Zum Glück wird die Thematik „Nahostkrieg“ bzw. Israel- vs. Palästina-Solidarität ausgeblendet, die hierzulande meiner Ansicht nach primär einen krypto-kommunistischen Konflikt darstellt. Damit möchte ich nicht sagen, dass eine Bezugnahme (bzw. Vereinnahmung) von „unterdrückten Völkern“, die Kooperation mit islamofaschistischen Gruppierungen oder das Schwenken von Nationalfahnen ansatzweise ein anarchistischer Bezugspunkt sein könnte. Ebenso halte ich es für falsch, auf zynische und arrogante Weise das liberale Bürgertum gegen als anders Markierte zu verteidigen und in jeder sozialen Bewegung den strukturellen Antisemitismus zu wittern, wie es die Allzudeutschen taten.
Sicherlich litt der Autor hier und da unter den Streitigkeiten, an denen er seinen eigenen Anteil gehabt haben mag. Doch versucht er umso mehr um Vermittlung und eine wohlwollende Bezugnahme aufeinander zu werben, wo es denn möglich ist. Damit spricht er ein altbekanntes Problem innerhalb der mehr oder weniger radikalen Linken an, wendet sich aber auch milde gegen den Zeitgeist, in dem Polarisierungen durch social media katalysiert und durch die Bewusstwerdung über den Kollaps panisch verstärkt werden. Die Einsicht darin ist so einfach wie wahr: „Wir“ sind sehr wenige, die mehr miteinander teilen, als die Mehrheitsgesellschaft. Wenn „wir“ uns zerstreiten, werden „wir“ damit lediglich Recht haben, Aufmerksamkeit erhalten oder unseren moralischen Standpunkt bestätigen können – jedoch nicht mehr werden und die Gesellschaft verändern. Der Weg, um Verständigung untereinander, gemeinsame Anstrengungen und auch bessere Theorie durch die Ergänzung von verschiedenen Perspektiven zu erreichen, führt gerade durch oftmals mühevolle Auseinandersetzungen – durch die wir gemeinsam wachsen können. Er schreibt einleitend:
Die Orientierung am Streit markiert schon den ersten innerlinken Konflikt. Ganz verschiedene Bereiche der Linken haben zu verschiedenen Zeiten zur Einheit gerufen und versucht, Konflikte beiseitezuschieben oder zu unterdrücken – ‚unterdrücken', indem man die innerlinken Gegner*innen erbittert bekämpft, ‚beiseiteschieben', indem man einfach so tut, als gebe es keine Konflikte. Das verbissene Bekämpfen abweichender Meinungen war in der Geschichte nicht selten die Strategie kommunistischer Parteien, das Beiseiteschieben von Konflikt findet sich bei ‚Bauchlinken' – Menschen, die eher aus einem Gefühl heraus links sind. Aber die Überzeugung sich gerade jetzt nicht streiten zu dürfen, bedeutet immer auch, Positionen, die sich gegen den linken Mainstream richten, kleinzuhalten – ein autoritärer Move. Und hier wäre schon die erste Überzeugung dieses kleinen Reiseführers: Links ist da, wo man Position bezieht, aber bereit ist, darüber zu streiten. (S. 9)
Wenn es diese Absicht ist, die Karl Meyerbeer bewegt, dann verfolgen wir hierbei einen sehr ähnlichen Ansatz. Dies entnehme ich zumindest seinem Schlusskapitel, in dem er skizziert, wie sich respektvoller, besser und zielorientierter streiten lässt. Gleichzeitig spricht einiges dafür, sich nicht an innerlinken Positionierungen abzuarbeiten – sondern anarchistische Paradoxität zu denken…
Holzschnittartige Entgegensetzungen
An die Darstellung im Büchlein schliessen sich weitere Fragen an: Wie werden Gegensätze konstruiert und dargestellt? Wer kann und möchte sie warum vermitteln? Über welche Machtressourcen verfügen die Beteiligten? Aus welchen Gründen entstehen Spannungen überhaupt? Und wer setzt die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sie auftreten und ausgetragen werden?Da mich ähnliche Absichten aus leicht anderer Perspektive und mit graduell anderer Intention bewegen, habe ich mich mit verschiedenen Aspekten ebenfalls beschäftigt. Meiner Ansicht nach lohnt sich hierbei eine Betrachtung des Anarchismus. Keineswegs sind in diesem alle Lösungen angelegt. Aber er stellt eine Strömung dar, der Spannungen inhärent sind und die nicht unbedingt nach ihrer Auflösung strebt. Daraus ergeben sich zumindest einige wertvolle Einsichten. Wenn Marx sich über Proudhon lustig machte, weil dieser in Kant'schen Antinomien dachte, statt sich auf die Hegel'sche Dialektik zu beziehen, so formuliert auch Karl Meyerbeer Gegensätze, die doch sehr holzschnittartig wirken.
