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Ole Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde

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Ole Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde Plädoyer gegen die Kriegstüchtigkeit

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Sachliteratur

Ole Nymoens Buch ist eine Intervention in die gegenwärtige Debatte um die „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands. Ausgangspunkt ist die These, dass Kriege nicht aus Irrationalität oder Missverständnissen resultieren, sondern ein genuines Mittel staatlicher Politik darstellen.

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Foto: Eigenes Werk

Datum 28. August 2025
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Die Arbeit ist klar strukturiert: Im ersten Teil wird das „Wesen des Krieges“ entwickelt, im zweiten Teil werden ideologische Legitimationen analysiert, im dritten Teil legt Nymoen seine eigene Absage an militärische Dienstbarkeit dar.

Kriegslogik und Staatlichkeit

Nymoen arbeitet heraus, dass Krieg die logische Konsequenz staatlicher Souveränität im internationalen System ist: Staaten müssen ihre Handlungsfähigkeit in Konkurrenz zu anderen Staaten behaupten und greifen dabei immer wieder auf militärische Mittel zurück. Diese Bestimmung ist zutreffend, bleibt jedoch in einer problematischen Hinsicht unvollständig: Der Widerspruch zwischen Staat und Gesellschaft wird primär auf die Kriegssituation bezogen. Damit entsteht der Eindruck, als sei erst die extreme Eskalation des Krieges der Punkt, an dem der Staat seine Bürger zu Instrumenten degradiert.

Kapitalistische Friedensordnung als Voraussetzung der Kriegslogik

Eine materialistische Staatskritik würde demgegenüber betonen, dass die instrumentelle Verfügung des Staates über „seine Bürger“ bereits in Friedenszeiten systematisch angelegt ist. Der Staat gründet die gesellschaftliche Reproduktion auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln und zwingt so die Mehrheit der Bevölkerung zur Lohnarbeit. Die staatliche Ordnung – Recht, Polizei, Gerichte – sichert diesen Zwang ab, indem sie die Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln aufrechterhält.

In diesem Kontext ist auch der Sozialstaat nicht als fürsorgliche Einrichtung zu verstehen, sondern als Mechanismus zur Sicherung der Verwertungsfähigkeit der Arbeitskraft. Er stabilisiert die „Humanressourcen“ für die kapitalistische Produktion und reproduziert die Arbeitskraft als funktionale Variable des Akkumulationsprozesses. Die Logik der „Kriegstüchtigkeit“ setzt damit nicht qualitativ neu ein, sondern radikalisiert eine bereits bestehende Struktur: Bürgerinnen und Bürger werden im Frieden als Arbeitskräfte vernutzt, im Krieg als Soldaten.

Krieg, Kapitalismus und Weltordnung

Nymoen beschreibt Kriege als Ausdruck von Souveränitätskonflikten zwischen Staaten. Eine stärkere theoretische Zuspitzung wäre möglich gewesen, wenn diese Konflikte explizit in den Rahmen der kapitalistischen Weltökonomie gestellt worden wären. Die globale Ordnung ist nicht nur eine politische, sondern vor allem eine ökonomische Konkurrenzordnung, die durch hegemoniale Mächte (nach 1945 insbesondere die USA) durchgesetzt wird.

Staaten handeln nicht lediglich aus subjektiven Machtinteressen „weniger Herrschender“, sondern aus der Notwendigkeit, ihre Position in der weltweiten kapitalistischen Konkurrenz zu behaupten. Diese Dimension deutet Nymoen zwar an – etwa wenn er auf die Ambitionen Deutschlands in der EU und die „Zeitenwende“ verweist –, eine konsequente Einbettung seiner Argumentation in eine Analyse imperialistischer Konkurrenzordnungen bleibt jedoch aus. Damit bleibt seine Kritik eher normativ (Absage an Kriegsteilnahme) als analytisch-strukturell fundiert.

Bewertung

Nymoens Buch ist als polemisch zugespitzte und zugleich klar verständliche Kritik an der deutschen Kriegstüchtigkeitsdebatte zu begrüssen. Es leistet wichtige Aufklärungsarbeit, indem es den Mythos des „sinnlosen Krieges“ durch eine Analyse seiner rationalen Funktion für staatliche Herrschaft ersetzt. Für eine vertiefte Auseinandersetzung wäre jedoch erforderlich, die kapitalistische Fundierung von Staatlichkeit und Krieg systematisch mitzudenken. Nur so lässt sich der Zusammenhang von Ausbeutung in Friedenszeiten und militärischer Instrumentalisierung im Krieg in seiner ganzen Logik erfassen.

Fazit

Das Verdienst Nymoens liegt in der Popularisierung einer staatskritischen Perspektive, die gegenwärtig von hoher politischer Brisanz ist. Die Grenzen seiner Argumentation markieren zugleich den Punkt, an dem eine weitergehende theoretische Analyse einsetzen müsste: Krieg ist nicht lediglich ein moralisches Versagen oder eine „Ausnahme“, sondern Ausdruck der kapitalistisch verfassten Konkurrenzordnung, in der Staaten ihre Interessen mit allen Mitteln ökonomischen wie militärischen – durchzusetzen gezwungen sind

Hermann Lueer

Ole Nymoen: Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde. Rowohlt Taschenbuch 2025. 144 Seiten. ca. 22.00 SFr., ISBN: 978-3499017551.