Normale Männer
Garcia versucht sich dabei nicht an einer blossen Prozessbeschreibung, sondern an einer Analyse der zugrunde liegenden Konzepten und Strukturen. Zentral für die Philosophin ist vor allem die Frage nach Männlichkeit, die darin zutage tritt, sowie die Pathologie der Grausamkeiten der beteiligten Männer. Ausgehend von Hannah Arendts Darstellung von Adolf Eichmann als „Hanswurst“ zieht Garcia Arendts Konzept von der Systemimmanenz des Schreckens heran. Es widerspricht der These, dass die unmenschlichsten Verbrechen nur von Monstern begangen werden können. Diesen Faden webt sie weiter, indem sie ihn mit dem Konzept der Hegemonialen Männlichkeit verbindet, welches die Soziologin Reawyn Connell in ihrem Buch „Masculinities“ entwickelt. Connell beschreibt darin die Idee, dass Männlichkeit systematisch als Unterdrückungssystem – gegenüber anderen, weniger maskulinen Männern, vor allem aber gegenüber Frauen – strukturiert ist. Selbst die Männer, die nicht unbedingt dem Bild eines hypermaskulinen Mannes entsprechen, profitieren demnach von diesem System. Männlichkeit als soziale Kategorie ergibt sich aus der Abwertung von Frauen.Wichtiger Bestandteil dieser Abwertung ist die Unterwerfung durch sexualisierte Gewalt, wie beispielsweise in Mazan, dem kleinen französischen Ort, in dem Dominique Pelicot seine Frau (und mutmasslich auch seine Tochter) vergewaltigte und von über 70 anderen Männern vergewaltigen liess. Diese Unterwerfung begründete er im Prozess mit einem Kink, einer besonderen sexuellen Praxis. Nach innen hingegen, seinen Mitvergewaltigern gegenüber, betitelte er seine Frau mit obszönen, misogynen Begriffen, die ihre Unterwürfigkeit ausdrücken sollten. Eine Unterwerfung, die sie ihm im wachen Zustand nicht geben wollte.
Die sexualisierte Gewalt wird, so die Philosophin, von dem Täter fast als Rache dafür benutzt. Sie ist integraler Bestandteil des Abwertungskomplexes, aus dem sich Männlichkeit speist. Das rückt den Fall Pelicot in eine Reihe mit Milliarden anderer Vergewaltigungsfälle, die Tag für Tag stattfinden. Und wie in den meisten Fällen geht die Gewalt von Menschen aus dem familiären Umfeld aus, das gilt sowohl für Vergewaltigungen an Erwachsenen als auch für sexualisierte Gewalt an Minderjährigen.
Normale Gewalt
Garcia zieht dabei berechtigterweise Parallelen zu den vielen Orten, an denen Gewalt und Unterwerfung von Frauen stattfindet. Sie macht deutlich, nicht nur Orte, an denen Frauen strukturell unter Drogen gesetzt und vergewaltigt werden, sind die Orte des Patriarchats. Sie sind überall. Diese Gewalt finden auch statt, wie Garcia beschreibt, wenn Frauen günstiger oder gar umsonst in Nachtclubs gelassen werden oder von Barkeepern zuerst bedient werden, um als „Lockmittel“ für zahlende Männer zu dienen. Sie werden wieder zu Objekten gemacht, die leichte Beute für Männer auf der Suche nach schnellem Sex seien sollen. Garcia zieht den – für das Verständnis von Gewalt an Frauen notwendigen – Schluss, das Patriarchat nicht als einen einfachen Frauenhass von individuellen Männern an individuellen Frauen zu verstehen, sondern als ein verstricktes Netz an sozialen Beziehungen und Bedingungen, in dem wir uns alle bewegen und in dem „Frauen Spuren ihres eigenen Alltags sehen“ (S.183). Mit dieser Perspektive bietet sie einen erfrischenden Gegenentwurf zum aktuellen Diskurs, der Gewalt gegen Frauen gerne als Produkt von isolierten und abgehängten Individuen rahmt, wie es Feuilletonist!innen dies und jenseits des Atlantiks gerne sehen wollen. Garcia begreift Männlichkeit als Struktur, deren Grundlage die Abwertung und Unterwerfung von Frauen ist. Damit werden die Vergewaltigungen von Mazan nicht als bedauerlichen Einzelfall sichtbar, sondern als das absehbare Produkt eines Systems, in dem wir uns alle bewegen und dessen Horror wir wie die Luft atmen.Von Garcia wird das sehr defensiv diskutiert, ebenso wie die Nebenstränge in ihrer Beobachtung, etwa die Rollen des Gerichts und der Öffentlichkeit, der mutmassliche Inzest an der Tochter des Paares oder die Frage nach der Pathologie der Täter. Sie macht keine grossen Behauptungen, tastet sich vorsichtig durch die Aussagen der Vergewaltiger und durch die Berichterstattung über den Prozess.
Damit gehen die Analysen leider nicht dem Problem oder den dahinter liegenden Strukturen auf den Grund. Sie bleiben meist an der Oberfläche, weshalb dieses Buch eher eine – gute – Einführung in einem Meer an anderen guten feministischen Einführungen bleibt. Garcia schreibt mit der ewig nachdenklich-distanzierten Maske einer Philosophin, sodass ich mich beim Lesen manchmal laut Fragen musste: „Bist du nicht wütend auf all das?“ Die Maske nimmt sie gegen Ende des Buches endlich ab und es erscheint das Gesicht einer Frau, die von den Dingen, welche sie in Mazan gesehen hat, genauso verstört und wütend ist, wie ich es war. Vielleicht ist es nun an uns Leser!innen, mit ihr wütend zu werden. Es ist an uns, uns gegen sexualisierte Gewalt und Ausbeutung zu organisieren, damit wir endlich mit Männern leben können.


