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Meinhard Creydt: Der bürgerliche Materialismus und seine Gegenspieler | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Meinhard Creydt: Der bürgerliche Materialismus und seine Gegenspieler Interessen und Ideale

Sachliteratur

Eine Analyse der antagonistischen Kooperation von kapitalistischer Wirtschaft und politischer „Vernunft“ und Ethik.

16. April 2016

16. 04. 2016

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Rechte und Linke geisseln gern die eigennützige Krämermentalität von Bürgern: Sie nähmen alles durch die Verkleinerungslinsen einer Gewinn- und Verlustrechnung wahr. Diesseits von Moralin und Ressentiments analysiert der vorliegende Band die Rationalität und die Grenzen des „bürgerlichen Materialismus“. Bürgerliche Materialisten beziehen sich auf „ihren“ Arbeitsplatz, auf den Erfolg „ihres“ Betriebs, auf die Rendite ihrer Geldanlage sowie auf das Florieren „unserer“ Wirtschaft als Bedingung dafür, ihre Interessen realisieren zu können. Meinhard Creydt arbeitet in seinem Buch den Unterschied zwischen dieser Perspektive der handelnden Akteure im kapitalistischen Wirtschaftsgeschehen und dessen objektiven Eigenlogiken, Strukturen und Gesetzmässigkeiten heraus. Wer diese Unterscheidung unterlasse, so die Position des Autors, komme zu politisch folgenschweren Fehleinschätzungen, erhebe beispielsweise „die Kapitalisten“ oder den Staat zum Souverän der Gesellschaft oder setze übertriebene Hoffnungen auf Verteilungskämpfe.

Der bürgerliche Materialismus bleibt Creydt zufolge unverstanden, solange nicht die Alternativen zu ihm durchgearbeitet werden. Diese schreiben häufig der modernen bürgerlichen Gesellschaft die Leistung oder den Auftrag zu, die kapitalistische Ökonomie zu zivilisieren. Das Anliegen ist dann, die Raubtierenergie des Tigers nutzen und ihn zugleich zähmen zu wollen. Letzteres sei die Aufgabe von Politik, Vernunft und Ethik. Unter Vermeidung von Reduktionismus und Funktionalismus widmet sich der Autor den Logiken der bürgerlichen Politik, der Denkweise der geistes- und sozialwissenschaftlichen Rationalität sowie den Konsequenzen einer Ethik des menschlichen Selbstwerts.

Zum Thema wird die zumeist friedliche Koexistenz dieser drei Praxen mit dem bürgerlichen Materialismus. Der Autor beschreibt den bürgerlichen Materialismus und seine Gegenspieler als Wunschgegner. In ihren Horizonten bleibt befangen, wer sie gegeneinander ausspielt. Diese Gegnerschaft versperrt die notwendige Erweiterung des Horizonts. Der Band entwickelt eine Perspektive, die es erlaubt, über den Dualismus zwischen dem bürgerlichen Materialismus und seinen Gegenspielern hinauszugehen. Creydts Arbeit ist ein Beitrag zu einer Gesellschaftstheorie, die analysiert, wie die Einheit der verschiedenen Diskurse, Bereiche und Momente der Gesellschaft erst durch ihre Gegensätze funktioniert. Vermeintliche Kritik an der Gesellschaft stellt sich häufig als Kritik vom Standpunkt einer Sphäre der Gesellschaft an der anderen heraus.

Eine solche Kritik bekommt das Gefüge der verschiedenen Gesellschaftsbereiche nicht in den Blick. Was als Kritik auftritt, macht faktisch häufig bloss die komplementäre Seite zum Kritisierten geltend, bildet dessen (Über-)Kompensation oder verselbständigt und verabsolutiert ein Moment des Kritisierten, das in ihm zu kurz kommt.

Im Unterschied zur Vorstellung vom Kapital als Mittel der Reichen zeigt der Verfasser, wie auch letztere der Eigenlogik des kapitalistischen Wirtschaftens unterworfen sind. Creydt kritisiert die Verwechslung von Kapitalismuskritik mit Reichenkritik (Kapitel 1 und 5). Im Unterschied zu Hoffnungen auf eine Radikalisierung von Verteilungskämpfen „von unten“ arbeitet der Verfasser heraus, wie im vermeintlichen Sinn der Wahrung eigener Interessen auf ihre allzu kämpferische Durchsetzung verzichtet wird (Kapitel 2). Kapitel 3 arbeitet die „Grundzüge des den Kapitalismus akzeptierenden oder positiv wertschätzenden Bewusstseins“ (S. 53) heraus. Viele Linke entwickeln – so Creydt – wenig Aufmerksamkeit dafür, wie das in der Bevölkerung vorherrschende Bewusstsein allerhand Protest absorbiert und wie sich dieses Bewusstsein überwinden lässt.

Der Verfasser kritisiert Vorstellungen, die dem Staat gegenüber der kapitalistischen Ökonomie zu viel Macht und Steuerungsmöglichkeiten zubilligen (Kapitel 4). Diese Vorstellungen finden sich zugleich bei reformistischen Linken und bei Pseudoradikalen wie dem Gegenstandpunkt-Netzwerk. Die linke Wertschätzung des Politisierens und des Rationalismus wird in Kapitel 9 bis 12 dargestellt und kritisiert. Ebenso das bei Linken beliebte Vorgehen, Vorstellungen von „Selbstzweck“ und „Menschenwürde“ gegen die bürgerliche Gesellschaft zu wenden, also deren Ideale gegen ihre Wirklichkeit auszuspielen.

