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Rossana Rossanda: Einmischung | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Rossana Rossanda: Einmischung Die Störung zwischen Politik und Feminismus

Sachliteratur

Ende der 1970er Jahre diskutierten kommunistische und feministische Frauen über ihre Distanz zur Politik.

Rossana Rossanda, 1963.
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Bild: Rossana Rossanda, 1963. / dati.camera.it (CC BY 4.0 cropped)

2. Juli 2021
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Der Auslöser zur Entstehung dieses Buches ist ein Störfall: Einige feministische Aktivist:innen stürmen die Bühnen eines kommunistischen Kongresses und unterbrechen die Diskussion mit einem Sprechchor. Dabei machen sie diese Unterbrechung selbst zum Thema der Debatte, indem sie rufen: „Wir verstehen euch nicht, wir hören euch nicht, ihr interessiert uns nicht, ihr redet Blabla, ihr habt nichts mit uns zu tun, wir haben nichts mit euch zu tun!“ (S. 30)

Diese Aktion erschien der Kommunistin Rossana Rossanda zunächst nur als Störung der Diskussion – als Verhinderung der politischen Debatte, in der es galt, sich zu verständigen, um voranzukommen. Rückblickend erkennt sie, dass diese Debatte jedoch eine von Männern geführte war und dass sie sich darin integrieren konnte, indem sie von ihrem Frausein abstrahierte. Dass diese Unterbrechung selbst als Teil der Diskussion oder vielmehr als Reaktion darauf zu verstehen sei, lies sie dennoch ein Gespräch erahnen, das sie kurz zuvor mit einer der „Störerinnen“ führte:

„Wenn die Hexen das Vaterunser rückwärts aufsagen konnten, mussten sie wohl gewusst haben, wie es richtig lautet. Ileana [die befreundete Genossin] hatte alles gehört und alles verstanden, sie hätte mich aufklären können. Sie wollte nicht. Sie äusserte sich auf andere Weise, sie sandte ein Signal aus, das offenbar aus ihrem Inneren kam. Es war ihr egal, ihr und den anderen Frauen, ob wir es verstanden – wir Männer.“ (S. 31, Anmerkung M.H.)

Rossanda erkannte, dass die feministische Revolte nicht einfach ein Störfall war, sondern dass sie eine Form darstellte, als Frauen im politischen Betrieb wahrgenommen zu werden. Das heisst, die feministischen Frauen verstanden durchaus die Regeln dieses Betriebs, aber sie entschieden sich dagegen, daran teilzunehmen, weil er für sie patriarchale Macht- und Herrschaftsmechanismen reproduzierte. Rossanda fehlten die Worte – es fehlten ihr die Worte, weil es in ihrer marxistischen Sprache bis dahin keine Formulierungen gab, die diese feministische Kritik an der Politik hätten ausdrücken können.

Es ist diese Irritation, gepaart mit der analytischen Schärfe von Rossanda, die das Buch so lesenswert macht. Es folgte der Versuch, die feministische Bewegung der 1970er Jahre zu verstehen und so sammelt Rossanda für „Einmischung“ eine Reihe 1978/79 aufgezeichneter Gespräche und Diskussionen mit Feminist:innen. In der Person von Rossanda verbinden sich dabei die geschulte Theoretikerin mit der erfahrenen Praktikerin. Im Jahre 1924 geboren, brach mit dem italienischen Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg auch die Politik über sie herein und ergriff mehr und mehr Besitz von ihr, bis sie schliesslich im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Italiens arbeitete. Als sie gemeinsam mit anderen Genoss:innen im Jahre 1969 die Zeitung il manifesto gründete und die Linie der Partei kritisierte, wurde sie aus dieser ausgeschlossen. Als linke Intellektuelle mischte sie sich immer wieder in die Politik ein, bis sie im September 2020 verstarb.

Ein Bündnis von Arbeiter:innen und Feminist:innen – unmöglich?

