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Bakounine: La vie d‘un révolutionnaire Mit Bakunin die Massen aus ihrem Schlafe wecken?

Sachliteratur

Kaminskis weitere Auseinandersetzung mit dem Anarchismus und Bakunin ist weniger analytisch, dafür von scharfer Beschreibung.

Portrait von Mikhail Bakunin.
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Bild: Portrait von Mikhail Bakunin. / PD

30. Dezember 2015

30. 12. 2015

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Kaminski, dem es zwei Tage vor dem Reichstagsbrand gelungen war, nach Frankreich zu gelangen, war seit langer Zeit einer der Mitarbeiter der Weltbühne gewesen, der besonders analytisch die Faschisierung verfolgte, die mit dem Reichstagsbrand zur offenen Machtergreifung der Faschisten führte. Wie in Deutschland drängte er in Frankreich auf ein Zusammengehen der beiden Linksparteien. Zwar kam es dort zur Bildung der sogenannten Volksfront, aber unter Beibehaltung der innerparteilichen Herrschaftsstrukturen. Bei Reportagen im revolutionären Spanien lernte Kaminski die Mitglieder der anarchistischen Bewegung ganz anders kennen, als er sie bisher beurteilt hatte. Er schrieb ihnen nach diesen Erfahrungen den Erfolg der ersten Jahre des Aufstands zu. In diesem Zusammenhang ist das Buch „Barcelona. Ein Tag und seine Folgen” entstanden - und „Bakounine“.

Aber nochmal zurück zu Kaminski Lebensweg: Wieder erst im letzten Augenblick gelang es Kaminski aus Paris kurz vor der Besetzung ins unbesetzte Frankreich zu entkommen. Er kam auf dem auch von Benjamin und Heinrich Mann gewählten Weg über die Pyrenäen nach Portugal. Die letzten Nachrichten von dort enthalten die Bitte um die Gewährung eines Eingangsvisums nach Argentinien. Der mit gefälschtem Pass unter dem Namen Lenoir in Lissabon wartende Kaminski und seine Lebensgefährtin Anita Karfunkel sind seither verschollen. Die bisherige Annahme, die beiden seien dem Nazi-Vernichtungsprogramm erlegen, kann nach der Ankunft in Lissabon kaum aufrechterhalten werden. Das Erscheinen eines Buches in spanischer Sprache über „Nazismus als sexuelles Problem” war schon ein Jahr vorher in Buenos Aires erschienen und spricht deshalb ebenfalls nicht sicher für ein doch noch erreichtes Asyl in Argentinien.

Im Fall des Überlebens freilich wäre fast unverständlich, wieso einer der fruchtbarsten Politiker und Schriftsteller zum Verlauf des Krieges und der Nachkriegszeit gar nichts zu sagen gehabt hätte. (Selbst von einem Tucholsky, der wirklich das öffentliche Schweigen gewählt hat, wissen wir über die letzte Lebenszeit nach Belieben alles). Es wäre höchst dankenswert, wenn sich trotzdem etwas herausfinden liesse über die letzten Jahre - oder nur Tage - eines Schriftstellers, der sich als einer der treffendsten Analytiker des heraufkommenden Nazismus erwiesen hat.

Bakounine

„Bakounine” ist nach wahrscheinlich nach zweijähriger Arbeit im Jahr 1938 erschienen. Jedoch bisher nur auf französisch, eine Übersetzung liegt bisher nicht vor. Der erste Eindruck verblüfft: Kaminski hatte sich in den Artikeln der Weltbühne immer als Analytiker hervorgetan. Ich jedenfalls erinnere mich nicht an mehr erzählende Beiträge oder Reportagen. „Bakounine“ jedenfalls ist auf den ersten Blick reine Erzählung. Nacherzählung eines - wie der Autor zu verstehen gibt - heldenhaften Lebens. Es erinnert damit an die seinerzeit erfolgreichen grossen Biographien aus England und den USA. (Auch Ludwig oder Stefan Zweig wäre in diesem Zusammenhang in die Traditionslinie einzubeziehen.) Theoretische Überlegungen finden sich nur versteckt im Text. Insofern auch kein offizieller Richterspruch über Recht oder Unrecht der Vorgehensweise Bakunins.

