Michail Bakunin: Revolution und Konterrevolution in Sachsen und Böhmen (1849-1851) Schriften von Bakunin in der Revolution
Sachliteratur
Michail Bakunin? Den Namen schon mal gehört? Na klar. Neben Proudhon und Kropotkin ist er einer der ‚Klassiker' des Anarchismus aus dem 19. Jahrhundert. Wichtig war er (1814-1876) in mindestens dreifacher Hinsicht.

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Und oft wurden Arbeiten nicht vollendet. Denn plötzlich wurden andere Ideen wichtiger. Oder irgendwo winkte die nächste Revolution. Dennoch wurde Bakunin zum Begründer des kollektivistischen Anarchismus. In Schriften wie „Freiheit und Sozialismus“, „Gott und der Staat“ oder „Staatlichkeit und Anarchie“ entwarf er die Idee eines gemeinschaftlich-wirtschaftlichen Zusammenlebens ohne staatlichen Zwang und Hierarchien.
Das geschah in scharfem Gegensatz zu Marx und dessen Getreuen und ihrer Idee von Kommunismus. Unerbittlich polemisierte er gegen diesen Widersacher und hielt ihm zu Recht vor, Gemeinschaft nur unter Zwang und unter der Leitung elitärer Besserwisser denken zu können. Damit verbunden ist der dritte Bedeutungsaspekt. In wechselnden Zusammenhängen – konkrete Stationen hier anzuführen, würde ermüden – focht Bakunin für internationale anarchistische Kooperation und für organisatorische Zusammenschlüsse. Auch hier musste er sich gegen Marx und Andere durchsetzen, die auf ihre Weise die Arbeiterbewegung instrumentalisieren wollten. Hier soll nun eine Neuerscheinung angezeigt werden, die Frau oder Mann oder XY sich wahrscheinlich nie kaufen wird, über die man aber orientiert sein darf. Nicht kaufen, weil: über 1000 Seiten, zu einem stolzen Preis von 98 €. Nicht einmal wissenschaftlich Interessierte (an die sich diese Publikation vorrangig richtet) werden in der Regel so tief in die Tasche greifen. Es handelt sich um den dritten Band der vom Privatforscher Wolfgang Eckhardt herausgegebenen „Gesammelten Schriften und Dokumente“ Bakunins. Er trägt den Titel „Revolution und Konterrevolution in Sachsen und Böhmen (1849-1851)“.
Wobei Privatforscher hier ein Ritterschlag ist! Während ganze Kohorten zunehmend gelangweilter Forscher am staatlichen Tropf und in jahrzehntelangem Zähfluss jeden Schnipsel von Marx und Engels edieren, widmet sich Eckhardt dem Sozialrevolutionär und Anarchisten Bakunin ohne jede Bezuschussung und legt eine produktive Quellenedition nach der anderen vor.
Was erfährt man aus diesem Band? Bakunin ist Feuer und Flamme beim Maiaufstand 1849 in Dresden. Er ist der eigentliche militärische Stratege. Weil er aber kein Sachse ist, nicht einmal ein Deutscher, wurde er von der provisorischen Revolutionsregierung vorsichtshalber mit gar keinem offiziellen Amt betraut. Nach der Niederschlagung des Aufstands folgen die Flucht und die Verhaftung in Chemnitz. Die erste Phase der Haft beginnt in und bei Dresden.
Das verhängte Todesurteil wird nicht vollstreckt, sondern Bakunin wird an Österreich ausgeliefert. Hier erfolgt dasselbe Spiel mit dem Leben des Verfolgten: Todesurteil und anschliessende Auslieferung ans zaristische Russland. Man erkennt jede Menge diplomatischer Rochaden. Denn weder Sachsen noch Österreich wollten mit der Vollstreckung des Todesurteils einen Märtyrer schaffen. Nicht noch einmal sollte revolutionäre Gärung genährt werden.
Und Bakunin selbst? Das ist das Überraschende an all den aus vielen Archiven neu erschlossenen Dokumenten (Briefe, Tagebücher, Verhörprotokolle usw.): Er hat Statur, bleibt unerschütterlich Optimist. In der Haft – das Todesurteil vor Augen! – lernt er Fremdsprachen und vertieft systematisch seine mathematischen Kenntnisse. Mithäftlingen und Anderen, die in die Emigration getrieben wurden, macht er brieflich unentwegt Mut. Und den Autoritäten gegenüber zeigt er sich ungebrochen. Er gibt zu, was man ihm an angeblichen Gewalttaten nachweisen kann, streitet ab, was nicht nachweisbar ist. Mitgefangene belastet er schon gar nicht. Und nach seiner Motivation befragt, bekennt er sich nach wie vor freimütig zur sozialen Demokratie.
Ein Anarchist, der sich zur Demokratie bekennt? Dazu muss man wissen, dass auch Bakunin nicht als Anarchist geboren wurde. Sogar nach seiner abenteuerlichen Flucht 1861 aus der sibirischen Verbannung (über Japan und die USA nach Europa) war er noch ein für nationale europäische Befreiungsbewegungen und für die Arbeiterklasse eintretender Sozialrevolutionär. Erst in diesem Jahrzehnt, also in den 1860er Jahren, wurde Bakunin zu dem, wie man ihn heute kennt. Nämlich: als unverbesserlichen Anarchisten und Optimisten, dem kein persönlicher und gesellschaftlicher Rückschlag etwas anhaben konnte, weil er sich mit Recht im Recht sah.
Michail Bakunin: Revolution und Konterrevolution in Sachsen und Böhmen (1849-1851). Verlag Edition AV 2025. 1030 Seiten. ca. 128.00 SFr. ISBN: 978-3-86841-324-3.
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