Seitdem erscheint das Blatt nur noch als E-Paper. „Das Argument – Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaft“, hervorgegangen aus Protesten gegen die atomare Bewaffnung der BRD, kursierte zunächst auch in studentischen Kreisen und wurde von Anfang an von Wolfgang Fritz Haug (heute emeritierter Philosophieprofessor der Freien Universität Berlin) herausgegeben. Mit der zuletzt erschienenen Nr. 343 wurde die Zeitschrift 2025 in der bestehenden Form eingestellt, aber dann unter Leitung von Lukas Meisner mit neuer Redaktion und Konzeption wieder gestartet, so dass jetzt im Januar 2026 die Nr. 344 vorgelegt werden konnte:
„35 Jahre Westdeutsche Einheit: Antikommunismus – Neoliberalismus – Bellizismus“
Die neue Redaktion erinnert im Editorial der Nr. 344 an den Beginn der Zeitschrift im „Kampf gegen den Atomtod“, der Ende der 1950er Jahre als Nachfolger bzw. Ersatz der brutal niedergeschlagenen Protestbewegung gegen die erste Zeitenwende, die Remilitarisierung der kriegsmüden Nachkriegsrepublik, auftrat und die Ostermarsch-Bewegung der 1960er Jahre in Gang setzte. Die Ostermarschierer bzw. Atomwaffengegner ihrerseits waren Vorläufer späterer Protestbewegungen, darunter vor allem der Studentenbewegung der 1960er Jahre, in der dann „Das Argument“ als Theorieorgan, speziell mit seinen Debatten zur Faschismustheorie und zur unbewältigten deutschen Vergangenheit, eine wichtige Rolle spielte.Das Editorial verweist jetzt darauf, dass die Militärlogik der Adenauerära wieder Konjunktur hat. Die Forward strategy eines Rollback gegen den Osten und die Perspektive eines nuklearen Endkampfes seien allem Anschein nach für zeitgenössische Politiker und Politikerinnen „wieder gangbare Fortsetzungen der Politik mit anderen Mitteln“. Weiter heisst es: „Grenzenloser Militarismus ist seit Scholz' Superlativ der Zeitenwende und Merz' – den Superlativ seines Vorgängers noch überbietendem – Epochenbruch vorrangiges Staatsziel Deutschlands und wichtigste Investitionsanlage seines Nationalkapitals. Erneut ist darum weniges so geboten wie der Antimilitarismus, für den das Argument stets stand und einstand. Das gilt insbesondere gegen eine Hegemonie, die selbst weite Teile der ehemaligen Linken ins Racket des Bellizismus integriert hat.“ (5) Dagegen will die Zeitschrift mit einem Angebot von Gegenpositionen antreten, das Traditionen der Linken fortführt, auch wenn sie sich mittlerweile beim herrschenden „Racket“ als anschlussfähig erwiesen haben: „Gerade pluraler Marxismus, der auch als antikapitalistischer Organisationszusammenhang für Feminismus, Antirassismus und Ökologie jenseits ihrer bürgerlichen Formatierungen dient, kann die virilistische, kolonialistische, ökozidale Seite des Kriegführens nicht ausblenden. Zudem ist das Militär als Fabrik des autoritären Charakters, die blinden Gehorsam, selbstbrecherische Disziplin und bedingungslose Opferbereitschaft – zum Zweck eliminatorischer Feindbildprojektion – produziert, eine der wichtigsten Brutstätten der Faschisierung.“ (5)
Apropos „Virilismus“ und der später erwähnten „toxischen Männlichkeit“ fällt dem Editorial dann aber selber ein, dass das im Grunde nicht mehr in die heutige Zeit passt, wo „der stählerne Kult des Soldatentums … seit Jahren als ‚feministische Aussenpolitik' auf(tritt)“ (5). Das kann man ja auch an der gegenwärtigen Bundeswehrreklame beobachten, die Angebote für starke und kompetente Frauen macht. Zudem trägt die Faschisierung heute ein weibliches Gesicht, von Meloni über Weidel bis von der Leyen wird von selbst- und machtbewussten Frauen daran gearbeitet, dass linkes Gesocks und Klassenkampfdenken endlich abgeräumt werden Daneben hetzt eine Strack-Zimmermann in vorderster Front gegen die Russen – nicht zuletzt im Namen der geschundenen Frauen in den Kriegsgebieten – und schärft das Feindbild Putin gerade damit, dass sie auf einen ruchlosen männlichen Aggressor zielt. Und Fotos der US-Heimatschutzministerin Noem, auf denen sie fesch als eine alternde Taylor Swift vor halbnacktem männlichem Abschaum im salvadorianischen Gefängnis posiert, gehen als mediale Botschaften um die Welt. Währenddessen wird in einem filmischen Porträt der US-Präsidentengattin weisses Edelmenschentum zum Besten gegeben, das sich als Update von Leni Riefenstahls cineastischer Vision der Herrenrasse sehen lassen kann.
