nicht verwunderlich. Selbst ein besonders spektakulärer Protest indischer Bäuer*innen in Deutschland vor 27 Jahren ist fast völlig aus dem Gedächtnis verschwunden und wird kaum noch erwähnt. Im Sommer 1999 reiste eine Delegation indischer Bäuer*innen im Rahmen der Internationalen Karawane für Solidarität und Widerstand nach Köln. Ihr Ziel war es, auf dem dort stattfindenden G8-Wirtschaftsgipfel gegen die kapitalistische Globalisierung zu protestieren.
Die Organisationen der Bäuer*innen sammelten das Geld für die Weltreise in ihren Dörfern. Im Rahmen ihrer Delegationsreise schilderten sie sehr anschaulich, welche Folgen diese kapitalistische Globalisierung für das Leben in den indischen Dörfern hat. Sie berichteten über die wachsende Verschuldung und die vielen Selbstmorde unter den Bäuer*innen aus Verzweiflung darüber, dass sie nicht einmal mehr die Zinsen für ihre Kredite aufbringen können.
Daran knüpft Malik mit seiner engagierten Streitschrift an. Nur hat sich die Situation in den letzten 25 Jahren noch weiter zugespitzt. Malik richtet sein Augenmerk auf den digitalen Zugriff der Menschen. „Ein Mechanismus ist dabei die Ausweitung digitaler Kredit- und Finanzangebote, die breite Bevölkerungsschichten in Verschuldungsverhältnisse gegenüber dem westlichen Kapitalismus treiben“ (S.25).
Dazu braucht es nur Smartphones, die auch für einkommensarme Menschen erschwinglich und die mit günstigen Datenpaketen ausgestattet sind. Die Verarmung grosser Teile der Bevölkerung führt dann dazu, dass die Menschen die digitalen Angebote wahrnehmen und Waren auf Kredit kaufen. Doch damit sitzen sie schnell in einer Schuldenfalle, die für viele in Verzweiflung endet, bis hin zu Selbstmorden. Dabei betont Malik, dass es sich bei den Profiteuren um Konzerne handelt, die ihren Sitz in den USA oder in europäischen Ländern haben, die früher Kolonialmächte waren. Hier sieht Malik die Fortsetzung des Kolonialismus auf digitaler Grundlage.
„Diese Verschuldung fungiert dabei als moderne Peitsche, die Tausende von Kilometern entfernt geschwungen wird und die Menschen in Tausenden Kilometern Entfernung dazu bringt, sich den Bedingungen der modernen Kapitalherren zu beugen“ (S. 257) Hier zieht Malik eine Verbindung zum Kolonialismus. Zuvor hat er verschiedene Schriften von Theoretiker*innen des Kolonialismus von Walter Rodney über Mike Davis bis Kwame Nkrumah ausgewertet. Dabei ordnet er den Kolonialismus mit zahlreichen Verweisen auf Karl Marx in die Geschichte des Kapitalismus ein. Sein Urteil über die britische Herrschaft über Indien fällt eindeutig aus: „Sie begann mit einer Hungersnot in Bengalen, die den Tod von zehn Millionen Menschen forderte, und endete mit einer Hungersnot, der drei bis dreieinhalb Millionen Menschen zum Opfer fielen“ (S. 95), lautet seine Beschreibung, die gut in das von Robert Kurz herausgegebene „Schwarzbuch Kapitalismus“ passen würde.
Malik zeigt am Beispiel von Indien und Kenia zwei verschiedene Formen von Kolonialismus und Neokolonialismus. Während er Indien als Eroberungskolonie klassifiziert, bezeichnet er Kenia als Agrarkolonie weisser Siedler. Nach dem Ende des Kolonialismus entwickelte sich nach Malik in Indien ein relativ selbständiger Staat auf kapitalistischer Grundlage, während Kenia im neokolonialen Status verharrte.
Der Autor hat mit seinem Buch die Perspektive des kapitalistischen Angriffs der Tech-Konzerne erweitert. Das zeigt sich daran, dass die in dem Buch verhandelten Aspekte auch bei der linken „Cables of Resistance“-Konferenz, die im April in Berlin stattfand (Rabe Ralf Juni/Juli 2026, S. 20), nur am Rande vorkamen. Dabei hat Malik schon 2022 eine Artikelserie zum digitalen Kolonialismus bei Netzpolitik.org veröffentlicht. Lobend zu erwähnen ist, dass es Malik gelingt, seine Kritik allgemein verständlich abzufassen, ohne inhaltlich zu verflachen.
Man könnte Malik entgegenhalten, dass er mit der Konzentration auf den Kolonialismus den Kapitalismus in Indien vielleicht etwas vernachlässigt. Er kritisiert eindeutig die gegenwärtige indische Rechtsregierung, aber wirft ihr immer auch vor, sich dem Kolonialismus angedient zu haben. Malik beschreibt, dass es in den 1950er und 1960er Jahren mehr Rechte für die Bäuer*innen und die Arbeiterklasse auch in Indien gab. Aber das waren Errungenschaften, die eine starke Bewegung von Arbeiter*innen und Bäuer*innen dem einheimischen Kapitalismus durch Kämpfe abtrotzen konnte.
Auch die anfangs beschriebenen Massenstreiks und Kämpfe Ende 2020 haben die geplanten Verschlechterungen der Lebenssituation grosser Teile der Bevölkerung zumindest verzögert.
Diskussionen dürfte auch das Kapitel auslösen, in dem Malik China von dem Vorwurf freispricht, eine neue Kolonialmacht zu sein. Hier wirft er vor allem weissen Intellektuellen vor, mit einem paternalistischen Blick auf das Verhältnis Afrika–China zu blicken. Es wäre interessant zu untersuchen, ob ein staatskapitalistisches System wie in China nicht automatisch auch koloniale Praktiken hervorruft. Das sind aber Themen für eine andere Diskussion. Das Buch lädt dazu ein.
Satyajeet Malik: Der digitale Raubzug. Wie Grosskonzerne und Supermächte den Kolonialismus fortsetzen und global ausbeuten. Quadriga, Berlin 2026. 288 Seiten ca. 29.00 SFr. ISBN: 978386951454.
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