Wer ist Ines Geipel?
Laut Wikipedia erfährt man, Ines Geipel sei Publizistin und Hochschullehrerin. In den 1980er Jahren war sie als Leichtathletin im Spitzensport der DDR aktiv. Im Cicero wird behauptet, die Stasi habe ihre Spitzensportlerin-Karriere 1984 beendete, um Fluchtpläne in den Westen zu vereiteln. Nach ihrem Germanistikstudium machte sie sich im Sommer 1989 in die BRD, um rechtzeitig als DDR-Flüchtling registriert zu werden. Mit diesem Anti-DDR-Label suchte sie eine berufliche Anstellung, die sie ab 2001 als Professorin für Deutsche Verskunst der Berliner Hoch- schule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ fand.Ihr Hauptanliegen ist – ausweislich ihrer verschiedenen Veröffentlichungen – die Abrechnung mit der DDR. So habe sie ein „Archiv der unterdrückten Literatur der DDR“ gegründet. Von 2013 bis Dezember 2018 war sie Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins. Dort engagierte sie sich politisch für DDR-Dopingopfer. Nachdem sie sich – auch juristisch – mit diesem Kreis überworfen hatte, suchte sie ein neues Betätigungsfeld. Da im Bereich der Stasi-Opfer für sie offenkundig wenig Platz war, obwohl sie ja angab, dass die Stasi ihre Karriere beendet habe, versucht sie nun die Buchenwald-Thematik zu ihrem Schwerpunkt aufzubauen.
In welcher Form erzählt sie ihre Buchenwald-Geschichte?
Das zur Leipziger Buchmesse so gehypte Buch nennt sie einen Roman-Essay. Das klingt einerseits sehr literarisch, macht aber deutlich, dass sie sich damit alle Auswege offen lassen kann. Unter einem Essay versteht man einen persönlich geprägten Text, der sich auf gesellschaftliche, politische oder historische Ereignisse oder jedenfalls historisch belegbare Fakten bezieht. Ein Roman hat das Privileg, dass er sich an keine Fakten bzw. nicht die Wirklichkeit halten muss. Ein guter Roman ist in der Lage durch die eigene Konstruktion und Erzählweise Wirklichkeit verstehbar zu machen und damit auch eine angemessene Interpretation zu liefern.Der wohl berühmteste Roman zu Buchenwald, an dem sich Geipel immer wieder glaubt, abarbeiten zu müssen, stammt von Bruno Apitz „Nackt unter Wölfen“, der davon lebt, dass er die Lagerwirklichkeit, also die Rahmenbedingungen der Romanhandlung, kongenial beschreibt, auch deshalb, weil Apitz, selber Buchenwald-Häftling, sich in vielen Gesprächen mit andern Überlebenden immer wieder über Details und Perspektiven verständigt hat. Allein die Romanhandlung ist in ihren Abläufen nicht als historische Dokumentation zu verstehen, sondern als literarische Verdichtung der Ereignisse, auch wenn das in seiner öffentlichen Rezeption manchmal anders verstanden wurde. Anders dagegen Geipel, die in allen Teilen ihres Textes den Anspruch erhebt, mit ihrer Erzählung tatsächlich die Wirklichkeit abzubilden. Diesen Eindruck sollen auch die unterhalb ihres Textes hinterlegten Dokumentenauszüge vermitteln, als handele es sich um eine Art „wissenschaftliche Anmerkungen“.
Wie ist ihre „Annäherung“ an Buchenwald?
Von sehr eigenem Charakter ist ihre „Annäherung“an den Ort und das Thema Buchenwald. Sie schildert ihre zwei Begegnungen mit dem historischen Ort aus DDR-Zeiten, als sie 1974 als Jugendliche mit ihrer FDJ Gruppe auf den Ettersberg kam. Dort sei sie–wie es in einem Zeitungsbericht heisst – auf dem SS-Exerzierplatz angetreten. Abgesehen davon, dass es zu DDR-Zeiten keine gesellschaftlichen Rituale im SS-Bereich gab, sondern entweder auf dem Vorplatz des Glockenturms, also in der Mahn- und Gedenkstätte, oder auf dem Appellplatz im Lager, wo die Häftlinge antreten mussten, zeigt diese angebliche „Erinnerung“, wie man glaubt, auch auf diese Weise die DDR mit der SS-Tradition identifizieren zu können. Dass sie als Kind damals mehr Aufmerksamkeit auf eine Katze gerichtet habe als auf den historischen Ort, kann man ihr nicht vorhalten, zeigt jedoch, dass bei ihr die antifaschistische Erziehungsarbeit der DDR erkennbar nicht angekommen ist.Das belegt auch ihre zweite Begegnung mit dem Ort, als sie – nach eigenen Angaben als Germanistikstudentin eine Gruppe westdeutscher Deutschlehrer begleitet hat. Leider sagt sie nichts darüber aus, in welcher Funktion sie mit den Westgästen den Ettersberg besucht hat–vielleicht im Auftrag des DDR-Reisebüros oder Jugendtourist, was damals bei West-Reisegruppen üblich war?