Antirassismus und Ökologie, die für dieses plurale oppositionelle Konzept ausserdem in Anspruch genommen werden, sind heute Titel, die im herrschenden Betrieb, gerade dank der Karriere grüner Politik, ihren festen Platz gefunden haben und von Grund auf „bürgerlich formatiert“ sind. Antisemitismus wird z.B. in der BRD mittlerweile so scharf bekämpft, dass schon das leiseste Mitgefühl für palästinensische Opfer zur strafbaren Handlung werden kann. Und seitdem die Ökologie – nicht zuletzt als Erbe eines grünen Wirtschaftsministers – mit der Ökonomie versöhnt ist, darf man sich mit diesem Titel ohne Weiteres zu Wort melden, man muss nur realistisch bleiben und sich aufs Machbare konzentrieren. Wobei radikale Zuspitzungen nach dem sanften Entschlafen der Fridays for Future zuletzt in Forderungen der Letzten Generation gipfelten (die sich natürlich an die Obrigkeit richteten), man müsse ein Tempolimit auf Autobahnen und einen Bürgerrat einführen.
Ob „Kolonialismus“ die neue Weltordnung unter den rivalisierenden Grossmächten trifft, ob die Faschisierung hierzulande und anderswo wirklich aus den Kasernen kommt und ob die Theorie des „autoritären Charakter“ den heutigen Patriotismus erklären kann, mit dem sich selbstbewusst („neoliberal“) agierende Konkurrenzsubjekte auf „ihren“ Staat beziehen, wären weitere Fragen. Das Editorial lässt da ja selbst eine gewisse Skepsis erkennen. Es bilanziert dann mit der etwas seltsamen Formulierung von der „westdeutschen“ Einheit die 35 Jahre, die seit der Wiedervereinigung vergangen sind. Gemeint ist wohl die Eingemeindung des Ostens in die auf Wiedererlangung einer Grossmachtrolle programmierte BRD.
Dabei wird daran erinnert, wie seinerzeit die Wende den „Triumphalismus des Endes der Geschichte“ einläutete, was mit einem „aggressiven Unilateralismus des Kapitals“ einherging (7). Dem Bellizismus sei hiermit der Weg gebahnt worden: „Auch die Zeiten-Wende, die ein sozialdemokratischer Kanzler 2022 ausrief, steht nicht nur in Kontinuität der Wendung der Sozialdemokratie zur Kriegskreditepartei 1914, sondern mit der Wende des Jahres 1989.“ (7) Und für die aktuelle Situation hält die programmatische Erklärung zum Neustart der Zeitschrift fest: „Die Militarisierung, die – nach zwischenzeitlichen Hemmnissen durch Traumata aus dem Zweiten Weltkrieg – mittlerweile in fast ganz Europa durchschlägt, geht durch die jeweiligen Gesamtgesellschaften.“ (7)
Kampfansage an eine militarisierte Zivilgesellschaft
Die kritische Frontstellung der Zeitschrift gegen Zeitgeist und Zeitenwende ist somit deutlich markiert. Das greifen etwa Beiträge von Jan Rehmann zur Diskussion um die herrschende „Imperiale Lebensweise“ oder von Daniela Dahn zur „feindlichen Übernahme“ der DDR auf – eine Erfolgsstory, die der politologische Betrieb der BRD sonst bescheinigt, bleibt hier natürlich aus. Am Ende dieser angeblich so grossartigen Entwicklung sei „das Völkerrecht Makulatur, gleichzeitig sind Gewalt und Krieg als Mittel der Politik wieder akzeptiert“ (56), heisst es bei Dahn. In dem Heft gibt es zur Militarisierung der Politik auch einen Beitrag von Ulrich Ruschig, der unter dem Motto „Es soll kein Krieg sein“ der Frage nachgeht „Was Kant den heutigen Staatsführern ins Stammbuch geschrieben hätte“.Er nimmt die Schrift Kants „Zum ewigen Frieden“ aus dem Jahr 1795 positiv auf – hält sie nicht für ein idealistisches Postulat, das mit der Wirklichkeit des modernen Staatenverkehrs oder den Konstanten der menschlichen Natur unvereinbar ist und nur als Dokument eines geistig-sittlichen Höhenflugs Anerkennung verdient. Das moralische Gesetz, dass Frieden sei, müsse als elementares Prinzip gesellschaftlichen Zusammenlebens gelten (und sei im Grunde auch mit Kants kategorischem Imperativ identisch). Was heutzutage „moralisierende Politiker“ (131ff) vorbringen – die sich bei Gelegenheit sogar in Sonntagsreden lobend auf den alten Philosophen und seine Friedensschrift berufen –, sei jedoch das glatte Gegenteil einer Orientierung an einem solchen Gesetz. „Warum ‚moralisierende Politiker' die schlimmsten Kriegstreiber sind“ (132), fragt der Autor mit Verweis auf selbstgerechte Bellizisten wie Baerbock, Habeck oder Fischer und schliesst sich hier der Antwort Kants an, der seinerzeit schon die Erfahrung machen musste, von realpolitisch denkenden und von der eigenen Moralität überzeugten Staatsmännern als verantwortungsloser Pazifist abqualifiziert zu werden. (Eine Auseinandersetzung mit Ruschigs Beitrag, der die antimilitaristische Tradition der Zeitschrift paradigmatisch aufgreift, findet sich übrigens im Gewerkschaftsforum.)
