UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

Kollektivarbeit der Gruppe Internationaler Kommunisten: Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung | Untergrund-Blättle

1700

buchrezensionen

ub_article

Buchrezensionen

Kollektivarbeit der Gruppe Internationaler Kommunisten: Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung Ein vergessener Klassiker

Sachliteratur

Wenn auch Ausbeutung in der Geschichte der Menschheit in unterschiedlichen Formen auftrat, so bestand sie in ihrem Kern immer in der Aneignung fremder Arbeit.

Torhäuser des Schalker Vereins, Wanner Strasse in Gelsenkirchen.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Torhäuser des Schalker Vereins, Wanner Strasse in Gelsenkirchen. / Frank Vincentz (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

4. Juni 2020

04. 06. 2020

5
0
4 min.
Korrektur
Drucken
Andere Menschen für sich arbeiten zu lassen, war seit je her der Schlüssel zu einem individuellen Reichtum, der allein mit Hilfe der eigenen Arbeitskraft nie in dem Umfang hätte realisiert werden können. Von den Pyramiden im frühen Ägypten über die Schlösser im Feudalismus bis zur Parallelgesellschaft der Oberschicht im globalisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts zeugen die individuellen Reichtümer von der Aneignung fremder Arbeit und damit davon, dass die Armut der Mehrheit die Grundlage für die Reichtümer einer Minderheit ist.

So einfach die Grundlage der Ausbeutung ist, so einfach ist auch die Formulierung von der Aufhebung der Ausbeutung. Sie kann nur geschehen, wenn die Trennung zwischen Arbeit und Arbeitsprodukt aufgehoben wird, wenn das Verfügungsrecht über das Arbeitsprodukt und darum auch über die Produktionsmittel wieder den Arbeitern zukommt.

Die Durchsetzung der individuellen Arbeitszeit als Massstab für den Anteil am Produkt der gesellschaftlich notwendigen Arbeit bedeutet die Aufhebung der Ausbeutung und damit zugleich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Die Durchführung der sozialen Revolution ist somit im Wesen nichts anderes als die Durchführung der Arbeitszeit als Massstab im gesamten Wirtschaftsleben. Sie dient als Mass in der Produktion und zugleich wird mit ihr der Anteil des einzelnen am gesellschaftlichen Produkt gemessen.

Das Wesentliche hierbei aber ist, dass die Arbeitszeitrechnung von den Produzenten selbst durchgeführt wird. Und dies geschieht nicht, weil es eine »ethische« oder »moralische« Forderung des Kommunismus ist, sondern weil die »Vereinigung freier Menschen« ökonomisch nicht anders möglich ist. Die Durchsetzung der Arbeitszeitrechnung ist keine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine Frage der ökonomischen Grundlage, auf der die Produzenten selbständig ihre Kooperation aufbauen können. Auf dieser Grundlage, auf der das Verhältnis von Arbeitsaufwand zu Ertrag für alle Gesellschaftsmitglieder offenliegt, ist eine Produktionsplanung möglich, bei der die Menschen selbst entscheiden, was sie gemäss ihrer individuellen Abwägung von Aufwand und Ertrag haben möchten. Das heisst, es kann jeder selbst über seine Arbeitszeit und seinen Konsum bestimmen.

Die individuellen Bedürfnisse werden gegenüber ihrem gesellschaftlichen Aufwand abgewogen und entsprechend über den Konsumwunsch und die Arbeitsbereitschaft in den gesellschaftlichen Planungsprozess eingebracht. Die Arbeitszertifikate sind inhaltlich nichts anderes, als der Abgleich der in der gemeinsamen Planung vorweggenommenen Arbeitseinteilung. Über die Arbeitszeitrechnung löst sich die Verteilungsfrage somit in Produktionsplanung auf. Planung des gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhanges bedeutet schliesslich nichts anderes, als die zur Bedürfnisbefriedigung erforderliche gesellschaftliche Arbeitszeit mit der Summe der zur Verfügung stehenden individuellen Arbeit zu verbinden. Der Prozess des Ineinandergreifens und Zusammenfügens wächst von unten auf, weil die Produzenten selbst die Leitung und Verwaltung in Händen haben. Jetzt ist Raum gemacht für die Initiative der Gesellschaftsmitglieder selbst, die das bewegliche Leben in seinen tausendfachen Formen gestalten können.