Kaminski selbst bekennt sich offen zu dem Stilwandel seines Schreibens. Er wollte, teilt er in einem Zeitungsartikel mit, schreiben für den müden Arbeiter, der abends heimkommt und gegen den Schlaf ankämpft. Es sollte sich, so die offen ausgesprochene Absicht, um Ermutigung handeln in einem schweren, oft mutlos machenden Kampf. Das Merkwürdige ist nur: im Buch wird wirklich ein unermüdlich kämpfender Bakunin gezeigt. Der Mann von überwältigender körperlicher Grösse, Vorkämpfer auf den Barrikaden, „Chef”, wie es im französischen Text immer wieder heisst: Vorwärtsgeher, Führer in einem Sinn, der der sozialistischen und vor allem anarchistischen Forderung nach absoluter Gleichheit aller nicht widersprechen sollte. Zugleich aber zeichnet der unbestechliche Autor den Weg dieses Helden als eine Folge von Niederlagen. Kein einziges Mal, folgen wir Kaminski, gelang es ihm bei allen Aufständen, an denen er sich beteiligte, auch nur die hundert Tage so auszudauern und ausdauern zu lassen wie die Commune 1871. Und das, obwohl auf den Barrikaden von Paris in diesem Jahr sehr viel mehr gefühlsmässige Anhänger des Anarchismus mitkämpften als überzeugte Marxisten. Die aber nach Maximen vorgingen, die denen gerade widersprachen, die Bakunin zur gleichen Zeit in Lyon auf seine Plakate drucken liess.

Gegen Ende der Erzählung wird das dramatisch überhöht. Wie immer sorglos in Gelddingen hat Bakunin anvertrautes Vermögen der Partei nicht gerade veruntreut, aber auf jeden Fall mehr phantasievoll als zielbewusst ausgegeben. Er sieht nur einen Ausweg, um ruhmvoll zu enden. In Bologna bahnt sich ein Aufstand an. Er will dort auf den Barrikaden sterben. Der Nierenkranke, der kaum sein Wasser halten kann, kommt zwar nach Bologna, aber nur, um zu erleben, dass - wie so oft - die Kräfte überschätzt worden waren, die Polizei dann doch aktiver als erwartet war. Der Kampf fand gar nicht statt. Bakunin entkam mit Mühe dem staatlichen Zugriff und wartete noch zwei Jahre auf ein Ende, das sich dann niedrig, qualvoll und schmerzensreich vollzog, wie es im Rosenkranz immer heisst.

Wie konnte das ermuntern?

Von Kaminski her wohl durch die Manifestation des Willens. Eines Willens zum Nicht-Aufgeben, zum Weitermachen in allem Ungemach. Von einem weiteren Blick her vielleicht als paradoxe Beschreibung eines Unsterblichen. Wie kann dasjenige umsonst geschehen sein, das sich über so viel Stürze immer wieder durchsetzt. Immer neu. Durchsetzt - freilich nur im Kopf. Da deuten sich wohl schon Denkwege an, die sich später bei einem Camus wieder finden, wenn dieser den „homme révolté” dem wirklich Revolutionmachenden entgegenstellt. Und damit Liebling aller Ausweichenden wurde.

Tatsächlich wirkt das Erschütternde der letzten zwanzig Seiten der Biographie zugleich immer wieder als Vorwegnahme eines Heldenkultes, wie er sich zur gleichen Zeit um Stalin und später um einen Che Guevara entfaltete. Wirkt es in der Erzählung manchmal nicht so, als müsse die Revolte in Bologna nur deshalb stattfinden, damit der Held eine Barrikade finde, um edel abzugehen? Man denkt die ganze Zeit an einen Herakles, der in irgendeiner Oper aus freiem Willen die Brandscheiter des Altars betreten will.

Auffällig die Herleitung des Ideengebäudes, das Bakunin aufbaute. Der Ausdruck „anarchisch” „anarchistisch” wird als richtige Bezeichnung von Kaminski erst in dem Augenblick zugelassen, als nach den langen Haft- und Verbannungszeiten der "Katechismus des Revolutionärs” erscheint. Die ganze frühere Kampfzeit Bakunins wird als eine verstanden, die dem Kampf der slawischen Völker gewidmet war.