Deutlich wird hier der Anspruch der Zeitschrift, das philosophische Erbe unter marxistischem Blickwinkel aufzugreifen. An der empirischen Sozialforschung orientiert sich dagegen der Beitrag von Ceyhun Elgin. Er thematisiert die Entwicklung in den postsozialistischen Ländern des Ostblocks und hält den dubiosen Fortschritt fest, der den dortigen Zivilgesellschaften beschert wurde. „Die Erosion sowohl der sozialistischen Wirtschaftsrechte als auch der informellen Solidaritäten hinterliess ein Vakuum, das von nationalistischen Bewegungen ausgenutzt wurde, die Schutz und Anerkennung versprachen.“ (86)
Auf den Handlungsbedarf linker Politik zielt etwa Martina Pistor, die Ole Nymoens Streitschrift „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ vorstellt (204f). Die Rezensentin, die nebenher daran erinnert, dass mittlerweile „Feministinnen die Wehrpflicht auch für Frauen befürworten“, macht auf den wichtigen verfassungsrechtlichen Umstand aufmerksam, dass das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung im Fall des Falles eine relative Grösse darstellt. Allein mit der Berufung auf dieses Recht wird die „Grosse Weigerung“ im Sinne der 68er (die Nymoen in seinem Podcast zum Thema gemacht hat) also nicht zustande kommen.
Mit solchen Positionsbestimmungen macht das erste Heft der ‚Neuen Folge' also klar, dass die alte Frontstellung der Zeitschrift gegen die Fortschrittsverheissungen von Kapital und Nation beibehalten wird. In diesem Sinne will die Zeitschrift keine Neuorientierung bieten. Auch das redaktionelle Konzept wird anscheinend fortgeführt, d.h.: ein Einstieg mit literarischen Bezügen, Hauptbeiträge zu einem thematischen Schwerpunkt, weitere Texte zu aktuellen Vorgängen und ein aufwändiger Rezensionsteil (Vorstellungen wissenschaftlicher Literatur, ergänzt um ausführlichere Essays).
Damit können die Hefte jeweils kompakte Handreichungen zu einem kontroversen oder unter-/überschätzten Thema bieten, das wissenschaftlich in den Blick genommen, aber nicht nach den Regeln des herrschenden akademischen Betriebs abgearbeitet, sondern kritischer Praxis zur Intervention empfohlen wird. So hat sich die Zeitschrift etwa vor Jahren, wie im Untergrund-Blättle vorgestellt, mit dem Modethema „Digitaler Kapitalismus“ befasst und die modische Aufmachung von der harten politökonomischen Realität geschieden; während sich etwa das letzte Heft aus der ‚Alten Folge' (Nr. 342: „Exit: Menschlichkeit?“) mit der etwas weitläufigen Frage nach der Zukunft des Humanismus und seiner Bestreitung durch „Anti-, Post- und Transhumanismen“ befasste.
Das Neue liegt also jetzt in der aktuellen Lage begründet, mit der sich die Zeitschrift konfrontiert sieht. Herausgeber Meisner skizziert dazu in seinem einleitenden Beitrag die „Konturen eines Triptychons“, mit dem sich das „Argument“ weiterhin dieser Lage stellt, erstens mit Begriff und Poesie, zweitens mit Marxistischer Wissenschaft und und drittens mit der Vorstellung aktueller Veröffentlichungen.
Fazit: „Den Kämpfen unserer Zeit gegen Herrschaft und Unterdrückung wollen wir mit jenen bescheidenen, aber nicht zu unterschätzenden – schreibenden – Mitteln assistieren, die uns weniger ‚zur Verfügung stehen', als den ‚Kopf der Leidenschaft' zu verkörpern, das Handeln zu begeistern und das Denken zu beherzen.“ (27) Syntaktisch etwas schräg, im Standpunkt aber geradlinig und hoffentlich hilfreich beim Aufbau einer antikapitalistischen und antimilitaristischen Gegenbewegung!



