Es ist auch Erinnern von unten. Ein Erinnern von aussen, hinter den Schusslinien hervor, an der Seite der Geschlagenen, der Verdrängten, der Vergessenen. Es ist ein fragiles, ein fragmentarisches Erinnern, dass sich da aus ganz unterschiedlichen Vergangenheitsbezügen herausarbeitet. Zusammengetragen wurden die Beiträge im Band von Michael Podgorac und Anne Wiederhold-Daryanavard, als Teil der Initiative „Erinnern in Zukunft“ in Wien, die sich um eine Bunkeranlage am Yppenplatz – „hinter der kleinen unscheinbaren Metalltür unter der Kinderrutsche“ (S. 19) – gebildet hat. Ansinnen ist, den Raum in einen Ort der pluralen, diskriminierungskritischen Erinnerung zu verwandeln. Es sind vorsichtige Beobachtungen, eher akademische Texte, graphic novels, Bilder, Fotografien, Textmalerei, die in dem schönen Band des Mandelbaum Verlags einen ersten Vorgeschmack auf mögliche Inhalte einer solchen Erinnerungs-Kultur-Stätte unter dem Yppenplatz bieten.
Erinnerungsfragmente
In einigen der, nur jeweils wenige Seiten umfassenden, Beiträge geht es um die Diskrepanz der Erinnerungen: Hier drängen sich nationale Erzählungen aus Schulbüchern heraus, dort setzen Denkmäler zentrale Erinnerungsanker für reaktionäre Machthaber, die offizielle Erinnerungspolitik wird von moralisch überzeichneten Gut-Böse-Narrativen durchtränkt. Andere stellen marginalisierte Geschichten und eine multiperspektivische, veränderliche Erinnerungskultur in den Vordergrund, die sich selektiven, ausgrenzenden Erzählungen entziehen oder verdrängte Vergangenheiten ausheben.Hierzu gehört etwa die dichte, bewegende Graphic Novel „die Briefe der Hilda Dajč“, die Aleksandar Zograf über das Konzentrationslager Sajmište bei Belgrad während der deutschen Besatzung beigesteuert hat. Auch die knappen Beiträge von Wissenschaftler:innen sind fast durchweg zugänglich und bieten einen Einblick in die neueren Stränge der Erinnerungsforschung, etwa von Marina Gržinić zu sozialen Rahmenbedingungen des Gedächtnisses (aufbauend auf den Arbeiten von Maurice Halbwachs), Post-Memory (Marianne Hirsch) und Multidirektionaler Erinnerung (Michael Rothberg). Hier verpasst die Autorin jedoch, trotz dezidiertem Verweis auf die Kontiuitäten von Völkermorden und Verleugnungspraktiken, den stattfindenden Genozid in Gaza zu thematisieren (was die von ihr angeführten Forschenden in ihren Arbeiten immer wieder deutlich tun) und stösst somit den zuvor formulierten Anspruch, Gedenken „mit gegenwärtigen Realitäten und Kämpfen“ (S. 79) in Verbindung treten zu lassen, an seine eigenen Grenzen. Insgesamt bleibt dieser umkämpfte Aspekt der interdisziplinären Erinnerungsforschung leider wenig ausbuchstabiert.
Erinnerungsarbeit
Erinnerungsarbeit – ein Begriff, den Jahre zuvor bereits die Marxistin Frigga Haug für eine spezifische Form der politischen Arbeit mit Erinnerung prägte – wird indes an anderer Stelle in grafischen Grossbuchstaben um eine Lesart von Stefan Benedik ergänzt: „die nicht Vergangenheitsbewältigung in dem Sinne ist, dass man etwas abschliesst, sondern um auf die offenen Wunden zu verweisen, Erinnerungsarbeit also, die wehtut, die schmerzt und die Dinge offenlegt, statt sie zuzudecken“ (S. 63). Das erinnert an die Worte Fritz Güdes, verstorbener Wegbereiter von kritisch-lesen.de, der seinerzeit über revolutionäre Bezugspunkte schrieb:Aufeinander achten, aufpassen, die Narben offen ins Licht halten. Das ist auf eine Weise auch ein Plädoyer in dem vielschichtigen Austausch zwischen Belinda Kazeem-Kaminski und Niki Kubaczek, in dem die Künstlerin sagt:
Und dann, am Ende des sorgsam kuratierten Buches: Detailaufnahmen des Bunkerinneren, den wir zu Beginn betreten haben. Rostzerfressene Filterananlagen, eine rissige Tapete mit verblasstem Blumenmuster, verschlossene Klappen und schmutzige Schotten. Und dort, entlang einer engen Fluchttreppe: der Blick ins Freie, zum Horizont.



