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Borniertheit gegen Effizienz | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Zum Essayband von Peter Moeschl Borniertheit gegen Effizienz

Sachliteratur

Darf es heute noch Denker geben, die die Borniertheit loben? Natürlich darf es sie nicht geben, aber es gibt sie trotzdem. Peter Moeschl ist so einer.

15. Juni 2015

15. Jun. 2015

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Die besondere Kraft der österreichischen Borniertheit liegt in der Beschränkung der kapitalistischen Zumutungen, in „der renitenten Unverfügbarkeit für jene inhumane Selbstverwertung“, schreibt er. Diese ist auch wirklich das zentrale Thema in Moeschls Sammelband, auch wenn der Titel anderes suggeriert. Der Autor analysiert auf oft überraschende Weise, vieles kommt anders als erwartet, und das ist gut so. Seine Sprache ist präzis aber unaufdringlich, oft sehr bedächtig und abwägend, aber doch nicht zurückhaltend im Urteil.

Vieles ist wirklich gut, weil es ineffizient ist, behauptet Moeschl (S. 114) und preist ungeniert das Verhindern als „List der österreichischen Unvernunft“(114). Er lobt sogar die gegenseitige Blockadepolitik von SPÖ und ÖVP, deren Haupteigenschaften Neid und Gier sich eben bei dieser Übung neutralisieren. (S. 114) Die heimische Gemütlichkeit sei demnach ein produktiver Störfaktor unverwerteter Residuen.

Einer der besten Artikel im Sammelband ist jener zum „Mythos Effizienz“. Überzeugend versteht es Moeschl die grundlegende Differenz zwischen Effektivität und Effizienz zu zeigen. Geht es bei ersterer um ein solides Resultat, so bei letzterer um Kosten und Gewinne. „Die aus der Privatwirtschaft stammenden Effizienzvorstellungen sind also keineswegs unmotiviert und sachlich neutral, sondern von optimalen monetären Verwertungsvorstellungen inspiriert.“ (S. 40) Gerade die Effizienz sei es, die nicht selten die Effektivität von Produkten und Leistungen leiden lässt, um Profite zu maximieren. „Nicht für das konkrete Ergebnis, für die Bewertung arbeiten wir“ (S. 50), heisst es an anderer Stelle.

Moeschl wendet sich auch gegen diese Kapitalisierung der Sprache, insbesondere die ausufernde Kapital-Metaphorik, die heutzutage bedenkenlos aber zielsicher von Bildungskapital, Humankapital oder Sozialkapital spricht, so als sei es ganz selbstverständlich „die eigenen Lebensaktivitäten nur mehr rückbezüglich unter dem Aspekt ihrer Vermarktung zu gebrauchen“ (S. 74). Vermögen resp. Reichtum seien nicht mit Kapital zu identifizieren, dieses ist – und darauf verweist er geradezu redundant – als „sich verwertender Wert“ zu definieren. Er spricht von einer Dynamik, die stets auf Wachstum angewiesen sei, koste es was es wolle. „Wären da nicht die vielen unordentlichen Ordnungen der preislosen Welt jener einer ordentlichen Unordnung des Geldes vorzuziehen? (S. 105), fragt er.

Skeptisch beäugt er indes die aktuellen Protestbewegungen: „Man gefällt sich heute in seinen ästhetischen und moralischen Inszenierungen, hinter denen die politischen Inhalte mehr und mehr verschwinden.“ (S. 86) Aber auch die Identität einer Arbeiterklasse sei keineswegs systemtransformierend, im Gegenteil. Es ginge darum, den „Sprung aus der eigenen, immer schon zugewiesenen, Identität zu wagen. Bei jedem ernsthaften Umgestaltungswillen hat also Identitätsbewahrung nichts verloren, auch nicht die von den Opfern des Systems.“ (S. 91-92) Moeschl plädiert für „kognitive Distanz“ (S. 92), die eigene Seinsweise führe nur dazu „systemkonform (zu) operieren“ (S. 92).

Weniger gelungen sind allerdings die Passagen zu Demokratie und Politik. Zweifellos hat er recht, wenn er die Politikverdrossenheit nicht in obligater Weise beklagen will und den Wählern zugesteht, sich zu verweigern. (S. 15) Indes, sind da nur die verschiedenen Inhalte fragwürdig oder ist nicht vielmehr die Form an sich marod. Und warum und in welcher Weise sollte gerade hier eine Umkodierung – wie der Untertitel unterstellt, aber der Band nicht ausführt – stattgefunden haben?Steckt dahinter wohl die krude Vorstellung, dass nur eine richtige Politik gemacht werden müsse um auch zu einer wirklichen Demokratie zu kommen?

Politik und Demokratie selbst bleiben jedenfalls seltsam unberührt, sie gelten als normative Voraussetzung und nicht als zu historisierende Projekte. Diese Sichtweise sitzt selbst den Versprechungen der bürgerlichen Werte auf. Ist es nicht naheliegender zu meinen, dass die Demokratie, die wir haben, die mögliche ist und die Politik detto. Warum verficht einer, der an Geld und Verwertung, an Arbeit und Kapital fundamentale Kritik äussert, in diesen wichtigen Punkten obligate Bekenntnisse? Hier wechselt Moeschl ungewollt vom Kritiker zum Affirmatiker.

Franz Schandl

Peter Moeschl: Privatisierte Demokratie. Zur Umkodierung des Politischen. Verlag Turia + Kant Verlag, Wien-Berlin 2015, 127 Seiten, Paperback. ca. SFr. 17.00 ISBN: 978-3851327687

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