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Projekt baul_cken: Abrisse. Innen- und Aussenansichten einsperrender Institutionen. Foucault souverän gewendet

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Eine Aktivist_innen-Gruppe aus Hannover möchte das Thema „Knastkritik“ wieder auf die linke Agenda setzen.

Justizvollzugsanstalt, Münster, NordrheinWestfalen, Deutschland.
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Bild: Justizvollzugsanstalt, Münster, Nordrhein-Westfalen, Deutschland. / Dietmar Rabich - Wikimedia Commons - "Münster, Justizvollzugsanstalt -- 2014 -- 8284" (CC BY-SA 4.0 cropped)

31. Januar 2017

31. 01. 2017

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Etwa 65.000 Menschen sind zurzeit als Gefangene und Verwahrte in deutschen Justizvollzugsanstalten inhaftiert. Die Bilder, die vom „Knastalltag” existieren, changieren irgendwo zwischen den Stereotypen von „Schwerverbrecher_innen in Luxuszellen” oder „armen Schweinen, denen nicht mehr anders geholfen werden kann”. Darüber, wie die Realität dieser mehreren zehntausend Menschen tatsächlich aussieht, ist wenig bekannt. Die „Innen- und Aussenansichten einsperrender Institutionen”, von denen Gefängnis nur eine ist, müssen wieder mehr auf die Agenda, befand deshalb die Initiative baul_cken aus Hannover vor fünf Jahren. Nach mehreren Jahren intensiver Auseinandersetzung mit dem Komplex Knast gab die Gruppe damals den Band „abrisse“ heraus.

Die Notwendigkeit einer generellen Auseinandersetzung mit Knast an sich ist heute noch genauso aktuell wie im Jahr 2011. Denn, obwohl vor 30, 40 Jahren noch vollkommen selbstverständlich im radikalen gesellschaftspolitischen Diskurs verankert, hat sich – und davon gehen auch die Autor_innen des Buches aus – der Gegenstand Gefängnis mehr oder weniger schleichend aus dem linken Themenspektrum entfernt. Man könnte es auch deutlicher sagen – beim Thema Knast wurde der Wandel von einer eher aktivistischen Position der Abschaffung hin zu einer resignativen Perspektive oder sogar zur bürgerlichen Position der Straflust vollzogen.

Aufklärungsarbeit im Inneren der Macht

Das Projekt baul_cken hat sich in seiner Arbeit deshalb einen deutlichen historischen Bezug gewählt. Am 9. Februar 1971 gründete der französische Intellektuelle Michel Foucault zusammen mit anderen Aktivisten die Gruppe „Gefängnis-Information“ (Groupe d´information sur les prisons, G.I.P.), die auf die damaligen Zustände in französischen Gefängnissen aufmerksam machen wollte. Nicht zuletzt, weil viele der Gefangenen in der Zeit auch politische Gefangene waren und es ein neues, anderes Interesse daran gab, über Gefängnis als Ort der Macht aufzuklären und Öffentlichkeit zu schaffen. Allerdings wird die Gruppe bereits 1972 wieder aufgelöst.

„[W]as kommt da ans Tageslicht? Die Böswilligkeit des einen oder die Unregelmässigkeit des anderen? Kaum. Sondern die Gewaltsamkeit der Machtverhältnisse. Die Gesellschaft tut alles, um die Blicke aller von allen Ereignissen abzulenken, welche die wahren Machtverhältnisse verraten.“ (Foucault 1976, S. 28f.)

Einige Jahre später finden sich auch in Foucaults „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ die Themen der G.I.P. wieder: die Erzeugung von Delinquenz durch das Gefängnis, die Verwaltung von Gesetzwidrigkeiten, die Zugehörigkeit des Gefängnisses zu einem Strafsystem, das in seiner Gesamtheit untersucht werden muss. Eine der ersten Massnahmen der G.I.P. war es, mithilfe von Familienmitgliedern von Inhaftierten Fragebögen in die Haftanstalten zu schmuggeln, um anschliessend über die Lebensbedingungen und vor allem die „Untolerierbarkeiten“ in den Knästen berichten zu können. Baul_cken hat diese Methode aufgegriffen und gemeinsam mit einem Gefangenen Fragebögen entworfen. Dabei ging es allerdings nicht darum, die Menschen „drinnen“ zu befragen, sondern die Menschen „draussen“ – für die Menschen „drinnen“. Was hier angenehm nüchtern als „Gemeinschaftsprojekt” zwischen Gefangenem und den baul_cken-Aktivist_innen beschrieben wird, trägt so zum Beispiel dazu bei, dass Gefangene etwas darüber erfahren können, was die Menschen „draussen” so über sie denken.

Unter anderem mit diesem Beitrag gelingt es „abrisse“, inhaltlich über den Zustand von Solidaritätsbekundungen hinauszugelangen und eine souveräne Wendung in der Komplexität des Feldes zu vollziehen – hin zu einer kurzen, aber genauen Analyse von Akteur_innen, Interessen und Strategien, aber auch von Aspekten wie Geschlecht und Widerständigkeiten. „abrisse“ sind eine Zusammenstellung kluger Überlegungen und historischer Einordnungen inklusive retrospektiver Neubewertungen von Versuchen, mit denen sich Knast, den Theorien des Ein- und Ausschlusses und einer Kritik daran genähert werden kann.

Die Herausgeber_innen bleiben dabei nah an der Perspektive der Gefangenen, indem sie Briefe und Interviews veröffentlichen oder über Aufstände in Gefängnissen berichten. Ergänzt werden diese Zeugnisse durch Interviews mit Anwält_innen oder eine Einschätzung des Verlaufs der Diskussion um die sogenannte Sicherungsverwahrung (SV). Noch immer wehren sich deutsche Justizminister_innen gegen deren Abschaffung – entgegen des Verbots der SV mit verschiedenen Entscheidungen des Europäischen Menschengerichtshofs (EGMR) in den Jahren 2009/2010. Sehr schleppend wurden in den vergangenen Jahren Reformen in den SV-Einrichtungen durchgesetzt, ein Bewährungshelfer nennt es „trickreiche Versuche der Politik, das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu umgehen“ (vorgänge 205, S. 27).

Ob nun die eigene Erfahrung oder das Nachdenken über „drinnen“ und „draussen“ ausschlaggebend für ein Interesse an Knast ist, der schmale Band sei allen empfohlen, denen der Laut von sich schliessenden Türen zum Zweck der Machtausübung unangenehm quer durch den Kopf hallt.

Claudia Krieg / kritisch-lesen.de

projekt baul_cken: abrisse. innen- und aussenansichten einsperrender institutionen. Edition Assemblage, Münster 2011. 128 Seiten, ca. 17.00 SFr. ISBN 978-3-942885-06-5

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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