Manfred Liebel / Philip Meade: Adultismus Elternmacht

Sachliteratur

Bei der Zurichtung junger Menschen für ihr Funktionieren im Kapitalismus fallen die Rechte für Kinder unter den Tisch.

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Datum 10. November 2023
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Der Spielfilm „Das Lehrerzimmer“ hat im Frühjahr 2023 gleich mehrere Filmpreise erhalten. Eher selten wird bei den Lobreden erwähnt, dass der Film zeigt, wie sich die Schüler*innen gegen die autoritäre Herrschaft und Gängelung an einer scheinbar liberalen Schule auflehnen und dabei von den Lehrkräften immer wieder ausgebremst werden. Dabei werden unterschiedliche Herrschaftsmethoden angewandt. Während ein konservativer Lehrer Law and Order auch mit Polizei und Staatsgewalt an der Schule durchsetzen will, hofft ein Teil seiner Kolleg*innen, die autoritäre Agenda mit permanentem Druck gegenüber den Schüler*innen auch ohne Hilfe der repressiven Staatsapparate durchsetzen zu können. Beide Fraktionen sind sich darin einig, dass gegen die Jugendlichen eine Zero-Tolerance-Politik durchgesetzt werden muss. So ist der Film ein gutes Dokument des in der Gesellschaft ganz selbstverständlich herrschenden Adultismus, ein Begriff, der noch längst nicht allen geläufig ist.

„Adultismus äussert sich in dominantem und abwertendem Verhalten gegenüber Jüngeren, verfestigt sich in Normen, Werten und Traditionen, schreibt sich auch in sozialen, rechtlichen sowie politischen Institutionen und Strukturen ein.“ (S. 21)

So versuchen sich Manfred Liebel und Philip Meade an einer Begriffsklärung. Das Duo liefert in einem bei Bertz + Fischer herausgegebenen Buch auf über 420 Seiten eine kritische Einführung in den Adultismus, also der Macht der Erwachsenen über junge Menschen.

Im Einsatz für Kinderrechte

Der Sozialpädagoge Philip Meade sagte in einem Interview mit einer Jugendzeitung, dass er sich seit seiner Geburt für Kinderrechte einsetze: „Vor allem, als ich Hunger und Durst hatte, wollte ich mein Recht auf Nahrung eingelöst haben. Als ich älter wurde habe ich dann gesehen, dass viele andere Kinder ihre Rechte nicht eingelöst bekommen haben“, sagt Meade. Seit Jahren bietet er Workshops, Fortbildungen und Seminare zum Thema Kinderrechte an.

Der zweite Herausgeber Manfred Liebel war in den Jahren 1963/64 Bundesvorsitzender des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) und gehörte zu den linken Sozialpädagog*innen, die sich in den 1960er und 1970er Jahren mit der „Jugend in der kapitalistischen Klassengesellschaft“ befassten. So lautete der Titel eines Buch, das Liebel gemeinsam mit Helmut Lessing 1974 herausgegeben hat. Doch diese an Marx angelehnten Fragestellungen traten in den 1980er Jahren auch bei Liebel in den Hintergrund. Statt marxistischer Klassenanalyse hielten in den Hochschulen postmoderne Theorien Einzug. Nicht mehr die kapitalistische Klassengesellschaft sondern ein Konglomerat von diskriminierten Minderheiten wurden zum Forschungsgegenstand. So wurde aus dem marxistischen Jugendforscher Liebel ein Protagonist für Kinderrechte. Liebel hat in den letzten Jahren zahlreiche Bücher zum Thema herausgegeben.

Der Band „Adultismus“ ist eine zugängliche Einführung zweier Autoren, die sich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigen. Im Buch ergänzen sich die beiden Autoren auch mit ihren unterschiedlichen thematischen Zugängen. Texte von dem Kinderrechtspraktiker Meade wechseln sich mit längeren theoretischen Exkursen von Liebel ab.

Geschichte der Unterordnung

Gleich im ersten, „Alltäglichkeit des Adultismus“ überschriebenen Kapitel werden wir mit scheinbar alltäglichen Redewendungen und Sprüchen konfrontiert, die viele sicher nicht sofort als Zeichen der Diskrimierung junger Menschen erkennen werden. Dazu zählen Sprüche wie „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ oder „So spricht man nicht mit seinen Eltern“. Auch das Adjektiv kindisch soll Zeugnis für Alltagsadultismus sein. Im zweiten Kapitel geht es um die Geschichte des Adultismus, die bis in die Frühzeit der Menschheitsgeschichte zurückreicht. Ein Kennzeichen dieser unterschiedlichen Epochen ist die soziale Unterordnung junger Menschen unter die Älteren. Kurze Exkurse widmen sich der Gewalt und Unterdrückung im Kolonisierungsprozess und der Kindheit in indigenen Gesellschaften, wo junge Menschen teilweise eigenständiger agieren konnten und in das gesellschaftliche Leben integriert gewesen sein sollen. Wer sich intensiver mit der Thematik beschäftigen will, kann hier Literaturtipps finden.

