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Benjamin: Stark geplustert | Untergrund-Blättle

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Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin Benjamin: Stark geplustert

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Jean Michel Palmiers monumentale Studie ist eine umfassende Monographie über den grossen Philosophen und Literaturkritiker Walter Benjamin.

Der Philosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin im Jahr 1928.
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Bild: Der Philosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin im Jahr 1928. / PD

31. Dezember 2015

31. 12. 2015

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An die 1400 Seiten umfasst die eben herausgekommene Monographie über Walter Benjamin, die über zehn Jahre nach dem Tod des Verfassers Jean-Michel Palmiers nun auf Deutsch herausgekommen ist. Leider was die eigentliche Biographie angeht, ein vielleicht für französische Leser nützliches, für deutsche überflüssiges Werk. Es findet sich nichts darin, was Leser der Werke Benjamins und seiner Briefe nicht schon wüssten.

“Man muss alles lesen, alles studieren” fordert auf dem Umschlag Michel Foucault. Zu seinem Unglück hat Palmier sich unbarmherzig daran gehalten und bringt vor der eigenen Darstellung alle aufgelesenen Lesefrüchte nacheinander. Erst dann kommt es zum Versuch einer Eigendarstellung. Insofern darf es nicht wundern, wenn Palmier kapitellang den Deutungen Adornos und Scholems folgt, bis vielleicht nach mehreren hundert Seiten herauskommt, dass er die beiden -anfallsweise- für grauenhafte Rechthaber hält, was die Gesamtdeutung des Lebenswegs von Walter Benjamin angeht.

Von einer Biographie dieses Umfangs ist zu erwarten, dass sie Details nachgeht, die den Vorgängern entgangen sind. Fuld mit seinem bescheidener angelegten “Zwischen den Stühlen” hatte immerhin die unbekannten beiden Namen Benjamins aus dem Tauf- und Gestapo-Register ausgegraben. Nichts davon bei Palmier. Um nur zwei Beispiele zu benennen: Wie kam es zu Bekanntschaft und Vertragsabschluss mit dem Verleger Rösler in der Schweiz? Dieser war bekanntlich einer der Kontaktleute zur “Roten Kapelle”, über den im Weltkrieg die wichtigsten Geheiminformationen nach Russland flatterten. Geschah es über Thieme? Kein Wort darüber.

Oder eines der wichtigsten autobiografischen Fragmente Benjamins - “Agesilaus Santander” wird kaum erwähnt. Scholem hatte in seiner diktatorischen Art eine Deutung vorgegeben, die zumindest in der Beziehung auf eine bestimmte Frau nicht stimmen kann.

Ist Niemandem aufgefallen, dass “Santander” nicht nur der Name einer spanischen Hafenstadt ist, sondern auch der eines zuletzt abtrünnigen Mitarbeiters, schliesslich Rebellen gegen Simon Bolivar. Bei Agesilaus wäre entsprechend zu denken an die tragikomische Figur des Schulmeisters Agesel- Agesilaus - in Immermanns “Münchhausen”. Beides Gestalten aus dem gemischten Bestand der Bohème, wo Führer und Betrüger nebeneinander treten und miteinander die Plätze tauschen. Tragikomisch im Aufstiegswillen und Fall - passend zur Zeit der Depression Benjamins ziemlich bald nach dem Selbstmordversuch in Marseille 1932.

Bleibt als bescheidenes Verdienst des biographischen Teils der Hinweis darauf, dass Benjamin keiner verführerischen Einflüsterinnen bedurfte, um über die persönliche Erfahrung der Proletarisierung den Weg zum materialistischen Denken zu finden. Das heisst, dass vor allem Scholems Verdächtigungen von Asja Lacis und Bert Brecht für den Schwenk nach links, einfach dessen am Ende fast pathologischem Antikommunismus zuzurechnen sind.

Palmiers Deutungsartikel

Palmier ist vor dem Ende seiner Arbeit gestorben (er kannte die Ausgabe der Briefe Benjamins in sechs Bänden nicht). Als Verdienst ist ihm zuzurechnen, dass er die in den sechziger Jahren beliebte Trennung von Benjamin – jung-theologisch und Benjamin – alt- marxistisch verbietet und eine grundsätzliche Einheit in Benjamins Denken statuiert. Es muss dem vorausgeschickt werden, dass in der Entwicklung solcher Denker, die jüdisch erzogen worden, sich fast nie der fast habituelle Bruch findet, den wir bei katholisch oder evangelisch erzogenen Jugendlichen feststellen. Es scheint in der jüdischen Religion nicht die Verpflichtung gegenüber Gott zu geben, immer neu den Glaubensakt gegenüber ihm als inneres Selbstgespräch zu wiederholen. Wie es vor allem Luther befohlen hatte, als heroischen – immer neu zu vollziehenden – Akt dessen, der weiss, dass er verloren ist, und doch – durch Gott – seiner Rettung sicher sei.