Wie ich an anderer Stelle verdeutlicht habe, gibt es glücklicherweise weit mehr als die Entgegensetzung von Revolution und Reform, sondern auch soziale Evolution, mutualistische Selbstorganisation, autonome Bewegung, Aufstand&Subversion, sowie soziale Revolution (Eibisch 2021, vgl. Eibisch 2024: 295-360). Der Autor bezieht sich auf eine althergebrachte linke Perspektive – die bis heute merkwürdig unterkomplex ist. Auch in Hinblick auf Individualität vs. Kollektivität gibt es zumindest im Anarchismus deutlich mehr Zwischentöne, die es sich zu betrachten lohnt (Eibisch 2024: 239-294, vgl. Eibisch 2019: 54-70).
Reih dich ein – oder lass es sein?
Die Gegenüberstellung von Spaltung oder Einheitsfront wirft gleich zu Beginn des Buches Fragen auf. Denn dem Autor dürfte bekannt sein, das es mit dem Konzept der Volksfront ein horizontales Modell des Zusammenschlusses gab, indem die einzelnen Akteure (zumindest dem Anspruch nach) sich nicht unterordnen. Ebenso zielte die Anti-Autoritäre Internationale darauf ab, die Autonomie der sozialistischen Landessektionen zu erhalten, statt sie einem Zentralkomitee zu unterwerfen. Auch in der Anti-Globalisierungsbewegung wurde dieser Ansatz verfolgt, sodass Horizontalität zu einem wichtigen Schlagwort wurde. Mit anderen Worten gab es in dieser Hinsicht wichtige organisatorische und theoretische Entwicklungen durch die Erfahrungen in sozialen Bewegungen. Die Gegenüberstellung in „Spaltung oder Einheitsfront“ stellt demnach einen Rückfall dar, der zwar wiederkehrende Debatten reflektieren und um Sympathie werben mag, sie aber gar nicht ernsthaft weiterentwickeln will – so wirkt es wenigstens auf mich.
Ähnlich sehe ich es – mit einem bestimmten Standpunkt, klar – in Hinblick auf den Internationalismus: Der Antinationalismus stellt meines Erachtens eine echte Weiterentwicklung dar, mit der keineswegs verneint wird, das sich Westeuropäer*innen über die hegemoniale Stellung ihres Machtblocks, ebenso wie über ihren Kolonialismus und Imperialismus bewusst sein und Genoss*innen in globalen Süden unterstützen sollten. Auch mit der Entgegensetzung von Theorie und Praxis reflektiert der Autor Ansätze innerhalb der gesellschaftlichen Linken, bleibt dann aber auch eher auf dem Stand „beides ist wichtig“, statt danach zu fragen, welcher Theorie und welcher Praxis eine emanzipatorische, möglicherweise sozial-revolutionäre, Bewegung bedarf.
Die Frage nach Parlament oder Bewegung stellt sich für Anarchist*innen nicht. Beziehungsweise, wenn man die politisch-soziale Realität ernst nimmt, anders. Hieran würden sich strategische Überlegungen aus anarchistischer Perspektive anschliessen, dir es an anderer Stelle zu tätigen gilt. Denn damit würde man feststellen: Ja, es gibt Parlamente; ja, man muss mit linken Politiker*innen bisweilen kooperieren und tut es ohnehin (zumal auf dem Land); ja, auch parlamentarische Politik ermöglicht bestimmte Handlungsspielräume oder schränkt sie ein. Für eine nach Autonomie strebenden selbstorganisierte Bewegung gilt es dies selbstverständlich mitzudenken. Das bedeutet aber keineswegs, sich daran abzuarbeiten oder sich darin gar einzumischen bzw. Energie aufzuwenden, auf diesem herrschaftlichen Terrain etwas verändern zu wollen. Hierbei, wie tendenziell im Rest des Buches, handelt es sich um linke Probleme, nicht um anarchistische.
Mehr basisdemokratisches Chaos wagen!