In den veröffentlichten Gesprächen fokussiert Rossanda auf den Störfall zwischen den Frauen und der männlich dominierten Politik, wie sie auch in der kommunistischen Partei vorherrschend war. Gleichwohl sie für „eine Allianz aller Unterdrückten“ (S. 226) plädiert, bleibt sie gegenüber deren Möglichkeit skeptisch. Unter dieser Perspektive sind die im Buch enthaltenen Debatten insbesondere für die gegenwärtige Diskussion um eine Neue Klassenpolitik relevant, welche heute soziale und kulturelle Kämpfe miteinander verbinden will. Die Ende der 1970er Jahre geführten Gespräche können dazu beitragen, zu verstehen, warum dieser Verbindung eine gewisse Prekarität innewohnt.

So wie es sich für Rossanda darstellt, dominieren in diesen verschiedenen Kämpfen beinahe konträre Logiken. Für sie als Kommunistin ist die Gleichheit der zentrale politische Wert, auf den sie hinarbeiten will und der insbesondere beinhaltet, sich als privilegierte Intellektuelle zurückzunehmen, um die Anderen hören zu können. Dafür ging sie in die Partei mit ihren formalisierten Beziehungen unter gleichermassen Emanzipierten, in denen das konkrete Subjekt Frau so nicht vorkam. Dem gegenüber sieht sie die feministische Bewegung, in der viele für die eigene Freiheit kämpfen und das heisst, dafür zu kämpfen, sie selbst als Frauen sein zu können.

Die Diskussionspartner:innen betonen die Bedeutung der Selbsterfahrungsgruppen, in denen sie sich auf die Suche danach machen konnten, was es überhaupt heisst, eine Frau zu sein und dabei jenseits der männlichen Logik und ihrer blossen Negation zu denken. Gerade deshalb betonen sie die persönlichen Beziehungen in Kleingruppen und die Ablehnung von Institutionen, in denen sie vor allem männliche Herrschaft erblicken.

Während die Arbeiter:innenbewegung nach Gleichheit für alle strebt, verlangt die feministische Bewegung Freiheit für jede einzelne. Und so unterscheiden sich ihre Methoden: Die Arbeiter:innen gründen Parteien und Gewerkschaften, also Institutionen, und versuchen diese stetig zu vergrössern; die Feminist:innen kritisieren die Verselbstständigung dieser Institutionen, ziehen sich aus diesen zurück und betonen die Bedeutung der persönlichen Beziehungen untereinander – auch auf die Gefahr hin, damit in der „Isolation auf das Selbst“ (S. 222) zu enden.

Ausgangsbedingung einer Suchbewegung

Die Politik, auch die des Proletariats, und die feministische Bewegung repräsentieren somit zwei verschiedene Vorstellungen von Transformation, deren jeweiliges Potenzial begrenzt ist. Der Versuch, beide Ansätze miteinander zu kombinieren, ist also naheliegend und in den Gesprächen lassen sich verschiedene Vorschläge entdecken, wie dies geschehen könnte. Für Rossanda kann es sich nicht um eine blosse Ergänzung der beiden Modelle handeln:

„Die Kultur des Feminismus ist authentische Kritik und somit unilateral, antagonistisch, Negation der anderen, der herrschenden Kultur. Sie vervollständigt und ergänzt diese herrschende Kultur nicht, sie stellt sie in Frage. [...] Der akute Konflikt besteht nicht zwischen den sekundären Aspekten des Feminismus und der Politik, sondern direkt in ihrem konstitutiven Kern.“ (S. 227)

Die Störung zwischen Feminismus und Politik ist also real und sie verweist auf die Ausschlüsse der Politik im allgemeinen, gerade weil sie eine rein männliche Politik ist. An die Idee ihrer Überwindung gilt es anzuknüpfen, auch wenn die Suche nach einer möglichen Form weiterhin offen ist. Was aus dem vorliegenden Buch allerdings zu lernen ist: Eine Politik, die nicht feministisch ist, ist keine Politik der Befreiung.

Markus Hennig
kritisch-lesen.de

Rossana Rossanda: Einmischung. Gespräche mit Frauen über ihr Verhältnis zu Politik, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Demokratie, Faschismus, Widerstand, Staat, Partei, Revolution, Feminismus. Übersetzt von: Maja Pflug. Europäische Verlagsanstalt 1980. 258 Seiten. ca. 10.00 SFr. ISBN 978-3-434-00428-8

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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