Indonesien: Anarchistische Stimmen aus den Aufständen Zum Aufstand in Indonesien
Sachliteratur
Die „anarchistischen Stimmen aus den Aufständen“ berichten von den aktuellen Ereignissen, von der Geschichte, dem politischen System Indonesiens und der Relevanz anarchistischer Gedanken und Praktiken in den aktuellen Auseinandersetzungen.

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Das bereits letzten Oktober erschienene Buch des jungen Immergrün-Verlags ist somit hochaktuell. Die „anarchistischen Stimmen aus den Aufständen“ berichten von den aktuellen Ereignissen, von der Geschichte, dem politischen System Indonesiens und der Relevanz anarchistischer Gedanken und Praktiken in den aktuellen Auseinandersetzungen. Hintergrund ist die Analyse der Entstehung einer „Neo-Orba“, das heisst einer „militärisch-zivilen Diktatur“, also einem neuen staatlich-kapitalistischen Autoritarismus.
Diese Drohung ist auch relevant angesichts der Militärdiktatur unter General Suharto die von 1965 bis 1998 andauerte und von den USA unterstützt wurde. 1965/66 wurden bei Säuberungen mindestens 500.000 Menschen ermordet, von denen die meisten Kommunist*innen waren. Sprich, eine zaghafte Demokratisierung des Landes findet überhaupt erst seit 27 Jahren statt, wobei gleichzeitig islamische Fundamentalist*innen an Zulauf gewinnen. Das Buch ist in acht Abschnitte gegliedert, die von verschiedenen Autor*innen verfasst wurden. Es beginnt mit einer kurzen Geschichte des Anarchismus in Indonesien, die im Kontext mit Anti-Kolonialismus und der Punkszene als Untergrund-Kultur seit den 1980er Jahren zu sehen ist. Das Land erlangte erst 1949 seine Unabhängigkeit von den Niederlanden, allerdings brachten auch westeuropäische Reisende subversive Gedanken mit.
Auch im zweiten Beitrag „Anarchismus in Indonesien“ geht es ebenfalls vor allem um die historischen Rahmenbedingungen, wie sie sich im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelten. Über die Punk-Subkultur berichtet Dickhead Bidge im dritten Beitrag, während anschliessend die am Especifismo orientierte Gruppierung Perhimpunan Merdeka in einem längeren Interview Gedanken zur Organisation teilt. Interessanterweise scheinen in den Protesten dezidiert aufständischer Anti-Organisationalismus und durchstrukturierter Anarcho-Kommunismus ohne Weiteres nebeneinander her bestehen zu können.
Im ausführlichen Interview das Crimethinc 2024 führte, werden die vorangegangene Protestwelle, ihre Ursachen, Rahmenbedingungen und ihr Verlauf dargestellt. Ein folgende „anarchistische Analyse“ thematisiert den autoritären Staatsumbau, Korruption und Verflechtung von Militär, Politik und Unternehmerkreisen, die kontinuierlich z.B. die Abholzung des verbleibenden Waldes und die Ausbeutung der breiten Massen vorantreiben und damit die Zukunft der jüngeren Generationen systematisch vernichten. Schliesslich folgen mehrere Statements zu den aktuellen Protesten im September 2025 und noch einer Interview, mit dem Hinweis, das 3195 Menschen festgenommen wurden und zudem 42 Personen als „Anarchist*innen“ inhaftiert und verfolgt wurden.
Offensichtlich wird, dass weder Repressionsbehörden noch offizielle Medien in der Lage waren, die Dynamik der Proteste zu verstehen und sie ideologisch einzuordnen, wobei ihnen zumindest für den Zeitraum von zweidrei Wochen die Kontrolle über die Erzählung über Aufstand entglitt. Hierbei spielte die Verwendung von sozialen Medien eine Rolle, die natürlich entsprechend auf Linie gebracht wurden, als beispielsweise Tiktok seine Live-Video-Funktion abschaltete.
Neben den dutzenden Städten in denen sich die Ereignisse abspielten, sticht eine immer wieder heraus: Bandung, in der sich offenbar eine starke anarchistische Szene etablieren konnte. Ansonsten machen die verschiedenen Akteure keinen Hehl daraus, dass die Proteste trotz ihres Umfangs schnell an Dynamik verlieren, durch liberale oder gewerkschaftliche Strömungen eingefangen oder an Repression ersticken können. Doch konnten in ihnen wichtige Kampferfahrungen gesammelt, ermächtigende Erlebnisse geteilt und radikale Inhalte verbreitet werden.