Als diese ihr nach dem Besuch in der Gedenkstätte Fragen zum Thema stellten, war bei ihr eine inhaltliche Leere. Sie konnte keine Hinweise darauf geben, wo beispielsweise der Gedenkstein für die jüdischen Opfer der Pogromnacht stand, in welcher Form an andere Opfer des Lagers erinnert wurde. Ihr eigenes Unvermögen jedoch der DDR und der Gedenkstätte vorzuhalten, dass diese in der kurzen Besuchszeit der BRD-Gruppe nicht intensiv genug auf diese Fragen eingegangen sei, verdeutlicht, wie wenig eigene Verantwortung sie für einen angemessenen Umgang mit der Geschichte übernommen hatte.
Was ist Frau Geipel wichtig?
Laut Süddeutscher Zeitung möchte sie „gefühlte Wahrheiten“ bezogen auf Buchenwald „zertrümmern“. Ausserdem bringe sie nicht nur bisher weitgehend unbekannte „Tatsachen“ über die Kollaboration kommunistischer Funktionshäftlinge ans Licht, sondern zeichne auch nach, wie die DDR-Führung die Legendenbildung vorantrieb. Eine solche Lobeshymne kann nur jemand schreiben, der die geschichtspolitischen Debatten um Buchenwald in den vergangenen Jahrzehnten nicht zur Kenntnis genommen hat.Wie sie solche „Wahrheiten“ zertrümmert, macht ihre Zahlenakrobatik deutlich. Sie schreibt, unter den 56.000 Häftlingen, die in Buchenwald zu Tode kamen (wir wissen, dass die Zahl deutlich höher war, U. Sch.), seien angeblich nur 72 deutsche Kommunisten gewesen (an anderer Stelle spricht sie von 109), um konsequent zu schlussfolgern, die Kommunisten hätten auf Kosten der Mithäftlinge und in Kollaboration mit der SS ihr Überleben gesichert. Dass sich die von ihr genannten Zahlen auf vollkommen unterschiedliche Zusammenhänge beziehen, ist jedem Kundigen zur Buchenwald-Geschichte klar, aber nicht dem Laien, der über wenig Hintergrundwissen verfügt. So funktioniert Denunziation.
Überhaupt setzt sie Zahlen als„Beleg“in unklaren Zusammenhängen ein, ohne zu merken, wie solche Zahlen ihren Aussagen auch widersprechen können. So berichtet sie von einem Archivfund, dass die Staatssicherheit 20.000 Menschen wegen möglicher Beteiligung an NS-Verbrechen überprüft habe, um scharf zu schlussfolgern, dass es wohl 20.000 NS-Täter in der DDR gegeben habe. An anderer Stelle sagt sie, dass von dieser Liste der Aufenthalt von 1350 Menschen erfasst worden seien, von denen 57 im Zugriffsbereich der DDR lebten – wo befanden sich die anderen? Dazu keine Antwort. Am Ende spricht sie davon, 26 von denen seien verurteilt worden. Die anderen Ermittlungen wegen Krankheit, Tod oder aus Mangel an Beweisen fallen gelassen worden. Spricht das dafür, dass die DDR die NS-Täter geschützt bzw. nicht verfolgt habe?
In der FAZ konnte man lesen, das Buch sei inhaltlich stark ausgearbeitet und in einem sehr „eindrücklichen“ Stil verpackt - nur manchmal balanciere die Autorin in ihrer Mischung aus persönlicher Geschichte, Quellenmontage und fragmentarischer Sprache auf der Grenze zum „Manierierten“ – man könnte auch sagen Gekünsteltem. Noch Fragen?
Wie denunziert sie die Überlebenden?
