UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Richard Reynolds: Guerilla Gardening | Untergrund-Blättle

5841

Buchrezensionen

Richard Reynolds: Guerilla Gardening Ein botanisches Manifest

Sachliteratur

Ein Gartenguerillero berichtet von einer mittlerweilen weltweiten Bewegung - denn der öffentliche Raum gehört nicht dem Grünflächenamt.

31. Dezember 2019
0
0
3 min.
Korrektur
Drucken
Richard Reynolds, Guerilla-Gärtner und Aktivist einer ökologischen Bewegung, welche den öffentlichen Raum zurückerobern möchte, hat ein ungewöhnliches botanisches Manifest vorgelegt. Es geht hier um Sonnenblumen auf Verkehrsinseln, Kartoffelreihen auf Golfplätzen, aber auch Hanfpflanzen in den öffentlichen Anlagen in Tübingen, London oder Brüssel. Reynolds versteht seine Schrift als ein Handbuch für Leute, die sich ähnlich betätigen wollen und ist deshalb überall auf der Welt herumgereist, um die schönsten Beispiele von Nutzpflanzen und Wildblumenbeete zu dokumentieren.

Die Geschichte des Guerilla-Gärtnerns geht zurück auf die Levellers in England und den USA im siebzehnten Jahrhundert. Nutzung von brachliegendem Gelände wie z.B. Holzsammeln war dort durchaus legal, nur eben der Anbau nicht. Verarmte Teile der Bevölkerung wollten sich daran nicht mehr halten und brachten die Obrigkeit gegen sich auf. Als Folge der 1968er-Bewegung wurde das Gärtnern von vielen Hippies in Kalifornien praktiziert und kehrte schliesslich als Ausläufer der Reclaim the Streets- Bewegung im Jahre 2004 nach London, im Stadtteil Elephant & Castel und anderswo zurück. Doch Achtung: Diese haben mit den spiessbürgerlichen Kleingärtner überall auf der Welt nichts am Hut, sie setzen bewusst auf die Rückeroberung des Bodens zur gemeinschaftlichen Nutzung.

Frei nach der Parole Maos der Kulturrevolution, dass man hundert Blumen blühen lassen solle macht man sich nun überall daran sein Umfeld wenn nicht nur zu verschönern, dann wenigstens mehr oder weniger sinnvoll zu nutzen. Dafür wird ein gewaltiges Waffenarsenal aufgeboten und der Autor nennt sowohl lateinische Bezeichnungen als auch die notwendigen Böden und Nährstoffbedarf. Lavendel beispielsweise bevorzugt nährstoffarmen, trockenen Boden und zieht Hummeln an. Wer es lieber bunt mag, bastelt sich am besten Saatbomben aus verschiedenen Samen und platziert sie möglicherweise in öffentlichen Anlagen.

Genaue Bastelanleitung und notwendiges Werkzeug, sowie Strategie und Taktik wird ausführlich beschrieben. Und fast wie nebenbei erfährt man mehr über Landbesetzungen in Lateinamerika, Hausbesetzungen in England, den Kampf gegen Autobahnen und Giftmüllfabriken in den USA, oder auch von einer viel befahrenen Schnellstrasse in Kenia, auf deren Mittelstreifen Guerilla-Gärtner Minimaisfelder angelegt haben. Es gibt inzwischen sogar kleine autonome Bananenrepubliken in Honduras.

„Jetzt bist du schon fast fertig für deinen ersten Anschlag – es kann losgehen. Begib dich hinaus, erkunde das Terrain, stelle deine Ausrüstung zusammen und fange an zu graben. Die Anleitungen dazu stützen sich auf Feldnotizen von Guerilleros aus aller Welt. Obwohl die meisten Aufzeichnungen im Einsatz auf öffentlichen Plätzen und Flächen städtischer Verwahrlosung entstanden sind, sind sie auch anwendbar für ländliche Gegenden und Privatgrundstücke“ (S. 123).