Der Autor analysiert, wohin Politik ohne Kritik des Politisierens führt. „Imaginiert wird im Politisieren so etwas wie der erhöhte Standort des Feldherrn. Der zugehörigen Wahrnehmung ist eine Enthebung eigen“ (Creydt, S. 153). Das Politisieren gehe mit der „Stilisierung des Individuums zum Subjekt voll ‚eingebildeter Souveränität’ und ‚unwirklicher Allgemeinheit’ einher (Marx). Für die vom Politischen Erfüllten hat sich die politische Befreiung schon ereignet – im Citoyen-Enthusiasmus“ (ebd.). Nicht zuletzt an DDR und Sowjetunion macht Creydt weiterhin die Probleme deutlich, die mit einer Umerziehung der Bevölkerung und der Ambition verbunden sind, die angestrebte nachkapitalistische Gesellschaft vom Staat aus zu lenken und ihn als Spitze und Zentrum des Gemeinwesens aufzufassen. Im Kleinen findet sich diese Herangehensweisen auch im Wunschtraum von Ideologiekritikern, von denen im Folgenden noch die Rede sein wird. Sie möchten durch ständige Kritik der Ideologien die Bevölkerung erziehen. Sie imaginieren sich wie in Platons Modell als die geistig Besten oder als den „Lehrstand“, der die Masse regiert. „Wir machen uns eine grosse Autorität in der Kritik, hinreichend, um kritische Diktatoren werden zu können“ (Friedrich Schlegel).

An den allseits geschätzten Werten der Autonomie und des menschlichen Selbstwerts zeigt der Autor, wie diese zu eigenen Problemen führen. Die Menschenwürde stellt schon bei Kant eine die irdische Wirklichkeit übersteigende Substanz dar. Sie klammert die Sinne und Fähigkeiten, die Bedürfnisse und Interessen, den sozialen Austausch und gesellschaftlichen Stoffwechsel sowie dessen Gestaltung aus. Die Menschenwürde betrifft nicht das empirische Individuum, sondern seinen Status als Rechtssubjekt. Creydt nutzt Kants Position als Darstellung der mit der Menschenwürde verbundenen Denkweise. „Das empirische Individuum ist der Heteronomie unterworfen, es folgt Neigungen und Nützlichkeiten.

Das ideale oder eigentliche Selbst ist autonom, und das heisst, es folgt der Idee von sich, der eigenen Gesetzgebung“ (Creydt, S. 199). Zwar widerspricht das moderne Konzept der Menschenwürde dem totalitären Projekt der moralisch-politischen Erziehung (zum „neuen Mensch“), spielt aber das, was an „dem“ Menschen als das Eigentliche, Höhere und Wesentliche ausgegeben wird, auf andere Weise gegen die empirisch vorfindlichen Individuen aus. Allerhand erscheint nun als unwesentlich für die Menschenwürde. Massive Schädigungen der empirisch vorfindlichen Menschen gelten dann als nicht zu beanstanden, wenn sie den menschlichen Kern nicht infrage stellen. Creydt demonstriert dies am Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1977 zur lebenslangen Haftstrafe. Sie gilt – in Kontinuität zur Trennung zwischen Seele und Körper – dem Gericht als unproblematisch, müsse doch der Häftling die Hoffnung auf Wiedererlangung der Freiheit nicht aufgeben.

Der Autor vertieft seine Auseinandersetzung mit der Einheit und dem Gegensatz zwischen dem bürgerlichen Materialismus und seinen Gegenspielern durch eine kritische Analyse gängiger linker Diskursfiguren. Als Material dafür wählt der Verfasser häufig Argumentationen der Zeitschrift „Gegenstandpunkt“ und ihr nahestehender Autor_innen. Diese in ihrer unermüdlichen Bildungsarbeit nicht zu unterschätzende ideologiekritische Strömung ist bei vielen Linken unbeliebt. Der Verfasser zeigt in einer fairen Auseinandersetzung: Vom Extrem des schwarzen Schafs fallen Licht und Schatten auf die Denkweisen der weitverzweigten linken „Familie“. Für Creydt bilden die „Marxistische Gruppe“ beziehungsweise das Netzwerk um die Zeitschrift „Gegenstandpunkt“ wie in einer Versuchsanordnung den Fall, in dem viele der auch von anderen Linken vertretenen problematischen Positionen sich in seltener Reinheit artikulieren. Die Auseinandersetzung mit diesen linken Denkfallen bildet nicht das Hauptthema des Bandes, zieht sich aber wie ein roter Faden durch ihn hindurch.

Die komplexe Materie und ihre vielfältigen Bezüge hat der Autor gründlich durchgearbeitet. Die Darstellung ist didaktisch gut aufbereitet und regt die Leselust an. Der Band verdeutlicht die Spannweite der Thematik mit vielfältigen Beispielen. Er bietet immer wieder Stoff an, der es dem Leser erleichtert, die Argumente zu durchdenken und zu prüfen. Das Buch ist frisch und mit Witz formuliert. Der Verfasser zeigt überzeugend, wie viel von dem analysierten Thema abhängt – in Bezug auf das Nachdenken über die kapitalistische Gesellschaft, die Gesellschaftsveränderung und die nachkapitalistische Gesellschaft.

Kai Paulsen / kritisch-lesen.de

Meinhard Creydt: Der bürgerliche Materialismus und seine Gegenspieler. Interessenpolitik, Autonomie und linke Denkfallen. VSA Verlag, Hamburg 2015. 245 Seiten, ca. 27.00 SFr. ISBN 978-3-89965-654-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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