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Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen Für Bargeld auf die Barrikaden

Sachliteratur

Das langsame Abschaffen des Bargelds ist ein «Kriminalfall», den Norbert Häring in seinem neuen Buch verständlich darstellt.

Mainpanorama mit Deutschherrnbrücke, EZB-Neubau und Osthafenzufahrt.
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Bild: Mainpanorama mit Deutschherrnbrücke, EZB-Neubau und Osthafenzufahrt. / Simsalabimbam (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

22. März 2016
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Das schrittweise Abschaffen von Bargeld wird mit Argumenten begründet, die mit den tatsächlichen Absichten nicht übereinstimmen. Das Abschaffen von Bargeld würde zu gewaltigen Umverteilungen führen, derer sich die betroffenen Bürgerinnen und Bürger nicht bewusst sind.

Die Bekämpfung von Kriminalität ist nur ein Vorwand

Seit rund drei Jahren wird weltweit an der Abschaffung des Bargeldes gearbeitet, angeblich weil Noten und Münzen im Vergleich zum elektronischen Geld zu teuer und zu umständlich seien, und weil diese bevorzugt bei kriminellen Aktivitäten und zur Steuerhinterziehung eingesetzt würden. Aber das ist nur ein Vorwand, wie Autor Norbert Häring deutlich macht.

Zum einen sind Bargeldabschaffer der «Group of Thirty», einer informellen Vereinigung von Grossbanken, Zentralbanken, ehemaligen Regierungsmitgliedern und ein paar Wissenschaftlern, gerichtsnotorisch für genau die Delikte, die sie zu bekämpfen vorgeben. Sämtliche Mitglieder aus dem Privatbankensektor bezahlten horrende Summen, um Verfahren wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung und Geldwäsche einzustellen. Wenn sie jetzt die Bargeldabschaffung forcieren, kommt einem dies vor, wie wenn sich die Mafia plötzlich für Waffenkontrolle stark macht.

Auch die beteiligten Zentralbanken – offiziell Hüter des gesetzlichen Zahlungsmittels – sind aktiv daran, dessen rechtlichen Status mit allerhand Behinderungen in Frage zu stellen. EZB-Chef Draghi winkte eine Reihe von nationalen Gesetzen durch, welche das Verwenden von Bargeld einschränken. Eigentlich muss er von Amtes wegen kontrollieren, ob nationale Gesetze mit dem EU-Vertrag kompatibel sind. Und dieser bezeichnet den Euro als einziges gesetzliches Zahlungsmittel.

Weg frei für Negativzinsen

Die Schweizerische Nationalbank ihrerseits ermunterte Banken, mit dem gesetzlich garantierten Umtausch von Giroguthaben in Bargeld restriktiv umzugehen.

Eines der wesentlichen Motive für die Forderungen nach Abschaffung des Bargelds macht der Titel einer Konferenz deutlich, welche die Schweizerische Nationalbank mit dem Institut eines Hedgefonds am 18. Mai 2015 in London durchführte: «Removing the Zero Lower Bound on Interest Rates Conference» – Beseitigung der Nullzins-Untergrenze.

In der Tat: Die weltweit drückende Schuldenlast soll durch erleichterten Zugang zu Krediten gemildert bzw. in die Zukunft verschoben werden. Und weil die Zinsen schon bei null liegen, können sie nur weiter gesenkt werden, wenn den Sparern das Ausweichen auf Bargeld verwehrt wird.

Die Förderung realwirtschaftlicher Investitionen, das offizielle Ziel von Negativzinsen, hält Häring eher für einen Vorwand als eine Begründung. Statt Investitionen anzukurbeln führt das billige Geld vor allem zu steigenden Preisen bei Vermögenswerten wie Aktien oder Immobilen, was die Reichen reicher macht.

Über ein weiteres Argument wird nur verklausuliert gesprochen: Das Verhindern eines Runs auf Banken. Wenn das Vertrauen in das Geld der Banken schwindet, werden es die Sparer gar nicht erst abziehen können, wenn es kein Bargeld mehr gibt oder nur ganz beschränkte Summen erhältlich sind. Dieses Erschweren eines Runs auf Banken wird die Banken zu riskanteren Anlagen verleiten.

Norbert Häring zieht eine interessante Parallele zum Jahr 1971, als die USA die Pflicht aufhoben, Dollar jederzeit zu einem fixen Kurs in Gold zu tauschen:

«Die USA erzielen auf ihren Aktiva im Ausland erheblich höhere Renditen, als sie umgekehrt den Ausländern für deren US-Aktiva zahlen müssen. Solange der Dollar mit Gold gedeckt war, mussten sie sich mit einem Renditevorteil von einem Viertel Prozentpunkt zufrieden geben. Nach 1973 schwoll der Renditevorteil der USA einschliesslich Wechselkurseffekte auf satte 3,3 Prozentpunkte pro Jahr an...Die US-Banken und Kapitalanlagegesellschaften nutzten die durch das Ende der Goldbindung neu gewonnene Freiheit, um immer mehr Dollar in höherrentierliche Anlagen im Ausland anzulegen...So wie damals die USA und ihre Banken können dann auch unsere Banken viel ungenierter in riskantere, weniger liquide und hochrentierliche Anlagen investieren. Sie müssen ja nicht mehr befürchten, dass es bei zwischenzeitlichen Verlusten zu einem Bank Run der Einleger kommt.»

Ein Bargeldverbot dürfte für den Finanzsektor also zu einem ziemlich guten und vor allem sicheren Geschäft werden.

Der Bock macht sich zum Gärtner

Das bargeldlose Bezahlen wird seit einigen Jahren in afrikanischen Ländern durchgesetzt, nicht zuletzt in enger Zusammenarbeit zwischen der staatlichen Hilfsorganisation USAID und der Grossbank Citigroup. Damit solle u.a. die Korruption bekämpft werden, schrieben sie in einer gemeinsamen Pressemitteilung.

Wieder machte sich der Bock zum Gärtner; Citicorp musste sich mit mehreren Milliarden Dollar von einer Strafverfolgung wegen illegaler Praktiken und Markmanipulationen loskaufen. Das Beispiel zeigt: Mit einem Bargeldverbot verändern sich nur Täter und Dimension des Betrugs.

Totale Überwachung

Dazu kommen die vielfältigen Möglichkeiten der Überwachung. Schon heute werden die privat erhobenen Transaktionsdaten in einem Ausmass ausgewertet, das sich der unbedarfte Zeitgenosse fast nicht vorstellen kann, wie Häring in einem ausführlichen Kapitel unter dem Titel «Der Weg in die totale Kontrolle» eindrücklich schildert. Dass diese Überwachungsmöglichkeiten mit einem Bargeldverbot plötzlich hehre Ziele verfolgt, ist unwahrscheinlich. Die Menschen würden gezwungen, für alle ihre Zahlungen den Banken Kredit zu geben. Denn das Bargeld auf unseren Konten ist in Tat und Wahrheit Kredit an die Bank, die ihr Versprechen, es jederzeit wieder in Bargeld umzutauschen, nicht für alle gleichzeitig einhalten kann. Die Banken haben dafür bei weitem nicht genügend Reserven.

Richtung «Vollgeld»

Häring fordert Bürgerinnen und Bürger auf, sich dem Abschaffen des Bargelds zu widersetzen. Um die heutige Sackgasse von massenweiser Geldschöpfung und Negativzinsen zu verlassen, schlägt der Autor vor, das private Giralgeld der Banken in elektronisches Geld umzuwandeln, das von der Zentralbank kontrolliert und garantiert wird. Ein ähnliches Ziel verfolgt die Schweizer Vollgeld-Initiative.

Norbert Härings Buch ist eine ausgezeichnete Einführung in ein Thema, das bestimmt noch sehr hohe Wellen schlagen wird. Es erklärt die Grundlagen unseres Geldsystems, stellt die Bargeldabschaffung in einen grösseren Zusammenhang und eignet sich deshalb auch für Laien. Aber auch wer die Katakomben unseres Finanzsystems schon einigermassen kennt, kann mit Härings Buch einen anregenden faulen Sonntag verbringen. Am Abend hat man dann eine grosse Sicherheit: Der nächste Montag kommt schon bald. Dann heisst es: Ärmel hochkrempeln und sich für das Bargeld einsetzen. Es ist das einzige gesetzliche Zahlungsmittel, das wir haben. Geht es, kommt die Willkür.

Christoph Pfluger /Infosperber

Norbert Häring: Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen – der Weg in die totale Kontrolle. Quadriga 2016. 256 Seiten, 24.50 SFr, ISBN 978-3-86995-088-4

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