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Kathy E. Ferguson: Emma Goldman. Political Thinking in the Streets.

Kathy E. Ferguson: Emma Goldman. Political Thinking in the Streets. Emma Goldmans politisches Denken

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Sachliteratur

Erst kürzlich stiess ich auf das Buch Political Thinking in the Streets, welches Kathy E. Ferguson bereits 2011 veröffentlicht hatte.

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Datum 18. März 2026
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Wie der Titel des 300-seitigen Buchs bereits vermuten lässt, geht es darum um eine ganzheitliche Betrachtung der Person Emma Goldman in ihrem historisch-gesellschaftlichen Kontext.

Der Entstehungsprozess des Buches über 15 Jahre deutet bereits darauf hin, wie umfangreich sich Ferguson mit der prägenden Person beschäftigte.

Während die bekannte Anarchistin als inspirierende Rednerin und unermüdliche Aktivistin bekannt wurde, stellt die Autorin das eigenständige und kontinuierliche politische Denken Goldmans in den Vordergrund. Dieses wurde ihr immer wieder abgesprochen, etwa mit dem Verweis darauf, dass ihre Gedanken „synthetisch“ – also zusammengesetzt – wären. Richtigerweise entgegnet Ferguson, dass dies im Grunde genommen für jede vernünftige Theorie gelten muss. Darüber hinaus ist Goldmans politisches Denken auf besondere Weise anwendungsbezogen – und offenbart gerade in der Beurteilung spezifischer Situationen trotz – bzw. wegen ihrer reflektierten Verbindung mit Subjektivität und Emotionalität – eine beeindruckende Schärfe.
Goldman schrieb ihre Autobiografie auf der Grundlage tausender Briefe, welche sie gesammelt hatte. Geschätzt könnten es bis zu 200.000 gewesen sein, die sie in ihrem Leben an Genoss*innen, Liebhaber und auch an sich selbst schrieb. Das ihr Lebensstil keine Zeit für grossangelegte, stringente und überarbeitete Werke liess, diskreditiert sie als eigenständige politische Denkerin ebenso wenig, wie die prozesshafte Weiterentwicklung ihrer Überlegungen.

Ihre Einschätzungen und Positionen sind im Kontext ihrer Zeit nicht zuletzt deswegen als innovativ zu bewerten, weil sie sich eben nicht in den Elfenbeintürmen der Intellektuellen zurückzog oder aus privilegierter Position sprach, sondern im regen Austausch mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten stand- ob während ihrer Arbeit, im Gefängnis, in ihrem Stadtviertel oder bei Vorträgen. Gleichwohl findet sich eine kritikwürdige Leerstelle bei Goldman darin, dass sie Rassismus – anders als Sexismus – nicht den Stellenwert zugestand, den er beanspruchen müsste.

Goldman insbesondere für ihre konsquente Thematisierung feministischer Anliegen bekannt. Ferguson zeigt auf, dass damit auch eine eigenständige Theoriebildung verknüpft ist. Dabei weist sie auf den Trugschluss hin, Goldman umgekehrt hauptsächlich als Feministin und Frau anzusehen – statt ebenso als entschiedene Anarchistin und Genossin, die ihren meist männlichen Compagnions die Stirn bot und – im Sinne von Sara Ahmed – eine feministische Spassverderberin war

Ich habe etwas im Buch gelesen, möchte es aber an dieser Stelle nur noch auf einen Aspekt hinweisen, der mir besonders interessant erscheint: Ferguson thematisiert im Vorwort (unten), dass Goldmans „politisches Denken in der Strasse“ insbesondere auch die gängige Trennung von Theorie und Praxis unterläuft. Dies stellt meiner Ansicht nach auch ein Kriterium für anarchistische Theorie dar. Alles Weitere überlasse ich Interessierten an Goldmans Werk herauszufinden.

«Perhaps because her personal presence was so engaging, commentators seldom apprehend her as a political thinker.6 Instead, attention has been deflected to her political activism (often defined in opposition to theorizing) or her sexuality. While activism and sexuality are certainly key components in Goldman's political repertoire, I would like to push their relevance into a different frame, one that provokes conversations between Goldman's anarchist feminism and contemporary ideas about how we do political theory. Taking Goldman seriously as a political thinker allows us to contest the problematic opposition between theory and practice and to relocate political thinking in an activist context. Goldman did her thinking “in the streets,” that is, intimately engaged in overlapping sets of struggles and in the creation of the political space within which struggles could take place. For over fifty years Goldman articulated an uncompromising radical vision of a just, free, and joyful society. How did she do it? What did it allow her to accomplish? What good is it for us today?"» – S. 2

«Goldman's political thinking flourishes in what we might call a located register: it is situated, event-based, and concrete. She was most insightful when she was thinking in the streets, immersed in ongoing struggles, talking them over with friends and comrades, reflecting on their dynamics and possibilities. Thinking and acting were not separate political moments for Goldman; her thinking was intertwined with acting, it was a kind of acting.» – S. 6
Kathy E. Ferguson: Emma Goldman. Political Thinking in the Streets. Rowman & Littlefield Publishers 2011. 362 Seiten. ca. 42.00 SFr. ISBN: 978-0742523005.

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