Zugespitzt zeigt sich die vermittlerische Rolle des Autors wiederum im Abschnitt zentralistische Institutionen oder basisdemokratisches Chaos? Denn der Rahmen ist bereits falsch gesetzt, wird Basisdemokratie – nur halbwegs neckisch – per se „chaotisch“ assoziiert. Organisationen könnten demnach nur entweder zentralistisch (also auch autoritär und hierarchisch) sein oder „chaotisch“, das heisst angeblich „nicht funktionieren“. Hierbei scheint die eigentümliche Haltung des Autors durch, die sicherlich gespeist ist von zahlreichen unbefriedigenden Erfahrungen in basisdemokratischen Zusammenhängen, welche er gesehen und mitunter mitgestaltet haben mag. Mit den zahlreichen Erfahrungen und Erkenntnissen sozialer Bewegungen im Hintergrund gelingt ihm leider nicht, Organisation neu und nach emanzipatorischen Vorstellungen und Zielen entsprechend zu denken. Vielmehr verbleibt er im Rahmen jahrzehntelanger Szene-Debatten stecken und reproduziert gesetzte Behauptungen, wie die Verknüpfung von Zentralität (Autorität und Hierarchie) mit Struktur und Effektivität, statt sie zu erweitern.Darin kommt allerdings zum Ausdruck, worunter anarchistisch eingestellte Leute am meisten leiden: wirklich gut funktionierende, überregionale und strategisch orientierte Organisationen konnten sie selbst, wenn überhaupt, nie mehr als ein paar Jahre hervorbringen – und auch dies war vor allem dem vehementen Engagement von Einzelnen zu verdanken. Abgesehen von den bisweilen unzulänglichen Einstellungen, Fähigkeiten und Kontinuität der Beteiligten, fehlten ihnen andererseits auch oft die Ressourcen, während sie Rahmenbedingungen ausgesetzt waren, die dauerhafte, verbindliche Organisierung erschwerten (wobei staatliche Repression durchaus eine Rolle spielt).
Leider thematisiert Karl Meyerbeer dies gar nicht, sodass die Zuordnung zu schematischen Lagern scheinbar eher nach individuellen Haltungen und Meinungen geschehen würde, statt das sie innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen stattfände.
Der massive Auftrieb neoleninistischer, pseudo-kommunistischer Gruppierungen ist dementsprechend nicht allein oder vor allem dem geschuldet, das die Jugend sich lost fühlt und nach Orientierung in der Eindimensionalität sucht (denn das tat sie auch schon früher). Er findet in Reaktion auf die zunehmende Faschisierung, die Bewusstwerdung über den ökologischen und institutionellen Kollaps, sowie vor dem Hintergrund der Erfahrung der Zerschlagung und Einhegung von sozialen Bewegungen statt.
Vom Entweder-oder über das Sowohl-als-auch hin zur Paradoxie
Auch die Rolle des Vermittlers kann eine spezifische Machtposition sein. Denn Vermittlung geschieht ja nie neutral und nie nur „um der gemeinsamen Sache Willen“. Ebenfalls hoffentlich nicht, weil man ein guter Mensch wäre und gerne den anderen bei der Lösung ihrer Konflikte helfen würde. So bin ich nicht die einzige Person, die von den Vermittlern verstossen wurde, nicht weil sie dogmatisch auftrat, sondern, weil sie auf nervige Weise darauf hingewiesen hat, das die aufgemachten Pole den gesetzten Rahmen, indem sie stattfinden häufig gar nicht übersteigen, sondern bestätigen.Karl Mayerbeer will die häufig identitär und oberflächlich gefühlten Entgegensetzungen in der linken Szene überwinden, um durch produktive, solidarische Auseinandersetzungen gemeinsam zu wachsen. Dies ist heute zweifellos äusserst wichtig. Streiten bringt uns weiter – aber nur, wenn es darin nicht vor allem ums Rechthaben und Durchsetzen geht. Umso müssten reale gesellschaftliche Spaltungen und der Umgang mit diesen thematisiert werden: bürgerlich/proletarisch, städtisch/ländlich, westdeutsch/ostdeutsch sozialisiert, männlich/weiblich sozialisiert, weiss und PoC gelesen. Worüber wir wie streiten können, ist von den Erfahrungen und Positionierungen der Beteiligten abhängig. Dies negiert der Autor auch nicht, aber die Darstellung holzschnittartiger Entgegensetzungen erzeugt leicht den Eindruck, hierbei handele es sich vor allem um verschiedene Meinungen.
Um ein Entweder-oder muss es in vielen Fällen gar nicht gehen, wenn wir konsensorientiert denken. Der Autor weiss auch um die postmoderne Unentschiedenheit und Beliebigkeit des Sowohl-als-auch. Dennoch gelingt ihm nicht der Schritt zur Paradoxie, insofern er der antinomischen Pseudo-Dialektik verhaftet bleibt. Ein Denken in Paradoxien würde nämlich durchaus danach streben, Widersprüche aufzulösen, ohne jedoch zu behaupten, über die einzige, höhere Wahrheit zu verfügen.
Darüber gälte es an anderer Stelle weiter nachzudenken. Wie gewohnt lasse ich meine Überlegungen von den toleranten Vermittlern ignorieren und suche jenseits davon nach Verständigung… Es sind halt Linke – die denken eher in binären Kategorien…