Insgesamt stellen die im Band gesammelten Beiträge einen Zwischenstand dar, bei dem ziemlich unklar ist, wie es weitergehen wird. Sicherlich werden weitere Repression, Überwachung, Gegenpropaganda und gegebenenfalls Massnahmen zur sozialen Befriedung umgesetzt. Andererseits können die Geschehnisse nicht einfach rückgängig gemacht werden… Am Ende des Textes zur anarchistischen Analyse, werden fünf „Forderungen des Volkes“ („Litura“ formuliert. Da ich die strategische Denkweise darin interessant finde, zitiere ich diese hier abschliessend:
Es gibt Anarchist*innen, die gegen Organisation sind und sich weigern, sich an Massenorganisationen zu beteiligen. Für sie ist es am wichtigsten, das System der Herrschaft zu zerstören, jetzt anzugreifen, auch wenn es nur zu dritt, zu zweit oder sogar alleine ist. Wir begrüssen sie und werden ihnen solidarisch zur Seite stehen, wenn sie gefasst werden. Trotzdem glauben wir weiterhin an die soziale Revolution, und diese erfordert die Beteiligung vieler Menschen, die organisiert sind und sich schliesslich im Kampf radikalisieren. Die Beteiligung der Menschen wird jedoch nicht durch ideologisches Interesse bestimmt […]. Im Gegenteil, wir wollen, dass sie für sich selbst kämpfen, für Themen, die ihnen am Herzen liegen und die ihrem täglichen Leben nahe sind.
Sowohl Misserfolg als auch Erfolge im Kampf für Reformen prägen ihr Bewusstsein und machen sie zu revolutionären Protagonist*innen, nämlich zu einer organisierten sozialen Kraft, die sich selbst befreit. Diese beinhaltet eine Reihe radikalisierender Aspekte der unermüdlichen Sammlung von Erfahrungen:
a. Während des Kampfes vermitteln wir ihnen, wer der wahre Feind ist und dass auch unsere Gesellschaft in Klassen unterteilt ist. Sie erkennen, dass die herrschende Klasse für ihr Leid verantwortlich ist und davon profitiert.
b. Durch die Organisation lehren wir sie, wie sie ihre Macht vervielfältigen können. Allein sind sie nicht in der Lage, Veränderungen herbeizuführen.
c. Wenn ihre Kampfmethoden als unwirksam erachtet werden, können sie direktere und kämpferischere Kampfmethoden ausprobieren. d. Solange sie zusammenarbeiten und solidarisch sind, können sie erkennen, welche von ihnen das Potenzial haben, Verbündete zu werden, und welche sie verraten werden.
e. Wenn sie sich organisiert haben, sind sie in der Lage, bessere Aktionen zu organisieren, zu mobilisieren und durchzuführen, die in Zukunft während des revolutionären Moments definitiv notwendig sein werden.
Natürlich wollen wir Ausbeutung, Unterdrückung und Herrschaft wo auch immer sie auftreten möglichst reduzieren. Deshalb lehnen wir die Vorstellung ab, dass Reformen nutzlos sind. Indem wir uns in Volksorganisationen für Reformen engagieren, kommen wir in direkten Kontakt mit den unterdrückten Klassen, nicht nur um zu lehren, sondern auch um von ihnen zu lernen. Vom Kampf für Reformen zum Kampf für die Revolution. Die kurzfristige Agenda wird zur Brücke für die mittel- und langfristige Agenda. Wir dürfen nicht vergessen, dass in der Geschichte eine Reihe von Revolutionen aus einer einfachen Forderung entstanden sind: Brot. Wir sind jedoch nicht daran interessiert, das Militär nur zurück in die Kasernen zu drängen; wir wollen die Kasernen niederbrennen. Wir wollen auch nicht die Rückkehr der zivilen Vorherrschaft, um die militärische Vorherrschaft zu ersetzen, denn beide sind Teil desselben Systems der Herrschaft von oben; wir wollen die Macht des Volkes an der Basis aufbauen.
[…] [Daraus ergeben sich die fünf Forderungen des Volkes (Litura):]
1. Befreiung der zivilen Strukturen von Militärs.
2. Militärische Unternehmen auflösen.
3. Auflösung des DPN-Territorialkommandos.
4. Juristische Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen.
5. Kürzung des Budgets von TNI-Polri [= Verteidigungsministerium und Polizei], Umleitung der Mittel in die Bereiche Gesundheit, Bildung und Soziales
(S. 150-155)
Indonesien: Anarchistische Stimmen aus den Aufständen. Immergrün-Verlag 2025. 114 Seiten. ca. 15.00 SFr. ISBN: 978-3-910281-26-4.
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