Sehr anschaulich wird die Entwicklung in der bürgerlichen Gesellschaft geschildert, wo die Familie und die Schule als Keimzelle und Hort des Adultismus ausgemacht werden. Kurz gehen die Autoren auch darauf ein, dass diese Einrichtungen als ideologische Staatsapparate eine wichtige Rolle bei der Zurichtung junger Menschen für ihr Funktionieren im Kapitalismus spielen. Allerdings kommt dieser gesamtgesellschaftliche Aspekt im Buch oft zu kurz. Die Autoren betonen öfter, dass sie von Slogans wie „Kinder an die Macht“, die die Unterdrückungsverhältnisse nur umkehren würden, ebenso wenig halten wie von einem Schüren von Generationenkonflikten. Doch es gibt im Buch immer wieder Textstellen, die diese Bekenntnisse infrage stellen. So werden verschiedene Beispiele für adultistische Instrumentalisierung von Kindern aufgezählt. Einige sind sehr stichhaltig, wenn etwa aufgeführt wird, dass die Hamas und andere islamistische Organisationen bei Aktionen gegen den israelischen Staat gezielt Kinder einsetzen. Auch die Aktionen sogenannter Lebensschützer*innen, die mit Kindern gegen das Recht der Frauen auf Abtreibung demonstrieren, ist ein gutes Beispiel für eine solche Instrumentalisierung. Schwerer nachzuvollziehen ist folgender Absatz:

„Diese Art von Mobilisierung findet sich auch für andere Ziele, etwa wenn Kinder eingespannt werden, die Streiks erwachsener Arbeiter*innen und ihrer Familien zu begleiten, an Strassenblockaden gegen die Dominanz des Autoverkehrs teilzunehmen oder gegen Kriege und für den Frieden zu demonstrieren.“ (S. 137)

Hier stellt sich schon die Frage, warum Kinder nicht gemeinsam mit ihren Eltern und Verwandten Arbeitskämpfe unterstützen sollen. Schliesslich war eine solche Praxis in einem Arbeiter*innenmilieu weitverbreitet, in dem die Kinder auch ihre gesellschaftlichen Erfahrungen machten. Zudem waren sie unmittelbarer mit den Streikfolgen konfrontiert, wenn beispielsweise der Lohn gekürzt wurde. Es gab in vielen Ländern Kinder und Jugendorganisationen, in denen junge Menschen mit den Zielen der Arbeiter*inennbewegung vertraut gemacht wurden. Das kann durchaus auch als Selbstermächtigung junger Menschen statt als Instrumentalisierung interpretiert werden. Unverständlich ist auch, dass die Teilnahme von jungen Menschen an Aktionen zur Verkehrswende hier als Instrumentalisierung gedeutet wird, während an anderer Stelle die Aktionen der grösstenteils von jungen Menschen getragenen Klimabewegung als positiver Beitrag gegen den Adultismus gedeutet wird. Warum sollen sich junge Menschen nicht aus freier Entscheidung an Protesten in altersmässig gemischten Gruppen beteiligen und sich mit ihren Eltern und Verwandten und nicht der eigenen Clique für politische Veränderungen engagieren?

Klassenkinder

Hier wird die schon angesprochene zentrale Schwäche der Herangehensweise der beiden Autoren deutlich, den Adultismus als eines von vielen Unterdrückungsverhältnissen zu begreifen und nicht mehr im Kontext der kapitalistischen Gesellschaft zu analysieren. Dafür hätten sie die Phänomene viel stärker als Klassenverhältnisse von Kindern und jungen Menschen betrachten müssen. Was hat ein junger Mensch aus einer Millionärsfamilie mit einer migrantischen Jugendlichen aus dem Arbeiter*innenmilieu gemeinsam ausser die gemeinsame Alterskohorte? Diese Frage wird im Buch nicht gestellt, weil sonst der klassenblinde Adultismus-Begriff vielleicht ins Wanken geraten wäre. Dabei gibt es im Buch durchaus verstreute Hinweise auf die Kämpfe um die Rechte Jugendlicher in der Arbeiter*innenbewegung.

„In Deutschland hatte der kommunistische Pädagoge Edwin Hörnle in den 1920er Jahren ein Konzept entwickelt, das auf der politisch verstandenen Selbstorganisation proletarischer Kindergruppen aufbaut. Ähnliche Ideen, die vor allem auf den Pädagogen und sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Kurt Löwenstein zurückgehen, wurden im Arbeiterverein ‚Die Kinderfreunde' unter dem Namen Rote Kinderrepubliken bis zur Machtergreifung der Nazis praktiziert.“ (S. 214)

Leider wurde auf diese Konzepte im Buch nicht weiter eingegangen. Auch das mittlerweile nur noch antiquarisch erhältliche Buch „Betrogene Kinder: Eine Sozialgeschichte der Kindheit“ fehlt im umfangreichen Literaturverzeichnis. Dessen Autorin Erna M. Johansen war Heimerzieherin und setzte sich als Linkssozialistin und Diskussionspartnerin von Karl Korsch und Heinz Langerhans für den Kampf für Kinderrechte als Teil des antikapitalistischen Kampfes ein. Johansen hat ihr Buch 1978 mit dem Abschnitt „Kinder-Recht“ beendet und geschrieben:

„Sollte man nicht auch ausdrücklich die Freiheit der Person zur Freiheit des Kinders erklären? [...] In der Rechtssprechung wird dem mitunter bereits Rechnung getragen. Im Kinder-Alltag ist noch immer zu wenig von Rechten und Freiheiten zu spüren.“ (Johansen 1984, S. 229)

Johansen kannte den Begriff Adultismus noch nicht. Aber ihr Buch zeigt, dass der Kampf um Rechte für Kinder und Jugendliche vor allen in der Arbeiter*innenbewegung schon verankert war. Leider gehen Liebel und Meade in ihren Buch darauf kaum ein.

Peter Nowak
kritisch-lesen.de

Manfred Liebel / Philip Meade: Adultismus. Die Macht der Erwachsenen über die Kinder. Eine kritische Einführung. Bertz + Fischer, Berlin 2023. 440 Seiten. ca. SFr. 23.00. ISBN: 978-3-86505-768-6.

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