Bezeichnend ist, wie sie die Propaganda des Kalten Krieges für ihre Denunziation der Überlebenden einsetzt. In Pamphleten gegen die DDR wurden in den 1950er Jahren oftmals Berichte von vorgeblich ausländischen Buchenwald-Häftlingen kolportiert. Als Replik liegen hunderte von Zeugenaussagen von Buchenwald-Häftlingen auch aus den jeweiligen Ländern vor, die die Vorwürfe und die Vereinnahmung Buchenwalds für den Kalten Krieg zurückwiesen sowie die aufrechte Haltung der deutschen politischen Häftlinge bezeugten. Tatsächlich gab es auch ehemalige Buchenwald-Häftlinge, die gegenüber amerika- nischen Ermittlern im Buchenwald-Prozess Anwürfe gegen Wilhelm Hammann, den Blockältesten von Block 8, dem Retter der Kinder, vortrugen. Jedoch setzten sich anerkannte Häftlinge aus dem In- und Ausland für Hammann gegen diese Denunziationen ein. Wem soll man heute glauben, denjenigen, die sich–aus möglicherweise eigennützigen Gründen–den Amerikanern als Zeugen angeboten haben, oder denjenigen, die sich für Wilhelm Hammann, der heute als„Gerechter unter den Völkern“ in Israel geehrt wird, einsetzten? Geipel glaubt den Denunzianten.Sie glaubt auch den amerikanischen Geheimdienst- leuten, für die die deutschen Kommunisten „wie wohlhabende Geschäftsleute“, wie „selbsternannte Aristokraten“ aussahen. Wer auch nur ansatzweise die Lagerwirklichkeit kennt, kann beurteilen, wie unglaubwürdig–oder vorurteilsbelastet – solche Personenbeschreibungen waren.
Wie absurd Geipels Argumentationslinie ist, zeigt ihr Umgang mit Ernst Busse. Abenteuerlich ihr schneller Schwenk zwischen einer wissenschaftlichen Studie zum KZ-System, in der u.a. über das „Abspritzen“ gesprochen wird, zu der Behauptung, dass Ernst Busse verantwortlich für den Mord an Mithäftlingen gewesen sei - „belegt“ mit der Aussage eines anonymen Zeugen, „dass in Bezug auf das Abspritzen fahrlässig gehandelt wurde. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass Busse die Linie der Partei nicht vertreten hat.“
Ein weiterer anonymer „Zeuge“ behauptete, Busse sei als erster Kapo mit dafür verantwortlich gewesen, dass Otto Kipp unter dem Motto „TBC-, ruhr-, typhusverdächtig“ Abspritzungen in der Revierbaracke vorgenommen habe. Angeblich habe auch Busse eigenhändig daran teilgenommen. Sie reproduziert diese Behauptungen unbeeindruckt von den Zeugenaussagen, die dem deutlich widersprachen. Dass für Otto Kipp erst jüngst ein Baum der Erinnerung wegen seiner Verdienste für die Rettung von Häftlingen im Revier gepflanzt werden konnte, scheint sie ebenfalls nicht zu beeindrucken–oder sollte eine solche Ehrung noch die „Nachwirkungen“ der DDR-Legendenbildung sein?
Bei Ernst Busse führt sie als Beleg für seine angeblichen Verbrechen zudem an, dass er als Kriegsverbrecher in das sowjetische Lager Workuta kam, wo er verstarb. Galten nicht die sowjetischen GULAGs als Inbegriff des stalinistischen Unrechtsregimes? War Busse etwa zurecht dorthin verschleppt worden? Seine Mithäftlinge haben das anders gesehen. Sie haben sich viele Jahre um eine politische Rehabilitierung bemüht und 1988 in der „Glocke vom Ettersberg“ einen ausführlichen Beitrag zu seiner Rehabilitierung veröffentlicht.
Selbst die Ablösung von Walter Bartel, der als Vorsitzender des Internationalen Lagerkomitees die uneingeschränkte Anerkennung seiner Mithäftlinge besass, als persönlicher Referent von Wilhelm Pieck wird von Geipel mit der Behauptung verknüpft, dass auch gegen ihn angeblich Vorwürfe wegen Verbrechen gegen Mithäftlinge im Raum standen. Wie sie gleichzeitig diesen Menschen durch eine verächtliche Personenbeschreibung abwertet, zeigt, dass es ihr überhaupt nicht um Fakten, sondern um Denunziation geht. Absurd wird Geipels Hinweis bei Bartel, dass er „nach einer Freigabe durch die Stasi“ im Auftrag der DDR-Propaganda Westreisen unternahm, zu denen sie auch Fahrten zu Tagungen des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora in Paris und anderen Orten zählte. Sie versteht nicht, dass Walter Bartel als anerkannter Vorsitzender des illegalen Häftlingskomitees ganz selbstverständlich zu dieser Gemeinschaft der Überlebenden eingeladen wurde.