Und obwohl das Buch sich wohl in erster Linie an ein junges Publikum richtet, wird es auch älteren Kleingärtner neue Horizonte erschliessen. Der Optimismus jedenfalls mit dem es geschrieben wurde, kann ansteckend wirken. Wie schon der deutsche Lehrer von Candide in der schönen Fabel von Voltaire bemerkte, als sie der Unzulänglichkeiten in der besten aller Welten überdrüssig waren: Wir müssen den Garten bestellen, antwortete dieser, als Candide wieder einmal zu philosophieren anfing.

Das Buch enthält zahlreiche vierfarbige Bilder mit den schönsten Guerilla-Gärten und ihren Betreibern aus allen möglichen Ecken der Welt, aus dem Englischen von Max Annas, den viele vielleicht noch als Spex-Autor in Erinnerung haben werden. Für den alltäglichen Guerillakampf unerlässlich!

Adi Quarti
kritisch-lesen.de

Richard Reynolds: Guerilla Gardening. Ein botanisches Manifest. Orange Press Verlag, Freiburg 2009. 224 Seiten. ca. 24.00 SFr. ISBN: 978-3-936086-44-7

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
LudwigSebastianMicheler
Eine Familienfeier im VereinslokalDas Weihnachtsohr

24.12.2018

- Der ovale Eichentisch, der mitten im Saal des Vereinsheims stand, und üblicherweise als Stammtisch der ’Alten Herren’ und für den Kleingärtner-Frühschoppen diente, der sich allsonntäglich vormittags zum gepflegten Einstiegsbesäufnis zusammenfand, war übersät mit Essen, und mit kitschigem Weihnachtsschnickschnack dekoriert.

mehr...
Love Feminism.
Cinzia Aruzza / Tithi Bhattacharya / Nancy Fraser: Feminismus für die 99%. Ein Manifest.Feministischer Klassenkampf

08.08.2020

- Den Feminismus antikapitalistisch denken heisst, ihm eine neue Klassenausrichtung zu geben und damit die Welt zu verändern.

mehr...
Protestschild mit Frantz FanonZitat vor dem Polizeigebäude in Minneapolis, November 2015.
Frantz Fanon: Die Verdammten dieser ErdeIm Sturmzentrum der kolonialen Befreiung

13.11.2020

- «Die Verdammten dieser Erde» von Frantz Fanon ist ein Paukenschlag gegen Unterdrückung, Gewalt und Widerstand der Menschen des „Globalen Südens“ gegen eine ungleiche Welt. Es ist Zeit, sich diesem Klassiker zu widmen.

mehr...
Black Lives Matter und die Abschaffung der Polizei

01.07.2020 - Seit Mai demonstrieren Menschen in den USA und überall auf der Welt unter dem Label ’Black Lives Matter’ gegen rassistische Polizeigewalt. Um ...

Urban Gardening in Mannheim - die Neckargärten

08.08.2013 - Gebauter Beitrag über das Mannheimer Urban Gardening Projekt (http://www.urbaner-garten-ma.de/): Interviews mit Gärtner_innen über Idee, Ziele - und ...

Dossier: Klimawandel
Klimawandel
Propaganda
Helene Fischer: Von Kinderhand für mich gemacht

Aktueller Termin in Berlin

Changing Cities – die Stadt von unten verändern!

Vortrag und Gespräch mit Inge Lechner Changing Cities, der Verein hinter dem Volksentscheid Fahrrad, ist gerade 6 geworden. Damit sind wir nicht mehr ganz so jung und haben auch schon einiges erlebt im Kampf für die Verkehrswende und ...

Montag, 29. November 2021 - 20:30

K19 Café, Kreutzigerstr. 19, 10247 Berlin

Event in Lausanne

La chorale anarchiste

Montag, 29. November 2021
- 19:00 -

Espace Autogéré

Rue Dr César-Roux 30

1011 Lausanne

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle