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Monika Berberich, Colectivo Preguntando: Der Kern ist unzerstörbar

Lea Ypi: Aufrecht Erinnerung an einen Gefangenenausbruch vor 50 Jahren in Westberlin

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Sachliteratur

Ein Gesprächsband mit der langjährigen RAF-Gefangenen Monika Berberich erinnert an ein Ereignis, das vor 50 Jahren bei grossen Teilen der linken Bewegung gefeiert wurde.

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Datum 6. Juli 2026
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Auf der Rückseite des Buches findet sich eine Skizze des Westberliner Frauengefängnisses in der Lehrter Strasse. Darauf sind die Zellen von vier Frauen extra markiert. Die Zeichnung dokumentiert die Vorbereitungen für den Ausbruch von Monika Berberich, Inge Viett, Julianke Plambeck und Gabriele Rollnik aus diesem Gefängnis am 7. Juli 1976.

Für die Staatsorgane und den grossen Teil der Medien war die Flucht eine grosse Blamage. Dass es den vier Gefangenen aus der Bewegung 2. Juni und der Rote Armee Fraktion vor 50 Jahren gelungen ist, aus dem schwer bewachten Gefängnis zu entfliehen, sorgte damals bei vielen Linken für Genugtuung, auch bei Menschen, die den bewaffneten Kampf nicht unterstützen.

Es gibt auch heute noch Menschen, die diesen gelungenen, gewaltfreien Ausbruch begrüssen. „Es macht immer wieder Spass das zu hören“ (S. 284) sagt eine Person des Colectivo Preguntando, was schlicht „Die gemeinsam Fragenden“ heisst. So bezeichnet sich eine Gruppe aus drei Personen, die mit den Vornamen Hannah, Rahel und Julian vorgestellt werden. Sie gehören zur jüngeren Generation und sind in linken Zusammenhängen aktiv. Vor einigen Monaten haben sie im Verlag Immergrün einen Interviewband mit der RAF-Gefangenen Monika Berberich, also einer der Frauen, die 1976 den Knastausbruch wagten, herausgebracht. Es ist das Ergebnis von insgesamt 16 Treffen mit Berberich.
Die Gruppe kannte sie schon länger, weil ihre Eltern zu dem Personenkreis gehörte, die mit Berberich seit ihrer schweren Krankheit Ende der 1990er Jahre in Kontakt stehen. Dadurch entstand auch das Vertrauen, das die sehr intensiven Gespräche möglich machten. Für die Fragenden gehört die Geschichte der RAF zu einer anderen Epoche, zu der sie sich fragend einen Zugang verschaffen. Es sind ihre eigenen Fragen, mit denen sie ins Gespräch gingen. „Unsere Idee und unser Anliegen war es, Monis Geschichte zu dokumentieren, mit ihr darüber zu sprechen, Fragen zu stellen und zu diskutieren. Und vor allem verstehen zu wollen, warum sie so gelebt hat, wie sie es getan hat“, beschreiben die Fragenden das Anliegen des Gesprächbands.

Weil sie Berberich Fragen stellen, die auch viele junge Linke heute bewegen, kann der Band auch ihnen Geschichte vermitteln.

Sehr anschaulich wird die politische Biografie von Monika Berberich geschildert. Innerhalb weniger Jahre wird aus einer politisch sehr konservativen Jurastudentin eine radikale Linke.

So erfahren wir, dass Berberich 1965 im Zusammenhang mit Fluchthilfekationen aus der DDR vier Monate in Prag inhaftiert war. Sie beschreibt im Interview, wie sie sich aus einem konservativen Elternhaus kommend in Westberlin der späten 1960er Jahre politisiert und dann über ihre Arbeit als Jurastudentin in der Anwaltskanzlei von Horst Mahler in Kontakt mit den Personen kommt, die die RAF gründeten.

Dabei fällt auf, dass es weniger theoretische Fragen waren, die sie zu der Guerillagruppe zog. Sie wurde Mitglied der RAF, weil sie sich dort ernst genommen fühlte. Vage bleiben ihre Aussagen, wenn sie zu Texten befragt wurde, die von der RAF herausgegeben wurden. Dann verweist sie öfter darauf, dass sie da schon im Gefängnis sass und daher nicht an der Erstellung der Texte beteiligt war. Schliesslich wurde Berberich schon am 8. Oktober 1970 gemeinsam mit Brigitte Asdonk, Horst Mahler, Irene Goergens und Ingrid Schubert verhaftet.

Nach ihrem Ausbruch 1976 wurde Berberich bereits 14 Tage später in Westberlin erneut gefasst. Ihr Bruder, mit dem sie Kontakt aufnehmen wollte, wurde von der Polizei lückenlos überwacht. 1988 wurde Berberich nach 28 Jahren, davon viele Jahre Isolationshaft, aus dem Gefängnis entlassen. Sie wurde begrüsst von Freund*innen und Unterstützer*innen, was auch durch Fotos in dem Band dokumentiert ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Fragen in dem Band um das Leben und Überleben im Knast drehen.

„Erstmal bist Du in der Isolation vollkommen auf Dich zurückgeworfen. Entweder bist du eine eigenständige Person, was heisst, dass Du als eigenständige Person in der Isolation existieren kannst. Oder du brauchst andere, um überhaupt zu sein. Das ist an der Isolation ganz schlimm“ (S. 157)“ fasst Berberich zusammen, was Gefangene schon in den 1970er und 1980er Jahren in Schreiben aus dem Knästen geäussert haben.
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Flyer

Auch der Titel des Buches „Der Kern ist unzerstörbar“ stammt aus einer Erklärung der RAF und bezieht sich auf die Gefangenen unter Isolationshaftbedingungen. Hier formulieren die Fragenden begründete Einwände, wenn sie daran erinnern, dass die Gefängnisbedingungen doch viele Gefangene zerstört hat. Erfreulich ist, dass es darüber an vielen Stellen zu einer Diskussion zwischen Berberich und den Fragenden kommt. So fragen die Interviewer*innen welchen Stellenwert beim Überleben im Knast die Kollektivität hatte, die in den Texten der RAF eine grosse Rolle gespielt hat.

Dieser Interviewband ist allen zu empfehlen, die sich über die Geschichte der RAF nicht nur aus der Perspektive des Staates und des eingebetteten Journalisten Stefan Aust informieren wollen. Der Interviewband ist ein Stück Gegengeschichte in einer Zeit, in der der BRD-Staat verklärt wird und die Kämpfe gegen Isolationshaft vergessen werden. Dazu gehört der Ausbruch von Monika Berberich und ihren Genossinnen aus der JVA in der Lehrter Strasse vor 50 Jahren.
Monika Berberich, Colectivo Preguntando: Der Kern ist unzerstörbar. Versuch einer Annäherung: Gespräche mit Monika Berberich. Immergrün Verlag 2026. 399 Seiten. ca. 24.00 SFr. ISBN: 9778-3-910281-22-6.

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