Materialismus - nicht herleiten aus der Materie, sondern niederlegen in ihr

Materialismus kann nicht nur so verstanden werden, dass aus der Materie alles aufstrebt, bis wir –Krone der Schöpfung, der Mensch – erreicht sind. Liesse sich nicht auch denken. Es muss alles Gedachte in seiner körperlichen Erscheinung fassbar gemacht werden. In die Hand genommen. In der verharrenden forderungslosen stillen Gegenwart des körperlich Gegebenen ist uns die Welt des vorher nur Gedachten greifbar nicht nur gegeben, sondern auch zusammenfügbar. Sie wird Baumaterial, Gegenstand der Konstruktion, um einen von Benjamins Lieblingsausdrücken heranzuziehen. Sie ermöglicht die Herausbildung des Mosaiks des Ganzen einer Welt. Von hier aus gewinnen die verschiedenen Fassungen von “Berliner Kindheit” ihren Wert und ihr Gewicht.

Insofern wirkt Benjamins Weiterdenken über schon behandelte Gegenstände immer in der Richtung auf mehr Materialität, die in ihrem sicheren Vorhandensein dem nur Behaupteten und Vermuteten immer grössere Berührbarkeit erlaubt. So bemerkt Benjamin in der Besprechung eines Werks über schlesische Literatur “bis zum Ausgang des Barock” was ihm selbst an seinem “Barockbuch” fehlt - was nachgetragen werden müsste:

”Wir brauchen ein Buch, das die Genesis des barocken Trauerspiels im engen Zusammenhang mit dem Entstehen der Bürokratie, die Einheit der Zeit und der Handlung im engen Zusammenhang mit den dunklen Amtsstuben des Absolutismus, die geile Liebesdichtung mit der Schwangerschaftsinquisition des entstehnden Polizeistaates, die Schlussapotheose der Operndramen mit der rechtsphilosophischen Struktur der Souveränität darstellt.”

Benjamin spricht hier über Forderungen an sich selbst. Im Sinne seiner Auffassung von Materialismus.

“Dialektik im Stillstand”

Vor allem Adorno hat in seinen Kritiken an den Entwürfen zu ”Passagenwerk” wie an ”Baudelaire” unaufhörlich von Benjamin verlangt, er müsse etwas noch mehr – oder überhaupt “durchdialektisieren”. Und Generationen von Nachwuchs-Marxisten haben ihm zugezwinkert. Also: “Dialektik” muss sein! Nur dass Benjamin im Lauf des Lebens immer stärker an der nicht auflösbaren sinnlichen Einzelheit seine Einsichten festmachte. Wie sollten die einfach aufzulösen sein!

Vor allem, wo immer Benjamin auf den Kommunismus zu sprechen kommt, bestreitet er, dass Kommunismus als Politik das Ziel erreichen kann, gemäss dem die Menschheit oder alle einzelnen Menschen in einem ursprünglichen Sinn frei werden. So wie Benjamin es sich denkt, kann auch kommunistische Politik nur einen Zustand erreichen, in welchem der unverstellte Zugriff auf die Dinge, unser Zusammenleben mit ihnen, möglich würde – aber nicht erreicht. Was nach dem “Sieg” des Kommunismus wegfiele, wäre der verstellte Zugriff nach dem gegebenen Reichtum der Dinge dieser Welt – das, was Lukacs “Verdinglichung” genannt hat.

Weitergedacht: Dialektik verliert damit total den zeitlichen Duktus, den sie seit Hegel vor allem im deutschen Denken hatte. Dialektik, wie sie auch Adorno - zumindest in dieser Zeit vor 1940 versteht - ist zeitliches Fortschreiten zur Freiheit. Gibt es dieses Fortschreiten nicht, kann sofort “jede Sekunde die kleine Pforte sein”, aus der Verstellung der Welt und der Dinge hinaus.

So gesehen stellt es für Benjamin keinen Einwand dar, dass die Commune von Paris sich nur hundert Tage lang halten konnte. Es waren eben, würde Benjamin sagen, hundert Tage der Eröffnung, hundert Tage, wo - wie in früheren Zeiten der Revolution - die Turmuhren beschossen wurden. Nämlich im Bewusstsein des Tödlichen des Weitermachens, des blossen Zermahlens des – im Augenblick – offen gelegten.

Erst heute – im Zusammenbruch des Fortschrittsglaubens nach den Zusammenbrüchen der Sowjetunion und der ihr folgenden Zentralwirtschaften – könnte Benjamins Nicht-Zukunftsdenken neu Fuss fassen. So wenig er offen darüber sprach in den Zeiten seines immer abhängigen, immer beengten Wirkens. An die Stelle des automatischen Fortschritts tritt dann Erinnerung. Erinnerung an die immer kurzen Zeiten der Eröffnung eines anderen Lebens. Mit den Fragen einer möglichen Anknüpfung an das “Aufhuschende”, stets neu vom wieder verschwinden Bedrohte.

Davon ist bei Palmier kaum etwas zu finden.

Fritz Güde / kritisch-lesen.de

Jean Michel Palmier: Walter Benjamin. Leben und Werk. Suhrkamp Verlag, Berlin 2009. 1372 Seiten, ca. 67.00 SFr ISBN: 978-3-518-58536-8

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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