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J.B. Maelach/John Doe: Begegnungen in der Welt des Widersinns | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

J.B. Maelach/John Doe: Begegnungen in der Welt des Widersinns Schreiben, um zu verstehen

Sachliteratur

Diese Gefängnistexte sind informativ, dokumentarisch, bedrückend, aufrüttelnd, literarisch – und unbedingt lesenswert.

Die ehemalige Justizvollzugsanstalt (JVA) Vierlande in Hamburg.
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Bild: Die ehemalige Justizvollzugsanstalt (JVA) Vierlande in Hamburg. / GeorgHH (PD)

8. August 2021
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Rund 60.000 Männer und Frauen leben derzeit in 179 deutschen Justizvollzugsanstalten. Das entspricht der Einwohnerzahl einer mittelgrossen Stadt wie Greifswald, Euskirchen oder Schwäbisch Gmünd. Darüber, wie diese Menschen denken, fühlen, handeln, leben, lieben und sterben, wissen wir so gut wie nichts. Dies zu ändern ist eines der Ziele des alle drei Jahre verliehenen Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises für Gefangenenliteratur. Durch die Publikation der Texte erhalten inhaftierte Autor_innen eine Stimme – und Leser_innen die Möglichkeit, sich mit dieser unbekannten Welt hinter Gittern auseinanderzusetzen. Der letzte Band mit prämierten Texten stammt aus dem Jahr 2018, heisst „Begegnungen in der Welt des Widersinns“ und vereint 21 Beiträge von 12 Autoren und 2 Autorinnen.

„Unfreiheit, süsse“

Primär wird aus der Ich-Perspektive geschrieben, was natürlich auch bei Gefängnisliteratur nicht autobiografisch sein muss. In den Erzählungen, Rückblenden, Reflexionen, Satiren, Kurzgeschichten, Berichten und Gedichten geht es inhaltlich um das, was Freiheitsentzug im Kern ausmacht: um Isolation, den Zusammenbruch von Kontakten nach draussen, Monotonie, Entmündigung, Fremdbestimmung und den Verlust der Privatsphäre. Auch Haftfolgen wie psychosomatische Erkrankungen, Depressionen, Drogenkonsum, Gewalt, „Hirnfick“, „Haftschaden“ und Suizid werden angesprochen, ebenso Themen wie das Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen oder „Re-sozialisierung“. Darüber hinaus werden aber auch positive, bereichernde Begegnungen mit sich selbst, mit Menschen draussen, mit Mitgefangenen und sogar der Natur geschildert.

Enttäuscht wird, wer nach umfassender Systemanalyse und -kritik à la „Ritual Knast“ sucht, dessen Autor Hubertus Becker übrigens selbst zweifacher Ingeborg-Drewitz-Preisträger und Mitglied der Jury von 2018 war. Auch ist erstaunlich wenig Polemik zu finden. Hin und wieder sind in die Texte zwar Reflexionen eingewoben, in denen die Autor_innen ihrem Frust über die Haftzustände Luft machen, und zuweilen steigert sich der Ton auch in eine provokante Anklage: „Sich dem Wahn hingebend, damit die Welt besser zu machen, liefert man Gesetzesbrecher zum Zwecke der Läuterung einem System aus, welches selber ständig Gesetze bricht“ (Doe, S. 51). Zumeist jedoch steht das subjektive Erleben der Inhaftierten im Vordergrund, was dazu führt, dass Leser_innen sich in das Thema Freiheitsentzug nicht nur eindenken, sondern auch einfühlen können. So gelingt es den Autor_innen auch ohne explizite Anklage, die Absurdität der totalen Institution Gefängnis zu verdeutlichen und klar Position zu beziehen.

„Gefängnis, das ist kein Ort, es ist ein Zustand!“

Nachdenklich, sarkastisch, sehnsüchtig, ungeduldig, anklagend, melancholisch, resigniert, ungläubig, analytisch – die Autor_innen gehen mit ganz unterschiedlichen Erzählhaltungen zu Werke. Die Diktion ist dabei oft roh, ungeschliffen und unmittelbar, was daran liegen mag, dass einzelne erst in der Haft zum kreativen Selbstausdruck fanden und literarisch wenig vorgeprägt sind. Dies führt zu Beiträgen mit ästhetisch durchaus interessanten Nebenwirkungen, wenn beispielsweise ein Text mit derart vielen Ausrufezeichen versetzt ist, dass dadurch geradezu ein Klangteppich aus lauter Empörung und stiller Nachdenklichkeit entsteht.

