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Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals Schritt für Schritt in den Sozialismus

Sachliteratur

Gegen den Kapitalismus, der uns alle zu Zombies macht, hilft nur ein grüner Sozialismus. Um diesen zu erreichen, müssen Reform und Revolution ineinandergreifen.

9. Oktober 2020

09. 10. 2020

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Es ist vielleicht die popkulturelle Figur unserer Zeit: der Zombie. Nach einer Konjunktur in den 1970er-Jahren sind seit Anfang der 2000er-Jahre wieder unzählige Filme über seelen- und willenlos herumziehende Untote in den Kinos zu sehen. Für den Sozialwissenschaftler und Schriftsteller Raul Zelik ist der Zombie mehr als eine Figur; er sieht im Zombie eine Metapher für ein Leben im Kapitalismus – einem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das im Widerspruch steht zum Leben, was sich gerade jetzt während Corona zeige. „Die Pandemie ist ein Scheideweg – entweder wir entscheiden uns jetzt für ein Projekt des Lebens oder für eines der beschleunigten gesellschaftlichen Zerstörung.“ (S. 15) So heisst es im Vorwort zu Zeliks Buch „Wir Untoten des Kapitals“.

Wir sind die Zombies

Bei genauerer Betrachtung blicken „wir“ auf uns selbst, wenn wir uns im Kino oder am Laptop Filme und Serien über die meist subjektlosen Zombies reinziehen. Die Zombie-Metapher ist zutreffend, ist das Untote ja bereits Teil unseres Lebens: Anzeichen sind leblose Innenstädte, das Gefühl, bei der Lohnarbeit nicht mehr als ein Anhängsel einer Maschine zu sein, ein Alltag, in dem die Warenform nicht Halt macht vor Freundschaften und Liebesbeziehungen.

„Die Spätmoderne ist eine eigenartige Epoche: Auf der einen Seite sind die Selbstbestimmungsdiskurse das Mantra unserer Gesellschaft, und die Leitideologie des Individualismus duldet keine Einwände. Andererseits folgen immer mehr Abläufe in unserem Leben einer Logik, auf die wir keinen Einfluss zu haben scheinen, ja die unseren Interessen diametral widersprechen.“ (S. 23)

Dieser Entwicklung setzt Zelik in seinem Buch ein Konzept gegenüber, das für viele ebenfalls wie ein Zombie erscheinen mag: das des Sozialismus. Zelik schwebt dabei ein Sozialismus vor, der sich abgrenzt von dem des 20. Jahrhunderts. Hier dienen ihm die Sowjetunion, die chinesische Kulturrevolution und das sozialistische Jugoslawien als – manchmal etwas schablonenhaft dargestellte – Negativbeispiele, von deren Fehlern ein neuer Sozialismus lernen müsse. Es habe etwa an einem eingebauten Transformationsmechanismus gefehlt, „mit dem sich Krisen hätten bearbeiten lassen“ (S. 158). Zelik plädiert für einen Sozialismus, der nicht nur von der Übernahme der politischen und ökonomischen Macht ausgeht, sondern das Gesellschaftliche in den Mittelpunkt rückt.

Der Traum vom Paradies

So geht es bei Zelik nicht ausschliesslich um die Veränderung der Eigentumsverhältnisse, sondern auch um die Themen, die in den vergangenen Jahren weltweit junge Menschen geprägt haben: Feminismus, Antirassismus und insbesondere ökologische Aspekte. Er macht sich stark für ein ökosozialistisches Projekt, das über blosse Wachstumskritik hinausgeht, weil es auch die Frage stellt, „inwiefern Naturverhältnisse, Konsummodelle und Lebensweisen mit den Klassen- und Herrschaftsverhältnissen verschränkt sind“ (S. 199).