Nur noch mit Sarkasmus kann man ihre abenteuerliche Argumentation bezogen auf die Gestaltung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald kommentieren. Zuerst hätten, so erklärt Geipel, die deutschen Kommunisten das komplette Lager abräumen wollen, zum Entsetzen der ausländischen Häftlinge. Doch dann habe der Ministerrat der DDR im Januar 1954 den Beschluss über die „Nationale Gedenkstätte Buchenwald“ gefasst –und zwar als Reaktion auf den 17. Juni 1953. Geipel behauptet, die„wacklige Ostberliner Machtclique“ habe händeringend nach einem Entlastungsangebot an die eigene Bevölkerung gesucht, um politisch Boden unter die Füsse zu bekommen.
Wahrscheinlich hat die Bundesrepublik deshalb in diesem Jahrzehnt keine Anstrengungen unternehmen müssen, überhaupt KZ-Gedenkstätten aufzubauen.
Auf welche Quellen bezieht sie sich?
Ines Geipel reproduziert faktisch die Erzählungen des Kalten Krieges und der Abwicklungszeit der DDR. Bruchlos wirft sie dabei Aussagen von Winston Churchill, der über Eindrücke amerikanischer Soldaten sprach, die über die Monstrosität der SS-Verbrechen im Aussenlager Ohrdruf SIII schockiert waren, mit dem antikommunistisch intendierten Robinson-Report des amerikanischen Geheimdienstes zusammen, er ebenfalls von Verbrechen–aber der Kommunisten - redete. Die selektive Zusammen- fassung der Häftlingsberichte im Robinson-Report war dazu gedacht, die Haltung der amerikanischen Administration gegenüber der Sowjetunion und die Bereitschaft, sich auf Kommunisten und andere linke Kräfte beim antifaschistisch-demokratischen Neubeginn zu stützen, zu denunzieren.Die Langfassung der Befragungen findet sich in dem von David Hackett veröffentlichten „Buchenwald-Report“ (veröffentlicht bei C H Beck 1996). Diese Texte sagen etwas grundsätzlich anderes aus, als Frau Geipel behauptet. Aber darauf hat sie erkennbar keinen Bezug genommen. Dass sie als „Recherche“-Ergebnis erneut die „Geheimakte Buchenwald“ aufwärmt, macht die Qualität ihres Textes nicht besser. Bezeichnend ist jedoch, dass sie die umfangreiche Debatte in den 1990er Jahren um die Veröffentlichung von Lutz Niethammer „Die roten Kapos“, insbesondere die Richtigstellungen damals noch lebender Häftlinge des Lagers überhaupt nicht berücksichtigt. So als hätten die Überlebenden nichts dazu beizutragen, wird dieses von der KPD-Parteikontrollkommission mit einem klaren politischen Untersuchungsauftrag verfasste Schriftstück als „objektive“ Quelle behandelt.
Fazit
In Zeiten, in denen die Überlebenden des KZ Buchen- wald als Zeitzeugen nicht mehr auf die Darstellung der Buchenwald-Geschichte Einfluss nehmen können, hat Geschichtsrevision Konjunktur. Der Band von Geipel, der jetzt als „kritische Geschichtssicht“ das Narrativ der Überlebenden ablösen soll, ist nur ein Beispiel von verschiedenen Angriffen auf die Erinnerung der Häftlinge und ihr geschichtspolitisches Vermächtnis.Umso wichtiger ist es, dass diejenigen, die entweder Überlebende von Buchenwald noch selber kennengelernt haben, die Nachkommen der Häftlinge oder politische Nachfolger, sich engagiert und offensiv für die Bewahrung der Erinnerung einsetzen, indem sie dies an die nachgeborenen Generationen weitergeben. Dazu gehören historisches Wissen, pädagogische Erfahrungen und ein Verständnis für die Komplexität der Lagerwirklichkeit, die keine „schwarz-weiss“-Bilder zulässt. Bertrand Herz hat in einem eindrucksvollen Beitrag einmal gesagt, es habe viele Buchenwalds gegeben.
Das Buchenwald der Häftlinge, die das Lager von 1937 bis1945 durchlitten und überlebt hatten, weil sie sich gemeinsam gegen den SS-Terror wehren konnten, oder das Buchenwald des „kleinen Lagers“, in das tausende ausländische Häftlinge verschleppt wurden, die sich unter ganz anderen Bedingungen überhaupt erst einmal orientieren mussten und damit natürlich eine gänzlich andere Sicht auf das Lager entwickelten.
Gemeinsam leisteten alle Überlebenden jedoch den„Schwur von Buchenwald“ am 19. April 1945, der bis heute als das politische Vermächtnis der Überlebenden Gültigkeit hat. Das ist die Botschaft, um die es auch zukünftig gehen muss.



