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Reyhan ?ahin: Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Eine kleidungssemiotische Untersuchung Kopftuch tragender Musliminnen in der Bundesrepublik Deutschland Reyhan ?ahin: Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs

Sachliteratur

Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs klingt freilich erst einmal politisch einschlägig. Und wenn mit Lady Bitch Ray eine, wenn auch nicht immer stilsichere, so ohne Zweifel mutige und provokante Künstlerin dahintersteht, weckt das Buch gleich noch mehr Interesse.

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Bild: Berlin-Wedding im Winter. / Dirk Ingo Franke (CC BY-SA 4.0 cropped)

21. Juni 2016

21. 06. 2016

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Auf den ersten Blick ist es eine typische Dissertationsarbeit mit ca. 500 Seiten und dem üblichen akademischen Duktus. Reyhan Şahin versucht mithilfe eines kleidungssemiotischen Ansatzes, verschiedene Bedeutungen des Kopftuches zu identifizieren. Auffallend sind jedoch die gravierenden methodischen Mängel der Forschung. Die Autorin beansprucht, eine repräsentative Studie über die Bedeutung des Kopftuches in Deutschland zu liefern, wie sie mehrfach und explizit betont. Dafür hat sie dann jedoch lediglich 30 Kopftuch tragende Frauen befragt, die allesamt zwischen 18 und 30 Jahren alt waren. Das Sample setzt sich ausschliesslich aus Muslimas zusammen, die entweder gerade studieren und/oder »expressiv-modisch« gekleidet waren.

Dabei kritisiert die Autorin ältere Studien sogar dafür, dass diese ihre Befragten über einen Moscheeverein rekrutiert haben und dass dies die Untersuchungsergebnisse manipuliere. Dass auch ihr recht spezieller Fokus zu einer Verzerrung der Ergebnisse führen könnte, reflektiert die Autorin jedoch nicht weiter. Şahin beruft sich auf das Vorgehen des Theoretischen Samplings, bei der sich die Sample-Grösse danach richtet, ob weitere theoretisch bedeutsame Unterscheidungsmerkmale existieren. Dabei scheint ihr vollkommen entgangen zu sein, dass diese Unterscheidungen und Kontraste bewusst gesucht werden müssen, um möglichst viele unterschiedliche Bedeutungen zu finden.

Aber dazu wäre es nötig gewesen, über den selbst gesetzten Tellerrand hinauszuschauen und sich nicht vorab auf zwei Untersuchungsgruppen festzulegen, bei denen politisch höchst erfreuliche Ergebnisse zu erwarten sind: Das Kopftuch der Befragten steht für die individuelle Religiosität der Frauen, für »identitäre Hybridität«, ist ein Zeichen von Integration und Bildungsaufstieg, von Reflexion statt Fremdbestimmung. Es bietet Schutz, signalisiert sexuelle Reife und verschafft einen Vorteil auf dem muslimischen Heiratsmarkt.

Dass die Autorin für diese Arbeit von der Körber-Stiftung den Deutschen Studienpreis für ihre gesellschaftspolitische Relevanz bekommen hat, sagt daher auch mehr über die Stiftung und den akademischen Betrieb in Deutschland, als über die Qualität der Arbeit oder gar ihre Relevanz: Zwar erfahren wir durchaus interessante Details – von der Frage, wie Muslimas ihren Beziehungsstatus qua Kopftuch signalisieren, bis hin zur Farbe ihrer Unterwäsche. Politische Fragen bleiben dabei jedoch überwiegend unberührt.

Genauer gesagt entsteht der Eindruck, dass die Autorin gerade um diese einen grossen Bogen macht. Die Muslimas sollen in über 100 Fragen ausführlichst über die Farbe und Form ihres Kopftuches, über ihre Kleidung und Schminke berichten. Die Autorin fragt nach der Höhe der Absätze und danach, ob die Teilnehmenden vielleicht einen Schuhtick haben. Nur bei der letzten Frage, nämlich danach, warum die jungen Frauen überhaupt ein Kopftuch tragen, erbittet sich die Autorin lediglich »eine kurze Antwort«. Über den tatsächlich gesellschaftspolitisch relevanten Einfluss der muslimischen Familien und Communities für das Tragen des Kopftuchs schreibt die Autorin eher unsystematisch und am Rande. Den abgedruckten Antworten ist durchaus zu entnehmen, dass muslimische Kontexte Frauen dazu drängen, das Kopftuch zu tragen.

Şahin‘s erklärtes Ziel ist es, der Islamkritik von Feministinnen wie Alice Schwarzer etwas entgegenzusetzen. Dazu zeichnet sie das Bild der starken und coolen Muslimas, die sich ganz selbstständig und unabhängig für Islam und Kopftuch entscheiden, deren Partner ihre Bildung unterstützen und notfalls auch ein Leben als Hausmann in Kauf nehmen. Qua Methodik muss die Autorin Problematisches ausklammern. Auch eine Kritik von Geschlechterverhältnissen und religiösen Vorstellungen, nach denen Frauen sich zu bedecken hätten, ist in Şahins Werk nicht zu finden. Die Menschen innerhalb der islamischen Communities, die politische Solidarität und Aufmerksamkeit benötigen, verleugnet Şahin damit. Business as usual im akademischen Betrieb.

Prisca Kaprizi
Artikel aus: Phase 2 / Ausgabe Nr. 52
www.phase-zwei.org

Reyhan Şahin: Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs. Lit Verlag, Berlin 2014. 544 Seiten, ca. 49.00 SFr ISBN: 978-3643119001

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