Zelik bewegt sich in seinem Buch sicher auf dem Terrain linker Theorie- und Strategiedebatten, die er umfangreich heranzieht. Das gelingt ihm besonders bei der zentralen innerlinken Diskussion der vergangenen 150 Jahre: Weltweit haben sich linke Parteien und Organisationen immer wieder gespalten, weil sich die Mitglieder nicht zwischen Reform auf der einen und Revolution auf der anderen Seite entscheiden konnten. Zelik, der auch Mitglied im Parteivorstand der Linkspartei ist, erteilt dieser polarisierten Gegenüberstellung eine klare Absage.

„Die messianische Vorstellung (wie sie sich etwa bei Walter Benjamin findet), eine Revolution könne das ‚Kontinuum der Geschichte‘ aufsprengen und sozusagen neu anfangen, hat sich als falsch erwiesen, weil die Gesellschaft ‚am Tag danach‘ die alte ist.“ (S. 152)

Es ist ein wichtiger Gedanke: Der Traum vom Paradies ist problematisch. Mal ganz abgesehen von der hier auch zumindest impliziten Vorstellung, im paradiesischen Sozialismus seien sämtliche Widersprüche aufgehoben, erscheint das Paradies als Gegenstück des Hier und Jetzt, als unerreichbar. Stattdessen – und so kann Zelik hier verstanden werden – müsse es darum gehen, das Bestehende mit dem Gewünschten zu verbinden, sich zu fragen, welche konkreten Schritte gegangen werden müssen. Hinsichtlich des Reformismus macht sich Zelik aber keine Illusionen, so hält er die sozialdemokratische Reformpolitik des 20. Jahrhunderts für gescheitert, da von dieser kaum noch etwas übrig sei.

Reform und Revolution

Zelik plädiert dafür, Reform und Revolution als wechselseitig wirksam zu begreifen. Demokratische und soziale Fortschritte in der Vergangenheit habe es vor allem dann gegeben, wenn es ein Wechselspiel zwischen beidem gab, so etwa Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland, als das Sozialversicherungssystem eingeführt wurde.

„Der Motor des Bismarck’schen Reformprozesses war die Rebellion der arbeitenden Klassen, und entscheidend war am Ende nicht die institutionelle Macht der Sozialdemokratie, sondern das Potenzial der Bewegung, unregierbare Verhältnisse herzustellen. Keine progressive Regierung, sondern die Organisation der unteren Klassen und die Angst vor ihnen legte das Fundament für den deutschen Sozialstaat.“ (S. 119)

Zelik schlägt eine ganze Reihe von Reformen vor, die zwar im Hier und Jetzt ansetzen, aber doch über das bestehende Gesellschafts- und Wirtschaftssystem hinausweisen. Im Mittelpunkt steht dabei die Idee eines Green New Deal, für den etwa auch auf Seiten des linken Flügels der demokratischen Partei in den USA geworben wird.

Der Text schwankt zwischen sozialwissenschaftlicher Analyse, feuilletonistischem Essay und politischer Programmschrift. Diese Sprünge in der Form überdeckt die klare und anschauliche Sprache des Buchs samt Illustrationen aus der Filmwelt und der Literaturgeschichte. Hier kommt Zelik zugute, dass er neben diversen Sachbüchern auch eine Reihe von Romanen veröffentlicht hat.

Martin Büsser schrieb 2003 über den Zombie-Film „28 Days Later“ in der konkret, mit seinem kargen Blick auf den postindustriellen Trümmerhaufen, in dem die Zombies lebten, spiele der Film mit der Vorstellung, „was bleiben könnte, wenn vom Kapitalismus nichts mehr übrig ist“. Zu erkennen, dass die Zombie-Apokalypse noch abgewendet werden kann, dazu lädt „Wir Untoten des Kapitals“ ein – und liefert eine sehr gute Diskussionsgrundlage, welche Schritte dafür nötig sind.

Sebastian Friedrich
kritisch-lesen.de

Raul Zelik: Wir Untoten des Kapitals. Über politische Monster und einen grünen Sozialismus. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 328 Seiten. ca. 24.00 SFr., ISBN: 978-3-518-12746-9

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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