Bakunin, Sohn einer russischen Adelsfamilie, der freilich russisch schlechter sprach als die vielen anderen Sprachen, die er beherrschte, sieht vor allem im Kampf der Polen, dann der Tschechen das weiterreissende Beispiel. Und zwar ausgesprochen nicht als Panslawist, worauf Kaminski grössten Wert legt. Die Panslawisten unterwarfen sich der orthodoxen Kirche und bewunderten das Volk der Leibeigenen gerade in seinen zurückgebliebensten Zügen. Bakunin dagegen sieht alle Slawen als einheitliche unterdrückte Masse, die genau die Aufgabe hätte, althergebrachte Herrschaftsmächte wie Zarismus und Kirche zu stürzen. In dem gewaltigen Krieg, in dem sich die Massen zu diesem Zweck zusammenfinden, erlernen sie erst, auf den eigenen Beinen zu stehen und die eigene Rückständigkeit abzuwerfen.

Gross als Idee! Voreilig als Analyse!

Der Denkfehler bestand eben in der Vorstellung einer Einheit - aus dem Slawentum heraus. Schon 1848 zeigte sich, dass die verschiedenen Nationalitäten verschiedene Ausprägungen gefunden hatten unter verschiedenen Herrschern. Die Kroaten zum Beispiel entwickelten sich schnell zu Radetzkys Sturmtruppe - gegen die Böhmen in Prag, aber auch gegen die aufständischen Italiener. Slawen unter dem Zaren bekämpften - wie schon vorher und nachher - erbittert muslimische Slawen, die damals noch der Türkei untertan waren usw. Resultat: Die ethnische Herkunft erklärt nicht genug. Eigentlich gar nichts.

Erst nach den Enttäuschungen darüber stellt sich die Idee ein: die Herrschaftsmächte aller Art, zuvorderst der Staat, sind an sich schon der Feind, der am ersten zu bekämpfen ist, um freien Zusammenschluss - Föderation - zu ermöglichen. Egal, ob dieser Feind sich aus germanischen oder römischen Wurzeln her definiert.

Kaminski arbeitet leidenschaftlich heraus, wie Bakunin die Notwendigkeit der Zerstörung als unerlässlich ansieht für jede erfolgreiche Revolution. Was die allgemeine Meinung andauernd Schumpeter zuspricht, der Begriff „Schöpferische Zerstörung” stammt von Bakunin. Schumpeter, der nach Keynes letzte Denker im Kapitalismus, der was herausbrachte, hat den Begriff redomestiziert und das Blut aus der Vorstellung vom Zerstören herausgewaschen. Für Bakunin musste Blut fliessen. Nicht als Ziel, aber aus Notwendigkeit.

Gerade diese Unerbittlichkeit war es, der Kaminski erneut einen Weg brechen wollte - angesichts des Leisetretertums, wie es alsbald die schliesslich zusammengekommene „Volksfront” beherrschte. Hätte es ausgereicht, um sich den Deutschen dann anders zu widersetzen als es in der „drôle de guerre” dann geschah?

Die Auseinandersetzung zwischen Marx und Bakunin findet in der Biographie ihren Platz. Kaminski greift vor allem an die angebliche Arbeit von Marx und den Seinigen mit Verleumdungen. Nun gaben Bakunins blinder Umgang mit Geld und seine politischen Wendungen schon reichlich Stoff für Angriffe auch ohne Übertreibung. (Die Beichte des Gefangenen in der Peter-Pauls-Festung vor dem Zaren in all ihrer Zerrissenheit war zu Bakunins Glück damals nirgends bekannt.) Was Kaminski hier angreift, ist im geheimen Vorgriff auf die Stalin-Prozesse und ihre Nachbeter in aller Welt die Tendenz, Lügen über den anderen als Politik hinzunehmen. Ja zu bejubeln als staatsmännische Kunst. Das Beispiel Marxens wäre für die Stalin-Fraktion wohl nicht nötig gewesen. Aufs Lügen kommt man in der Not am schnellsten.

Bei aller Begeisterung für Bakunin vergisst Kaminski eines nicht: den Tag danach. Wie ein Mitrevolutionär von Bakunin meinte: „Am Tag der Revolution reisst er die Leute zu Wundern hin. Ab dem zweiten beginnt er zu nerven.” Unbestreitbar waren alle kurz oder lang erfolgreichen Revolutionsregierungen immer schon bedroht. Der Tag danach - der zweite - setzte zwingend Zwangsmassnahmen voraus. Das schliesslich ist der bescheidene Sinn von „Diktatur des Proletariats” in einem ersten Stadium des Sozialismus.

Bakunin sieht das Problem. Er kann es mit seinen Methoden nicht lösen. Das wäre nicht so schlimm. Er erkennt es aber als theoretisches Problem nicht an. Bei der Vorbereitung seiner zahlreichen Aufstände geht er immer von einem geheimen Komitee aus, das mit Waffengewalt jeden Widerstand bricht. Also ungemein diktatorisch. In Bakunins Theorie kommt das Problem aber nicht mehr vor. Theoretisch wäre zu fragen: wie kommt die neue Zusammenkunft der Menschen von der Epoche des immer noch erhobenen Richtbeils zu der der Einigung ohne Bedrohung. Die Marxisten hatten das Problem immerhin als theoretisches erkannt - wenn auch bis jetzt nur nicht zufriedenstellend gelöst.

Fazit

Insofern bleibt Kaminskis „Bakounine” bei allem Schwung nicht so sehr die Blosslegung des Kerns der Nuss als die Erzählung der Leiden derer, die sich erst einmal an das Knacken dieser Nüsse machen. Es bleibt der Bericht eines Lebens, das keine Schwierigkeiten scheute - und am Ende doch erlag.

Die Darstellung der Gefangenschaft Bakunins bei Preussen, Österreichern und schliesslich im Grab der Peter-Pauls-Festung bleibt eben darum erschütternd, weil der Geschundene nach acht Jahren - zum grossen Teil in Ketten - ungebeugt dort weitermacht, wo er aufgehört hat. Freilich auch mit allen Täuschungsmitteln und Selbsttäuschungen.

In der Darstellung des trickreichen und verworfenen Netschajew - von Dostojewski für die „Dämonen” verwendet -, erleben wir die Verzerrung des anarchischen Prinzips hin zur Karikatur. Nach Kaminski hat sich der alte Bakunin weit mehr mit ihm eingelassen als offiziell zugegeben wird. Netschajew, der alle Mittel anwendet, auch zum Betrug der eigenen Genossen, und damit die Bewegung verdorren lässt. Und der doch, in den Tiefen seiner Festung, sämtliche Wärter, die mit ihm zu tun hatte, bezwang - so dass sie ihm am Ende widerspruchslos zu Willen waren und zum Zweck seiner Befreiung mit „Narodnaja Wolna” Kontakt aufnahmen, die die Befreiung verschieben mussten, weil sie zuerst den Zaren vors Gericht des Volkes zu fordern hatten. Und Netschajew nahm die Entscheidung hin und den Hungertod auf sich, wie er für die Gefängnisinsassen alle langfristig vorgesehen war. Niederwerfende Geschichten - nur wenige von den unzähligen, die zu berichten wären.

Es ist unerlässlich, dem Elend ins böse Gesicht zu schauen und auf die Bosheit, die aus diesem Gesicht unweigerlich wieder emporsteigt. Freilich: hat sich Kaminskis Wunsch dadurch erfüllen können, die immer noch Sorglosen hochzureissen? Oder verführt seine Lehre nicht eher zum Aushalten im Zweitschlimmsten? Wenn nur das Schlimmste sich vermeiden liess. Nur dass das Schlimmste dann trotzdem kam.

Fritz Güde
kritisch-lesen.de

Hanns-Erich Kaminski: Bakounine. La vie d‘un révolutionnaire. La table ronde, Paris 2003. 368 Seiten, 11.90 SFr. ISBN 2710325624

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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