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Jacques Rancière: Chronik der Konsensgesellschaft | Untergrund-Blättle

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Jacques Rancière: Chronik der Konsensgesellschaft Zeit ohne Widerspruch?

Sachliteratur

In den gesammelten Kolumnen untersucht der französische Philosoph Jacques Rancière die Epoche des Konsenses.

Jacques Rancière in Zagreb, März 2010.
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Bild: Jacques Rancière in Zagreb, März 2010. / tomislav medak (CC BY-SA 4.0 cropped)

6. August 2019

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Bei den in diesem neuen Buch enthaltenen Aufsätzen von Jacques Rancière handelt es sich um eine Auswahl einer Kolumnenserie, welche der Autor von 1996 bis 2005 für eine grosse brasilianische Tageszeitung veröffentlicht hat. Dort ist der französische Philosoph und Kulturwissenschaftler kein Unbekannter und wird auch gerne einmal zur Eröffnung der Biennale nach São Paulo eingeladen. In den Kolumnen ist von neuem Rassismus und ethnischen Säuberungen die Rede. Es geht um „humanitäre“ Kriege und den „Krieg gegen den Terror“ - alles Herzstücke einer Zeit des Konsenses, deren Chronik hier eingeschrieben wurde. Nicht zuletzt aber werden hier Ausstellungen, Filme und die zeitgenössischen französischen Debatten dem staunenden Leser präsentiert.

Der Bosnienkrieg sei ein militärischer Gewaltstreich gewesen, welcher es erlaube, ein Land zu zerstückeln: „Der humanitäre Krieg ist die Fortsetzung der Beseitigung der Politik“ (S. 83). Der beste Beweis, dass der Fortschritt einen Rückschritt hervorbringen könne, sei der kalte Rassismus, welcher sich überall in Europa ausbreite. Rancière stellt klar, dass es bestimmte Universitätsangehörige waren, die ohne offensichtliche Notwendigkeit die Waffen des Negationismus geschmiedet haben. Sie erklären, dass die Wissenschaft keine Tabus mehr kenne. Was schliesslich im Sommer 2004 darin gipfelte, dass eine junge Frau mit Baby behauptete, in einem Vorortzug von einer Gruppe nordafrikanischer und Schwarzer Jugendlicher bestohlen und angepöbelt worden zu sein.

Als die Jugendlichen ihren Ausweis entwendeten, stellten sie angeblich fest, dass die Frau aus einem besseren Viertel stammt und schlossen daraus, dass sie Jüdin sei. Nun schnitt man ihr angeblich das Haar ab, fügte ihr mit einem Messer Schnitte zu und malte Hakenkreuze auf ihre Haut. Die Presse startete umgehend eine wüste Hetze gegen Schwarze und nordafrikanische Jugendliche aus den problematischen Vorstädten. Zwei Tage später erfuhr man, dass die ganze Sache schlicht und einfach eine Erfindung war. Die junge Frau wollte durch diese Inszenierung die Aufmerksamkeit ihres Partners auf sich lenken, von welchem sie sich nicht genug ernst genommen fühlte.

Rancière lässt es sich nicht nehmen, anlässlich des zwanzigsten Todestages von Michel Foucault 2004 auf die Problematik solcher Jahrestage hinzuweisen, insbesondere seine Instrumentalisierung durch einen der Herausgeber der „Dits et Ecrits“, Francois Ewald, welcher sich heute als Hoftheoretiker der Industriellenvereinigung betätige. Heute ist Ewalt mit der Frage beschäftigt, ob man aus der Foucault’schen Kritik der „Kontrollgesellschaft“ ein Kampfprogramm gegen die Sozialversicherung ableiten kann. Oder aber wie Hardt/ Negri aus der Biomacht eine Lebensphilosophie ableiten wollen, was der grosse Archäologe der Macht niemals befürwortet hätte.

Was aber haben die Filme von Clint Eastwood, Gus Van Sant und Lars von Trier mit Bushs Krieg gegen die Achse des Terrors gemeinsam, beziehungsweise wo gibt es Schnittmengen? „Mystic River“, „Dogville“ und „Elephant“ sind alle hochdekorierte Filme, welche die Gewalt aus unterschiedlichen Perspektiven behandeln. Die langen Kamerafahrten von Gus Van Sant durch die endlosen verlassenen Klassenräume einer amerikanischen Schule, die menschenleere Sporthalle und Flure lassen von Anfang an eine angsterfüllte Atmosphäre entstehen. Der Film behandelt die alltägliche Situation von Jugendlichen: Ausgrenzung und Bulimie, von Alphatieren und dicken Brillenschlangen, Konkurrenzkampf und Eifersüchteleien. Alex und Eric bestellen sich Waffen im Internet, die Tat selbst bleibt aber in der Schwebe, wird nur angedeutet und es wird kein Psychogramm geliefert. Der Zuschauer muss sich selbst Gedanken machen.

Der Umweg von Jacques Rancière über Brasilien hat sich gelohnt, eine bessere Chronik der letzten Jahre muss man lange suchen, spannend wie ein Film ist sie allemal.

Adi Quarti
kritisch-lesen.de

Jacques Rancière: Chronik der Konsensgesellschaft. Passagen Verlag, Wien 2011. 224 Seiten, ca. 37.00 SFr. ISBN 9783851659771

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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