Gleichzeitig ist die Sprache zuweilen extrem nüchtern, und scheint umso distanzierter zu werden, je aufwühlender das Beschriebene ist. Diese Distanz macht vor nichts Halt, nicht einmal vor eigenen Suizidgedanken: „Wenn sie kommen, kommen sie eben. Werden schon wieder vergehen… Haben hier viele“ (Maelach, S. 44) und gar Suiziden von Mithäftlingen: „Einer hat sich weggehängt“ (Oynak, S. 174), heisst es dann lapidar.

Im Kontrast dazu stechen immer wieder zarte, detailverliebte Textpassagen hervor, die von grosser Empathie zeugen und das Klischeebild des „harten Knackis“ Lügen strafen. „Die Sonne war sehr hell und ihre zärtliche, warme Sonne floss vom Himmel direkt auf mich nieder“, liest man etwa in der Geschichte um einen Marienkäfer.

„Ich konnte meine Augen nicht von seinem wunderschönen, roten Rücken abwenden. […] So was wie Marienkäfer, allerlei exotische Tiere, die an einem solchen Ort eine Seltenheit sind, stechen einem sofort ins Auge. […] Dementsprechend behutsam muss man mit ihnen umgehen, weil sie ein Teil der wunderschönen Welt sind, die Freiheit heisst und an der wir jetzt und heute nicht teilhaben können“ (Ebermann, S. 72).

Nur wenige Texte setzen sich intensiver mit der eigenen Tat auseinander, und die Ergebnisse fallen selbstredend sehr unterschiedlich aus: von keinerlei Schuldgefühl bis tiefer Reue ist die ganze Bandbreite vertreten.

„[…] Ein Augenblick / Nicht aufgepasst / Nicht nachgedacht / Ausser Kontrolle / Black Out / Rot gesehen / Für einen Augenblick / Einen Moment / Das Leben verpfuscht / Andere ausgelöscht / Wie eine Kerze / Könnte ich nur die / Zeit […] / Zurückdrehen […]” (Pammler, S. 95).

Von beeindruckendem sprachlichen Ausdrucksvermögen schliesslich ist der nur zwei Seiten lange Text „Mein Leben und ich – Behind the Sun“, in dem eine Kindheit voller Traumata beschrieben wird.

„Die erste Begegnung mit meinem Leben fand in einer Toilette statt. Ich schubse mich über die Schwelle auf die Strasse. Bahnhof, Krähen, Kopfsteinpflaster. Die Menschen sehen aus wie in einem Fellini-Film. Schiffe, die sich nachts begegnen. Draussen tat die Sonne so, als würde es mir gut gehen. Die Hitze schien die Zeit zu dehnen. Eine Möwe schrie, die Ostsee tief im Hals. Hinter den Häusern zerfleddert die Stadt. Hunger. Mutter hat mehr Botox im Gesicht als eine Schlange Gift im Zahn. Ich gehe, bevor sie Erinnerungen an mich hat“ (Berger, S. 77).

Die assoziative Folge von Bildern, die extreme sprachliche Verdichtung und der wiederholte, destabilisierende Tempuswechsel erzeugen ein so intensives Gefühl von Orientierungslosigkeit und Ohnmacht, dass dies noch viele Tage nach der Lektüre nachhallt.

Wie oft bei Anthologien halten nicht alle Texte das gleiche Niveau. Sie sind jedoch hochverdient mit einem Literaturpreis prämiert worden und all denen ans Herz gelegt, die bereit sind, mittels einer neuen Leseerfahrung die eigene Sicht auf unser Strafvollzugssystem zu hinterfragen. Die Lektüre macht klar: Freiheitsstrafen sind ein derart massiver Ein- und Übergriff in das Leben anderer Menschen, dass sie, unabhängig von der Tat, nur Ultima Ratio sein dürfen. Antworten, wie der Strafvollzug reformiert werden kann, werden ausserhalb dieses Literaturpreises diskutiert und hoffentlich gefunden. Verdienst dieser Texte ist es, die initialen Fragen aufzuwerfen.

Kirsten Baufeldt
kritisch-lesen.de

J.B. Maelach/John Doe/Rero W. et al.: Begegnungen in der Welt des Widersinns. Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene. Rhein-Mosel-Verlag, Zell/Mosel 2018. 200 Seiten, ca. SFr 14.00, ISBN 978-3-89801-408-3

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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