Die 1930 von der Gruppe Internationaler Kommunisten (Holland) als Reaktion auf die negative Entwicklung der russischen Revolution veröffentlichen »Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung« sind ein Klassiker der marxistischen Literatur. Mit dieser Schrift stellten die Autoren erstmalig die ökonomischen Grundlagen für den Aufbau und die Organisation einer Gesellschaft im Sinne der »Vereinigung freier und gleicher Menschen« zur Debatte. Dabei berücksichtigten sie zugleich alle gesammelten Erfahrungen der bisherigen Versuche der Arbeiterbewegung, um über die Kritik derselben notwendige neue Wege aufzeigen zu können. Eine Kritik die bis zum heutigen Tag nichts von ihrer ursprünglichen Aktualität verloren hat.

Die ursprünglich auf Deutsch erschienene Erstauflage der Grundprinzipien wurde beschlagnahmt und weitgehend vernichtet. Eine vollständig überarbeitete und verbesserte Ausgabe in niederländischer Sprache erschien 1931 zunächst Auszugsweise und 1935 in zweiter Auflage in Buchform. Der Text der deutschen Erstausgabe wurde 1970 nachgedruckt und auch in die englische und französische Sprache übersetzt. Die vollständig überarbeitete und verbesserte zweite Auflage verblieb die folgenden 85 Jahre dagegen weitgehend unbeachtet in niederländischer Sprache verborgen. Mit der hier vorliegenden Übersetzung der zweiten Auflage in die deutsche Sprache wird dieser Dornröschenschlaf beendet.

Klaus Hecker

Kollektivarbeit der Gruppe Internationaler Kommunisten: Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung. Deutsche Erstausgabe der 2. Auflage von 1935. Red & Black Books. 339 Seiten, ca. 19.00 SFr. ISBN 9798601283687

Mehr zum Thema...
Hausbesetzer in Berlin, Kreuzberg (1981).
Kritische Theorie über das Denken und HandelnAssoziation freier Menschen auf Rätebasis

12.03.1999

- Ausbeutung ist die Tatsache, dass die Menschen die Produkte ihrer eigenen, gesellschaftlichen Arbeit für Geld kaufen müssen.

mehr...
SkyView Gebäude in Stockholm.
Zum Verhältnis von Arbeitszeit und ProduktivitätFreizeit als Rendite des Fortschritts

16.09.2012

- Er könnte so schön sein, der technische Fortschritt. Plackerei und Hunger würden der Vergangenheit angehören, und der Mensch hätte Zeit.

mehr...
Produktionshalle der ehemaligen EikaWachsfabriken.
Entfesselung der Finanzmärkte und des KreditsStrukturkrise der Marktwirtschaft und gesellschaftliche Emanzipation

07.08.2019

- Seit 2008/09 beherrschen Staatsschulden- und Währungskrisen die europäische und internationale Medienlandschaft.

mehr...
Where is an alternative?

03.11.2016 - Die kommunistische Gruppe ’The future is unwritten’ organisiert im November eine Veranstaltungsreihe, die nach den Möglichkeiten ...

Scheitern und Zukunft des kommunistischen Projektes Teil 1

11.12.2008 - Ist der Kommunismus gescheitert? Oder nur schief gegangen? Oder wurde mit dem “real existierenden Sozialismus” etwas umgesetzt, dass dem Kommunismus ...

Dossier: Commons
Propaganda
hallo

Aktueller Termin in Berlin

Walking Tour: The November Revolution of 1918/1919 in Berlin -

 Kritische Orientierungswochen an der HU 102 years ago, an insurrection took place in Berlin. With the general strike of November 9, 1918, workers toppled the Kaiser and ended the First World War. Thus began the November Revolution. ...

Donnerstag, 29. Oktober 2020 - 16:00

HU-Berlin, Unter den Linden 6, 10117 Berlin

Event in Berlin

LP

Donnerstag, 29. Oktober 2020
- 19:00 -

Baiz

Schönhauser Allee 26A

10435 Berlin

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle