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Johannes Bellermann: Gramscis politisches Denken. Eine Einführung. Mehr als Hegemonietheorie

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Beim Schmetterling Verlag ist ein neuer Einführungsband von Johannes Bellermann zum Denken des kommunistischen Theoretikers Antonio Gramscis erschienen.

Notizbücher von Antonio Gramsci, circa 1930.
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Bild: Notizbücher von Antonio Gramsci, circa 1930. / Gramsci (PD)

11. Juni 2021

11. 06. 2021

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Eine gelungene Annäherung für jene, die anfangen wollen, sich mit seinen Überlegungen zu beschäftigen. Ein „Wegweiser für alle, die Gramscis bedeutendes Werk wirklich verstehen möchten“, wie es im Klappentext heisst. Aber eben auch nicht mehr.

Ich kenne den Autoren Johannes Bellermann nicht. Wenn ich nun etwas über ihn sagen könnte, ist es, dass er seinen Gramsci gelesen hat. Ihm gelingt eine fundierte Einführung in das verworrene, fragmentarische Werk eines der bedeutendsten kommunistischen Vordenker, der seine Innovationsfähigkeit daraus zog, zwischen unkonventionellen Überlegungen und orthodoxem Parteikommunismus zu oszillieren. Bellermann schafft es in der gebotenen Kürze, die ein Einführungsbuch haben sollte, Gramscis Grundgedanken und Konzepte zugänglich zu formulieren. Dabei geht der Autor im ersten Teil auf die wenig rezipierten journalistischen und politischen Artikel ein, welche er zugleich gut in dessen biografische Hintergründe und ihre zeitgeschichtlichen Umstände einbettet – und damit gewissermassen die gramscianische Denkweise nachempfindet.

Im zweiten Teil stellt Bellermann Gramscis Hauptwerk dar: die bekannten „Gefängnishefte“, welche während seiner Haft im faschistischen Italien erstellt wurden: „Das Universelle an Gramscis Arbeit sind derweil nicht die theoretischen Konzepte, wie Hegemonie, geschichtlicher Block, der integrale Staat oder organische und traditionelle Intellektuelle, für die er heute steht. Das eigentlich dauerhafte, weswegen sein Denken nach wie vor aktuell ist und sich einer immer breiteren Rezeption erfreut, ist seine Herangehensweise. […]

Indem die konkrete Situation, in der sich beispielsweise eine Gruppe von Menschen, mit ihren spezifischen ökonomischen, politischen und kulturellen Bedingungen innerhalb einer Gesellschaft befindet, als historisch verstanden wird, ist einerseits analysierbar, wie diese Situation entstanden ist, andererseits wird sie veränderbar. Diese Denkbewegung, von der Verortung und historischen Herleitung zur Perspektive auf den Menschen als fähiges und handelndes Wesen, macht die grosse Anziehungskraft von Gramscis Theorie aus
“ (S. 7), schreibt Bellermann zu Beginn und gibt damit einen Vorgeschmack auf eine spannende Lektüre für all jene, die sich für politisches Denken in der Moderne interessieren.

Schliesslich führt er im dritten Teil die Rezeptionsgeschichte von Gramscis Schriften aus, welche insbesondere deswegen zu betonen ist, weil Denker*innen verschiedener politischer Orientierungen versuchten und versuchen, „ihren“ Gramsci zu vereinnahmen. Womit jener wohl einen guten Punkte getroffen hat: Hegemonie ist für alle da. So wird Gramsci als verkappter Leninist dargestellt, in der strukturalistischen Staatstheorie, aber auch von den poststrukturalistischeverfügbarn Cultural Studies und postkolonialen Theoretiker*innen adaptiert.

Schliesslich suchte auch insbesondere die sogenannte Neue Rechte eine Inspirationsquelle beim kommunistischen Theoretiker und etablierte davon abgeleitet den Begriff der „Metapolitik“, welcher in ihren Kreisen verbreitet ist und mit welchem sich elitär fühlenden Burschenschaftler das Label des Intellektualismus anheften können. Bellermann leistet sich einen Fauxpas dahingehend, dass sein Einführungsband mit der neofaschistischen Rezeption Gramscis abschliesst. Dies ist bedauerlich, immerhin betont er zugleich Gramscis Relevanz für unsere heutige historisch-politische Konstellation.

Was hätte also in einem zusätzlichen oder abschliessenden Teil stehen können, das über eine unnötige Zusammenfassung hinaus sinnvoll gewesen wäre? Beispielsweise wäre eine geschichtliche Einbettung jenseits der parteikommunistischen Perspektive von Interesse gewesen. Mit dieser hätte Bellermann einen Beitrag dazu leisten können, zumindest anzudeuten, warum Gramsci den Ökonomismus des orthodoxen Kommunismus verwarf. Vieles spricht dafür, dass er seine Betonung der Kultur und Geschichte, jenseits seiner Beschäftigung mit dem Philosophen Benedetto Croce, auch durch die Anschauung der starken anarcho-syndikalistischen und anarchistischen Bewegungen seiner Zeit gewonnen hat. Dem kommunistischen Theoretiker scheinen die Arbeiter*innen stets dies und dann jenes zu wollen, ungestüm und unkontrollierbar zu handeln, wenn sie nicht einer entsprechend überzeugten und systematischen Führung unterworfen wären.

Dass diese selbständig, strategisch und selbstorganisiert handeln könnten, kommt ihm jedoch nicht in den Sinn. Gleichwohl erahnt er die Rolle, welche autonome Basisaktivist*innen für die Erzeugung von Klassenbewusstsein und Solidarität spielen – und theoretisiert sie implizit als organische Intellektuelle. Er begreift, wie sich soziale Bewegungen in Stadtvierteln und Landstrichen verankern, indem sie Orte des Zusammenkommens schaffen, eigene Rituale entwickeln und an bestehende anknüpfen, Plakate kleben, Kundgebungen abhalten, Beziehungen der gegenseitigen Hilfe fördern und pflegen – all dies und mehr sind Bausteine zur Erlangung von Hegemonie.

Jene ist nur eben nicht zwangsläufig im Rahmen eines Nationalstaates zu denken. Keineswegs muss sie als notwendige, kulturelle Basis verstanden werden, welche zur Eroberung der Staatsmacht unerlässlich ist. Sie könnte auch im Rahmen einer autonomen Klassenmacht begriffen werden, in welcher Menschen sich selbst organisieren und Gegenorganisationen zu jenen der Herrschaftsordnung etablieren – anstatt jene übernehmen zu wollen.

Einer der grundlegenden theoretischen Irrtümer aller mehr oder weniger orthodoxen Marxist*innen besteht in der Annahme eine vermeintlich „richtige“ Analyse führe zu einer zielführenden Strategie. Aus der Analyse und Theorie folgt jedoch weder unmittelbar politisches Handeln, noch eine einzige logische Schlussfolgerung, wie dieses Handeln auszusehen haben. Da macht auch die "Philosophie der Praxis" keinen Unterschied.

Mit anderen Worten: Die Beschäftigung mit der gramscianischen Theorie ist durchaus eine gute Grundlage, um politisches Denken zu lernen. Dies ist sie unter anderem auch deswegen, weil sie nicht der demokratischen Illusion auf den Leim geht, vermittels des Parlaments und anderer Verhandlungsgremien und Einbeziehungsmethoden würden Klassengegensätze und weitere gesellschaftliche Antagonismen als politische Trennungen quasi obsolet, weil ja dort angeblich prinzipiell veränderbar. Nein, Politik im Rahmen des Staates ist und bleibt ein trauriger und oftmals brutaler Machtkampf – Die Konsequenzen aus dieser Einsicht könnten freilich unterschiedlich sein.

Auch die bekannte gramscianische Formel „Staat = politische Gesellschaft und Zivilgesellschaft, das heisst Hegemonie, gepanzert mit Zwang“ sollte uns zu denken geben. Für Parteikommunist*innen bedeutet sie die Notwendigkeit der Erringung von Hegemonie in der Einflussnahme auf die sogenannte Zivilgesellschaft. Anarchist*innen könnten daraus hingegen schlussfolgern, dass es das politische Konzept der „Zivilgesellschaft“ grundlegend abzulehnen gälte, das sie tatsächlich der Vorhof staatlicher Herrschaft und damit staatliches Herrschaftsverhältnis in der Gesellschaft ist.

Dem widerspricht nicht, soziale Gruppen an den historisch-spezifischen Kontexten, in denen sie stehen, anzusprechen, zu organisieren, Hilfestellung zur Bildung ihres Bewusstseins zu geben und strategische Vorstellungen für ihre Ermächtigung und Selbstorganisation zu machen. Ebenso wenig bedeutet es, den Anspruch aufzugeben, bestehende Institutionen, ob staatliche Schulen, eingehegte Gewerkschaften, Vereine oder Zeitungen zu beeinflussen und mit den eigenen Inhalten und Praktiken zu füttern, um sie zu A-sozialisieren. Deswegen müssen sie aber nicht sofort in ihrer Funktion als Institutionen der „Zivilgesellschaft“ adressiert werden, in welcher sie sich auch - aber eben nicht nur - befinden.

Bellermann hätte also einige Worte darüber verlieren können, dass Gramsci auch von den Anarchist*innen seiner Zeit durch Beobachtung gelernt hat. Sein Verdienst besteht in der scharfsinnigen Erfassung dieser und anderer sozialer, kultureller und politischer Wirkungsweisen, in ihrem komplexen Beziehungsgefüge und in ihrer Variabilität. Gramsci war aber kein libertärer Denker, sondern wollte jene Kapazitäten und Einsichten nutzen, um mit der KPI die Staatsmacht zu erobern. Dies herauszustellen, wäre fair gewesen. Daran anschliessend, liessen sich noch viele politisch-praktische Fragen aufwerfen.

Mit Gramscis Theorie lässt sich ein plurales Netzwerk heterogener Akteur*innen denken - ob dies auf eine "Mosaiklinke" hinausläuft, steht aber auf einem anderen Blatt. Anarchist*innen können nach der gramscianischen Analyse zurecht ihre Ansicht stützen, dass ein solches Netzwerk föderal, dezentral, freiwillig und seine Akteur*innen autonom bleiben sollen - anstatt von einer Partei repräsentiert und von Intellektuellenkreisen gelenkt zu werden. Wenn es keine führende Kraft in ihm geben soll, müssen sie sich aus Erfordernissen der politischen Praxis heraus dennoch die Frage stellen, welche organisierenden Kräfte den Zusammenhalt herstellen und das gemeinsame Lager aufbauen können.

Sicherlich nicht die fundierteste, aber eine sehr lesenswerte Rezeption Gramscis betrieb übrigens auch der Kanadier Richard J.F. Day in Gramsci is dead. Anarchist Currents in the Newest Social Movements von 2005 (kostenlos online verfügbar[1]). Dieses Werk ist als ein Standardwerk der neueren politischen Theorie des Anarchismus anzusehen. Day kritisiert darin die Fokussierung von linken und liberalen politischen Projekten auf das Erringen der gesamtgesellschaftlichen Hegemonie. Diese müsse unter zeitgenössischen Bedingungen unweigerlich scheitern, da der Neoliberalismus besser als jede Herrschaftsordnung zuvor die Fähigkeit besässe, gegen-hegemoniale Vorhaben zu integrieren.

In den neuesten sozialen Bewegungen (der Anti-Globalisierungsbewegung) zeige sich hingegen, dass nicht-hegemoniale und anti-hegemoniale Praktiken und Strategien von unterschiedlichen emanzipatorischen Gruppierungen bereits ganz konkret angewandt werden würden. Direkte Aktion, Präfiguration, Selbstorganisation und Autonomie sind hierbei unter anderem wiederum Schlagworte, denen sich auch ausgehend von einer Beschäftigung mit Gramsci gewidmet werden könnte. Doch dies wäre eine andere Buchbesprechung. Schade jedoch, dass Bellermann darauf nicht eingeht.

Jonathan Eibisch

Fussnoten:

[1] https://we.riseup.net/assets/71288/richard-day-gramsci-is-dead.pdf

Johannes Bellermann: Gramscis politisches Denken. Eine Einführung. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2021. 216 Seiten, ca. SFr 14.00. ISBN 978-3896576798

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